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Wikinger Kleidung: Was Frauen und Männer in der Wikingerzeit wirklich trugen

Alltag & Kultur Wikinger Kleidung: Was Frauen und Männer in der Wikingerzeit wirklich trugen

Wikinger trugen vor allem Wolle und Leinen, oft gefärbt und gut geschneidert: Frauen ein langes Unterkleid und darüber einen Hängerock, den zwei ovale Schalenfibeln an den Schultern hielten, Männer einen knielangen Kittel, Hosen, Gürtel und einen Mantel, der mit einer Fibel an der Schulter geschlossen wurde. Fell und Leder gab es auch – aber als Futter, Schuh und Gürtel, nicht als Ganzkörperkostüm. Woher wir das wissen, was umstritten ist und was du dir für dein eigenes Gewand abschauen kannst, steht hier.

Woher wir überhaupt etwas wissen

Stoff ist das Vergänglichste, was Menschen herstellen. Ein Schwert überdauert tausend Jahre im Boden, ein Wollkittel nur unter ganz bestimmten Bedingungen: ohne Sauerstoff, im Dauerfrost, im Moor oder in direktem Kontakt mit Metall, dessen Korrosionssalze die Fasern konservieren. Alles, was wir über Wikinger Kleidung wissen, stammt deshalb aus einer Handvoll Glücksfälle – und aus sehr viel geduldiger Detektivarbeit.

Drei Arten von Quellen greifen dabei ineinander. Erstens die archäologischen Textilfunde: Lumpen aus dem Hafen von Haithabu, Stoffreste aus den Gräbern von Birka, Mammen oder Oseberg. Zweitens Bildquellen: winzige Silberfiguren, Bildsteine, der Bildteppich aus dem Oseberg-Grab. Drittens Schriftquellen: der arabische Gesandte Ibn Faḍlān als Augenzeuge des 10. Jahrhunderts und deutlich jüngere isländische Texte wie die Rígsþula oder die Sagas, die erst im 13. Jahrhundert aufgeschrieben wurden. Ein Saga-Satz über einen roten Mantel ist kein Grabfund, und ein Grabfund verrät nicht, wie der Mantel getragen wurde.

Haithabu: Lumpen, die Geschichte schrieben

Der vielleicht wichtigste Kleiderschrank der Wikingerzeit ist ein Hafenbecken an der Schlei. Im 10. Jahrhundert stopften die Bewohner von Haithabu ausgediente Kleidungsstücke als Kalfaterung in die Fugen ihrer Schiffe und Stege, getränkt mit Teer. Was dann im Schlick versank, blieb unter Luftabschluss erhalten. Die schwedische Textilarchäologin Inga Hägg hat diese Lumpen in jahrelanger Arbeit untersucht und 1984 als Band 20 der Berichte über die Ausgrabungen in Haithabu veröffentlicht.

Das Besondere: Es ist Alltagskleidung, abgetragen, geflickt und zerschnitten. Hägg konnte an Nähten, Säumen und Zuschnittkanten ablesen, dass die Schneiderinnen von Haithabu mit Abnähern, eingesetzten Keilen und angesetzten Ärmeln arbeiteten. Die Kehrseite: Niemand weiß sicher, an welcher Körperstelle ein Fragment einst saß. Jede Rekonstruktion aus Haithabu ist deshalb eine begründete Deutung, kein Schnittmuster aus dem Museum.

Birka, Mammen, Oseberg: Gräber als Kleiderkammer

Ganz anders liegt der Fall in den Gräbern. In Birka am Mälaren hat Hjalmar Stolpe zwischen 1871 und 1895 rund 1.100 Gräber ausgegraben. Die Stoffe darin sind meist nur als kleine Reste erhalten – festkorrodiert an der Rückseite von Fibeln, an Gürtelschnallen und Beschlägen. Dafür weiß man hier, wo sie am Körper lagen. Agnes Geijer legte 1938 mit ihrer Bearbeitung der Birka-Textilien die Grundlage, auf der die Forschung bis heute aufbaut. Aus Birka stammen auch die prächtigsten Borten der Wikingerzeit: brettchengewebte Bänder mit Seide und eingearbeiteten Gold- oder Silberfäden.

