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Thor bei Utgard-Loki: Skrymir, der Handschuh und fünf Wettkämpfe, die keine Niederlagen waren

Sagen & Mythen Thor bei Utgard-Loki: Skrymir, der Handschuh und fünf Wettkämpfe, die keine Niederlagen waren

Utgard-Loki ist der Riesenkönig von Útgarðr, der Thor in Snorris Gylfaginning (Kap. 44–47, um 1220) mit lauter Augentäuschungen vorführt: Erst schläft der Donnergott im Handschuh des Riesen Skrymir, scheitert an einem Proviantsack und an drei Hammerschlägen – dann verliert er in der Burg im Trinken, im Katzenheben und im Ringen mit einer Greisin. Am Morgen kommt die Auflösung: Skrymir war Utgard-Loki selbst, und die Gegner waren Feuer, Gedanke, Meer, Midgardschlange und Alter. Hier bekommst du die ganze Geschichte, die älteren Spuren und die Deutungen.

Ein Gott, der alles verliert – scheinbar

Stell dir vor, du bist der stärkste Gott der Welt. Riesen fürchten deinen Hammer, Berge zerspringen, wenn du zuschlägst. Und dann sitzt du in einer fremden Halle, nippst an einem Horn, das nicht leer werden will, bekommst eine Katze kaum vom Boden und landest im Ringkampf gegen eine alte Frau auf dem Knie. Ringsum grinsende Riesen. So ergeht es Thor bei Utgard-Loki – in der längsten und vielleicht komischsten Thor-Geschichte, die wir aus dem Mittelalter kennen. Der Witz: Thor hat gar nicht verloren. Er hat nur nicht gesehen, wogegen er antrat.

Ein Hinweis vorab, damit keine Verwechslung entsteht: Utgard-Loki (altnordisch Útgarða-Loki, etwa „Loki der Außengehöfte“) ist nicht der Loki der Asen. Der Asen-Loki reist in dieser Geschichte sogar mit Thor. Ob beide Gestalten ursprünglich zusammenhingen, ist eine offene Forschungsfrage.

Unser früherer Beitrag „Thor und Skrymir“ ist in diesem Artikel aufgegangen. Die Skrýmir-Episode gehört ohnehin dazu, denn Skrýmir und Utgard-Loki sind – Spoiler aus dem 13. Jahrhundert – ein und dieselbe Person.

Thor steht vor dem riesigen schlafenden Skrymir – Illustration von Louis Huard
Thor und der gewaltige Skrymir: Das „Haus", in dem die Reisenden schliefen, war in Wahrheit der Fausthandschuh des Riesen. Louis Huard (†1874), aus „The Heroes of Asgard", gemeinfrei · Wikimedia Commons

Die Quelle: ein Gelehrter, ein Lehrgespräch, ein Kapitelblock

Die ganze Geschichte kennen wir aus einem einzigen Text: der Gylfaginning („Gylfis Täuschung“), dem ersten Hauptteil der Prosa-Edda des Isländers Snorri Sturluson, entstanden um 1220. Darin befragt der schwedische König Gylfi, verkleidet als „Gangleri“, drei geheimnisvolle Gestalten in einer prächtigen Halle über die Götter. Die Utgard-Episode steht in den Kapiteln 44 bis 47 (Zählung nach der Ausgabe von Anthony Faulkes).

Ausgelöst wird sie durch Ganglers Frage, ob Thor je auf etwas traf, das ihm an Kraft oder Zauberei überlegen war. Die Antwort ist ein Augenzwinkern: Das würden nur wenige erzählen wollen – aber manches sei Thor schwergefallen.

Quellenlage: Eine ausführliche Fassung gibt es nur bei Snorri. Ältere Edda-Lieder spielen aber auf einzelne Motive an – auf Thor im Handschuh und auf einen unlösbaren Proviantsack (Lokasenna 60 und 62, Hárbarðsljóð 26). Der Kern ist also älter als Snorri. Mehr zur Textlage in unserem Beitrag zur Edda.

