Kammmacher waren die Spezialisten der Wikingerzeit, die aus Geweih, seltener aus Knochen, kunstvolle Dreilagenkämme bauten: Zahnplatten zwischen zwei Deckleisten, vernietet, verziert und erst danach gesägt. Ihre Abfälle liegen in Ribe, Haithabu, Birka und York, ihr Material kam teils als Rentiergeweih aus dem hohen Norden. Wir zeigen dir, wie so ein Kamm entstand, was Proteinanalysen über Handelswege verraten, ob die Kammmacher von Markt zu Markt zogen und warum ein Kamm mehr war als ein Haarwerkzeug.
Stell dir einen Markttag in Ribe vor, irgendwann im späten 8. Jahrhundert. Zwischen Töpfen, Glasperlen und Mühlsteinen sitzt jemand mit einer Säge, einem Messer und einem Haufen Geweihstangen. Um ihn herum knirscht es unter den Schuhen: Späne, abgesägte Sprossenspitzen, misslungene Rohlinge. Genau dieser Abfall ist es, der uns heute, gut 1.200 Jahre später, erzählt, wer da saß und was er tat. Der Kammmacher hinterließ kaum Namen, aber Unmengen von Spuren.
Kämme gehören zu den häufigsten Fundgruppen der Wikingerzeit, in Gräbern, Abfallgruben, Häfen und auf Marktplätzen. Und sie sind keine simplen Gebrauchsdinge: Ein guter Wikingerkamm ist ein zusammengesetztes, mehrteiliges Präzisionsstück. Wer ihn verstehen will, muss das Material, die Technik, die Werkstätten und die Wege kennen, auf denen das Geweih reiste.
Der Begriff „Beinschnitzer“ wirft vieles in einen Topf: Knochen, Geweih, Horn, Elfenbein. Für das Handwerk sind das grundverschiedene Werkstoffe. Knochen liefert jedes geschlachtete Rind, aber er ist spröde. Horn ist Keratin, weich und im Boden meist vergangen. Geweih dagegen ist Knochengewebe, das Hirsche jedes Jahr neu bilden und abwerfen, besonders zäh und elastisch.
Genau diese Elastizität brauchte ein Kamm. Feine Zähne, die täglich durch verfilzte Haare gezogen werden, brechen aus sprödem Material schnell heraus. Der britische Archäologe Steven Ashby, einer der besten Kenner dieses Handwerks, betont deshalb, dass die Kammmacher Geweih gezielt bevorzugten, während Knochen für viele andere Dinge des Alltags genutzt wurde. Bei Bedarf griff man trotzdem darauf zurück: Die Deckleisten, die weniger Belastung aushalten müssen, konnten aus Knochen sein, wenn Geweih knapp war. Ein schönes Beispiel ist das Kammfutteral aus Lincoln, das laut British Museum aus Rinderknochen besteht.
Im Norden standen drei Hirscharten zur Wahl. Der Rothirsch lebte im ganzen nordeuropäischen Tiefland, also auch in Dänemark und Norddeutschland. Der Elch kam in Skandinavien und rund um die Ostsee vor, in Dänemark und weiter südlich aber kaum. Das Ren schließlich war auf die arktischen und subarktischen Zonen beschränkt, auf das norwegische Hochland, den Norden Schwedens und Finnlands. Taucht Rentiergeweih in Ribe oder Haithabu auf, muss es also gereist sein. Und genau hier wird ein schlichter Kamm zum Kronzeugen für Fernhandel.
Ein Detail, das gern übersehen wird: Die meisten Kammmacher arbeiteten nicht mit Geweih von erlegten Tieren, sondern mit Abwurfstangen. Hirsche werfen ihr Geweih jedes Jahr ab, und wer weiß, wo die Tiere im Spätwinter stehen, kann es einsammeln. Hirschknochen sind in den Städten auffallend selten, das Geweih stammte also kaum vom Jagdbraten. Hinter jedem Kamm steht also ein Netzwerk: Sammler, die die Wälder und Fjells kannten, Händler, die das Rohmaterial weiterreichten, und Handwerker, die es verarbeiteten.
