Wenn Archäologen ein wikingerzeitliches Grab öffnen, ist ein Fund fast immer dabei: ein Kamm. Der Kamm war das persönlichste Ding im Norden – und ein Meisterstück des Handwerks. Aus Geweih gefertigt, kunstvoll zusammengesetzt, oft von weit her. Ein Blick auf die Kammmacher, ihr Material und einen modernen Test, der eine Überraschung ans Licht brachte.
Kämme gehören zu den häufigsten Funden der Wikingerzeit. Fast jeder trug einen, oft in einem eigenen Futteral am Gürtel. Denn anders als das Klischee vom „ungewaschenen Barbaren" glauben macht: Die Nordmänner pflegten sich. Der englische Chronist Johann von Wallingford beklagte sogar, die Dänen kämmten ihr Haar und badeten samstags – und seien den englischen Frauen dadurch gefährlich attraktiv.
Ein wikingerzeitlicher Kamm ist kein einfaches Stück Horn. Er ist ein Kompositkamm: aus mehreren Platten und Zahnleisten zusammengesetzt, vernietet und verziert. Das erforderte Können – der Kammmacher war ein Spezialist. In den Handelsstädten Ribe, Haithabu und York (Coppergate) fand man ganze Werkstätten voller Geweihabfall, ein Zeichen für serienmäßige Produktion.
Das Material war Geweih, nicht Knochen – es ist elastischer und bricht nicht so leicht. Und hier wird es spannend: Ein modernes Verfahren, die Eiweißanalyse (ZooMS), hat gezeigt, dass viele Kämme aus Haithabu aus Rentiergeweih bestehen. Rentiere aber gab es in Dänemark nicht – das Geweih musste aus Norwegen importiert werden. Ein schlichter Kamm wird so zum Beweis für weiten Handel bis in den hohen Norden.
Ein einfacher Kamm, geprüft im Labor, verriet plötzlich seine Herkunft: Rentiergeweih aus dem fernen Norden – gehandelt über hunderte Kilometer. Beschreibung nach ZooMS-Analysen wikingerzeitlicher Kämme (u. a. Haithabu)
Der Kamm zeigt, was den Norden ausmachte: Aus einem schlichten Rohstoff wurde durch Geduld und Können etwas Schönes und Nützliches. Genau diese Haltung tragen wir bis heute in unsere Arbeit. Wie das übrige Handwerk aussah, zeigt unser Beitrag über die Werkzeugkiste von Mästermyr.
Kämme aus Geweih (Kompositkämme aus Platten, Zahnleisten und Nieten) gehören zu den häufigsten Funden der Wikingerzeit; Kammmacherei war ein spezialisiertes Handwerk mit Werkstätten und Produktionsabfall in Ribe, Haithabu und York. Geweih (nicht Knochen) war das bevorzugte Material. Eiweißanalysen (ZooMS) zeigen, dass viele Haithabu-Kämme aus Rentiergeweih bestehen – in Dänemark nicht heimisch, also aus Norwegen importiert (Fernhandel). Kämme, Ohrlöffel und Pinzetten belegen Körperpflege.
Der „schmutzige, ungepflegte Wikinger" ist ein Klischee: Kämme, Pinzetten und die Klage Johanns von Wallingford zeigen das Gegenteil. Vorsicht aber bei Zahlen – „fast jeder hatte einen Kamm" ist plausibel, aber der Fundüberhang in Handelsstädten verzerrt das Bild. Sicher sind das Handwerk, das Rentiergeweih-Ergebnis und die Pflegeausstattung; wie flächendeckend das galt, bleibt Deutung.

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