Der Auftakt: Ziegenböcke, ein Markknochen und zwei Kinder

Thor ist mit seinem Bockgespann unterwegs, Loki begleitet ihn. Am Abend kehren sie bei einem Bauern ein. Weil es nichts Rechtes zu essen gibt, schlachtet Thor seine beiden Böcke – bei Snorri an anderer Stelle Tanngrisnir und Tanngnjóstr genannt –, lässt sie kochen und lädt die Bauernfamilie zum Mahl. Eine Bedingung stellt er: Alle Knochen sollen auf die ausgebreiteten Bockfelle geworfen werden.

Der Bauernsohn Þjálfi hält sich nicht daran. Er spaltet einen Schenkelknochen mit dem Messer, um an das Mark zu kommen. Am Morgen weiht Thor die Felle mit dem Hammer – und die Böcke stehen wieder auf. Einer aber lahmt am Hinterbein. Thor merkt sofort, dass jemand unachtsam war. Er zieht die Brauen über die Augen, packt den Hammer so fest, dass die Knöchel weiß werden, und die Familie fleht um Gnade. Als Buße überlassen sie ihm ihre Kinder: Þjálfi und seine Schwester Röskva, die ihm fortan dienen.

Snorri nennt Þjálfi ausdrücklich den „fußschnellsten aller Menschen“ – das wird noch wichtig. Auch das Edda-Lied Hymiskviða kennt den lahmen Bock und die Kinder des Bauern als Entschädigung, schiebt die Schuld aber nach der üblichen Lesart Loki zu. Die Bocksgeschichte lief also offenbar in mehreren Fassungen um.

Thor hebt die graue Katze, die sich als Midgardschlange entpuppt – Illustration von Lorenz Frølich
Thor und die „Katze": In Wahrheit hebt er die Midgardschlange, die die Welt umspannt – und bekommt doch nur eine Pfote vom Boden. Lorenz Frølich (†1908), gemeinfrei · Wikimedia Commons

Ostwärts übers Meer: die Halle mit dem Seitenraum

Die Böcke bleiben beim Bauern. Thor, Loki, Þjálfi und Röskva ziehen zu Fuß weiter nach Osten, in Richtung Jötunheim, dem Land der Riesen. Sie überqueren das „tiefe Meer“, gehen an Land und kommen in einen riesigen Wald.

Als es dunkel wird, suchen sie ein Nachtlager und finden ein merkwürdiges Haus: eine große Halle mit einem Eingang so breit wie der ganze Giebel, dazu ein schmaler Seitenraum. Mitten in der Nacht bebt die Erde, der Boden schwankt, das Gebäude zittert. Die Gefährten flüchten in den Seitenraum, Thor setzt sich mit dem Hammer in den Eingang und wartet. Bis zum Morgen hören sie ein gewaltiges Dröhnen und Brummen.

Bei Tageslicht klärt sich das Rätsel. Neben ihnen im Wald liegt ein Mann von ungeheurer Größe und schnarcht – das war das Erdbeben. Der Riese erwacht, und Snorri merkt an, dieses eine Mal habe Thor sich nicht getraut, mit dem Hammer zuzuschlagen. Er fragt lieber nach dem Namen.

Der Riese heißt Skrýmir. Den Namen deutet die Forschung meist als „Großtuer“ oder „Prahler“; ganz sicher ist die Etymologie nicht. Thors Namen kennt er längst, und er fragt, ob Thor ihm etwa seinen Handschuh weggeschleppt habe. Die „Halle“ war Skrýmirs Fausthandschuh, der Seitenraum dessen Daumen.

Skrýmir, der Proviantsack und die drei Hammerschläge

Skrýmir bietet an, die Reisegesellschaft zu begleiten, und schlägt vor, die Vorräte zusammenzulegen. Thor willigt ein. Der Riese bindet alles in seinen eigenen Sack, wirft ihn über die Schulter und stapft mit großen Schritten voraus. Am Abend legt er sich unter eine große Eiche, sagt, die anderen könnten sich ruhig aus dem Sack bedienen, und schläft sofort ein.

Thor macht sich an den Knoten. Er zerrt und dreht – und bekommt nicht einen Riemen gelöst. Wütend packt er Mjöllnir und schlägt dem Schlafenden auf den Kopf.