Der typische Kamm der Wikingerzeit heißt in der Fachsprache Dreilagenkamm oder Kompositkamm. Drei Lagen deshalb, weil er aus einer mittleren Lage von Zahnplatten besteht, die links und rechts von je einer Deckleiste (auch Griff- oder Verbindungsleiste) eingefasst wird. Warum so kompliziert? Weil Geweih sich nur in eine Richtung gut belasten lässt. Seine Fasern laufen längs der Stange, die Zähne müssen aber quer dazu stehen. Aus einer Geweihstange lassen sich deshalb nur schmale Plättchen gewinnen, deren Fasern in Zahnrichtung laufen. Ein langer Kamm aus einem Stück wäre aus Geweih kaum herzustellen. Also setzte man ihn zusammen.
Der Arbeitsablauf lässt sich aus Werkstattabfällen, halbfertigen Stücken und experimentellen Nachbauten recht gut rekonstruieren:
Diese Sägekerben beweisen, dass die Zähne nach dem Zusammenbau geschnitten wurden, und sie verraten, wie fein die Zahnung war. Viele Kämme haben gröbere und feinere Zähne, manche Doppelkämme sogar zwei unterschiedliche Reihen. Die feine Seite gegen Läuse? Naheliegend, aber Deutung.
Wie viel Arbeit steckte darin? Experimentelle Archäologie legt nahe, dass eine geübte Person kaum mehr als etwa einen Kamm pro Tag fertigstellt. Das ist eine grobe Größenordnung, keine Normzeit, aber sie macht klar: Ein Kamm war kein Wegwerfartikel. Kein Wunder, dass viele Exemplare repariert, nachgenietet oder mit ausgebrochenen Zähnen weiterbenutzt wurden.
Kämme änderten über die Jahrhunderte ihre Gestalt, und das macht sie für Archäologen so wertvoll. Die schwedische Archäologin Kristina Ambrosiani legte 1981 mit ihrer Arbeit über die Kämme aus Birka und Ribe eine Typologie vor, die bis heute benutzt wird; ihr Typ A umfasst die langen Kämme der frühen Wikingerzeit. Weitere Systeme stammen von Johan Callmer und Steven Ashby. Für dich heißt das: Ein Kamm ist ein Zeitstempel, der eine Fundschicht oft auf wenige Jahrzehnte eingrenzt.
Gegen Ende der Wikingerzeit wurden die Kämme kürzer, Doppelkämme mit Zähnen auf beiden Seiten häufiger. Dazu kamen Kammfutterale: Hülsen aus Geweih- oder Knochenplatten, die die Zähne in der Gürteltasche schützten.
Ribe an der jütischen Westküste gilt als älteste Stadt Skandinaviens. Seit dem frühen 8. Jahrhundert trafen sich dort Händler und Handwerker auf einem parzellierten Marktplatz. Mehr über die Anfänge der Stadt und ihre ersten Münzen erfährst du in unserem Beitrag über Ribe und die ältesten Münzen des Nordens. Für unser Thema ist Ribe ein Glücksfall, denn hier haben Archäologen Werkstattschichten von Glasperlenmachern, Metallgießern und Kammmachern freigelegt, zuletzt bei den Grabungen des Projekts „Northern Emporium“ 2017 und 2018 unter Leitung von Søren Sindbæk.
Den großen Sprung brachte eine neue Methode. 2015 veröffentlichten Steven Ashby, Ashley Coutu und Søren Sindbæk die Studie „Urban Networks and Arctic Outlands“ über Kämme, Abfall und Rohgeweih aus Ribe, Aarhus und Aggersborg, untersucht mit ZooMS.
ZooMS steht für Zooarchaeology by Mass Spectrometry. Dabei wird eine winzige Menge Kollagen, also des Eiweißes im Knochen und Geweih, entnommen und mit einem Massenspektrometer untersucht. Jede Tierart hat leicht unterschiedliche Kollagenbausteine, eine Art molekularen Fingerabdruck. So lässt sich auch an einem fertigen, verzierten Kamm bestimmen, ob er aus Rothirsch, Elch oder Ren besteht, was mit bloßem Auge meist unmöglich ist. Entwickelt wurde das Verfahren im BioArCh-Labor der Universität York, und es ist kaum zerstörend: Ein paar Milligramm Bohrmehl genügen.