In Dänemark lieferte das Kammergrab von Mammen (Bjerringhøj), das 1868 geöffnet wurde und dessen Holz in den Winter 970/971 datiert, die Reste einer außergewöhnlich reichen Männerausstattung: bestickte Wolle mit Tierfiguren und Akanthusranken in Rot, Blau und Gelb, ein pelzgefütterter Umhang, Brettchenborten aus lila gefärbter Seide mit Gold- und Silberfäden.

Und dann Oseberg: Das Schiffsgrab von 834 enthielt neben Wolle und Leinen auch zahlreiche Seidenstücke, Webgeräte und den berühmten Bildteppich.

Bilder aus Silber und Wolle

Bilder ergänzen, was der Boden verschweigt. Der Oseberg-Teppich, ein nur 16 bis 23 Zentimeter breites Band, zeigt einen Zug aus Wagen, Pferden und Menschen. Frauengestalten tragen darauf lange, bis zum Boden reichende Gewänder, manche Figuren sind bewaffnet, eine trägt eine Tiermaske, eine andere einen Kopfschmuck mit Hörnern – vermutlich Ritualtracht und nichts, was man zum Markt anzog.

Noch deutlicher sind die kleinen Frauenfiguren aus vergoldetem Silber, die in Skandinavien gefunden wurden. Die berühmteste kam 2012 in Hårby auf Fünen ans Licht: 3,4 Zentimeter groß, mit Schwert und Schild, einem langen gemusterten Kleid und am Hinterkopf zusammengebundenem Haar. Ob sie Walküren oder Menschen zeigt, ist offen; Silhouette und Lagen zeigt sie in jedem Fall. Mehr zu den Haartrachten auf diesen Figuren findest du in unserem Artikel über Wikinger-Frisuren.

Unter den Texten ist die eddische Rígsþula besonders ergiebig, weil sie drei Stände über ihre Kleidung beschreibt. Ihre Entstehungszeit ist umstritten; überliefert ist sie erst in einer Handschrift des 14. Jahrhunderts. Die Urgroßmutter der Knechte trägt dort ein Band um den Kopf und ein Tuch mit Spangen an den Schultern. Die Braut des freien Bauern geht in Ziegenfell und trägt Schlüssel. Und die vornehme Mutter wird so geschildert:

Geschwungen war ihre Haube, Spangen auf der Brust, breit ihre Schleppe, blau ihr Gewand. Rígsþula, Str. 28 (Zählung nach Bellows), eigene Übertragung

Das ist Dichtung, kein Inventar. Aber es passt verblüffend gut zu dem, was Gräber und Figuren zeigen: Kopfbedeckung, Fibeln auf der Brust, lange Kleider – und Blau als Farbe der Wohlhabenden.

Wikinger Kleidung für Frauen: Unterkleid und Hängerock

Die Grundlage der Frauentracht war ein langes Unterkleid mit Ärmeln, oft aus Leinen, manchmal auch aus feiner Wolle. In einigen Birka-Gräbern fanden sich fein plissierte Leinenreste, die zu solchen Unterkleidern gehört haben dürften. Am Hals wurde das Unterkleid häufig mit einer kleinen runden Fibel geschlossen.

Darüber trugen Frauen in weiten Teilen Skandinaviens das Kleidungsstück, das man heute mit der Wikingerfrau verbindet: den Hängerock, auch Trägerrock, Schürzenkleid oder englisch apron dress genannt. Gemeint ist ein Übergewand, das nicht über die Schultern genäht war, sondern an schmalen Trägern hing. Die Träger liefen durch zwei ovale Bronzefibeln, die auf Höhe des Schlüsselbeins saßen. Der Name smokkr, den man in Reenactment-Kreisen oft hört, ist ein Vorschlag des Forschers Thor Ewing und keine im Fund belegte Bezeichnung – das altnordische Wort selbst ist nur schwach überliefert.

