Der Skaldenmet macht jeden, der ihn trinkt, zum Dichter oder Weisen. Er liegt tief im Berg, bewacht von der Riesentochter Gunnlöd. Doch bevor Odin ihn stiehlt, hat der Trank schon eine blutige Reise hinter sich – aus einem Friedenszeichen der Götter geboren, durch zwei Zwergenmorde bis in den Fels getragen. Eine Geschichte von Weisheit, Gier, List und einem gebrochenen Eid, deren dunkle Seite die Quellen nicht verschweigen.
Am Anfang steht kein Mord, sondern ein Friedensschluss. Asen und Wanen, die beiden Göttergeschlechter, hatten lange Krieg geführt. Als sie endlich Frieden schlossen, besiegelten sie ihn auf die älteste Weise der Welt: Beide Seiten spuckten in einen großen Kessel. Damit nichts von diesem Zeichen der Versöhnung verloren ging, formten die Götter aus dem Speichel ein lebendiges Wesen – und nannten es Kvasir.
So entsteht in der Snorra-Edda der weiseste Mann, den es je gab: geboren aus dem, was zwei verfeindete Mächte gemeinsam gaben. Schon hier liegt die stille Ironie der ganzen Sage – die kostbarste Gabe der Welt beginnt als Spucke in einem Topf.
Kvasir zog durch die Welt und lehrte die Menschen Weisheit. Es gab keine Frage, auf die er keine Antwort wusste; wo er auftrat, verstummten die Klugen und hörten zu. Für ein Volk, dem das treffende Wort mehr galt als Gold, war er das Ideal in Person: einer, der die Dinge beim Namen nannte und jeden Streit mit einem einzigen Satz schlichten konnte.
Doch gerade seine Offenheit wurde ihm zum Verhängnis. Kvasir vertraute den Menschen und ging überall ein und aus – auch dorthin, wo man es nicht gut mit ihm meinte.
Die Zwerge Fjalar und Galar luden Kvasir zu sich ein, als wollten sie von seiner Weisheit lernen. Kaum war er in ihrer Höhle, erschlugen sie ihn. Sein Blut fingen sie in drei Gefäßen auf – im Kessel Óðrœrir („der die Sinne erregt") und den beiden Krügen Boðn und Són – und mischten es mit Honig. Daraus gor der Skaldenmet: der Trank, der jeden, der davon kostet, zum Dichter oder Gelehrten macht.
Den Göttern erzählten die Zwerge kaltblütig, Kvasir sei an seiner eigenen Weisheit erstickt – niemand sei klug genug gewesen, ihm die richtigen Fragen zu stellen. Eine Lüge, so dreist wie die Tat. Die Weisheit der Welt war zu einem Getränk geworden, und es lag in den Händen von Mördern.
Fjalar und Galar blieben nicht bei diesem einen Mord. Sie luden den Riesen Gilling und seine Frau ein, lockten den Riesen aufs Meer hinaus und ließen das Boot kentern; Gilling, der nicht schwimmen konnte, ertrank. Als seine Frau um ihn klagte, erschlug einer der Zwerge sie im Türrahmen mit einem Mühlstein, den er von oben herabfallen ließ. Zwerge, so scheint es, kannten in dieser Geschichte keine Grenze.
Doch diesmal folgte die Rache. Gillings Sohn, der Riese Suttungr, packte die beiden, ruderte sie auf eine Schäre mitten im Meer und setzte sie dort aus, wo die Flut sie ertränken würde. Um ihr Leben zu retten, boten die Zwerge das Einzige an, was einen Riesen locken konnte: den Skaldenmet. Suttung nahm den Trank, verschonte sie – und trug den Met heim in den Berg Hnitbjörg. Dort setzte er seine Tochter Gunnlöd als Wächterin über die drei Gefäße. So kam die Weisheit der Götter, durch Blut und Verrat gewandert, in die Hut einer Riesin.
Für die Nordmänner war das keine Nebensache. Dichtung galt als Gottesgabe, als das Werkzeug, mit dem man Ruhm über den Tod hinaus schuf. Wer den Met besaß, besaß die Macht der Worte – und damit über den Nachruhm, die einzige Unsterblichkeit, an die dieses Volk glaubte. Kein Wunder, dass ausgerechnet Odin, der Gott der Weisheit und der Dichtung, ihn haben wollte. Und kein Wunder, dass er dafür fast jeden Preis zu zahlen bereit war.
