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Hnefatafl – das Brettspiel der Wikinger: Funde, Sagas und rekonstruierte Regeln

Alltag & Kultur Hnefatafl – das Brettspiel der Wikinger: Funde, Sagas und rekonstruierte Regeln

Hnefatafl ist das große Brettspiel der Wikingerzeit: Ein König steht mit wenigen Verteidigern in der Mitte des Bretts und muss entkommen, während eine doppelt so starke Übermacht ihn einzukesseln versucht. Belegt ist das Spiel durch Bretter, Spielsteine aus Glas, Knochen und Bernstein sowie durch Sagas und Rätsel. Die genauen Regeln dagegen sind verloren und werden heute rekonstruiert – vor allem aus einem Bericht Carl von Linnés von 1732. Du kannst es übrigens bei uns jetzt online spielen.

Ein Grab auf der Insel Björkö im Mälaren, Mitte des 10. Jahrhunderts. Die Tote liegt mit Schwert, Axt, Speer, Pfeilen und zwei Pferden in ihrer Kammer. Und auf ihrem Schoß, in einem Beutel verpackt: Spielsteine, Würfel und ein König. Die Ausgräber der jüngeren Forschung lasen das Ensemble als Zeichen für jemanden, der Strategie verstand. Kein Fund erzählt so leise vom Denken wie ein Satz Spielsteine.

Dieses Spiel hieß Tafl, und in seiner bekanntesten Form Hnefatafl. Es ist kein Schach und kein Mühlespiel, sondern etwas, das uns heute fremd vorkommt: ein ungleicher Kampf, in dem beide Seiten völlig verschiedene Ziele verfolgen. Und wer wissen will, woher wir die Regeln kennen, landet nicht bei einem Wikinger, sondern bei einem schwedischen Botaniker im Lappland des 18. Jahrhunderts.

Was heißt Hnefatafl?

Das altnordische Wort tafl bedeutet „Brett“ oder „Brettspiel“. Es ist aus dem lateinischen tabula entlehnt, demselben Wort, das im Deutschen als „Tafel“ steckt. Tafl war zunächst ein Oberbegriff: Später unterschied man skáktafl (Schach), kvátrutafl (ein Würfelspiel ähnlich dem Backgammon) und hnefatafl. Andere Formen wie halatafl, eine Art Fuchs-und-Gänse-Spiel, kamen hinzu. Erst als das Schach den Norden erreichte, brauchte man einen eigenen Namen für das alte Spiel.

Der Wortteil hnefi heißt wörtlich „Faust“. In den Quellen bezeichnet er aber die zentrale Figur, den König. Die Hervarar saga sagt es ausdrücklich: Die dunkleren Steine verteidigen den hnefi. Warum ausgerechnet „Faust“, ist ungeklärt – vielleicht war die Königsfigur schlicht die dickste auf dem Brett. Die gängige Übersetzung „Königsspiel“ oder „Königstafel“ trifft den Sinn, ist aber keine wörtliche Wiedergabe. In einigen Handschriften erscheint auch die Form hnettafl.

Alle Steine ziehen gerade, beliebig weit, wie der Turm im Schach. Geschlagen wird, indem man einen gegnerischen Stein zwischen zwei eigene klemmt. In der Mitte steht der König mit seiner Leibwache, an den Rändern lauern die Angreifer, ungefähr doppelt so viele. Der König will an den Rand oder in eine Ecke, die Angreifer wollen ihn einschließen. So einfach, so gnadenlos. Ausprobieren kannst du es direkt in unserem Online-Hnefatafl – gegen den Computer, ohne Anmeldung.

Mythos-Check: „Wikingerschach“ ist ein moderner Spitzname. Hnefatafl ist mit dem Schach nicht verwandt, es ist älter im Norden und funktioniert nach anderen Prinzipien. Noch verwirrender: Auch das Wurfspiel Kubb wird in Deutschland oft „Wikingerschach“ genannt, obwohl es mit den Wikingern nichts zu tun hat – mehr dazu in unserem Beitrag über Kubb.