Die ovalen Fibeln, wegen ihrer Form auch Schalenfibeln oder Schildkrötenfibeln genannt, sind der archäologische Fingerabdruck dieser Tracht. Sie überdauern im Boden, und an ihrer Rückseite haften oft noch Gewebereste: außen die Wolle des Hängerocks, innen das Leinen des Unterkleids, dazwischen die Schlaufen der Träger.

Verbreitet war diese Tracht, aber nicht überall gleich. In Haithabu etwa sind ovale Fibeln in Gräbern vergleichsweise selten. Auf Gotland trugen Frauen statt ovaler Fibeln eigene Formen, die sogenannten Tierkopffibeln.

Röhre, Wickel oder Schürze? Die Schnitt-Debatte

Wie genau ein Hängerock geschnitten war, ist eine der lebhaftesten Diskussionen der Textilarchäologie. Agnes Geijer stellte sich nach den Birka-Funden ein rechteckiges Tuch vor, das um den Körper gewickelt und an einer Seite offen war. Inga Hägg deutete das Material zunächst als geschlossenes, röhrenförmiges Gewand. Andere Forscherinnen schlugen eine vorn offene Form vor, wieder andere zwei getrennte Bahnen vorn und hinten – eine Lösung, die heute weitgehend als widerlegt gilt und im Reenactment etwas spöttisch »Geschirrtuch-Kleid« heißt.

Der Schlüsselfund stammt wieder aus dem Hafen von Haithabu: zwei Fragmente eines feinen, braun gefärbten Wollstoffs, eines davon rund 30 Zentimeter hoch, mit gesäumter Oberkante und einem Abnäher. Über diesen Abnäher läuft eine nur ein bis zwei Millimeter breite Zierschnur aus roten und gelben Fäden. Hägg las daraus ein körpernah geschnittenes, geschlossenes Gewand, das am Oberkörper anlag und über den Hüften weiter wurde. Sie selbst hat betont, dass ihre Rekonstruktion des Gesamtschnitts teilweise Vermutung bleibt.

Für dich heißt das: Es gibt nicht den einen richtigen Hängerock. Eine röhrenförmige Variante nach Haithabu ist gut begründet, eine Wickelvariante nach Birka ebenfalls.

Perlen, Fibeln und Kopfbedeckung

Zwischen den beiden ovalen Fibeln hingen bei vielen Frauen Perlenketten aus Glas, Bergkristall, Karneol oder Bernstein. Dazu kamen Anhänger, Münzen, kleine Geräte wie Nadelbüchsen, Scheren oder Messer an Ketten und Bändern. Manche Frauen trugen eine dritte Fibel in der Mitte der Brust, oft eine Kleeblatt- oder Rundfibel, mit der ein Umhang oder Schultertuch geschlossen wurde. Wie diese Schmuckstücke gefertigt und kombiniert wurden, zeigen wir ausführlich im Beitrag über Wikinger-Schmuck.

Bei der Kopfbedeckung wird die Quellenlage dünn. Aus Dublin und York sind kleine Hauben aus Seide oder Wolle erhalten, aus Birka Reste von Kopfbedeckungen mit Metallfäden. Die Figuren zeigen Haarknoten, teils mit einem Tuch oder einer Haube. Ob verheiratete Frauen ihr Haar grundsätzlich bedeckten, wie es spätere Rechtstexte und Sagas nahelegen, lässt sich für die Wikingerzeit nicht sicher belegen.

