Wikinger Blog / Sagen & Mythen
Aus dem Wissensarchiv

Þrúðr und die Alvíssmál – wie Thor seine Tochter mit Fragen statt mit dem Hammer rettete

Sagen & Mythen Þrúðr und die Alvíssmál – wie Thor seine Tochter mit Fragen statt mit dem Hammer rettete

Þrúðr („Stärke“) ist nach Snorri Sturluson die Tochter Thors und der Sif – und die Braut, um die es in der Alvíssmál geht: Der Zwerg Alvíss („Allweise“) kommt, um sie heimzuführen, Thor verwickelt ihn in ein Frage-und-Antwort-Spiel über die Namen der Dinge in allen Welten und zieht es so lange hin, bis die Sonne in den Saal scheint. Für den Zwerg ist das das Ende. Wir zeigen dir, was wirklich im Lied steht, was Snorri ergänzt und warum das Gedicht vor allem ein Wörterbuch für Dichter ist.

Stell dir eine Halle vor, kurz vor Morgengrauen. Am Tisch sitzt ein bleicher kleiner Kerl, der seit Stunden redet, ohne Luft zu holen. Ihm gegenüber ein rotbärtiger Wanderer, der immer noch eine Frage hat. Und noch eine. Und noch eine. Der Bleiche merkt nicht, dass er gerade das Spiel seines Lebens verliert – nicht, weil er etwas nicht weiß, sondern weil er zu viel weiß. Das ist die Alvíssmál, eines der eigenartigsten Lieder der Edda: eine Brautwerbung, die in ein Vokabelverhör kippt, und eine Thor-Geschichte, in der der Hammer kein einziges Mal geschwungen wird.

Bevor wir einsteigen, ein ehrlicher Hinweis, der in vielen Darstellungen untergeht: Im Lied selbst fällt der Name Þrúðr nicht. Der Zwerg will „die Braut“, Thor spricht von sich als ihrem Vater. Dass diese Tochter Þrúðr heißt, wissen wir aus einer anderen Quelle – von Snorri. Genau dieses Zusammenspiel aus Lied, Lehrbuch und Skaldenvers macht die Figur so spannend, und so dünn zugleich.

Wer ist Þrúðr? Was die Quellen wirklich sagen

Der Name Þrúðr (gesprochen etwa „Thruuth“, eingedeutscht Thrud) bedeutet „Kraft, Stärke“. Er gehört zur selben Wortfamilie wie þrúðugr („kraftvoll“) und wie Thors Reich Þrúðvangr, die „Kraftebene“, die in der Edda als sein Wohnsitz genannt wird. Ein passender Name also für ein Kind des stärksten der Asen – fast zu passend, wie wir später sehen werden.

Die sicheren Belege für Þrúðr als Thors Tochter stammen aus der Snorra-Edda, genauer aus der Skáldskaparmál, dem Teil, in dem Snorri Sturluson um 1220–1240 jungen Dichtern erklärt, wie man Götter umschreibt. Dort darf man Thor unter anderem „Vater Magnis und Móðis und Þrúðrs“ nennen – Þrúðr steht also als Schwester neben den beiden Söhnen, über die du in unserem Beitrag zu Magni und Móði mehr liest. An anderer Stelle der Skáldskaparmál erscheint Sif als ihre Mutter. Das ist bemerkenswert, denn Magni hat nach Snorri eine Riesin zur Mutter, Járnsaxa; Þrúðr ist damit die einzige Tochter Thors, deren Name überliefert ist, und sie stammt aus seiner Ehe mit Sif.

Gesicherter Befund: Þrúðr als Tochter Thors: Snorri, Skáldskaparmál (Kenning „Vater Þrúðrs“ für Thor); Sif als ihre Mutter ebenfalls in der Skáldskaparmál. In der Alvíssmál ist die umworbene Tochter Thors nicht namentlich genannt – die Gleichsetzung mit Þrúðr ist naheliegend und in der Forschung üblich, aber eine Schlussfolgerung.

Die Alvíssmál: ein Freier aus dem Gestein

Die Alvíssmál („Die Rede des Allweisen“) steht im Codex Regius der Lieder-Edda, der berühmten isländischen Handschrift aus der Zeit um 1270, heute in Reykjavík. Das Lied umfasst in den gängigen Ausgaben 35 Strophen, fast alle im ljóðaháttr, dem „Liedmaß“, das die Edda für Dialoggedichte nutzt. Erzählende Prosa gibt es nicht; alles geschieht im Wechselgespräch.