Das Ergebnis aus Ribe: Unter den Abfällen fanden sich Sprossenspitzen, Rosen und angearbeitete Rohlinge aus Rentiergeweih, und zwar spätestens aus den 780er-Jahren. Ganze Geweihstangen wurden also nach Ribe gebracht und dort verarbeitet. Da es in Dänemark keine Rentiere gab, kam das Material aus dem skandinavischen Norden, aus Norwegen oder Mittelschweden. Die Autoren sehen darin den frühesten klaren Beleg für Austausch zwischen den Märkten an der südlichen Nordsee und der Skandinavischen Halbinsel, noch vor dem Überfall auf Lindisfarne 793, mit dem man die Wikingerzeit traditionell beginnen lässt.
Der Gegentest stammt aus Schottland: Isabella von Holstein und Kollegen fanden 2014 in vorwikingerzeitlichen schottischen Kämmen kein Rentiergeweih. Für Kontakte nach Britannien vor 793 liefern die Kämme also keinen Beleg, für den Verkehr entlang der norwegischen Küste nach Süden schon.
An dieser Stelle müssen wir unsere eigene ältere Fassung dieses Artikels korrigieren. Dort stand sinngemäß, viele Kämme aus Haithabu bestünden aus Rentiergeweih, das aus Norwegen eingeführt und vor Ort verarbeitet worden sei. Die Wirklichkeit ist interessanter.
Die Geweihverarbeitung in Haithabu hat Ingrid Ulbricht bereits 1978 ausführlich bearbeitet. Der Werkstattabfall dort stammt ganz überwiegend vom Rothirsch, daneben gibt es Elch. Rentiergeweih macht nach ihren Bestimmungen nur rund ein halbes Prozent des bestimmbaren Abfalls aus. Wer in Haithabu Kämme herstellte, nahm also das, was die Wälder der Umgebung hergaben.
2023 erschien dann in der Zeitschrift Antiquity eine Studie unter dem sprechenden Titel „In the footsteps of Ohthere“ von Mariana Muñoz-Rodriguez, Steven Ashby und weiteren Autoren, darunter die Haithabu-Archäologen Volker Hilberg und Sven Kalmring. Sie beprobten 49 lange Kämme, die nach Form und Verzierung ins 9. Jahrhundert gehören. Ergebnis: 44 davon, rund 90 Prozent, bestehen aus Rentiergeweih. Bei den übrigen war nur „Hirsch oder Rind“ bestimmbar, eines blieb unbestimmt.
Der Widerspruch ist auffällig: Fertige Kämme fast nur aus Ren, Werkstattabfall fast nur aus Rothirsch. Die Autoren folgern daraus, dass diese frühen Kämme gar nicht in Haithabu gemacht wurden. Sie kamen fertig an, im Gepäck von Händlern, Reisenden oder Zuwanderern aus dem Norden, vielleicht aus dem nördlichen Skandinavien selbst, vielleicht aus einem anderen Handelsplatz wie Ribe oder Kaupang in Vestfold. Für das 9. Jahrhundert ist in Haithabu nach dieser Studie keine Kammherstellung nachgewiesen. Die eigene Produktion mit heimischem Rothirschgeweih setzte erst im 10. Jahrhundert ein.
Besonders pikant: Auch jene Kammgruppe mit Kreisaugenmuster, die man gern wandernden Friesen zuschrieb, bestand in den Proben praktisch durchweg aus Rentiergeweih. Keines dieser Stücke ließ sich als Geweih kontinentaler Hirsche nachweisen. Eine friesische Herstellung wird dadurch deutlich unwahrscheinlicher.
Der Titel der Studie spielt auf Ottar an, altenglisch Ohthere, einen nordnorwegischen Großen, der um 890 König Alfred von Wessex von seinen Reisen berichtete. Er besaß demnach rund 600 zahme Rentiere und segelte auch nach Haithabu. Mehr zu diesen Wegen findest du in unserem Überblick über den Handel der Wikinger.
