Das Julfest (altnordisch jól) war das große Mittwinterfest des vorchristlichen Nordens: drei Nächte mit Bier, Opfermahl, Trinksprüchen und feierlichen Gelübden, gefeiert in der dunkelsten Zeit des Jahres. Wann genau es lag, ist umstritten – wahrscheinlich nicht exakt zur Sonnenwende. Sicher ist: König Hákon der Gute legte es im 10. Jahrhundert auf den Termin des christlichen Weihnachtsfestes, und deshalb heißt Weihnachten in Skandinavien bis heute jul. Hier liest du, was die Quellen wirklich hergeben – und welche „uralten“ Julbräuche erstaunlich jung sind.
Stell dir eine Halle im Trøndelag vor, irgendwann im 10. Jahrhundert. Draußen ist es nachmittags stockdunkel, drinnen stehen die Bauern mit verschränkten Armen vor ihrem König. Sie wollen, dass er Pferdefleisch isst. Er will nicht. Der König ist Christ, die Bauern sind es nicht. Diese Szene steht – mit allen Vorbehalten gegenüber einem Text des 13. Jahrhunderts – in der Heimskringla. Und sie zeigt besser als jede Romantik, worum es bei Jul ging: um Gemeinschaft, Ernte und Frieden, um Bier – und um die Frage, wem man dient.
Wir schauen genau hin: Was sagen Wörter, Gesetze und Sagas – und was hat erst das 19. Jahrhundert dazugedichtet?
Das Wort ist der älteste Zeuge, den wir haben. Altnordisch jól ist ein Pluralwort – ein Festzeitraum, kein einzelner Tag. Sprachwissenschaftler führen es meist auf eine germanische Grundform wie *jehwla- zurück, deren Herkunft offen ist. Jacob Grimm dachte an das „Rad“ des Jahres – lautlich kaum haltbar. Anatoly Liberman hält eine Verbindung zu einem Wort für „Festlichkeit, Spaß“ für plausibler. Wer dir „Jul bedeutet Sonnenrad“ als Tatsache verkauft, verkauft eine Hypothese des 19. Jahrhunderts.
Spannend ist, wie weit das Wort zurückreicht. Der älteste Beleg stammt nicht aus Skandinavien, sondern aus einem gotischen Kalenderfragment des 4. oder 5. Jahrhunderts, erhalten im sogenannten Codex Ambrosianus in Mailand. Dort heißt der November fruma jiuleis – „der Monat vor dem Jul“. Damit ist klar: Schon bei den Goten gab es einen Zeitabschnitt namens Jul, und er lag um den Jahreswechsel. Auch das Finnische hat das Wort früh entlehnt: juhla heißt dort schlicht „Fest“, und das finnische Weihnachten, joulu, ist eine spätere Rückentlehnung aus dem Nordischen.
Den zweiten großen Beleg verdanken wir einem Mönch aus Northumbria. Beda Venerabilis schrieb um 725 ein Lehrbuch über die Zeitrechnung, De temporum ratione. Im 15. Kapitel erklärt er die alten Monatsnamen der heidnischen Angelsachsen – und er nennt Dezember und Januar gemeinsam Giuli. Die beiden Monate, so Beda sinngemäß, hätten ihren Namen von der Wende der Sonne, ab der die Tage wieder länger werden; der eine liege davor, der andere danach. In späteren altenglischen Texten heißen sie Ærra Geola und Æfterra Geola, „früherer“ und „späterer Jul-Monat“.
Im gleichen Kapitel steht ein Satz, der bis heute Fantasien beflügelt: Die heidnischen Angeln hätten ihr Jahr an dem Tag begonnen, an dem „wir jetzt die Geburt des Herrn feiern“, und diese Nacht Modranecht genannt, „Mütternacht“. Welche Mütter – Göttinnen, Dísen, Matronen? – sagt Beda nicht. Und er schreibt rund hundert Jahre nach der Bekehrung über eine Praxis, die er nie gesehen hat.
Im Norden selbst kennen die mittelalterlichen isländischen Kalender sogar zwei Monate mit Jul im Namen: Ýlir (etwa Mitte November bis Mitte Dezember) und Jólmánuðr, den Julmonat, der bis in den Januar reichte. Mehr zur Einteilung des Jahres findest du in unserem Überblick über die germanischen Feste.