Es beginnt mit einem eiligen Bräutigam. Alvíss tritt auf und verkündet, nun solle die Braut mit ihm heimkehren, die Bänke für die Hochzeit seien zu richten. Der Mann, der ihm begegnet, ist Thor – aber Alvíss erkennt ihn nicht. Thor mustert den Freier und spottet: Wer ist der Bursche, warum so bleich um die Nase? Karl Simrock hat das 1851 herrlich trocken übersetzt:

„Wer bist du, Bursch? wie so bleich um die Nase? / Hast du bei Leichen gelegen?“Alvíssmál 2, Übersetzung Karl Simrock (1851, gemeinfrei)

Thor setzt noch eins drauf: Der Gast sehe aus wie ein Thurse, ein Riese, und sei gewiss nicht für eine Braut geboren. Alvíss antwortet ungerührt, er heiße Alvíss und wohne unter der Erde, sein Platz sei „unter dem Stein“. Damit ist er als Zwerg eingeführt – ein Wesen aus dem Fels, das dem Tageslicht fernbleibt. Die Blässe ist kein Zufall, sie ist schon ein Hinweis auf das Ende.

Ein Versprechen ohne den Vater

Der eigentliche Konflikt ist rechtlich. Alvíss pocht auf eine Zusage: Die Götter hätten ihm die Braut versprochen, und Götter brechen ihr Wort nicht. Thor hält dagegen, über die Braut habe vor allem ihr Vater zu bestimmen, und er sei fort gewesen, als dieses Versprechen gegeben wurde. Wofür die Götter dem Zwerg ihr Wort gaben, sagt das Lied nicht. Manche Kommentatoren vermuten eine Belohnung für Schmiedearbeit, wie sie Zwerge den Göttern sonst liefern – das ist aber Spekulation, kein Text.

Alvíss hält den rotbärtigen Fremden für einen Landstreicher und fragt spöttisch, was für ein Held hier Rechte anmelde. Darauf gibt sich Thor zu erkennen: Er sei Vingþórr, weit gewandert, Sohn des Síðgrani – „Langbart“, ein Beiname Odins. Ohne seine Zustimmung bekomme der Zwerg das Mädchen nicht.

Jetzt schlägt Alvíss einen versöhnlichen Ton an. Er wolle Thors Einwilligung rasch gewinnen, denn er begehre die „schneeweiße“ Maid. Und Thor stellt seine Bedingung: Wenn Alvíss ihm aus allen Welten sagen kann, was er wissen will, solle er die Braut bekommen. Bei Simrock lautet das „Kannst du aus allen Welten mir kund thun / Was ich zu wißen wünsche“. Was dann folgt, ist kein Kampf, sondern eine Prüfung.

Simrocks Ausgabe zählt übrigens 36 Strophen, weil er wie viele ältere Herausgeber eine zusätzliche Strophe einschiebt, in der Alvíss prahlt, er habe alle neun Welten durchmessen. Diese Strophe gilt als späte Ergänzung; im Codex Regius steht sie nicht an dieser Stelle. Deshalb weichen die Strophennummern je nach Ausgabe um eins ab.

Dreizehn Fragen, sechs Sprachen: das Vokabelverhör

Thor fragt nun dreizehn Mal nach demselben Muster: „Sag mir, Alvíss, … wie heißt die Erde, die vor den Menschen liegt, in jeder Welt?“ Und Alvíss liefert jedes Mal eine Liste: So heißt es bei den Menschen, so bei den Göttern, so bei den Wanen, so bei den Riesen, so bei den Alben, so bei den Zwergen, so in Hel. Die Reihenfolge der Themen ist kosmisch und alltäglich zugleich: Erde, Himmel, Mond, Sonne, Wolken, Wind, Windstille, Meer, Feuer, Wald, Nacht, Saatkorn – und zum Schluss das Bier.

Nicht jede Strophe nennt alle Gruppen, und die Zuordnung schwankt. Mal sprechen „die hohen Mächte“ (upregin) mit, mal die „Söhne der Götter“, beim Bier sogar „Suttungs Söhne“, also die Riesen, die nach der Sage einst den Dichtermet hüteten. Schon Henry Adams Bellows warnte 1923, man solle aus diesen Listen keine saubere Kosmologie ableiten. Sie sind ein Namenkatalog, kein Weltatlas.