In der Rígsþula trägt die Bauersfrau Schlüssel, und in Frauengräbern liegen sie tatsächlich, oft am Gürtel oder an der Fibelkette. Mehr über die Rolle der Frauen der Wikingerzeit findest du in einem eigenen Beitrag.

Wikinger Kleidung für Männer: Kittel und Hose

Das Grundkleidungsstück des Mannes war ein Kittel, heute oft Tunika genannt: ein hüft- bis knielanges Obergewand aus Wolle, darunter bei Bedarf ein Hemd aus Leinen. Die Haithabu-Fragmente zeigen eingesetzte Ärmel, Keile für die Weite im Rock und Schnitte, die näher am Körper lagen, als es viele Kostüme heute tun. Ein Gürtel hielt den Kittel zusammen und trug Messer, Beutel, Feuerstahl und Kamm.

Bei den Hosen ist Ehrlichkeit gefragt. Aus der Wikingerzeit selbst gibt es keine vollständig erhaltene Hose. In Haithabu identifizierte Hägg mehrere Fragmente als mögliche Hosenteile, darunter Stücke aus dünnem, in Falten gelegtem Wollstoff, die sie als weite, gebauschte und eher vornehme Hose deutete. Ein anderes Fragment war mit Walnussschalen rotbraun gefärbt. Im Mammen-Grab fanden sich blaue Gewebereste am Unterschenkel, die als Saum einer langen Hose gedeutet werden. Und die gut erhaltene Hose von Skjoldehamn in Nordnorwegen ist ein Sonderfall: Ihre Datierung schwankt je nach Messung zwischen der späten Wikingerzeit und dem 13. Jahrhundert, und wer sie trug, ist ebenfalls umstritten.

Die oft zitierte »Pluderhose« der Rus mit weiten Beinen, die unter dem Knie gerafft werden, stützt sich auf solche Fragmente und auf Bilddarstellungen aus dem Osten. Was gesichert ist: Männer trugen Hosen, und sie waren aus Wolle.

Mantel, Ringfibel, Wickelgamaschen und Schuhe

Über allem lag der Mantel, ein großes rechteckiges oder halbrundes Tuch. Ibn Faḍlān beschreibt ihn als Gewand, das eine Körperseite bedeckt und eine Hand frei lässt – genau das, was man erwartet, wenn der Mantel auf einer Schulter geschlossen wird. Dass das meist die rechte Schulter war, damit der Waffenarm frei blieb, ist eine naheliegende Deutung, die oft wiederholt wird; Gräber zeigen Mantelfibeln allerdings an verschiedenen Stellen. Als Verschluss dienten Nadeln mit Ring, sogenannte Ringkopfnadeln, oder große Ringfibeln. Ringfibeln und Ringnadeln haben ihre Vorbilder auf den Britischen Inseln und kamen über Irland und Schottland in Mode. In Birka hat man in einem Grab eine Ringfibel auf Hüfthöhe gefunden, die vermutlich einen gemusterten Mantel hielt.

An den Beinen trugen viele Männer Wickelgamaschen, lange Wollbänder, die von Knöchel bis Knie um die Wade gewickelt wurden. Ein Beleg dafür ist Birka-Grab 905: Dort lagen unterhalb der Knie zwei kleine Bronzehaken, die solche Bänder oder Beinlinge festgehalten haben dürften.

Die Schuhe waren sogenannte Wendeschuhe: Sie wurden links herum genäht und anschließend gewendet, sodass die Naht innen lag. Haithabu und York haben große Mengen davon geliefert, als Halbschuhe, Knöchelschuhe und höhere Stiefel mit Riemen oder Knebelverschluss. Leder war also da – an den Füßen, am Gürtel, an Taschen und Scheiden. Wie es verarbeitet wurde, erklären wir im Beitrag zum Lederhandwerk.