Skrýmir wacht auf und fragt verschlafen, ob ihm wohl ein Blatt auf den Kopf gefallen sei – und ob sie schon gegessen hätten. Thor murmelt etwas und legt sich unter eine andere Eiche. Um Mitternacht, als der Riese wieder dröhnend schnarcht, schlägt Thor ein zweites Mal zu, so fest, dass der Hammer tief in den Schädel fährt. Skrýmir: Ob da eine Eichel heruntergefallen sei? Kurz vor Morgengrauen der dritte Schlag, mit aller Kraft, bis zum Schaft in die Schläfe. Skrýmir setzt sich auf, reibt sich die Wange und vermutet, in der Baumkrone säßen wohl Vögel, von denen ihm Zeug auf den Kopf gefallen sei.

Mit dem Thorshammer erreicht Thor hier scheinbar nichts. Skrýmir steht auf und gibt einen Rat mit auf den Weg: In Útgarðr gebe es größere Männer als ihn, und dort solle Thor sich besser keine großen Worte erlauben; die Gefolgsleute Utgard-Lokis würden Prahlerei von solchen Bürschchen nicht hinnehmen. Am besten kehre man um. Wenn nicht, dann ostwärts – sein eigener Weg führe nach Norden. Er nimmt den Proviantsack und verschwindet im Wald. Snorri kommentiert trocken, es werde nicht berichtet, dass die Asen ihm ein gesundes Wiedersehen gewünscht hätten.

Thor ringt mit der Alten Elli, dem personifizierten Alter – Illustration von Lorenz Frølich
Thor gegen die Alte Elli – das Alter, das niemand bezwingt. Selbst der Donnergott muss aufs Knie. Lorenz Frølich (†1908), gemeinfrei · Wikimedia Commons

Ankunft in Útgarðr

Gegen Mittag sehen die vier eine Burg auf einer Ebene, so hoch, dass sie den Kopf in den Nacken legen müssen. Das Gittertor bekommt Thor nicht auf, also zwängen sie sich zwischen den Stäben hindurch – die Götter schlüpfen wie Kinder durch einen Zaun.

Útgarðr bedeutet „das äußere Gehege“, das, was jenseits des geordneten Raums liegt. Das Gegenstück ist Midgard, der „mittlere Hof“ der Menschen. Moderne Forscher haben daraus ein Weltbild aus „innen“ und „außen“ abgeleitet – anregend, aber umstritten, denn die Quellen verwenden die Begriffe nicht so systematisch. Mehr dazu im Beitrag über die neun Welten.

In der Halle sitzen viele gewaltige Männer auf zwei Bänken. Der König, Utgard-Loki, lässt sich mit dem Gruß Zeit und fragt dann spöttisch, ob dieser Knirps etwa der berühmte Öku-Þórr sei, der „Wagen-Thor“. Die Regel des Hauses: Hier bleibt nur, wer in irgendeiner Kunst allen anderen überlegen ist.

Loki gegen Logi, Þjálfi gegen Hugi

Loki meldet sich als Erster. Er beherrsche eine Kunst, in der ihn niemand schlage: so schnell essen wie er könne keiner. Utgard-Loki ruft einen Mann namens Logi herbei. Ein langer Trog voller Fleisch wird auf den Boden gestellt, Loki setzt sich an das eine Ende, Logi an das andere. Beide essen, so schnell sie können, und treffen sich genau in der Mitte. Loki hat alles Fleisch von den Knochen gegessen. Logi aber hat das Fleisch, die Knochen und den Trog verschlungen. Verloren.

Dann will Þjálfi sich im Laufen messen. Utgard-Loki ruft einen jungen Mann namens Hugi. Im ersten Lauf ist Hugi so weit voraus, dass er am Ziel umkehrt und Þjálfi entgegenkommt. Im zweiten liegt beim Ziel noch ein guter Pfeilschuss zwischen beiden. Im dritten hat Hugi schon gewendet, als Þjálfi erst die halbe Strecke hinter sich hat.

Wer ein wenig Altnordisch kann, ahnt an dieser Stelle schon etwas. Logi heißt „Flamme, Lohe“. Hugi hängt mit hugr zusammen, „Sinn, Gedanke“ – dasselbe Wort steckt in Odins Rabe Huginn. Snorri streut die Lösung also offen in die Namen, und das Publikum darf sich klüger fühlen als Thor.