Die Tafl-Familie: von Brandubh bis Alea evangelii

Hnefatafl war kein einzelnes Spiel mit festem Regelbuch, sondern eine Familie. Die Übersicht zeigt die wichtigsten Mitglieder. Die Figurenzahlen sind meist aus der Brettgröße und aus Analogien erschlossen, nur bei Tablut und Tawlbwrdd stammen sie aus schriftlichen Beschreibungen.

VarianteRegionBrettAufstellungQuellenlage
BrandubhIrland7 × 7König + 4 gegen 8Name in irischer Literatur, Bretter wie Ballinderry; Regeln rekonstruiert
Ard RíSchottland7 × 7König + 8 gegen 16Moderne Rekonstruktion, Name „Hochkönig“
TablutLappland (Sámi)9 × 9König + 8 gegen 16Linnés Tagebuch 1732
HnefataflSkandinavien11 × 11 oder 13 × 13heute meist König + 12 gegen 24Funde und Sagas, keine Regelschrift
TawlbwrddWales11 × 11König + 12 gegen 24Handschrift des Robert ap Ifan, 1587
Alea evangeliiEngland/Irland19 × 19 Punktevermutlich König + 24 gegen 48Handschrift Corpus Christi College Oxford 122

Brandubh ist die irische Kleinform. Der Name wird meist als „schwarzer Rabe“ gedeutet. Er taucht in mittelirischer Literatur auf, wo Könige und Helden das Spiel spielen, doch die Texte erklären die Regeln nicht. Dass die kleinen 7×7-Bretter aus Irland und von den Orkney-Inseln dazu passen, ist eine plausible, aber nicht bewiesene Verbindung. Das bekannte irische Spiel fidchell wird manchmal mit Tafl gleichgesetzt; ob es wirklich ein Verwandter war, ist umstritten.

Tawlbwrdd (walisisch „Tafelbrett“) ist der Glücksfall der Forschung, denn hier gibt es eine echte Beschreibung. Robert ap Ifan hielt 1587 in einer heute in der National Library of Wales liegenden Handschrift fest, dass man auf einem Brett von 11 × 11 Feldern mit einem König und zwölf Mann gegen vierundzwanzig spielte. Viele Details fehlen allerdings.

Die Alea evangelii, das „Evangelienspiel“, ist der Exot der Familie. Eine Handschrift des Corpus Christi College in Oxford (MS 122), meist ins 11. Jahrhundert datiert und in irischer Schrift geschrieben, zeigt ein riesiges Brett, gespielt auf den Schnittpunkten eines Gitters, ähnlich einem Go-Brett. Der Begleittext behauptet, das Spiel sei am Hof des englischen Königs Æthelstan (924–939) erfunden und von Dub Innse, Bischof von Bangor, nach Irland gebracht worden. Die Steine sind den Kanontafeln der Evangelien zugeordnet, der zentrale Stein steht für die Einheit der Dreifaltigkeit. Ein weltliches Belagerungsspiel, fromm umgedeutet – und ein Beleg dafür, wie verbreitet Tafl im angelsächsischen und irischen Raum war.

Funde: Bretter aus Holz, Steine aus Glas

Regeln verrotten schneller als Holz. Die Dinge selbst aber sind erhalten – erstaunlich viele.

Gokstad, Norwegen: Im berühmten Schiffsgrab am Oslofjord, angelegt um 900, lag ein beidseitig nutzbares Holzbrett. Auf der einen Seite ist ein Mühlespiel eingeritzt, auf der anderen ein Raster, das der Spielehistoriker H. J. R. Murray als 13 × 13 Felder rekonstruierte. Das Brett ist zerbrochen, die Größe also erschlossen. Mit ihm wurde ein Spielstein aus Horn gefunden. Mehr über Grab und Schiff findest du in unserem Artikel über das Gokstad-Schiff.