Eine östliche Sonderform verdient eigene Erwähnung: In mehreren Birka-Gräbern weisen Knöpfe und Borten auf einen vorn geschlossenen Mantelrock hin, der an Kaftane der Steppenvölker und an byzantinische Mode erinnert. Mindestens fünf Gräber zeigen Spuren eines vom Hals bis zur Taille geknöpften Gewands.

Zwei ältere Vorbilder: Thorsberg und Lendbreen

Zwei der bekanntesten Kleidungsfunde aus dem Norden werden gern als »Wikinger-Kleidung« verkauft, obwohl sie es nicht sind. Ehrlich bleiben heißt hier: Epoche benennen.

Die Thorsberger Hose stammt aus dem Thorsberger Moor bei Süderbrarup in Angeln und liegt heute im Landesmuseum auf Schloss Gottorf in Schleswig. Sie gehört in die römische Kaiserzeit, grob ins 2. bis 4. Jahrhundert, also mehrere Jahrhunderte vor die Wikingerzeit. Die Hose ist rund 125 Zentimeter lang, hat Gürtelschlaufen und angesetzte Fußteile. Als Hinweis darauf, wie Hosen im Norden grundsätzlich aussehen konnten, ist sie wertvoll. Als Beleg für eine Hose des 9. oder 10. Jahrhunderts taugt sie nicht.

Die Lendbreen-Tunika tauchte im August 2011 am Lendbreen in Oppland (Norwegen) auf, einem Eisfeld auf rund 1.900 Metern Höhe. Radiokarbondaten setzen sie in die Zeit von etwa 230 bis 390 n. Chr. Sie ist das älteste vollständige Kleidungsstück Norwegens: ein Kittel aus Wolle in Diamantköper, aus hellbrauner und dunkelbrauner naturfarbener Wolle bewusst gesprenkelt gewebt, mit angesetzten Ärmeln und zwei Flicken auf dem Rücken. Nach heutigen Maßen passt sie einem schlanken Mann von etwa 1,70 bis 1,76 Metern. Für zwei Nachbauten haben Fachleute im Auftrag des Kulturhistorischen Museums Oslo und des Norwegischen Gebirgszentrums jeweils gut 400 Arbeitsstunden aufgewendet.

Wolle, Leinen und ein Hauch Seide

Die beiden Grundstoffe der Wikingerzeit waren Wolle und Leinen. Wolle kam von kurzschwänzigen nordischen Schafen, deren Vlies aus zwei Haarsorten besteht: feinem Unterhaar und gröberem Deckhaar. Durch Sortieren ließ sich daraus alles gewinnen, vom weichen Kleiderstoff bis zum strapazierfähigen Segeltuch. Leinen aus Flachs war mühsamer herzustellen, dafür glatt, hell und angenehm auf der Haut – der klassische Stoff für Unterkleider und Hemden.

Seide war der Luxus schlechthin. Sie kam über die östlichen Handelswege aus Byzanz, dem islamischen Raum und letztlich aus Zentral- und Ostasien in den Norden. In Birka, Oseberg und Mammen fand man sie vor allem als schmale Streifen und Borten, die an Kragen, Säume und Mützen genäht waren. Ein ganzes Seidengewand ist aus Skandinavien nicht erhalten. Wie weit diese Handelswege reichten, beschreiben wir im Beitrag über den Handel der Wikinger.

Fell und Pelz dienten als Futter, Besatz und Wärmeschicht, besonders in Mänteln und Mützen. Was fehlt, ist der Wikinger im ärmellosen Lederwams mit Fellweste über nackten Armen. Den gibt es im Fundmaterial nicht.