Ein paar Beispiele aus dem altnordischen Text zeigen, wie das funktioniert:

Die Sonne als „Dvalins Spielgefährtin“

Ein Wort verdient einen zweiten Blick. Die Zwerge nennen die Sonne Dvalins leika. Dvalinn ist einer der bekanntesten Zwergennamen der Edda; er taucht in der Zwergenliste der Völuspá auf und in der Hávamál als der, der den Zwergen die Runen brachte. Leika heißt „Spielzeug, Gespielin“. Simrock machte daraus kühn „Zwergs Ueberlisterin“, und genau diese Deutung wird oft vertreten: Die Sonne ist die, die mit Dvalinn ihr böses Spiel treibt – weil sie Zwerge vernichtet.

Wenn das stimmt, ist die Sonnenstrophe ein Stück schwarzer Humor mitten im Lied. Alvíss buchstabiert ausgerechnet in seiner eigenen Zwergensprache das Wort für das, was ihn gleich töten wird. Er weiß es, und er merkt es trotzdem nicht. Dass die Sonne in anderen Sprachen „Immerglühende“ oder „schönes Rad“ heißt, passt dazu: Was für Riesen und Alben ein Lichtrad ist, ist für das Volk unter dem Stein eine Gefahr. Mehr zur Sonne im Norden findest du bei Sunna und Sól.

„Die Sonne scheint in den Saal“: das Ende des Zwergs

Nach der Bier-Strophe lässt Thor die Maske fallen. Nie habe er in einer einzigen Brust so viel altes Wissen gefunden – und doch sei der Zwerg betrogen. Simrocks Fassung der Schlussstrophe:

„Aus Einer Brust alter Kunden / Vernahm ich nie so viel. / Mit schlauen Lüsten verlorst du die Wette, / Der Tag verzaubert dich, Zwerg: / Die Sonne scheint in den Saal.“Alvíssmál 36 (in heutigen Ausgaben Str. 35), Übersetzung Karl Simrock (1851, gemeinfrei)

Im Altnordischen steht sinngemäß: „Oben bist du, Zwerg, vom Tag überrascht, nun scheint die Sonne in die Säle.“ Mehr nicht. Dass Alvíss zu Stein wird, sagt das Lied ausdrücklich gar nicht. Es lässt den Satz einfach stehen und überlässt dem Publikum den Rest. Die meisten Übersetzer und Kommentatoren ergänzen die Versteinerung, und das mit guten Gründen.

Der stärkste Grund steht in einem anderen Eddalied, der Helgakviða Hjörvarðssonar. Dort hält Atli, ein Gefolgsmann des Helden Helgi, die Riesin Hrímgerðr die ganze Nacht mit Wortgefechten hin, bis der Tag anbricht. Dann verspottet er sie: Sie stehe nun als Steinbild da, ein lächerliches Hafenzeichen. Das gleiche Muster also – Gespräch als Falle, Sonnenaufgang als Waffe, Stein als Ergebnis. Dazu kommt die Herkunft des Zwergs „unter dem Stein“ und die ominöse Sonnenstrophe. Wer die Alvíssmál im 13. Jahrhundert hörte, wird verstanden haben, was der Tag mit Alvíss macht.

Mythos-Check: „In der nordischen Mythologie werden alle Zwerge im Sonnenlicht zu Stein.“ Das ist so nicht belegt. Für Zwerge ist die Alvíssmál im Grunde der einzige Edda-Beleg, und selbst dort wird die Versteinerung nur angedeutet. Andere Zwerge der Mythologie arbeiten, reisen und verhandeln, ohne dass das Licht ein Thema wäre. Ausdrücklich zu Stein wird in der Edda eine Riesin, Hrímgerðr. Sehr viel häufiger ist das Motiv in der späteren skandinavischen Volksüberlieferung – bei den Trollen, die im Morgengrauen erstarren. Von dort hat es auch J. R. R. Tolkien in den „Hobbit“ übernommen.