Ballinderry, Irland: Das schönste erhaltene Tafl-Brett stammt aus einem Crannóg, einer künstlichen Siedlungsinsel im County Westmeath, 1932 ausgegraben. Es ist aus Eibenholz, hat 49 Löcher im 7×7-Raster für Steckfiguren, die Mitte und die Ecken sind durch Bögen hervorgehoben. Ein Rahmen mit vorspringenden Köpfen, vermutlich Griffe, und Flechtbandfelder im skandinavischen Borre-Stil schmücken es. Der Crannóg war vom späten 9. bis ins 11. Jahrhundert bewohnt. Das National Museum of Ireland, wo es heute ausgestellt ist, hält eine Herstellung in Dublin für am wahrscheinlichsten. Steckfiguren fallen nicht um, wenn das Brett wackelt – praktisch auf Reisen. Wie die Skandinavier in Dublin lebten, erzählt unser Beitrag über die Ostmänner von Dublin.

Birka, Schweden: Die Gräber der Handelsstadt im Mälaren sind eine Schatzkammer für Spielsteine. Grab 750 enthielt Glassteine in zwei Farben, dunkelgrün und hell blaugrün, dazu einen dunklen König und Beschläge eines Brettes, das selbst vergangen ist. Andere Birka-Gräber lieferten Sätze aus Bernstein, Knochen und Elchgeweih, jeweils mit einer hervorgehobenen Königsfigur. Und dann ist da das Kammergrab Bj 581 vom Anfang, dessen Bestattete durch eine DNA-Analyse 2017 als Frau bestimmt wurde. Die Spielausstattung dort – Spielsteine, Würfel aus Geweih und der Eisenbeschlag eines Bretts – war ein Grund, warum die Forschenden ihr eine militärische Führungsrolle zuschrieben. Diese Deutung ist umstritten; dazu mehr in unserem Artikel über die Kriegerin von Birka. Über die Stadt selbst erfährst du mehr unter Birka – die Silberstadt im Mälaren.

Weitere Funde: Aus einem Bootsgrab im schwedischen Skamby stammt ein Satz Bernsteinsteine mit einem größeren Stein. Kleine Bretter mit markiertem Mittelfeld kennt man aus Buckquoy auf Orkney, mittelalterliche 13×13-Bretter aus Bergen. Und das dänische Nationalmuseum stellte kürzlich eine nur gut drei Zentimeter große Figur aus Walrosselfenbein vor, die Archäologe Peter Pentz als Königsfigur eines Tafl-Spiels deutet, bereits 1798 westlich von Oslo gefunden.

Das Material verrät den Stand. Einfache Leute spielten mit Steinen aus Knochen oder Holz. Wohlhabende ließen sich Glassteine anfertigen – oft Produkte derselben Werkstätten, die auch Perlen herstellten, wie wir im Beitrag über den Perlenmacher zeigen. Ganz oben standen Sätze aus Bernstein, Walrosselfenbein oder Geweih mit fein geschnitzten Königen.

Gesicherter Befund: Tafl-Spiele sind archäologisch in ganz Skandinavien und den Siedlungsgebieten der Wikinger belegt: Bretter aus Gokstad (um 900, wohl 13 × 13), Ballinderry (Eibe, 7 × 7, spätes 9. bis 11. Jh.), Bergen und Orkney sowie zahlreiche Steinsätze aus Glas, Knochen, Geweih und Bernstein mit hervorgehobener Königsfigur, u. a. aus Birka.

Lewis, Ockelbo und Vimose: Was nicht dazugehört

Bei kaum einem Thema werden Funde so großzügig zugeordnet wie bei Hnefatafl. Drei Fälle verdienen einen genaueren Blick.