Thor am Horn, an der Katze, gegen Elli

Jetzt ist der Gast dran. Thor will sich im Trinken messen. Ein Mundschenk bringt ein langes Horn: Wer gut trinkt, leert es in einem Zug, manche in zwei, und keiner sei so schwach, dass er drei brauche.

Thor hat gewaltigen Durst und trinkt, bis ihm die Luft ausgeht. Als er hineinschaut, ist kaum weniger darin. Der zweite Zug bringt noch weniger. Nach dem dritten, mit aller Kraft, ist der Unterschied endlich sichtbar – leer ist das Horn bei weitem nicht. Thor gibt auf.

Utgard-Loki legt nach: Junge Burschen hier höben zum Spaß seine Katze vom Boden. Eine große graue Katze springt herein. Thor greift ihr unter den Bauch und hebt, doch die Katze macht einen Buckel, so hoch er die Arme streckt. Als er sich bis zum Äußersten reckt, hebt sie genau eine Pfote vom Boden.

Jetzt fordert der zornige Thor jeden zum Ringkampf heraus. Hier halte es jeder für unter seiner Würde, mit Thor zu ringen, sagt Utgard-Loki – man rufe die alte Elli, seine Amme. Je fester Thor zupackt, desto fester steht die Greisin. Dann setzt sie Kniffe an, Thor wankt und sinkt nach hartem Ringen auf ein Knie. Danach werden die Gäste die Nacht über gut bewirtet.

Der Morgen der Wahrheit

Am Morgen begleitet Utgard-Loki die Gäste selbst vor die Burg und fragt Thor, wie ihm die Reise gefallen habe. Thor bleibt ehrlich: Er habe große Schande erfahren. Da gesteht der Riese die Wahrheit, nun, da Thor draußen sei – und wenn er es verhindern könne, komme Thor nie wieder hinein. Hätte er gewusst, wie viel Kraft in ihm steckt, hätte er ihn gar nicht erst hereingelassen.

Dann folgt die Auflösung, Stück für Stück:

Thor hört das, packt den Hammer und holt aus. Doch Utgard-Loki ist verschwunden. Und als Thor sich zur Burg umwendet, um sie zu zerschlagen, sieht er nur noch weite, schöne Ebenen – keine Burg mehr. Er kehrt um und zieht heim nach Þrúðvangar, fest entschlossen, sich die Midgardschlange vorzunehmen. Das führt direkt in die nächste Geschichte der Gylfaginning: Thors Fischzug mit dem Riesen Hymir, bei dem er Jörmungandr an die Angel bekommt.

Thors Stärke wird durch die Auflösung nicht kleiner, sondern im Rückblick riesengroß: Er hat das Meer sichtbar abgesenkt, die Weltenschlange angehoben und gegen das Alter nur ein Knie verloren.

Ältere Spuren: Thor im Handschuh

Zwei Lieder der Lieder-Edda – meist für älter gehalten als Snorris Prosa, auch wenn ihre Datierung unsicher ist – spielen bereits spöttisch auf die Geschichte an.

In der Lokasenna („Lokis Zankreden“) beleidigt Loki beim Gelage der Götter einen nach dem anderen. Thor droht ihm mit dem Hammer, und Loki höhnt sinngemäß in Strophe 60: Von deinen Ostfahrten solltest du lieber niemandem erzählen, seit du, Kämpe, im Daumen eines Handschuhs gekauert hast – da kamst du dir wohl kaum wie Thor vor. In Strophe 62 legt er nach: Hart seien Thor wohl Skrýmirs Riemen vorgekommen, er sei nicht an die Vorräte gekommen und fast verhungert, gesund und munter (eigene Übertragungen). Hier fällt der Name Skrýmir ausdrücklich.

Im Hárbarðsljóð, einem Schimpfduell zwischen Thor und dem Fährmann Hárbarðr (meist als Odin gedeutet), heißt es in Strophe 26 sinngemäß: Thor habe Kraft genug, aber kein Herz; aus Angst habe er sich in einen Handschuh gestopft und nicht einmal zu niesen oder einen Wind fahren zu lassen gewagt, damit Fjalarr es nicht höre. Der Riese heißt hier also Fjalarr, nicht Skrýmir – ob verschiedene Namen kursierten oder Fjalarr nur ein beliebiger Riesenname ist, bleibt offen.