In Birka im Mälarsee liegt das Bild wieder anders. Die meisten Kämme stammen aus den Gräbern, die Hjalmar Stolpe im 19. Jahrhundert ausgrub, andere aus der „Schwarzen Erde“, dem dunklen Siedlungsboden der Handelsstadt. Unter dem dortigen Produktionsabfall dominiert nach einer Zusammenstellung des Archäologen Sjoerd van Riel das Elchgeweih mit rund zwei Dritteln, dazu kommen Rothirsch und etwa ein Achtel Rentier. Das passt zur Lage Birkas: Elche gab es in Mittelschweden reichlich, und über die Handelswege kam auch Ren aus dem Norden.
Ganz im Westen liegt York, das wikingerzeitliche Jórvík. Bei den Grabungen in der Coppergate kam eine riesige Menge Geweihabfall zutage, den Arthur MacGregor, Ailsa Mainman und Nicola Rogers 1999 vorgelegt haben. Der größte Teil der Herstellungsspuren betrifft die Kammproduktion der anglo-skandinavischen Zeit, ob durch feste Handwerker oder wechselnde Gäste, diskutiert der Band selbst. Mehr über die Stadt erzählen wir in Die Nordleute von Jórvík.
Lange galt es als ausgemacht: Die Kammmacher der Wikingerzeit zogen von Markt zu Markt. Ambrosiani hatte diese These 1981 stark gemacht. Ihre Argumente: Die Kämme sehen über riesige Räume sehr ähnlich aus, und an vielen Orten findet man nur wenig Produktionsabfall, gerade so viel, wie ein Handwerker in einer Saison hinterlässt. Das Bild ist verlockend: Ein Mann mit Säge und Feile, der im Frühjahr Abwurfstangen sammelt, im Sommer an den Märkten sitzt und im Herbst weiterzieht.
Steven Ashby hat diese Vorstellung kritisch hinterfragt. Wer Geweih in größeren Mengen verarbeiten will, braucht verlässlichen Nachschub, Ortskenntnis und Kontakte zu Jägern, Sammlern oder Bauern. Dazu kommen regionale Eigenheiten, etwa bei der Art, wie die Nieten gesetzt wurden, und eine gewisse Spezialisierung der Werkstätten. Ashby spricht deshalb lieber von begrenzter Mobilität: Kammmacher bewegten sich vielleicht in festen Kreisen zwischen wenigen Orten, waren aber keine heimatlosen Vaganten.
Der niederländische Archäologe Sjoerd van Riel hält 2017 dagegen, dass Werkzeuge leicht zu tragen und Rohstoffe auf den Märkten zu kaufen waren, und dass in Städten wie Dorestad oder York der Abfall über viele Stellen verstreut liegt, was eher für wechselnde Arbeitsplätze spreche. Die ZooMS-Ergebnisse haben die Debatte noch verschoben: Wenn in Haithabu im 9. Jahrhundert gar keine Kämme gemacht, sondern nur fertige Kämme aus dem Norden genutzt wurden, dann reisten vielleicht weniger die Handwerker als ihre Ware und ihre Kunden.
Warum überhaupt so viel Aufwand für ein Haarwerkzeug? Weil Haare im Norden eine Rolle spielten, sozial wie praktisch. Das Klischee vom verlausten, verfilzten Barbaren hält sich hartnäckig, wir räumen damit auch in unserem Faktencheck Typisch Wikinger? auf. Die Kämme sind das stärkste Gegenargument.
Dazu kommen Schriftquellen. Der arabische Gesandte Ibn Fadlan beschrieb 921/922 an der Wolga die Rus und ihre Morgenwäsche: Eine Schüssel Wasser ging reihum, jeder wusch darin Gesicht und Haare, kämmte sich und spuckte hinein. Ibn Fadlan fand das ekelhaft, aber er bezeugt eben auch: Es wurde gekämmt, und zwar jeden Morgen. Den Text kannst du in unserer Lesefassung von Ibn Fadlan nachlesen.