Die Lewis-Schachfiguren sind die berühmtesten Spielfiguren des Nordens. 1831 auf der Hebrideninsel Lewis entdeckt, überwiegend aus Walrosselfenbein geschnitzt, entstanden sie im 12. Jahrhundert, wohl zwischen 1150 und 1200. Häufig werden sie als Wikinger-Spielfiguren oder gar als Hnefatafl-Set verkauft. Sie sind aber eindeutig Schach: Könige, Damen, Bischöfe, Ritter, Krieger als Türme und Bauern, 78 Figuren dazu. Dazu kommen 14 flache Scheiben für ein Spiel der Backgammon-Familie. Der Hort zeigt also gerade den Moment, in dem das Schach die Oberhand gewinnt.

Der Runenstein von Ockelbo in Gästrikland zeigt zwei Männer, die mit Trinkhörnern in den Händen über einem Brett sitzen, dessen Mitte und Ecken markiert scheinen. Er wird meist ins späte 11. Jahrhundert datiert und gilt als Bildzeugnis für ein Tafl-Spiel. Der Haken: Der Originalstein verbrannte 1904 bei einem Kirchenbrand. Was heute steht, ist eine Rekonstruktion nach älteren Zeichnungen. Feine Details wie die Feldmarkierungen sind daher mit Vorsicht zu genießen.

Das Spielbrett von Vimose auf Fünen wird in populären Texten oft als ältestes Tafl-Brett bezeichnet. Es stammt aus einem großen Waffenopferfund der Römischen Kaiserzeit, also Jahrhunderte vor den Wikingern. Das dänische Nationalmuseum deutet es jedoch vorsichtig anders: Eine Seite könnte für ein Spiel wie das römische Ludus latrunculorum gedient haben, die andere für ein backgammonähnliches Spiel. Zu den Funden gehören Spielsteine aus Bernstein, Knochen und römischem Glas sowie Würfel. Germanen kannten also früh römische Brettspiele. Dass daraus irgendwann Tafl wurde, ist eine gut begründete Vermutung, aber kein Beweis.

Tafl in Rätseln, Sagas und der Edda

Die Schriftquellen stammen fast alle aus dem 12. bis 14. Jahrhundert. Für die Regeln geben sie wenig her, für die Bedeutung des Spiels umso mehr.

Die wichtigste Stelle steht in der Hervarar saga ok Heiðreks. Dort tritt Odin verkleidet als Gestumblindi gegen König Heiðrekr zu einem Rätselwettstreit an – ein Motiv, das an das Wissensduell in den Vafþrúðnismál erinnert. Zwei Rätsel handeln von Tafl. Im ersten fragt Gestumblindi nach Bräuten, die um ihren waffenlosen Herrn kämpfen; die dunkleren schützen ihn alle Tage, die schöneren greifen an. Heiðrekr löst es mühelos:

„Das ist Hnefatafl: Die dunkleren verteidigen den hnefi, die weißen greifen an.“Hervarar saga ok Heiðreks, Gestumblindis Rätsel, eigene Übertragung aus dem Altnordischen

Zwei Dinge sind hier Gold wert. Erstens ist der König vápnlauss, „waffenlos“ – ein Hinweis, dass er in dieser Spielform selbst nicht schlagen konnte. Zweitens die Farben: Verteidiger dunkel, Angreifer hell. Die Friðþjófs saga dagegen nennt die Verteidiger rot und die Angreifer weiß. Ein zweites Rätsel beschreibt ein Tier mit acht Hörnern und ohne Kopf, dem viele folgen; die Lösung lautet „der húnn im Hnefatafl“. Was der húnn war, ist strittig: der König, ein Spielstein oder ein Würfel? Daran hängt die Frage, ob Hnefatafl manchmal mit Würfeln gespielt wurde.

Die Orkneyinga saga überliefert einen Vers des Jarls Rögnvaldr Kali Kolsson, der im 12. Jahrhundert über Orkney herrschte. Er zählt neun Fertigkeiten auf, die er beherrscht, und beginnt mit dem Brettspiel: Tafl emk ǫrr at efla – sinngemäß „Im Tafl bin ich eifrig und geschickt“. Danach folgen Runen, Bücher, Schmiedearbeit, Skilaufen, Bogenschießen, Rudern, Harfenspiel und Dichtkunst. Bemerkenswert ist die Reihenfolge: Das Brettspiel steht an erster Stelle, vor dem Waffenhandwerk. Tafl gehörte zur Bildung eines Herrschers. Wer die Orkney-Herrscher näher kennenlernen will, findet sie in unserem Beitrag über die Orkney-Jarle.

Auch die Edda kennt das Spiel. In der Völuspá heißt es von den Göttern im goldenen Zeitalter teflðu í túni, „sie spielten Tafl auf dem Hofplatz“, und nach dem Weltuntergang finden die Asen die goldenen Spieltafeln, gullnar tǫflur, im Gras wieder. Wer ältere deutsche Ausgaben liest, sucht das Brettspiel dort übrigens vergeblich:

„Sie warfen im Hofe heiter mit Würfeln / Und darbten goldener Dinge noch nicht.“Völuspá, Strophe 8, Übersetzung Karl Simrock (gemeinfrei)

Simrock machte aus dem Tafl ein Würfelspiel und aus den goldenen Tafeln später „goldene Bälle“. Das zeigt, wie unsicher man im 19. Jahrhundert war, was tafl meinte. Das Bild selbst ist stark: Am Anfang und am Ende der Welt sitzen die Götter beim Brettspiel. Muße als Zeichen einer heilen Ordnung.

In den Isländersagas wird oft beiläufig getafelt. Als Spielanleitung taugt keine dieser Szenen. Rechtstexte, nach denen manchmal gefragt wird, helfen ebenfalls kaum weiter: Eine Gesetzesstelle, die Hnefatafl ausdrücklich regelt, konnten wir nicht verlässlich belegen.

Die Regeln: eine Rekonstruktion aus Lappland

Kein Wikinger hat die Regeln des Hnefatafl aufgeschrieben. Die einzige ausführliche Beschreibung eines Tafl-Spiels aus der Praxis stammt von Carl von Linné (Linnaeus), dem späteren Begründer der botanischen Systematik. 1732 reiste der junge Naturforscher durch Lappland und führte ein Tagebuch, die Lachesis Lapponica. Darin beschreibt er, mit einer Zeichnung, ein Spiel der Sámi namens Tablut.

Nach Linnés Bericht wurde Tablut auf einer bestickten Rentierhaut mit 9 × 9 Feldern gespielt. In der Mitte, auf dem „Schloss“, stand der König, um ihn herum acht „Schweden“ in Kreuzform. Ihnen gegenüber standen sechzehn „Moskowiter“ in Vierergruppen an der Mitte jedes Randes. Die Schweden gewannen, wenn der König irgendeinen Randplatz erreichte, die Moskowiter, wenn sie ihn fingen. Die Parteinamen verraten die Zeit: Der Große Nordische Krieg gegen Russland lag kaum elf Jahre zurück.

Ausgerechnet diese Quelle wurde lange falsch gelesen. James Edward Smith veröffentlichte 1811 eine englische Übersetzung des Tagebuchs; den lateinisch-schwedischen Spielabschnitt übertrug der Kaufmann Carl Troilius, und ihm unterliefen Fehler. Der folgenreichste: Der König müsse von allen vier Seiten umzingelt werden. Nach dem Original reichen meist zwei Angreifer, nur auf oder neben dem Schloss braucht es drei oder vier. Erst neuere Übersetzungen, etwa von John Ashton (2007), haben das korrigiert. Viele Brettspielregeln, die im 20. Jahrhundert als „echte Wikingerregeln“ verkauft wurden, stehen also auf einer fehlerhaften Übersetzung eines Berichts über ein samisches Spiel des 18. Jahrhunderts.