Was die Anspielungen belegen: Das Handschuh-Motiv und der verschnürte Proviantsack waren dem Publikum dieser Lieder so vertraut, dass ein Halbsatz genügte, um Thor damit aufzuziehen. Die Burg Útgarðr, die Wettkämpfe und die Auflösung erwähnen die Lieder dagegen nicht. Ob sie zur selben alten Überlieferung gehörten, bleibt offen.

Saxos Utgarthilocus: derselbe Name, ein anderer Riese

Fast zur selben Zeit wie Snorri schrieb der dänische Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus (um 1200) seine Gesta Danorum. Im achten Buch erzählt er von den Reisen des Abenteurers Thorkill (lateinisch Thorkillus) im Auftrag eines dänischen Königs Gorm. Die erste Fahrt führt zu Geirrøth – eine Gestalt, die an Thors Besuch bei Geirröd erinnert. Die zweite führt zu Utgarthilocus.

Der König möchte wissen, was nach dem Tod mit der Seele geschieht, und Thorkills Neider raten, ihn zu Utgarthilocus zu schicken. Thorkill segelt in ein Land ohne Sonne und Sterne und erreicht eine Grotte, in der Utgarthilocus liegt: riesig, unflätig, an Händen und Füßen mit gewaltigen Ketten gefesselt. Thorkill reißt ihm ein Barthaar aus, groß wie ein Speer, und flieht vor Gestank und Schlangen; nur wenige Gefährten überleben. Auf der Heimfahrt wendet er sich dem Schöpfergott zu und wird Christ. Am Ende stirbt König Gorm vor Entsetzen über den Bericht, und der Gestank des Haares tötet Umstehende.

Mit Snorris wandelbarem Gastgeber hat dieser gefesselte Riese außer dem Namen wenig gemein. Er erinnert eher an den gefesselten Asen-Loki nach Baldrs Tod (siehe Lokis Bestrafung). Gabriel Turville-Petre vermutete deshalb, Utgarthilocus sei Loki selbst, nach Útgarðr verstoßen, und hinter Snorris Gastgeber stehe eine ältere Fassung, in der es wirklich Loki war. Eine Hypothese, kein Befund. Anatoly Liberman hat das Verhältnis von Snorri und Saxo 1992 eigens untersucht.

Woher kommt die Geschichte? Irland, Volkserzählung, Snorri

Schon 1910 vermutete der schwedische Volkskundler Carl Wilhelm von Sydow keltische Vorbilder für alle drei Teile. Für die Bocksgeschichte verwies er auf eine Germanus-Legende in der Historia Brittonum, für Skrýmir auf eine gälische Erzählung, die erst 1889/90 aufgezeichnet wurde. Matthias Egeler hält die Bocksparallele für auffällig, die Skrýmir-Parallele dagegen für kaum tragfähig.

Ernster genommen wird Rosemary Powers Vergleich (1985) mit einer irischen Fenier-Erzählung aus dem Umfeld von Feis Tighe Chonáin: Fionn mac Cumhaill und seine Männer übernachten bei einem alten Mann, in dessen Haus eine junge Frau und ein Lamm leben, das keiner der Helden anbinden kann. Am Ende zeigt sich: Das Tier ist das Leben, die Frau die Jugend, der Alte der Tod. Dasselbe Muster – übermächtige Gegner als Allegorien. Power hielt eine Entlehnung aus Irland für wahrscheinlich; die irischen Handschriften sind allerdings viel jünger als Snorri.

John Lindow betont, dass die Utgard-Reise der ausführlichste Thor-Mythos überhaupt ist und viele Züge mündlichen Erzählens trägt: Dreierreihen, Steigerung, die Pointe am Schluss.

Illusion, Humor, Erzählkunst: Was die Geschichte bedeutet

Illusion. Das Schlüsselwort der Auflösung ist sjónhverfing, Sinnestäuschung. Und hier wird es raffiniert: Die ganze Gylfaginning ist eine solche Täuschung. Am Ende des Gesprächs hört Gylfi ein Dröhnen, steht auf einer leeren Ebene, und die Halle ist verschwunden – exakt wie Útgarðr vor Thors Augen. Snorri spiegelt seine Rahmenhandlung im Inneren: Wer den alten Göttern zuhört, wird ebenso getäuscht wie Thor bei den Riesen.