Aus England stammt eine oft zitierte Klage, die einem Chronisten namens Johann von Wallingford zugeschrieben und erst im 13. Jahrhundert niedergeschrieben wurde: Die Dänen hätten täglich ihr Haar gekämmt, samstags gebadet, oft die Kleider gewechselt und so vornehme Frauen betört. Das ist spätere Überlieferung mit Spott, kein Augenzeugenbericht. Mehr dazu in Körperpflege und Hygiene der Wikinger und, zu den Frisuren selbst, in Kamm, Bad und die „umgekehrte Vokuhila“.
Ein Kamm war persönlich. Man trug ihn am Körper, in der Gürteltasche oder im Futteral, und man nahm ihn oft mit ins Grab. Kämme liegen in Brand- wie Körpergräbern, bei Männern wie bei Frauen. Daraus eine feste Regel abzuleiten, wäre zu viel, aber der Kamm gehörte offenbar zu dem, was ein Mensch als Teil seiner selbst mitnahm.
Zugleich zeigen Größe und Ausführung, dass Kämme mehr als praktisch sein sollten. Viele frühe Langkämme sind deutlich größer und reicher verziert, als es fürs bloße Kämmen nötig wäre. Ashby deutet sie deshalb auch als Zeichen von Geschmack und Zugehörigkeit. Ein Kamm aus fernem Rentiergeweih mit Bronzenieten sagte etwas über seinen Besitzer, so wie heute eine gute Uhr.
Dass Kämme in Gräbern so häufig sind, verzerrt allerdings auch das Bild. Geweih überdauert in vielen Böden gut, und Kämme fallen bei Grabungen auf. Holzkämme, die es sicher auch gab, sind dagegen fast überall vergangen. Die Aussage „jeder hatte einen Geweihkamm“ ist deshalb plausibel für Stadtbewohner und für die, die in Gräbern mit Beigaben bestattet wurden, aber nicht für jeden Menschen im Norden beweisbar.
Manche Kammmacher haben uns doch ihre Namen hinterlassen, oder zumindest einer. Auf dem Kammfutteral aus Lincoln, heute im British Museum, steht in Runen eine Inschrift, die nach der üblichen Lesung kamb : koþan : kiari : þorfastr lautet: „Einen guten Kamm machte Þorfastr.“ Das Futteral besteht aus Rinderknochen, ist etwa 13 Zentimeter lang, mit Bronzenieten zusammengesetzt und wird ins 10. Jahrhundert datiert. Ob Þorfastr wirklich der Hersteller war oder ob die Inschrift eine Art augenzwinkernde Werbung ist, lässt sich nicht entscheiden. Schön ist sie in jedem Fall: ein Handwerker, der sein Werk lobt. Wir in unserer Werkstatt verstehen ihn gut.
Noch älter und noch direkter sind die Runen aus Ribe. Bei den Grabungen 2017–18 kam ein zerbrochener Geweihkamm zutage, der auf beiden Seiten Runen trägt. Lisbeth Imer vom Dänischen Nationalmuseum und Søren Sindbæk haben ihn 2021 in den Danske Studier veröffentlicht. Datiert wird er in die erste Hälfte des 9. Jahrhunderts, in Pressemeldungen ist von „um 800“ die Rede. Die Inschrift nennt, kein Witz, das Wort für Kamm: auf der einen Seite das Hauptwort, auf der anderen eine Form des Verbs „kämmen“, offenbar von zwei verschiedenen Händen eingeritzt. Es ist eine der frühesten Inschriften im jüngeren Futhark überhaupt.
Die Tradition ist alt. Schon einer der ältesten Runenfunde überhaupt ist ein Kamm: Der Geweihkamm aus dem Moor von Vimose auf Fünen trägt die Inschrift harja und wird um 160 n. Chr. datiert. Meist liest man darin einen Namen. Kämme waren offenbar beliebte Schriftträger, glatt, hart, persönlich. Wie Runen grundsätzlich funktionieren, erklären wir in Die Runen – eine ehrliche Einführung.