Der Allvater bricht auf, doch nicht in Göttergestalt. Er nennt sich Bölverkr, was ungefähr Übeltäter bedeutet, und kommt zunächst zu Suttungs Bruder Baugi. Dort findet er neun Knechte, die gerade ihre Sensen wetzen. Bölverkr bietet an, sie zu schärfen, und tut es so gut, dass die neun sich um den Wetzstein streiten und einander mit den Sensen erschlagen. Es ist ein kalter, berechneter Auftakt.
Nun verdingt sich Bölverkr bei Baugi und leistet den ganzen Sommer die Arbeit von neun Männern. Als Lohn fordert er keinen Silberschatz, sondern einen einzigen Trunk vom Met seines Bruders Suttung. Baugi ist einverstanden, doch Suttung rückt nichts heraus. Also müssen die beiden zur List greifen.
Baugi nimmt den Bohrer Rati und bohrt ein Loch in den Fels des Hnitbjörg. Odin verwandelt sich in eine Schlange und kriecht durch die enge Öffnung ins Innere des Berges. Dort, im Herzen des Steins, trifft er auf Gunnlöd, die Wächterin des Mets. Drei Nächte bleibt er bei ihr.
Für diese drei Nächte gewährt sie ihm drei Schluck. Doch Odin leert mit jedem Schluck ein ganzes Gefäß. In drei Zügen trinkt er Odrörir, Bodn und Son leer. Dann verwandelt er sich in einen Adler und fliegt davon, den ganzen Met in seinem Leib. Von der Verführung, mit der er Gunnlöd gewann, spricht das alte Lied ohne Beschönigung.
Ihr Herz betrog ich, die gute Maid, und lohnte ihr Vertrauen schlecht.nach Havamal, gemeinfreie Übersetzungstradition
Suttung merkt den Diebstahl, nimmt selbst Adlergestalt an und jagt hinter Odin her. Es wird ein Wettflug um das Kostbarste, was die Welt kennt. Als Odin Asgard erreicht, haben die Götter Gefäße bereitgestellt, und er speit den Met hinein.
In der Hast aber geht ein wenig nach hinten daneben. Diesen unwürdigen Rest, so heisst es augenzwinkernd, darf sich jeder holen, der will - er ist der Anteil der schlechten Dichter. Der grosse, echte Met bleibt bei den Göttern und wird an Menschen ausgeteilt, die die Gabe der Dichtung verdienen. So erklären die Nordmänner, warum manche Verse zum Himmel steigen und andere nur Gestammel bleiben.
Man könnte den Raub als heroische Tat feiern, und lange wurde er auch so gelesen. Doch die Quelle selbst ist ehrlicher. Im Havamal gibt Odin zu, dass er Gunnlöds Vertrauen missbraucht und sie schlecht belohnt hat. Er hat einen Eid gebrochen, eine Riesin verführt und den Met gestohlen - und er weiss es. Der Gott der Weisheit ist zugleich der Gott der List, und die alten Texte verschweigen das nicht.
Wer mehr über diese Doppelnatur wissen will, findet sie in unserem Porträt von Odin wieder. Sie macht ihn menschlicher und gefährlicher zugleich. Der Preis der Dichtung war offenbar nicht nur Kvasirs Blut, sondern auch Gunnlöds enttäuschtes Herz.
Die Grundzüge - Odin gewinnt den Skaldenmet bei Gunnlöd im Berg, verbringt drei Nächte, leert drei Gefäße und flieht als Adler, verfolgt von Suttung - stehen im Havamal (Strophen 104 bis 110) und ausführlicher bei Snorri im Skaldskaparmal. Das Havamal gibt selbst zu, dass Odin Gunnlöd übel lohnte. Gemeinfreie Überlieferung.
Die Namen Kvasir, Fjalar und Galar sowie die Herkunft des Mets aus Blut und Honig sind vor allem Snorris Ausgestaltung im Skaldskaparmal; das ältere Havamal deutet den Raub nur an. Odins Handeln ist moralisch nicht sauber - Eidbruch und Verführung gehören zur Geschichte, nicht als spätere Kritik, sondern im Text selbst.

Kvasir & der Dichtermet · Odin · Bragi – Gott der Dichtkunst · Met – der Göttertrank · Die Edda.