Warum kein Hammer? Thor als Wortkämpfer

Das Merkwürdigste an der Alvíssmál ist Thor selbst. In fast allen anderen Geschichten löst er Probleme mit Mjölnir – bei Riesen, bei der Midgardschlange, bei Hrungnir. Hier sitzt er die ganze Nacht da und stellt Fragen. Warum er den Zwerg nicht einfach erschlägt, sagt das Lied nicht. Eine naheliegende Erklärung liegt im Rechtlichen: Die Götter haben ihr Wort gegeben, und ein gegebenes Wort einfach mit Gewalt zu brechen, wäre ein Ehrverlust. Indem Thor eine Bedingung stellt, die Alvíss freiwillig annimmt, bleibt die Zusage formal unangetastet. Der Zwerg verliert nicht durch Unwissen, sondern durch die Uhr.

Verwandt und doch verkehrt: Alvíssmál und Vafþrúðnismál

Die Alvíssmál gehört zu einer Gruppe von Edda-Liedern, die man Wissensdichtung nennt: Gedichte, deren Inhalt vor allem in abgefragtem Wissen besteht, verpackt in einen Wettstreit. Das berühmteste Gegenstück ist die Vafþrúðnismál, in der Odin mit dem Riesen Vafþrúðnir um den Kopf wettet und am Ende mit einer Frage gewinnt, die nur er selbst beantworten kann.

Der Vergleich zeigt, wie ungewöhnlich die Alvíssmál ist. In der Vafþrúðnismál geht es um die Ordnung der Welt: Woher kommen Erde und Himmel, was geschieht beim Weltende? In der Alvíssmál geht es nur um Wörter. Alvíss weiß nichts über Ursprünge oder Zukunft, er weiß, wie die Dinge heißen. Und während in der Vafþrúðnismál derjenige verliert, der eine Antwort schuldig bleibt, beantwortet Alvíss jede Frage richtig – und verliert trotzdem. Sein Wissen ist nicht die Lösung, sondern die Falle. Das macht das Lied zu einer Art Parodie auf die eigene Gattung, oder, freundlicher gesagt, zu einem raffinierten Spiel mit ihr.

Ein Wörterbuch für Skalden: heiti und þulur

Um zu verstehen, wozu so ein Lied gut war, musst du wissen, wie nordische Dichter arbeiteten. Skaldische Dichtung lebt von Ersatzwörtern. Man unterscheidet zwei Arten: die Kenning, eine mehrgliedrige Umschreibung („Pferd des Meeres“ für Schiff), und das heiti, ein einfaches poetisches Synonym („fold“ statt „jörð“ für Erde). Weil die Skaldenstrophe strenge Regeln für Stabreim, Binnenreim und Silbenzahl hatte, brauchten Dichter einen großen Vorrat an Wörtern mit gleicher Bedeutung, aber verschiedenem Klang.

Genau diesen Vorrat liefert die Alvíssmál. Für zwölf Grunddinge plus Bier bietet sie jeweils fünf bis sieben Alternativen, sortiert und leicht zu merken. Das ist nah verwandt mit den þulur, den gereimten Namenlisten, die in Handschriften der Snorra-Edda überliefert sind und Hunderte von heiti für Schwerter, Schiffe, Riesen oder Pferde aufzählen. Snorri selbst kannte die Alvíssmál: In der Skáldskaparmál zitiert er Fassungen der Strophen über den Wind und über die Nacht, als Belege für poetische Wörter. Edward Pettit, der die Lieder-Edda 2023 neu herausgegeben hat, hält es deshalb für gut möglich, dass das Lied Dichtern als Nachschlagewerk diente.

Sprache der Götter, Sprache der Menschen

Spannend wird es, wenn man über den Norden hinausschaut. Die Vorstellung, dass Götter und Menschen für dieselben Dinge verschiedene Wörter haben, kennt auch Homer. In der Ilias heißt ein Fluss bei Troja bei den Göttern Xanthos, bei den Menschen Skamandros; ein hundertarmiger Riese heißt bei den Göttern Briareos, bei den Menschen Aigaion. Der amerikanische Sprachwissenschaftler Calvert Watkins hat 1970 in einem vielzitierten Aufsatz solche Belege aus dem Griechischen, dem Altindischen und eben dem Altnordischen zusammengestellt und als Spur einer alten indogermanischen Dichtertradition gedeutet.

Wann ist das Lied entstanden?