Kämme waren das Paradestück, aber längst nicht das einzige Produkt der Geweih- und Knochenwerkstätten. Aus Geweih und Knochen entstanden Spielsteine, etwa die halbkugeligen Figuren für Brettspiele wie Hnefatafl, die in Gräbern von Birka und anderswo liegen. Dazu kamen Nadeln zum Nähen und Nadelbinden, Haar- und Gewandnadeln, Webbrettchen, Spinnwirtel, Pfrieme und Ahlen.
Sehr häufig sind Griffe: für Messer, Ahlen, Feilen. Geweih ließ sich gut bohren, eine Eisenangel wurde hineingetrieben, fertig war ein haltbarer Griff. Auch Beschläge für Kästchen, Riemenzungen und Amulette wurden geschnitzt. Aus den Mittelfußknochen von Pferden und Rindern schliff man Knochenschlittschuhe, die in Haithabu, Birka und York zahlreich gefunden wurden. Schweinewadenbeine eigneten sich als einfache Nadeln, Schafsrippen als Beschlagplatten für Kästchen.
Die Werkzeuge der Beinschnitzer unterschieden sich kaum von denen anderer Handwerker: Sägen, Messer, Feilen, Bohrer, Zirkel oder Zentrumsbohrer für die typischen Kreisaugen. Einen Eindruck, wie ein wikingerzeitlicher Werkzeugkasten aussah, gibt die Kiste von Gotland, die wir in Die Werkzeugkiste von Mästermyr vorstellen. Und wo dieses Handwerk im Gefüge der Berufe stand, zeigt unser Überblick Berufe und Handwerk der Wikinger.
Ein Kamm ist ein bescheidenes Ding. Und doch bündelt er fast alles, was die Wikingerzeit ausmacht: Rohstoffe aus Wald und Fjell, gesammelt von Menschen, die die Landschaft kannten. Händler, die Geweih und Kämme über Hunderte Kilometer die norwegische Küste entlang bis an die Nordsee und nach Haithabu brachten. Handwerker in Ribe, Birka und York, die aus spröden Stangen elastische, elegante Werkzeuge bauten. Und Menschen, die Wert darauf legten, gut auszusehen, und ihren Kamm mit ins Grab nahmen.
Vor zwanzig Jahren hätte niemand sagen können, aus welchem Hirsch ein bestimmter Kamm gemacht war. Heute verraten ein paar Milligramm Kollagen die Herkunft. Genau das versuchen wir auch mit unseren Gravuren: aus einem schlichten Material etwas zu machen, das bleibt.

Woraus waren Wikingerkämme gemacht? Überwiegend aus Geweih von Rothirsch, Elch oder Ren, weil Geweih elastischer und bruchfester ist als Knochen. Knochen wurde vor allem für Deckleisten oder Futterale verwendet, Holzkämme gab es sicher auch, sie sind aber kaum erhalten.
Was ist ein Dreilagenkamm? Ein zusammengesetzter Kamm aus einer mittleren Lage schmaler Zahnplatten, die zwischen zwei Deckleisten vernietet werden. Die Zähne wurden erst nach dem Zusammenbau gesägt, deshalb sieht man oft Sägekerben an den Deckleisten.
Woher kam das Rentiergeweih für die Kämme? Aus dem skandinavischen Norden, etwa dem norwegischen Hochland oder Nordschweden, denn in Dänemark gab es keine Rentiere. ZooMS-Analysen belegen Rentiergeweih in Ribe spätestens ab den 780er-Jahren und in rund 90 Prozent der beprobten Kämme des 9. Jahrhunderts aus Haithabu.
Waren die Kammmacher Wanderhandwerker? Das ist eine verbreitete Forschungsthese, die vor allem auf Kristina Ambrosiani zurückgeht, aber umstritten. Vermutlich gab es sowohl reisende Spezialisten als auch feste Werkstätten in den Handelsstädten.
Gibt es Wikingerkämme mit Runen? Ja. Am bekanntesten ist das Kammfutteral aus Lincoln mit der Inschrift „Þorfastr machte einen guten Kamm“, dazu ein Geweihkamm aus Ribe aus dem frühen 9. Jahrhundert, der das Wort „Kamm“ trägt.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
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