Farben: Waid, Krapp, Wau und Walnuss

Das hartnäckigste Klischee über Wikinger Kleidung ist ihre angebliche Farblosigkeit. Die Faseranalysen sagen etwas anderes. Die britische Textilarchäologin Penelope Walton Rogers hat an Funden aus York und anderen Orten Farbstoffe chemisch nachgewiesen: Indigotin aus Färberwaid für Blau, Farbstoffe aus der Krappwurzel für Rot, eine Gelbfärbung für Grün in Kombination mit Waid und Violett aus Flechten. Der klassische Gelbfärber Wau (Reseda) ist auf importierter Seide nachgewiesen; welche Pflanze das in der Wolle gefundene Gelb lieferte, konnte sie für einen Teil der Proben nicht bestimmen und nannte ihn deshalb »Yellow X«.

Spannend ist das regionale Muster, das Walton beobachtet hat: Im englischen Danelag dominieren Rottöne, in Irland Violett, in Skandinavien selbst Blau und Grün. Aus Haithabu ist zusätzlich Braun bis Braunschwarz aus Walnussschalen und Eisen belegt. Kermes, ein Rot aus Schildläusen, taucht nur auf Seide auf – die kam also schon gefärbt aus dem Süden.

Farbe bedeutete Aufwand. Ein leuchtend roter oder tiefblauer Mantel war deshalb eine Aussage über Besitz. Naturfarbene Wolle in Weiß, Grau, Braun und Schwarz war daneben völlig normal, und wie die Lendbreen-Tunika zeigt, ließ sich auch damit gestalten. Wie die Färberinnen arbeiteten, erklärt unser Beitrag zum Färben in der Wikingerzeit.

Am Webstuhl: Gewichte, Brettchen und eine einzige Nadel

Gewebt wurde auf dem Gewichtswebstuhl: Die Kettfäden hingen senkrecht von einem Querbalken herab und wurden unten von tönernen oder steinernen Webgewichten gespannt. Diese Gewichte findet man in Grubenhäusern überall in Skandinavien, oft noch in Reihen, wie sie am Webstuhl hingen. Typische Bindungen waren Leinwand und Köper, bei feineren Stoffen auch Rauten- und Diamantköper, wie ihn schon die Lendbreen-Tunika zeigt.

Für Borten und Zierbänder nutzte man das Brettchenweben: Kleine viereckige Plättchen aus Holz, Knochen oder Leder mit Löchern in den Ecken führen die Kettfäden; durch Drehen der Brettchen entsteht ein festes, gemustertes Band. In Birka sind Dutzende Bandmuster überliefert, viele mit Seide und Metallfäden, und das Oseberg-Grab enthielt Webgerät für diese Technik samt angefangener Borte. Mehr dazu im Beitrag zur Weberei der Wikinger. Socken, Fäustlinge und Mützen entstanden in Nadelbindung: Mit einer einzigen breiten Nadel werden kurze Fadenstücke zu Schlingen verbunden. Die berühmte Socke aus den Ausgrabungen in der Coppergate in York zeigt diese Technik.

Der Arbeitsaufwand ist kaum zu überschätzen. Schon die gut 400 Stunden für die Nachbildung der Lendbreen-Tunika zeigen, dass ein einziges Kleidungsstück Wochen an Arbeitszeit band. Kleidung war in der Wikingerzeit kein Wegwerfartikel, sondern Vermögen – und wurde getragen, bis sie als Kalfaterung im Hafen landete.

Ein Augenzeuge an der Wolga: Ibn Faḍlān

Die einzige ausführlichere Beschreibung von Kleidung aus der Wikingerzeit selbst verdanken wir einem Fremden. Ahmad ibn Faḍlān reiste 921/922 als Gesandter des Kalifen von Bagdad zu den Wolgabulgaren und traf dort Händler, die er Rūs nennt. Er beschreibt, dass die Männer ein Gewand tragen, das eine Körperseite bedeckt und eine Hand frei lässt. Die Frauen tragen auf jeder Brust eine »Dose« aus Eisen, Silber, Kupfer oder Gold – nach allgemeiner Deutung die ovalen Schalenfibeln –, dazu Halsringe aus Gold und Silber, je einen für jeweils zehntausend Dirham, die der Mann besitzt, und am liebsten Perlen aus grünem Glas.