Hier wird es knifflig, und hier irrt die Popkultur am häufigsten. Viele setzen Jul einfach mit der Wintersonnenwende am 21. Dezember gleich. Beda verbindet den Namen tatsächlich mit der Sonnenwende – aber als Erklärung eines Monatsnamens, nicht als Festdatum. Die nordischen Quellen sprechen dagegen von miðsvetr, „Mittwinter“, und das ist im altnordischen Kalender nicht der astronomische Wendepunkt, sondern die Mitte des Winterhalbjahres, das mit den Winternächten Mitte Oktober begann. Mittwinter liegt nach dieser Rechnung eher Mitte Januar.
Der schwedische Religionshistoriker Andreas Nordberg hat 2006 vorgeschlagen, das heidnische Jul sei beim Vollmond des ersten Mondmonats nach der Wintersonnenwende gefeiert worden, also zwischen Anfang Januar und Anfang Februar. Ein Indiz liefert Thietmar von Merseburg: Er berichtet um 1015 von einem Opferfest im dänischen Lejre, das alle neun Jahre im Januar stattfand, nach dem Fest der Erscheinung des Herrn. Nordbergs Modell ist gut begründet, aber nicht unumstritten. Sicher ist nur: Jul lag in der dunkelsten Jahreszeit, wahrscheinlich etwas nach der Sonnenwende. Zur Sonnenwende als eigenem Brauch lies unseren Beitrag über die Sonnenwendfeiern.
Die wichtigste Erzählquelle zum Jul steht in der Hákonar saga góða, der Saga von Hákon dem Guten, einem Teil der Heimskringla, die Snorri Sturluson um 1230 aufschrieb. Hákon, ein Sohn Harald Schönhaars, war am Hof des englischen Königs Æthelstan christlich erzogen worden und regierte Norwegen etwa von 934 bis 961. Sein Problem: Das Land war heidnisch, die mächtigen Bauern im Trøndelag erst recht.
In dem Kapitel über Hákons Christentum (Kap. 13 in der isländischen Standardausgabe, Kap. 15 in der alten englischen Übersetzung von Samuel Laing) erzählt Snorri, der König habe ein Gesetz erlassen: Das Julfest solle zur selben Zeit beginnen wie bei den Christen. Jeder Haushalt musste dazu ein festgelegtes Maß Malz zu Bier brauen und Jul halten, solange das Bier reichte – bei Strafe. Früher, so Snorri, habe Jul mit der hǫkunótt (Hökunacht) begonnen, und das sei die Mittwinternacht gewesen; man habe drei Nächte lang Jul gehalten.
Das Wort hǫkunótt taucht in der gesamten altnordischen Literatur nur an dieser einen Stelle auf. Was es bedeutet, ist unklar. Eine verbreitete Vermutung verbindet es mit hǫggva, „hauen, schlachten“ – die Schlachtnacht also, in der die Tiere für das Festmahl getötet wurden. Laing übersetzte 1844 entsprechend „slaughter night“. Belegen lässt sich das nicht, aber es passt zu allem, was wir über das Fest wissen: Mitten im Winter, wenn Futter knapp wurde, schlachtete man und feierte mit dem Fleisch.
Hákons Bier-Gesetz hallt nach. Die mittelalterlichen norwegischen Landschaftsrechte, etwa das Gulathingsrecht, verpflichten die Bauern, sich zu Gemeinschaften zusammenzutun und Bier zu brauen, das zu Weihnachten „Christus und der heiligen Maria“ geweiht werden soll – til árs ok friðar, für ein gutes Jahr und Frieden. Genau diese Formel kennen wir aus den heidnischen Opfertrinksprüchen. Die Kirche hat das Julbier also nicht abgeschafft, sondern umgetauft. Mehr zum Brauen selbst steht in unserem Beitrag Bier & Brauen bei den Wikingern.
Gleich im Anschluss beschreibt Snorri, wie ein Opferfest (blót) ablief. Die Bauern kamen zum Tempel und brachten Bier und Lebensmittel mit. Geschlachtet wurden Vieh aller Art und auch Pferde. Das Blut hieß hlaut; mit Zweigen, den hlautteinar, besprengte man die Altäre, die Wände und die Menschen. Das Fleisch kochte man in Kesseln über Feuern in der Mitte der Halle. Dann segnete der Festherr die Becher: zuerst Odins Becher für Sieg und Macht des Königs, dann die Becher für Njörd und Freyr til árs ok friðar. Danach tranken viele den bragafull, den Becher des Häuptlings, und zuletzt die minni, die Gedenkbecher für die verstorbenen Verwandten.
