Sie heißt Þrúðr („Kraft, Stärke") und ist die Tochter Thors und der Sif. Um sie dreht sich eines der listigsten Lieder der Edda – die Alvíssmál.
Der Zwerg Alvíss („Allweise") erscheint und beansprucht Þrúðr als seine versprochene Braut – die Götter hätten sie ihm in Thors Abwesenheit zugesagt. Thor kehrt zurück und ist keineswegs einverstanden. Doch statt zum Hammer zu greifen, wählt er eine feinere Waffe: die Zeit.
Thor stellt dem Zwerg eine Bedingung: Er müsse beweisen, dass er wirklich „allweise" sei, und für Sonne, Mond, Erde, Meer, Wind und mehr die Namen in allen Welten nennen – bei den Asen, den Wanen, den Riesen, den Zwergen. Alvíss, eitel auf sein Wissen, antwortet Strophe um Strophe. Er merkt nicht, wie die Nacht vergeht. Als er endet, bricht der Morgen an – und Zwerge vertragen kein Sonnenlicht. Der erste Strahl verwandelt Alvíss in Stein. Thor hat seine Tochter mit Klugheit gerettet, nicht mit Gewalt.
„Mit großer List, sag ich dir, bist du betört: / überm Kopf, Zwerg, steht dir der Tag, die Sonne scheint in den Saal.“— nach Alvíssmál 35, Karl Simrock (gemeinfrei)
Die Alvíssmál ist mehr als eine listige Anekdote – sie ist ein Schatzhaus der Dichtersprache. In seinen Antworten nennt Alvíss für Sonne, Mond, Wolken, Wind, Meer, Feuer, Bier und mehr die Namen, wie sie „bei den Menschen", „bei den Asen", „bei den Wanen", „bei den Riesen", „bei den Zwergen" und „in Hel" heißen. Damit bewahrt das Lied ein ganzes Wörterbuch skaldischer heiti (poetischer Synonyme) – ein Werkzeugkasten für jeden Dichter des Nordens.
Und Þrúðr? Ihr Name, „Kraft", taucht auch als Walküren-Name auf (Grímnismál 36) und lebt in Kenningar für „Frau" fort. Ob Thors Tochter, Walküre oder Personifikation der Stärke – Þrúðr ist ein schönes Beispiel dafür, wie fließend die Grenzen zwischen Göttin, Kriegerin und Begriff im nordischen Denken sind.
Thor · Die Zwerge · Walküren · Mjöllnir.
Alvíssmál, Grímnismál (Lieder-Edda), deutsch gemeinfrei Karl Simrock; Snorri, Skáldskaparmál. Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie.