Walküren sind in der nordischen Mythologie die Frauengestalten, die im Auftrag Odins auf dem Schlachtfeld bestimmen, wer fällt – und die Erwählten nach Walhall bringen, wo sie ihnen das Horn reichen. Ihr altnordischer Name valkyrja bedeutet wörtlich „Wählerin der Gefallenen“. Doch die Quellen zeigen weit mehr als die geflügelten Opernheldinnen: Todesweberinnen mit Webstühlen aus Gedärmen, Königstöchter, die Helden lieben, Schwanenjungfrauen und kleine Silberfiguren mit Trinkhorn. Hier erfährst du, was Edda, Skaldengedichte und Funde wirklich über sie verraten.
Stell dir eine Schlacht im 10. Jahrhundert vor: Schildwall gegen Schildwall, Speere fliegen. Und über allem, unsichtbar für die Kämpfenden, reiten Frauen in Helm und Brünne und entscheiden, wer heute stirbt. So jedenfalls stellten sich skandinavische Dichter das vor. Wer fiel, fiel nicht zufällig. Er war gewählt worden.
Wir bei Glanz & Gravur gravieren Walküren seit Jahren auf Schiefer, Holz und Glas – und wollen, dass das Motiv stimmt. Deshalb gehen wir die Quellen der Reihe nach durch: Wort, Edda, Snorri, Skaldenverse, Heldensagen, Funde und am Ende Wagner.
Das altnordische valkyrja (Mehrzahl valkyrjur) ist ein zusammengesetztes Wort. Der erste Teil, valr, bezeichnet die Gesamtheit der auf dem Schlachtfeld Gefallenen – „die Walstatt“, wie es im älteren Deutsch heißt. Der zweite Teil gehört zum Verb kjósa, „wählen, küren“. Unser deutsches „küren“ und „Kurfürst“ stammen aus derselben Wurzel. Eine Walküre ist also eine „Wählerin der Gefallenen“ oder „Wählerin der Erschlagenen“.
Spannend wird es bei der Frage, was sie eigentlich wählt. Die Quellen kennen zwei Spielarten: Einmal wählt die Walküre unter den bereits Toten diejenigen aus, die Odin in seine Halle holen will. Ein andermal entscheidet sie schon vorher, wer überhaupt fallen soll und wer siegt. Snorri Sturluson sagt es im 13. Jahrhundert ausdrücklich: Die Walküren „wählen den Tod der Männer und walten über den Sieg“. Damit rücken sie eng an die Nornen heran.
Das Wort ist nicht auf Skandinavien beschränkt: Im Altenglischen gibt es die Entsprechung wælcyrige (dazu unten mehr). Das spricht dafür, dass die Vorstellung älter ist als die Wikingerzeit. Unser deutsches „Walküre“ ist dagegen eine gelehrte Entlehnung aus dem Altnordischen, die erst durch Edda-Begeisterung und Wagner populär wurde.
Die berühmteste Namensliste steht in der Völuspá, der „Weissagung der Seherin“, dem ersten Lied der Lieder-Edda. Die Seherin erzählt Odin die Geschichte der Welt von der Schöpfung bis zum Untergang. Nach dem Mord an Balder und den ersten Zeichen des Unheils sieht sie die Walküren kommen – in den gängigen Ausgaben Strophe 30; manche Übersetzungen zählen anders, etwa als Strophe 24.
Sie sah Walküren, von weither gekommen, bereit zu reiten zum Volk der Goten. Skuld hielt den Schild, Skögul war die zweite, Gunnr, Hildr, Göndul und Geirskögul. Nun sind genannt die Mägde Herjans, bereit, über die Erde zu reiten, die Walküren.— Völuspá 30, eigene Übertragung nach dem altnordischen Text
„Herjan“ ist einer der vielen Beinamen Odins und bedeutet etwa „Heerführer“. Die Walküren sind also ausdrücklich seine Mägde. Auffällig ist der erste Name: Skuld – denselben Namen trägt auch die jüngste der drei Nornen. Dass eine Walküre und eine Schicksalsfrau denselben Namen haben, ist kein Versehen: Beide Gruppen „bestimmen“, die einen das Leben, die anderen den Tod im Kampf. Die übrigen Namen sind fast alle Kriegswörter: Gunnr und Hildr heißen schlicht „Kampf“, Geirskögul enthält geirr, „Speer“. Göndul wird meist mit gandr in Verbindung gebracht, einem Wort aus dem Bereich der Zauberei – die genaue Deutung ist umstritten.
Zur Einordnung: Die Völuspá ist im Codex Regius erhalten, einer isländischen Handschrift um 1270. Das Lied selbst wird oft um 1000 angesetzt, sicher datieren lässt es sich nicht.
Ein ganz anderes Bild zeichnet das Grímnismál, das „Lied von Grímnir“. Odin sitzt dort in Verkleidung zwischen zwei Feuern gefangen und offenbart in einer langen Rede die Ordnung der Götterwelt. Als er auf Walhall zu sprechen kommt, nennt er die Frauen, die dort dienen:
Hrist und Mist sollen mir das Horn bringen, Skeggjöld und Skögul, Hildr und Þrúðr, Hlökk und Herfjötur, Göll und Geirahöð, Randgríðr und Ráðgríðr und Reginleif – sie tragen den Einherjern das Bier.— Grímnismál 36, eigene Übertragung (bei Karl Simrock, gemeinfrei: „Hrist und Mist sollen das Horn mir reichen“)
Hier sind die Walküren keine Todesreiterinnen, sondern Gastgeberinnen. Sie füllen in der Halle der Gefallenen die Trinkgefäße der Einherjer, also der toten Krieger, die in Walhall auf die letzte Schlacht warten. Was sie dort ausschenken, nennt das Lied öl, Bier; an anderer Stelle der Edda fließt aus dem Euter der Ziege Heidrun der Met, der die Einherjer nie versiegen lässt. Die Namen dieser Strophe klingen allerdings nicht nach Tischdienst: Hrist deutet man als „die Schüttelnde“, Hlökk als „Lärm, Kampf“, Herfjötur als „Heeresfessel“ – eine Walküre, die Krieger im Kampf lähmt. Die genauen Bedeutungen sind teils unsicher; Rudolf Simek bespricht sie in seinem Lexikon der germanischen Mythologie einzeln.
Ein paar Strophen vorher (Grímnismál 14) steht ein Detail, das man leicht überliest: In Fólkvangr herrscht Freyja, und sie wählt jeden Tag die Hälfte der Gefallenen, die andere Hälfte gehört Odin. Bei Simrock heißt es: „Der Walstatt Hälfte wählt sie täglich.“ Freyja tut also genau das, was der Name der Walküren beschreibt. Manche Forscher sehen in ihr deshalb so etwas wie die oberste Walküre; belegen lässt sich diese Rangordnung aus den Quellen aber nicht.
Was die Lieder verstreut andeuten, bringt Snorri Sturluson um 1220 in seiner Prosa-Edda in eine Ordnung. Im Teil Gylfaginning („Gylfis Betörung“), Kapitel 36 nach der üblichen Zählung, zitiert er zunächst die Namensliste aus dem Grímnismál. Dann erklärt er: Diese Frauen heißen Walküren. Odin sendet sie zu jeder Schlacht. Sie wählen, wer fallen soll, und walten über den Sieg. Und er fügt einen Satz hinzu, der seither in keinem Walküren-Artikel fehlen darf: Gunnr und Róta und die jüngste Norn, die Skuld heißt, reiten stets aus, um die Gefallenen zu wählen und die Kämpfe zu entscheiden.
Wieder taucht Skuld auf, diesmal ausdrücklich als Norn und als Walküre. Róta ist ein Name, der in der Völuspá-Liste nicht vorkommt; er wird meist mit „Sturm, Aufruhr“ verbunden. Snorri war ein christlicher Gelehrter, der die alte Dichtung für junge Skalden systematisierte. Seine saubere „Walküren-Abteilung“ in Odins Haushalt ist zum Teil seine eigene Konstruktion; die Lieder sind widersprüchlicher.
Wer glaubt, Walküren seien liebliche Jungfrauen, sollte das Darraðarljóð lesen. Das Gedicht ist in Kapitel 157 der Njáls saga überliefert, einer isländischen Saga aus dem späten 13. Jahrhundert. Die Rahmenhandlung: Am Karfreitag des Jahres 1014 sieht ein Mann namens Dörruðr in Caithness im Norden Schottlands zwölf Reiterinnen zu einem Frauenhaus reiten. Er schaut durch einen Spalt und sieht, wie sie an einem Webstuhl arbeiten.
Und was für einer: Menschenköpfe dienen als Webgewichte, Gedärme als Kett- und Schussfäden, Schwerter und ein Pfeil als Webgerät. Während sie weben, singen die Frauen elf Strophen. Sie nennen sich selbst beim Namen – Hildr, Hjörþrimul, Sanngríðr, Svipul, Guðr und Göndul – und weben in das grausige Tuch den Ausgang einer Schlacht. Am Ende reißen sie das Gewebe herunter und reiten davon, nach der Saga sechs nach Süden, sechs nach Norden.
Die Schlacht, um die es geht, ist die Schlacht von Clontarf bei Dublin, ebenfalls am Karfreitag 1014. Dort standen der irische Hochkönig Brian Bóruma und ein Bündnis aus Leinster, Dublin und Kriegern von den Inseln einander gegenüber. Brian fiel, sein Heer siegte trotzdem. Ob das Darraðarljóð wirklich ein zeitgenössisches Lied auf diese Schlacht ist oder sich ursprünglich auf ein anderes Ereignis bezog, ist in der Forschung umstritten. Sicher ist nur: Der Sagaschreiber hat es mit Clontarf verbunden, und das Gedicht wirkt in seiner Sprache deutlich älter als die Saga.
Das Bild der weberischen Walküre zeigt, wie eng in der Vorstellung des Nordens Schicksal und Handarbeit zusammenhingen. Auch die Nornen „spinnen“ und „knüpfen“ das Schicksal. Weben war Frauenarbeit – und gerade deshalb ist das Bild so verstörend.
Die ältesten datierbaren Walküren-Szenen stehen in zwei Preisliedern auf tote Könige aus dem 10. Jahrhundert. Sie sind näher an der Wikingerzeit als fast alles andere, was wir über Walküren haben.
Die Eiríksmál entstanden wohl kurz nach dem Tod von Erik Blutaxt, der um 954 in England fiel; der Dichter ist unbekannt. Odin erwacht im Lied aus einem Traum und befiehlt, Walhall für einen hohen Gast herzurichten: Die Einherjer sollen die Bänke bereiten, die Walküren Wein tragen, als käme ein König.
Noch eindrücklicher sind die Hákonarmál, die Eyvindr skáldaspillir auf König Hákon den Guten dichtete, der um 961 nach der Schlacht bei Fitjar starb. Odin schickt zwei Walküren, Göndul und Skögul, um unter den Königen zu wählen, wer zu ihm kommen soll. Göndul steht auf ihren Speer gestützt, die beiden sitzen hoch zu Ross mit Helm und Schild. Hákon hört ihr Gespräch und fragt, warum sie ihm den Sieg so verteilt hätten, wo er doch Besseres verdient habe. Skögul antwortet sinngemäß: Wir haben dafür gesorgt, dass du das Feld behieltest und deine Feinde flohen. Dann reitet sie voraus nach Walhall, um den König anzukündigen.
Diese Szene ist ein Schlüssel zum Verständnis: Der König gewinnt die Schlacht und stirbt trotzdem. Sieg und Tod sind kein Widerspruch – die Walküre gewährt beides. Bemerkenswert: Hákon war getauft – und der Dichter holt ihn trotzdem in Odins Halle.
In den Heldenliedern der Edda geschieht etwas Merkwürdiges. Die Walküren bekommen Väter, Gesichter und Gefühle. Sie sind Königstöchter, die als Schildmädchen reiten – und sie verlieben sich in sterbliche Helden.
Sváva erscheint in der Helgakviða Hjörvarðssonar. Sie gibt dem schweigsamen, namenlosen Königssohn Helgi seinen Namen und zeigt ihm ein Schwert. Später schützt sie ihn in seinen Kämpfen. In derselben Dichtung steht eine der schönsten Walküren-Strophen überhaupt: Dreimal neun Mädchen reiten, eine reitet voraus, weiß unter dem Helm; von den Mähnen ihrer Pferde fällt Tau in tiefe Täler und Hagel auf hohe Bäume. Kampf und Fruchtbarkeit in einem Bild.
Sigrún ist die Walküre der beiden Lieder über Helgi Hundingsbani. Sie liebt Helgi gegen den Willen ihres Vaters, der sie einem anderen versprochen hat. Helgi tötet im Kampf um sie Vater und Bruder – und wird später selbst von einem Bruder Sigrúns ermordet. Die berühmteste Szene: Sigrún steigt in Helgis Grabhügel, um noch eine Nacht beim Toten zu verbringen. Seine Haare sind voller Reif, seine Hände kalt, seine Wunden bluten. Die ganze Geschichte erzählen wir in Helgi und Sigrún – die Walküre am Grabhügel. Eine Prosanotiz der Edda behauptet übrigens, Helgi und Sigrún seien die Wiedergeburt von Helgi und Sváva gewesen – ein seltener Hinweis auf Wiedergeburtsvorstellungen im Norden, wobei der Schreiber selbst einräumt, das sei „alter Glaube“ gewesen.
Die bekannteste Walküre ist Brynhild. Im Sigrdrífumál findet der Held Sigurd auf einem Berg eine schlafende Gestalt in voller Rüstung und schneidet ihr die Brünne auf. Die Erwachte nennt sich Sigrdrífa. Sie erzählt, Odin habe sie mit dem Schlafdorn gestochen, weil sie in einem Kampf eigenmächtig dem falschen König den Sieg gab und den anderen, den Odin begünstigte, fallen ließ. Zur Strafe soll sie heiraten – und sie schwor, nur einen Mann zu nehmen, der keine Furcht kennt. Dann lehrt sie Sigurd Runenweisheit. Die Völsunga saga setzt Sigrdrífa mit Brynhild gleich; ob das in der älteren Überlieferung schon so war, ist umstritten.
Diese Walküren widersetzen sich Odin, lieben, leiden und sterben. Viele Forscher sehen darin eine eigene Traditionslinie – die kriegerische Königstochter –, die mit der mythischen Walküre verschmolzen wurde. Mit der Frage nach realen Kriegerinnen haben diese Lieder wenig zu tun.
Eine weitere Spielart steht in der Völundarkviða, dem Lied von Völund dem Schmied. Drei Brüder finden am Ufer eines Sees drei Frauen, die Flachs spinnen. Neben ihnen liegen ihre Schwanenhemden. Die Prosaeinleitung nennt sie Hlaðguðr Svanhvít, Hervör Alvitr und Ölrún und sagt ausdrücklich: Sie waren Walküren. Sieben Winter leben sie mit den Brüdern, dann sehnen sie sich fort und fliegen davon, um nach Kämpfen zu sehen. Die Brüder bleiben allein zurück.
Das Motiv der Schwanenjungfrau, die ihr Federkleid ablegt und einen Menschen heiratet, ist weltweit verbreitet. Im Norden wurde es mit den Walküren verknüpft – eine Wurzel späterer „geflügelter“ Walküren, nur dass die Edda Schwanenhemden meint, keine Engelsflügel.
Gibt es Walküren auch außerhalb der Texte? Die Archäologie liefert eine Gruppe von Bildern, die man seit langem mit ihnen verbindet: kleine Figuren und Anhänger aus Silber oder Bronze, die eine Frau mit langem, schleppendem Gewand und kunstvoll geknotetem Haar zeigen, meist im Profil, oft mit einem Trinkhorn in der ausgestreckten Hand. Solche Anhänger kennt man aus Skandinavien in größerer Zahl, unter anderem aus Gräbern in Birka im Mälarsee. Auf gotländischen Bildsteinen wie dem Stein von Tjängvide begrüßt eine Frau mit Horn einen Reiter – häufig gedeutet als Ankunft eines Toten in Walhall.
Die Verbindung zur Literatur liegt nahe – Grímnismál 36 und die Eiríksmál lassen Walküren das Horn reichen. Sicher ist sie nicht: Eine Frau mit Horn kann auch eine Hausherrin beim Willkommenstrunk oder eine Göttin wie Freyja sein. Das Reichen des Horns war in der Halle eine reale Aufgabe ranghoher Frauen.
2012 kam ein besonders bemerkenswerter Fund hinzu: die Figur von Hårby auf Fünen. Ein Amateurarchäologe fand mit dem Metalldetektor eine nur 3,4 Zentimeter hohe, vollplastische Figur aus vergoldetem Silber mit Niello-Einlagen, die um 800 datiert wird. Sie zeigt eine Frau in langem, gemustertem Kleid mit Haarknoten im Nacken – und sie trägt ein Schwert in der rechten und einen Rundschild in der linken Hand. Sie gehört heute dem Dänischen Nationalmuseum.
Vorsicht auch beim Grab Bj 581 aus Birka: Seit einer DNA-Studie von 2017 ist dort eine Frau mit reicher Waffenausstattung nachgewiesen, und Schlagzeilen sprachen vom „Walküren-Grab“. Ob dort eine Kriegerin lag, wird diskutiert – mit der mythischen Walküre hat das Grab nichts zu tun.
Ein Seitenblick nach England lohnt sich. Das Altenglische kennt das Wort wælcyrige bzw. wælcyrge, die genaue Entsprechung zu valkyrja. Es taucht aber nicht in Heldenliedern auf, sondern vor allem in Glossen: Gelehrte Mönche übersetzten damit lateinische Wörter wie Bellona (die römische Kriegsgöttin) oder die Erinyen, die Rachegöttinnen der griechischen Sage.
Besonders interessant ist eine Stelle bei Erzbischof Wulfstan von York. In seiner Predigt Sermo Lupi ad Anglos, deren längere Fassung auf 1014 datiert wird – also auf dasselbe Jahr wie Clontarf –, zählt er die Sünder auf, die England ins Unglück stürzen. Darunter nennt er neben Mördern und Meineidigen auch wiccan and wælcyrian, „Hexen und Walküren“. Gemeint sind offenbar lebende Frauen, denen man Zauberei vorwarf – aus der Schlachtwählerin war im christlichen England eine Unheilstifterin geworden.
Ein kontinentales Echo findet man womöglich in den Merseburger Zaubersprüchen aus dem 10. Jahrhundert. Dort lassen sich die idisi nieder, „hefteten Hafte“, hemmten das Heer und lösten Fesseln. Das erinnert stark an die Walküre Herfjötur, die „Heeresfessel“. Ob die idisi Walküren sind oder eher den Disen entsprechen, ist offen – die Ähnlichkeit ist aber zu auffällig, um sie zu übergehen.
Wenn heute jemand „Walküre“ hört, denkt er selten an die Völuspá. Er hört Musik. Richard Wagners Oper Die Walküre, der zweite Teil seines Zyklus Der Ring des Nibelungen, wurde am 26. Juni 1870 in München uraufgeführt – auf Betreiben König Ludwigs II. und gegen Wagners Willen, der den ganzen Ring geschlossen zeigen wollte. Der erste vollständige Ring folgte 1876 in Bayreuth.
Wagner mischte frei: Seine Brünnhilde ist Wotans Lieblingstochter, ungehorsam aus Mitgefühl, zur Strafe in Schlaf versenkt und von einem Feuerring umgeben. Das geht auf Sigrdrífumál und Völsunga saga zurück, aber auch auf das deutsche Nibelungenlied, in dem Brünhild gar keine Walküre ist, sondern eine kraftstrotzende Königin auf Island. Der berühmte „Walkürenritt“ eröffnet den dritten Akt: acht Walküren sammeln sich auf einem Felsen, mit erschlagenen Helden über den Sätteln.
Bühnenkostüme des 19. Jahrhunderts und Gemälde wie die von Peter Nicolai Arbo prägten das heutige Bild aus Poster, Spiel und Film: wallendes Haar, Brustpanzer, Flügelhelm, weißes Ross im Sturm. Großartiges Theater – mit den Quellen hat es nur noch locker zu tun.
Die Edda und die Namenslisten der Snorra Edda (Þulur) überliefern gut zwei Dutzend Walküren-Namen. Eine Auswahl mit üblicher, nicht immer gesicherter Deutung:
Todesbotin, Gastgeberin, Schicksalsweberin, Liebende: Gerade diese Vielschichtigkeit ist für uns als Werkstatt der Grund, warum wir das Motiv so gern umsetzen: nicht als Comic-Kriegerin, sondern als Gestalt aus den Quellen – mit Speer, Schild und Trinkhorn. Wer fiel, war gewählt. Wer gewählt war, wurde in Odins Halle mit dem Horn begrüßt.


Was bedeutet Walküre? Das altnordische valkyrja bedeutet „Wählerin der Gefallenen“. Es setzt sich aus valr („die Gefallenen auf dem Schlachtfeld“) und kjósa („wählen, küren“) zusammen.
Was machen Walküren in der nordischen Mythologie? Sie bestimmen im Auftrag Odins, wer in der Schlacht fällt und wer siegt, und bringen die Erwählten nach Walhall. Dort reichen sie den Einherjern das Trinkhorn.
Wie heißen die Walküren? Bekannte Namen sind Hildr, Gunnr, Skögul, Göndul, Skuld, Hrist, Mist, Þrúðr und Reginleif. Die wichtigsten Listen stehen in Völuspá 30, Grímnismál 36 und bei Snorri in Gylfaginning 36.
Ist Brünhild eine Walküre? In der nordischen Überlieferung ja: Die Völsunga saga setzt Brynhild mit der Walküre Sigrdrífa gleich, die Odin mit dem Schlafdorn bestrafte. Im deutschen Nibelungenlied ist Brünhild dagegen eine Königin auf Island, keine Walküre.
Hatten Walküren Flügel? Nein. Die Quellen kennen Walküren in Helm und Brünne zu Pferd und als Schwanenjungfrauen mit Federkleid. Geflügelte Walküren und Flügelhelme stammen aus der Kunst und Oper des 19. Jahrhunderts.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
Walhall · Odin · Sigurd · Das Götter-Pantheon.
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