Wichtig: Snorri beschreibt hier ein Opferfest allgemein, nicht ausdrücklich das Julfest. Und er schreibt als gebildeter Christ des 13. Jahrhunderts, der vieles rekonstruiert. Einzelheiten wie der große Tempel sind in der Forschung umstritten; die Archäologie zeigt eher Kulthallen auf Herrenhöfen als freistehende Tempel (dazu mehr bei den Blót-Orten). Die Grundzüge – Schlachtung, gemeinsames Mahl, Trinksprüche, Gedenken an die Toten – decken sich aber mit anderen Quellen.
Dann kommt die Szene vom Anfang. Bei einem Herbstopfer in Hlaðir (Lade bei Trondheim), dem Sitz des mächtigen Jarls Sigurd, drängen die Bauern den König, vom Pferdefleisch zu essen. Pferdefleisch galt den Christen als Erkennungszeichen des Heidentums; später verbot die Kirche seinen Verzehr ausdrücklich. Hákon weigert sich, auch die Brühe will er nicht trinken. Sigurd rettet die Lage mit einem Kompromiss: Der König hält den Mund über den fettigen Henkel des Kessels, ohne etwas zu essen. Als Hákon dann über Odins Becher das Kreuzzeichen macht, murren die Bauern – und Sigurd erklärt listig, der König habe das Zeichen von Thors Hammer über das Bier gemacht.
Der Kompromiss hält nicht lange. Im folgenden Winter richtet der König ein Julfest in Mærin (Mære im inneren Trøndelag) aus. Acht Häuptlinge haben sich verabredet, den König zum Opfer zu zwingen. Diesmal isst Hákon ein paar Bissen Pferdeleber und trinkt die Becher, ohne das Kreuz zu schlagen. Für einen getauften König eine Demütigung – und ein Lehrstück darüber, dass Jul im 10. Jahrhundert keine private Familienfeier war, sondern Politik.
Snorri schreibt spät. Gibt es ältere Stimmen? Ja – und sie reden vor allem vom Trinken. In den Haraldskvæði (auch Hrafnsmál), einem Preislied auf Harald Schönhaar, das Þorbjörn hornklofi um 900 gedichtet haben soll, heißt es sinngemäß, der kühne Fürst wolle draußen auf See „Jul trinken“ und Freys leikr, „Freys Spiel“, betreiben. Drekka jól, „Jul trinken“, ist der altnordische Ausdruck für „Jul feiern“. Was „Freys Spiel“ meint – ein Kultritual oder eine Umschreibung für den Kampf –, ist umstritten.
Auch die norwegische Königsgeschichte Ágrip af Nóregs konunga sögum (um 1190) hat etwas beizutragen. Sie erzählt, König Olaf Tryggvason habe Opfer und Opfergelage abgeschafft und an ihre Stelle die christlichen Festtrinken zu Jul, Ostern und anderen Kirchenfesten gesetzt. Dieselbe Quelle meint, das Wort jól komme von Jólnir, einem Namen Odins. Die Forschung sieht es umgekehrt: Nicht das Fest ist nach Odin benannt, sondern Odin trägt einen Beinamen nach dem Fest, „der zum Jul Gehörige“. Der Skalde Eyvindr skáldaspillir nennt die Götter im 10. Jahrhundert sogar insgesamt jólnar – die „Jul-Wesen“.
Jul war also ein Fest für die Götter allgemein, mit besonderem Gewicht auf den Wanen Njörd und Freyr, die für Fruchtbarkeit und gutes Jahr standen, und auf Odin als Herrn über Sieg, Dichtung und Tote. Wer Jul als „Fest des Sonnengottes“ beschreibt, findet dafür in den nordischen Quellen keine Stütze – einen Sonnengott, der im Mittelpunkt stünde, kennen sie gar nicht.
Das vielleicht eindrucksvollste Julritual ist die heitstrenging, das feierliche Gelübde. Man stand auf, hob den Becher und schwor, im kommenden Jahr eine bestimmte Tat zu vollbringen. Wer es nicht tat, war ehrlos. Zwei Quellen verbinden diese Gelübde ausdrücklich mit dem Julabend und mit einem besonderen Tier: dem sónargöltr, einem Eber, dessen Name meist als „Sühne-“ oder „Opfereber“ gedeutet wird, ohne dass die Etymologie gesichert wäre.
Die erste ist die Prosa zur Helgakviða Hjörvarðssonar, einem Heldenlied der Lieder-Edda. Henry Adams Bellows hat sie 1923 so übersetzt:
„Hethin was coming home alone from the forest one Yule-eve, and found a troll-woman … That evening the great vows were taken; the sacred boar was brought in, the men laid their hands thereon, and took their vows at the king's toast.“Helgakviða Hjörvarðssonar, Prosa nach Str. 30, übers. H. A. Bellows (1923)
Heðinn, Helgis Bruder, hat die Trollfrau abgewiesen; sie verflucht ihn, er werde beim Königsbecher dafür büßen. Und tatsächlich: Am Abend schwört er, Sváva zu gewinnen, die Geliebte seines eigenen Bruders. Sofort packt ihn die Reue. Was am Julabend über dem Eber gesagt war, ließ sich nicht zurücknehmen.