Mythos-Check: Es gibt keine „originalen Wikingerregeln“. Jede heutige Fassung – auch unser Online-Hnefatafl – ist eine Rekonstruktion: Tablut-Prinzipien, übertragen auf größere Bretter, ergänzt um Hinweise aus Hervarar saga und Funden. Wer behauptet, genau so habe man in Birka gespielt, verkauft eine Vermutung als Tatsache.

Die Varianten: wo die Rekonstruktionen auseinandergehen

Weil die Lücken groß sind, haben sich mehrere Regelwerke etabliert. Die heute verbreitetsten sind die Fetlar-Regeln, benannt nach der Shetlandinsel, auf der seit den 2000er-Jahren Turniere ausgetragen wurden, und die darauf aufbauenden Kopenhagener Regeln, die im Turnierbetrieb Standard sind. Gespielt wird auf 11 × 11 Feldern: der König mit zwölf Verteidigern gegen vierundzwanzig Angreifer. Die Unterschiede zwischen allen Fassungen kreisen um vier Fragen.

Ist der König bewaffnet? Ein bewaffneter König darf mitschlagen, also einen Gegner zusammen mit einem Verteidiger einklemmen. Ein waffenloser König kann das nicht. Das Hervarar-Rätsel spricht für den waffenlosen König, Linné nennt nichts Eindeutiges. Die Kopenhagener Regeln bewaffnen ihn.

Wie wird der König gefangen? Bei Linnés Tablut reichen in der Regel zwei Angreifer, wie bei jedem anderen Stein. In Fetlar und Kopenhagen muss der König von vier Seiten umstellt werden, bzw. von drei Seiten, wenn die vierte der Thron ist. Ein „starker“ König lässt sich kaum fangen und stärkt die Verteidiger enorm.

Rand oder Ecke? Darf der König auf jedem Randfeld entkommen, gewinnen auf großen Brettern fast immer die Verteidiger. Darum verlangen die meisten modernen Fassungen, dass er eine der vier Ecken erreicht. Die Ecken und der Thron in der Mitte sind „Burgfelder“, die nur der König betreten darf und die als Feind wirken, wenn man einen Stein dagegen klemmt. Ob die markierten Ecken auf Ballinderry und Gokstad genau das bedeuteten, wissen wir nicht – sie sprechen aber dafür, dass die Ecken eine besondere Rolle spielten.

Spielbalance: Wer gewinnt eigentlich?

Ist es gerecht, wenn dreizehn gegen vierundzwanzig antreten? Das hängt ganz von den Regeln ab, und darüber streitet die Tafl-Gemeinde seit Jahrzehnten.

Bei kleinen Brettern mit Randsieg ist das Spiel für den König fast nicht zu verlieren. Beim schottischen Ard Rí etwa gilt die Partie als gelöst: Mit richtigem Spiel gewinnen die Verteidiger immer. Umgekehrt wurde Tablut mit den korrigierten Linné-Regeln in modernen Auswertungen leicht zugunsten der Angreifer gesehen. Im Turnier mit Kopenhagener Regeln wechseln die Spieler deshalb die Seiten.

Für die Wikingerzeit lässt sich daraus etwas Wichtiges ableiten: Wir wissen nicht, ob das Spiel damals ausgewogen war. Vielleicht spielte der Bessere bewusst die schwächere Seite, vielleicht entschied ein Würfel. Sicher ist nur, dass Menschen es über Jahrhunderte spielten – irgendetwas muss daran gestimmt haben.

Strategietipps für Anfänger

Die Regeln lernst du in Minuten, das Spiel in Jahren. Ein paar Grundsätze helfen dir trotzdem sofort, besonders wenn du unser Hnefatafl online ausprobierst.

Als Angreifer: Jage nicht den König, sondern baue einen Ring. Die größte Gefahr sind offene Linien zu den Ecken, also besetze zuerst die Felder schräg vor den Ecken. Eine diagonale Kette von Steinen ist kaum zu schlagen, weil kein Stein zwischen zwei Gegnern stehen kann. Geduld gewinnt: Jeder verlorene Stein ist eine Lücke im Netz.