Die Datierung der Edda-Lieder ist notorisch schwierig, und die Alvíssmál ist keine Ausnahme. Finnur Jónsson wollte sie im 10. Jahrhundert in Norwegen ansiedeln. Eugen Mogk und viele nach ihm dachten dagegen an das 12. Jahrhundert, an die Zeit, in der Isländer das Erbe der Skaldendichtung sammelten und gelehrt pflegten. Für eine späte Entstehung sprechen mehrere Beobachtungen: Einige der heiti sind sonst nur in jüngerer Skaldik belegt; die Wanen erscheinen als eine von mehreren „Sprachgemeinschaften“, was eher nach Systematik als nach lebendigem Kult klingt; und der Zweck des Liedes, Synonyme zu sammeln, passt gut in ein Milieu, das Dichtung bewusst lehrt und lernt.

Das Lexikon der altnordischen Literatur von Rudolf Simek und Hermann Pálsson und die meisten Handbücher folgen heute dieser Linie: wahrscheinlich 12. Jahrhundert, sicher vor Snorris Zitaten in den 1220er bis 1240er Jahren. Wer in der Alvíssmál also ein Fenster in den Glauben der Wikingerzeit sucht, sollte vorsichtig sein. Das Lied ist eher ein Fenster in die isländische Dichterwerkstatt des Hochmittelalters – und als solches ziemlich einzigartig.

Þrúðr unter den Walküren

Zurück zu Þrúðr. Ihr Name taucht noch an einer zweiten Stelle der Lieder-Edda auf, und zwar in ganz anderer Rolle. In der Grímnismál, Strophe 36, zählt Odin dreizehn Walküren auf, die ihm das Horn bringen sollen: Hrist und Mist, Skeggjöld und Skögul, Hildr und Þrúðr, Hlökk und Herfjötur, Göll und Geirölul, Randgríð, Ráðgríð und Reginleif. Sie, heißt es zum Schluss, tragen den Einherjern das Bier. Snorri übernimmt diese Liste in seiner Gylfaginning.

Ist diese Walküre Þrúðr dieselbe Gestalt wie Thors Tochter? Die Quellen sagen es nicht. Möglich ist beides. Viele Walkürennamen sind sprechende Namen, die einfach Kampf, Lärm oder Kraft bedeuten – Hildr ist „Kampf“, Hlökk „Lärm“, Herfjötur „Heerfessel“. Þrúðr, „Stärke“, passt in diese Reihe, ohne dass jemand dabei an Thors Familie gedacht haben muss. Ebenso gut könnte ein Name, der zu Thors Tochter gehörte, in die Walkürenliste gewandert sein. Hier hört das Belegbare auf.

Eine Randnotiz für Runenfreunde: Auf dem Runenstein von Karlevi auf Öland aus dem späten 10. Jahrhundert, der eine vollständige Skaldenstrophe trägt, wird ein verstorbener Fürst nach gängiger Lesung als „Baum der Þrúðr“ umschrieben – eine Kenning für einen Krieger, in der Þrúðr wohl für eine Walküre oder die Kampfkraft steht. Der Name war also schon in heidnischer Zeit dichterisches Material.

Þrúðar þjófr: der Dieb der Þrúðr

Bleibt eine letzte, rätselhafte Spur. In der Ragnarsdrápa des Skalden Bragi Boddason, einem der ältesten erhaltenen Skaldengedichte, wird der Riese Hrungnir als Þrúðar þjófr umschrieben, als „Dieb der Þrúðr“. Eine Geschichte, in der Hrungnir Thors Tochter raubt, ist aber nirgends erzählt. Snorri gibt für das berühmte Duell zwischen Thor und Hrungnir einen ganz anderen Anlass, eine Prahlerei in Asgard. Die Philologin Margaret Clunies Ross hat vermutet, dass hier ein verlorener Mythos durchschimmert, ähnlich dem Raub der Iðunn durch den Riesen Þjazi. Beweisen lässt sich das nicht.

Auffällig ist das Muster trotzdem: Zweimal will ein Wesen außerhalb der Asenwelt Þrúðr haben, ein Zwerg und ein Riese, und zweimal endet es für den Werber mit dem Tod – einmal durch die Sonne, einmal durch Thors Hammer. Thors Tochter ist damit vor allem eines: ein Grund für Thor, eine Grenze zu verteidigen.

Personifikation oder Person?

