Es ist die lustigste und zugleich tiefsinnigste Thor-Geschichte überhaupt: eine Reihe von Niederlagen, die gar keine sind. Auf seiner Reise zur Riesenburg Utgard verliert der stärkste Gott einen Wettkampf nach dem anderen – im Wettessen, im Wettlauf, beim Trinken, beim Katzenheben, im Ringen mit einer alten Frau. Erst am nächsten Morgen enthüllt der Gastgeber die Wahrheit, und alles kippt: Thors Gegner waren nicht Zwerge und Ammen, sondern Feuer, Gedanke, das Weltmeer, die Midgardschlange und das Alter selbst. Die einzige ausführliche Quelle dafür ist ein einziger Text – Snorris Gylfaginning.
Thor zieht mit Loki und seinen menschlichen Dienern Thjalfi und Röskva ins Land der Riesen. Die Reise führt tief nach Jötunheim, zur Festung Utgard („das, was außerhalb der Umzäunung liegt“) und ihrem Herrn Utgard-Loki – der trotz des Namens nicht der Loki der Asen ist, sondern ein eigener Riese, der „Loki der Außenwelt".
Die Geschichte beginnt an einem Bauernhof. Thor, der mit seinem Ziegenbock-Gespann reist, kehrt über Nacht ein und schlachtet kurzerhand seine beiden Böcke, damit alle satt werden. Nur eine Regel gibt er aus: Die Knochen müssen unversehrt auf die abgezogenen Häute geworfen werden. Doch der Bauernsohn Thjalfi spaltet heimlich einen Schenkelknochen, um an das köstliche Mark zu kommen. Am Morgen weiht Thor die Häute mit dem Hammer – und die Böcke stehen wieder auf, doch einer lahmt am Hinterbein. Thors Zorn ist so furchtbar, dass die Bauernfamilie um ihr Leben fleht. Als Buße gibt sie ihm ihre beiden Kinder, Thjalfi und seine Schwester Röskva, die ihm von da an dienen. So kommt es, dass zwei Menschenkinder mit den Göttern nach Jötunheim ziehen.
Der Weg führt ostwärts über das Meer und durch einen dunklen Wald. Nachts finden die Reisenden Unterschlupf in einer riesigen Halle mit einem Seitenraum – bis ein Erdbeben sie hochschreckt und sich am Morgen zeigt: Das „Haus" war der Fausthandschuh eines gewaltigen Riesen, der Seitenraum sein Daumen. Der Riese heißt Skrymir („der Großtuer") und weiß längst, wer Thor ist. Er schließt sich an, bündelt allen Proviant in seinen Sack – und genau daran verzweifelt Thor am Abend: Er bekommt den Beutel nicht auf, denn Skrymir hat ihn mit Eisendraht verschnürt.
Wütend und hungrig schlägt Thor dem schlafenden Riesen dreimal mit Mjöllnir auf den Kopf – Schläge, die einen Berg spalten würden. Skrymir aber murmelt nur schläfrig, ob ihm ein Blatt, eine Eichel oder etwas Reisig aufs Haupt gefallen sei. In Wahrheit hat Thor drei tiefe, quadratische Täler in einen Berg geschlagen, den der Riese unbemerkt zwischen sich und den Hammer geschoben hatte. Skrymir warnt noch vor der Burg Utgard und ihren riesigen Bewohnern und zieht davon. Diese erste Etappe erzählen wir ausführlicher im Beitrag Thor & Skrymir.