Die zweite Quelle ist die Hervarar saga ok Heiðreks. König Heiðrekr lässt einen gewaltigen Eber aufziehen. Am Julabend wird er in die Halle geführt, die Männer legen die Hände auf seine Borsten und leisten ihre Gelübde. Eine Handschriftengruppe fügt hinzu, der Eber sei Freyr geweiht gewesen und anschließend geopfert worden. Der Eber passt hervorragend ins Bild: Er ist das Tier Freyrs, wie der goldene Gullinbursti, und er ist das Festtier des Nordens schlechthin. Mehr dazu in unserem Beitrag Der Eber in der nordischen Welt.
Beide Texte sind Literatur des 13. Jahrhunderts über sagenhafte Vorzeit. Sie beweisen nicht, dass jeder Hof am Julabend einen Eber in die Stube führte – wohl aber, dass man Jul selbstverständlich mit Bier, Gelübde und Eber verband.
Jul war nicht nur ein Fest der Lebenden. Der Gedenkbecher, die minni, gehört zu jedem Opfermahl, und die dunkle Mittwinterzeit galt im Volksglauben vieler Gegenden als Zeit, in der die Toten unterwegs sind. Wie weit das in die Wikingerzeit zurückreicht, ist schwer zu sagen; die meisten Belege stammen aus der Volkskunde der Neuzeit. Wir haben dem Thema einen eigenen Beitrag gewidmet: Ahnenverehrung zu Jul.
In Norwegen erzählte man noch im 19. Jahrhundert von der Oskoreia, einem lärmenden Geisterzug, der zur Julzeit über das Land fegt und Pferde aus den Ställen reitet. In Deutschland kennt man ähnliche Vorstellungen als Wütendes Heer oder Wilde Jagd in den Rauhnächten zwischen Weihnachten und Dreikönig. Jacob Grimm hat daraus im 19. Jahrhundert ein großes Bild von Odin als Anführer des Totenheeres gemacht. Die Verbindung ist reizvoll, aber eine Rekonstruktion – die Einzelheiten liest du in unserem Beitrag über die Wilde Jagd.
Ganz eigene Wege ging Island. Dort bevölkern die Trollfrau Grýla und ihre dreizehn Söhne, die Jólasveinar, die Weihnachtszeit; ab dem 12. Dezember kommt jede Nacht einer aus den Bergen, stiehlt Würste oder knallt Türen. Mit Weihnachten verbunden wird Grýla erst ab dem 17. Jahrhundert, die heutigen dreizehn Namen festigte das Gedicht von Jóhannes úr Kötlum (1932). Mehr in Grýla & die Jólasveinar und zur Weihnachtskatze in Jólakötturinn.
Jetzt zu den Figuren, die gern als „Wikingerbrauch“ verkauft werden.
Der Julbock. Der Ziegenbock aus Stroh, mit roten Bändern umwickelt, ist das Wahrzeichen des schwedischen Weihnachtens. Der berühmteste steht seit 1966 in Gävle und wird mit schöner Regelmäßigkeit angezündet. Schriftlich greifbar wird der Julbock erst im 16. und 17. Jahrhundert, damals als Verkleidung: Junge Leute zogen als Böcke maskiert von Hof zu Hof, forderten Essen und Trinken und trieben Schabernack – der norwegische julebukk-Brauch lebt davon noch heute. Im 19. Jahrhundert brachte vielerorts ein als Bock verkleidetes Familienmitglied die Geschenke; in Finnland heißt der Weihnachtsmann bis heute Joulupukki, „Julbock“.
Der Julklapp. Das schwedische Wort ist seit 1741 belegt und meint ursprünglich das „Klopfen“ an der Tür: Man pochte, schob ein kleines Geschenk – oft mit einem neckischen Vers – hinein und verschwand, bevor jemand öffnete. Über Schwedisch-Pommern kam der Brauch vermutlich auch an die deutsche Ostseeküste, und das Wort hat sich bis heute im Norddeutschen gehalten, inzwischen meist als Name fürs Wichteln. Wikingisch ist daran nichts – es ist ein Brauch der frühen Neuzeit, und ein ziemlich charmanter.