Damit sind wir bei der Kernfrage zu Þrúðr. Gab es im Glauben der Wikingerzeit eine Göttin dieses Namens, mit eigenen Geschichten, vielleicht eigenem Kult? Dafür fehlt jeder Beleg: keine Ortsnamen, die eindeutig auf sie weisen, keine Erwähnung in Sagas, keine Bildzeugnisse. Was wir haben, ist ein sprechender Name in der Familie eines Gottes, der selbst für Kraft steht. Thors Sohn Magni heißt „Stärke“, Móði „Mut, Zorn“, die Tochter Þrúðr wieder „Stärke“. Das sieht sehr nach einer Familie aus, die aus Eigenschaften ihres Vaters gebildet wurde – wie Personifikationen, die ein Dichter um einen Gott herum gruppiert.

Was die Alvíssmál uns heute erzählt

Für uns in der Werkstatt hat das Lied einen besonderen Reiz. Es ist ein Gedicht über die Kraft der Wörter, und genau damit arbeiten wir jeden Tag, wenn wir Runen, Namen und Verse in Schiefer, Holz oder Glas bringen. Alvíss kennt sieben Wörter für die Sonne und kein einziges, das ihn rettet. Thor kennt vermutlich weniger, aber er weiß, wann er fragen muss. Vielleicht ist das die heimliche Moral: Wissen ist viel wert, Urteilskraft mehr.

Und Þrúðr? Sie sagt im ganzen Lied kein Wort. Sie ist die Braut, um die verhandelt wird, und der Name, den andere Dichter verwenden. Gerade deshalb lohnt der genaue Blick auf die Quellen: Wer sie liest, merkt, wie wenig wir wissen – und wie viel dieses wenige erzählt.

Häufige Fragen

Wer ist Thrud in der nordischen Mythologie? Þrúðr („Stärke“) ist nach Snorri Sturluson die Tochter Thors und der Sif und damit die Schwester von Magni und Móði. Eigene Geschichten über sie sind nicht überliefert.

Worum geht es in der Alvíssmál? Der Zwerg Alvíss will Thors Tochter heiraten, die ihm die Götter versprochen haben. Thor fragt ihn nach den Namen von Erde, Himmel, Sonne und anderen Dingen in allen Welten, bis die Sonne aufgeht und den Zwerg vernichtet.

Wird Thrud in der Alvíssmál namentlich genannt? Nein. Das Lied spricht nur von Thors Tochter. Die Gleichsetzung mit Þrúðr beruht auf Snorri, der Þrúðr als Thors Tochter kennt.

Wird der Zwerg Alvíss zu Stein? Das Lied sagt nur, der Tag habe ihn überrascht und die Sonne scheine in den Saal. Die Versteinerung wird meist ergänzt, gestützt auf die Riesin Hrímgerðr, die in der Helgakviða Hjörvarðssonar beim Sonnenaufgang zu Stein wird.

Ist Thrud eine Walküre? Eine Walküre namens Þrúðr erscheint in Grímnismál 36. Ob sie mit Thors Tochter identisch ist, lässt sich aus den Quellen nicht entscheiden.

Was sind heiti? Heiti sind einfache poetische Synonyme in der altnordischen Dichtung, etwa „fold“ statt „jörð“ für Erde. Die Alvíssmál sammelt solche Wörter in Listen und diente wohl auch als Wortvorrat für Dichter.

Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

Weiterlesen bei uns

Thor · Die Zwerge · Walküren · Mjöllnir.

Quellen & Literatur

Zum Shop Mehr Beiträge

Mehr aus dem Gebiet Mythen & Sagen

Alle Mythen & Sagen-Artikel →

Thor bei Utgard-Loki

Es ist die lustigste und zugleich tiefsinnigste Thor-Geschichte überhaupt: eine Reihe von Niederlagen, die gar keine …

Weiterlesen →

Vellekla – das Preislied auf Hákon Jarl

Ein Dichter, der um seinen Lohn bangt, und ein Fürst, der sich feiern lässt: Die Vellekla („Goldmangel“) des Skalden …

Weiterlesen →

Walhall – die Halle der Gefallenen

Walhall ist kein Ruhesitz für müde Seelen. Es ist eine Kaserne der Gefallenen: eine gewaltige Halle, in der die …

Weiterlesen →

Die Walküren – zwischen Schlacht und Halle

Sie sind weit mehr als geflügelte Kriegerinnen der Oper: Die Walküren entscheiden, wer im Kampf fällt – und wer nach …

Weiterlesen →