Humor. Thor ist oft eine komische Figur: im Brautkleid in der Þrymskviða, verspottet im Hárbarðsljóð, im Handschuh hockend. Die Komik macht ihn nahbar. Das Publikum lacht mit ihm, nicht über ihn – spätestens nach der Auflösung.

Erklärungssage. Nebenbei erklärt die Erzählung die Ebbe – und die drei Täler. Solche Ursprungserklärungen sind typisch für Volkserzählungen.

Grenzen der Kraft. Gegen Feuer, Gedanke, Meer und Alter hilft kein Hammer. Das Alter weist voraus: Auch Thor wird in Ragnarök fallen – im Kampf mit eben jener Schlange, die er als Katze nicht vom Boden bekam.

Snorris Werkstatt. Die Wortspiele, die Dreierstruktur und die gespiegelte Rahmenhandlung zeigen einen Autor mit sicherem Gespür für Spannung. Wie viel er erfunden und wie viel er vorgefunden hat, ist die eigentliche Debatte.

Mythos-Check: „Utgard-Loki ist nur ein anderer Name für Loki.“ So einfach ist es nicht. Bei Snorri sitzt der Asen-Loki als Wettkämpfer mit am Trog, er kann also nicht gleichzeitig der Gastgeber sein. Ob es in einer älteren Überlieferung einmal so war, wie Turville-Petre vermutete, lässt sich nicht beweisen. Und Logi, das Feuer, ist wiederum eine dritte Gestalt: In der Erzählung Hversu Noregr byggðist erscheint ein Logi als Sohn des Riesen Fornjótr, neben dem Meer (Hlér) und dem Wind (Kári).

Gravur-Idee: der Moment vor der Wahrheit

Für unsere Werkstatt ist die Utgard-Geschichte ein Fundus an seltenen Bildern: Thor, der eine graue Katze hebt, deren Schatten sich als Schlange um die Welt windet. Thor im Ringkampf mit der alten Elli – ein Motiv über Kraft und Vergänglichkeit, das gerade zu runden Geburtstagen eine schöne Doppelbödigkeit hat. Oder vier Reisende, die im Daumen eines Riesenhandschuhs übernachten.

Auf Schiefer zeichnet der Laser helle Linien in den dunklen Stein, wie Ritzungen auf einem alten Bildstein. Dazu ein ornamentaler Rahmen im Stil der Wikingerzeit und, wer mag, ein Satz in Runen: „Gegen das Alter gewinnt keiner – aber man kann es aufs Knie zwingen.“

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Häufige Fragen

Wer ist Utgard-Loki? Ein Riesenkönig, Herr der Burg Útgarðr in Jötunheim, der Thor in Snorris Gylfaginning (Kap. 44–47) mit Illusionen täuscht. Er ist nicht identisch mit dem Asen-Loki, der in derselben Geschichte als Thors Begleiter auftritt.

Ist Skrymir Utgard-Loki? Ja. In der Auflösung gibt Utgard-Loki zu, dass er selbst in der Gestalt des Riesen Skrýmir aufgetreten ist, in dessen Handschuh Thor übernachtete und den er dreimal vergeblich mit dem Hammer schlug.

Gegen wen tritt Thor bei Utgard-Loki an? Scheinbar gegen ein Trinkhorn, eine Katze und eine alte Frau. In Wahrheit trank er aus dem Meer, hob die Midgardschlange und rang mit dem Alter (Elli). Loki verlor gegen das Feuer (Logi), Þjálfi gegen den Gedanken (Hugi).

Wo steht die Geschichte von Thor bei Utgard-Loki? Vollständig nur in der Prosa-Edda des Snorri Sturluson, Gylfaginning Kap. 44–47, um 1220. Ältere Edda-Lieder (Lokasenna 60 und 62, Hárbarðsljóð 26) spielen auf Thor im Handschuh und den unlösbaren Proviantsack an.

Warum gibt es Ebbe und Flut laut nordischer Mythologie? Nach Snorri reichte das Horn, aus dem Thor bei Utgard-Loki trank, ins Meer. Thor trank so viel, dass der Meeresspiegel sank – das sei die Ebbe.

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