Der Jultomte. Der tomte oder nisse ist ein alter Hofgeist, der Haus und Vieh behütet und sich mit einer Schale Grütze am Julabend bei Laune halten lässt. Dieser Volksglaube ist alt, wie alt genau, lässt sich nicht sagen. Zum Geschenkebringer mit roter Mütze wurde der Tomte aber erst im 19. Jahrhundert: In Dänemark tauchte der Julenisse um die Jahrhundertmitte auf, in Schweden prägten Viktor Rydbergs Gedicht „Tomten“ (1881) und die Bilder der Malerin Jenny Nyström das Bild, das heute jedes Kind kennt. Den Hofgeist selbst stellen wir dir in Nisse & Tomte vor.
Der vielleicht stärkste Beweis für die Zähigkeit des alten Festes ist sprachlicher Natur. In Dänemark, Norwegen und Schweden heißt Weihnachten bis heute jul, in Island jól, auf den Färöern jól, in Finnland joulu, in Estland jõulud. Selbst im Englischen hält sich Yule, etwa im Yule log und in alten Liedern, und im Schottischen war Yuil lange das gewöhnliche Wort für Weihnachten. Hákons Rechnung ging also auf, nur andersherum als gedacht: Das Fest wurde christlich, aber der Name blieb heidnisch.
Das julbord, die reich gedeckte Festtafel, und das Julbier, das in Norwegen und Dänemark bis heute jede Brauerei im Herbst herausbringt, stehen in einer Tradition des gemeinsamen Mittwinter-Trinkens, die wir seit dem frühen Mittelalter verfolgen können. Eine ununterbrochene Linie bis zu Hákons Pflichtbier lässt sich nicht beweisen – aber das Gulathingsrecht zeigt, dass dazwischen keine Lücke klafft.
Und dann gibt es das bewusst heidnische Jul. Seit den 1970er Jahren feiern Gemeinschaften der Asatru, etwa die 1972 gegründete isländische Ásatrúarfélagið, wieder ein Julblót. Sie orientieren sich an den Quellen, die du oben gelesen hast: Trinksprüche für Götter und Ahnen, Gelübde, gemeinsames Mahl. Viele feiern dabei zur Wintersonnenwende, aus praktischen Gründen und weil der Termin leicht zu bestimmen ist. Wie solche Feiern heute ablaufen, beschreiben wir in Wie feiern Heiden heute?.
Was bleibt vom Julfest, wenn man die Legenden abzieht? Ziemlich viel: ein Name, älter als die Wikingerzeit. Drei Nächte mitten im Winter mit Schlachten, Brauen und Trinken. Becher für Odin, Njörd und Freyr, für ein gutes Jahr und Frieden – und zuletzt für die Toten. Wenn du dein eigenes Jul feierst, trink den letzten Becher für die, die nicht mehr am Tisch sitzen. Das ist der Teil des Festes, der sich am besten belegen lässt.
Was bedeutet das Julfest? Jul (altnordisch jól) war das große Mittwinterfest der germanischen Völker, ein mehrtägiges Fest mit Opfermahl, Bier, Trinksprüchen für Götter und Ahnen sowie Gelübden. Die genaue Herkunft des Wortes ist ungeklärt.
Wann feierten die Wikinger Jul? Nach Snorri begann Jul mit der Hökunacht zu Mittwinter und dauerte drei Nächte. Der Termin lag vermutlich etwas nach der Wintersonnenwende, nach Andreas Nordberg beim ersten Vollmond danach; König Hákon der Gute legte es im 10. Jahrhundert auf das christliche Weihnachtsfest.
Ist Jul dasselbe wie die Wintersonnenwende? Nicht ganz. Beda verbindet den Namen der Jul-Monate mit der Sonnenwende, die nordischen Quellen sprechen aber von Mittwinter, was im alten Kalender eher Mitte Januar bedeutete. Die Gleichsetzung mit dem 21. Dezember ist vor allem modern.
Warum heißt Weihnachten in Skandinavien Jul? Weil das christliche Fest den Termin und die Bräuche des alten Julfestes übernahm und der Name dabei blieb. In Dänemark, Norwegen und Schweden heißt Weihnachten jul, in Island jól.
Ist der Julbock ein Wikingerbrauch? Das ist nicht belegt. Der Julbock taucht schriftlich erst im 16. und 17. Jahrhundert auf; die Verbindung zu Thors Ziegenböcken ist eine moderne Vermutung.
Was ist ein Julgelübde? Eine heitstrenging: ein feierlicher Schwur beim Becher am Julabend, nach der Helgakviða Hjörvarðssonar und der Hervarar saga mit den Händen auf einem geweihten Eber. Ein gebrochenes Gelübde galt als Schande.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
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