Als Verteidiger: Tempo ist alles. In den ersten Zügen sind die Angreifer noch zerstreut, also öffne schnell Linien und bedrohe zwei Ecken zugleich. Eine Gabel, bei der der König zwei Fluchtwege hat, kann der Gegner nur einmal schließen. Opfere ruhig Verteidiger, wenn das eine Linie freiräumt. Und lass den König nicht in der Mitte hocken: Ein eingemauerter König ist ein verlorener König.

Warum die Wikinger Tafl spielten

Die Spielsteine in Kriegergräbern, Rögnvaldrs Liste der Fertigkeiten, die Götter beim Spiel in der Völuspá – all das zeigt, dass Tafl zum Selbstbild einer Elite gehörte. Zugleich vertrieb es lange Winterabende im Langhaus. Die Funde reichen von Prunksätzen bis zu einfachen Steinen und Ritzungen, also spielten nicht nur die Mächtigen. Einen breiteren Blick auf Freizeit und Wettkampf wirft unser Beitrag über Glíma und Knattleikr.

Das Ende kam schleichend. Mit dem Christentum und den Handelswegen gelangte im 11. und 12. Jahrhundert das Schach in den Norden. Es hatte Prestige und war ausgewogener. Die Bergener Bretter zeigen, dass Hnefatafl noch bis ins Spätmittelalter gespielt wurde, doch am Ende überlebte es nur in Randgebieten, in Wales bis ins 16. Jahrhundert, in Lappland bis ins 18. Jahrhundert – und dann als Rekonstruktion bei uns.

Ein Spielbrett aus Schiefer oder Holz

Wir sind ein Familienbetrieb für Gravuren in Alsdorf, und ein Tafl-Brett ist für uns ein Herzensprojekt. Das Raster eignet sich hervorragend für die Lasergravur: klare Linien, markierte Burgfelder, dazu am Rand ein Flechtband im Borre-Stil wie in Ballinderry oder eine Runeninschrift mit dem Namen der Spielenden. Auf Schiefer wirkt das Brett dunkel und schwer, fast wie ein Fundstück, auf Holz warm und wohnlich. Welches Material zu dir passt, vergleichen wir in Schiefer, Holz oder Glas?. Wenn du ein eigenes 11×11- oder 13×13-Brett möchtest, sprich uns über die Wunschgravur an – und üb vorher schon mal online.

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Häufige Fragen

Was ist Hnefatafl? Ein asymmetrisches Brettspiel der Wikingerzeit: Ein König will aus der Brettmitte entkommen, eine doppelt so große Angreiferschar will ihn einschließen.

Wie lauten die Hnefatafl-Regeln? Alle Steine ziehen gerade wie ein Turm, geschlagen wird durch Einklemmen zwischen zwei Gegnern. Der König gewinnt meist in einer Ecke, die Angreifer, wenn sie ihn umzingeln. Die originalen Regeln sind verloren, heutige Fassungen wie die Kopenhagener Regeln sind Rekonstruktionen.

Ist Hnefatafl dasselbe wie Wikingerschach? „Wikingerschach“ ist ein moderner Spitzname. Mit dem Schach ist Hnefatafl nicht verwandt; das Schach verdrängte es im 12. Jahrhundert.

Was ist der Unterschied zwischen Tablut und Hnefatafl? Tablut ist die samische Variante auf 9 × 9 Feldern, die Carl von Linné 1732 beschrieb. Hnefatafl wurde auf größeren Brettern mit 11 × 11 oder 13 × 13 Feldern gespielt; seine Regeln werden aus Tablut rekonstruiert.

Kann man Hnefatafl online spielen? Ja, auf unserer Seite kannst du Hnefatafl kostenlos im Browser spielen, ohne Anmeldung.

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