Die Burg ist so hoch, dass man den Kopf in den Nacken legen muss; durch das verschlossene Gitter zwängen sich die Gäste zwischen den Stäben hindurch. König Utgard-Loki mustert die Truppe spöttisch – dieser Wicht soll der große Öku-Thor sein? Wer bleiben wolle, müsse sich in einer Kunst beweisen. Und nun scheitert einer nach dem anderen:
Loki gegen Logi – ein Wettessen an einem langen Trog voll Fleisch. Loki isst rasend schnell alles Fleisch von den Knochen; sein Gegner Logi aber verschlingt Fleisch, Knochen und den Trog dazu. Thjalfi gegen Hugi – ein Wettlauf. Der schnellste Läufer der Menschen verliert dreimal; beim letzten Lauf ist Hugi längst am Ziel und kommt Thjalfi bereits wieder entgegen. Thor am Trinkhorn – ein Horn, das gute Trinker in einem Zug leeren. Thor setzt dreimal gewaltig an, doch der Pegel sinkt kaum merklich. Thor und die Katze – er soll die große graue Hauskatze hochheben; so sehr er sich müht, er bekommt nur eine einzige Pfote vom Boden. Und schließlich Thor gegen Elli, Utgard-Lokis alte Amme: Je fester er zupackt, desto fester steht sie – am Ende zwingt sie ihn auf ein Knie. Der stärkste Gott der Welt, vorgeführt von einer Greisin.
Am Morgen geleitet Utgard-Loki die Gäste hinaus – und gesteht die Wahrheit. Alles war sjónhverfing, Augentäuschung. Er selbst war Skrymir; der Proviantsack war mit Eisendraht verschnürt; und Thors drei Hammerschläge hätten ihn erschlagen, hätte er nicht heimlich einen Berg dazwischengeschoben – die drei quadratischen Täler darin sind bis heute die Spuren. „Der erste Schlag", gibt er zu, „war der geringste und hätte doch genügt, mich zu töten."
Und die Wettkämpfe? Logi war das wilde Feuer, das alles frisst, auch den Trog. Hugi war der Gedanke des Riesen – nichts läuft schneller als der Gedanke. Das Trinkhorn reichte hinab ins Weltmeer; was Thor davon wegtrank, sieht man seither als Ebbe und Flut. Die graue Katze war in Wahrheit die Midgardschlange, die die ganze Welt umspannt – dass Thor auch nur eine Pfote hob, ließ Riesen wie Götter erschauern. Und die Alte Elli war das Alter selbst, das keiner niederringt, „so alt er auch werde". Als Thor den Hammer heben will, um die Burg zu zerschmettern, ist Utgard schon verschwunden; nur eine weite, leere Ebene bleibt.
„Hätte ich gewusst, wie viel Kraft in dir steckt, wärst du mir nie in die Burg gekommen – und ich sorge dafür, dass du sie nie wiederfindest."Utgard-Loki, nach Snorris Gylfaginning (Prosa-Edda) · dt. gemeinfreie Übersetzungstradition (Simrock 1851)
Der Religionshistoriker Georges Dumézil hat gezeigt, was hinter der Komik steckt: Thor tritt in Utgard gegen die Grundmächte des Daseins an – Feuer, Gedanke, Meer, Weltenschlange, Alter. Gegen sie hilft keine Muskelkraft; sie sind die Grenzen, an die selbst der stärkste Gott stößt. Und doch ist die Pointe nicht Thors Schwäche, sondern seine Größe: Dass er das Feuer beinahe überaß, das Meer merklich senkte, die Weltenschlange fast hochhob und das Alter aufs Knie zwang, jagt dem listigen Riesen einen solchen Schrecken ein, dass er lieber flieht, als Thors Rückkehr abzuwarten.
Die Moral ist überraschend modern: Selbst der Stärkste besiegt Feuer, Meer, Gedanke und Alter nicht – aber dass Thor ihnen überhaupt so nahekam, macht seine Kraft erst recht ehrfurchtgebietend.

Thor (Donar) · Thjalfi & Röskva · Die Midgardschlange · Die Riesen · Loki.
Snorri Sturluson, Prosa-Edda (Gylfaginning: Thors Reise nach Utgard, Skrymir, die Wettkämpfe), um 1220. Deutsche gemeinfreie Übersetzung: Karl Simrock, Die Edda (1851). Forschung: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; John Lindow, Norse Mythology (2001).
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