Gerade die Fibeln, die Perlen und der einseitig geschlossene Mantel decken sich so gut mit den Grabfunden, dass sein Bericht zu den wertvollsten Quellen gehört. Mehr zu ihm und seinem Text liest du in unserem Beitrag über Ibn Faḍlān.

Mythos-Checks rund um Wikinger Kleidung

Mythos-Check: »Wikinger liefen in Leder und Fell herum.« Leder ist für Schuhe, Gürtel, Taschen und Scheiden reichlich belegt, Pelz als Futter und Besatz. Ganze Kleidungsstücke aus Leder – Westen, Hosen, Wämser – kennt das Fundmaterial nicht. Die Grundausstattung bestand aus Wolle und Leinen.
Mythos-Check: »Zur Tracht gehörte der Hörnerhelm.« Kein einziger Helm mit Hörnern ist aus der Wikingerzeit bekannt. Das Bild geht vor allem auf Kostüme des 19. Jahrhunderts zurück, etwa die Entwürfe von Carl Emil Doepler für die Bayreuther Aufführung von Wagners »Ring« 1876. Gehörnte Figuren auf Teppichen oder Blechen sind Ritual- oder Götterbilder, keine Alltagskleidung. Die ganze Geschichte erzählt unser Hörnerhelm-Mythos.
Mythos-Check: »Wikinger trugen nur Braun und Grau.« Farbstoffanalysen belegen Blau, Rot, Gelb, Grün und Violett. Naturfarben waren verbreitet, aber Farbe war erreichbar und ein Zeichen von Rang.
Gesichert: Hängerock mit paarigen ovalen Fibeln über einem Unterkleid für Frauen in weiten Teilen Skandinaviens; Kittel, Hose, Gürtel und Mantel für Männer; Wolle und Leinen als Grundstoffe, Seide als Importluxus; Waid, Krapp und Flechtenfarben chemisch nachgewiesen; Wendeschuhe, Brettchenborten und Nadelbindung durch Funde belegt.

Reenactment: Worauf du achten solltest

Wer sich heute ein Gewand nähen oder kaufen will, steht vor einem Markt, auf dem »Wikinger« auf allem klebt. Erstens: Welche Region und welches Jahrhundert? Ein Mann aus Birka um 950 sah anders aus als ein Bauer in Westnorwegen um 850. Zweitens: Welcher Fund steht hinter dem Schnitt? Drittens: Material. Wolle in Köper oder Leinwand, Leinen für die Unterschicht, Pflanzenfarben oder Naturtöne – und keine Kunstfasern, die am Lagerfeuer schmelzen.

Ein paar typische Stolpersteine: die Thorsberger Hose als »Wikingerhose« zu verkaufen, ohne die Epoche zu nennen; überall Fell und Leder; zu viel Schmuck an zu wenig Stoff; schwarze Kunstlederarmbänder mit Runen. Und, ganz wichtig: Ovale Fibeln gehören an die Schultern einer Frauentracht, nicht an den Männermantel. Auf Festivals wie den Wikingertagen in Schleswig siehst du Gruppen, die sehr genau an Funden arbeiten.

Und wenn du mehr über das ganze Erscheinungsbild wissen willst, über Bart, Haar, Körperpflege und Schmuck, dann lies weiter bei Wie sahen Wikinger aus?.

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Häufige Fragen

Was trugen Wikinger Frauen? Ein langes Unterkleid, meist aus Leinen, darüber einen Hängerock aus Wolle, der mit zwei ovalen Schalenfibeln an den Schultern gehalten wurde. Dazu kamen Perlenketten, bei Bedarf ein Umhang oder Schultertuch und oft eine Kopfbedeckung.

Was trugen Wikinger Männer? Einen knie- bis hüftlangen Wollkittel über einem Leinenhemd, Hosen aus Wolle, einen Gürtel mit Messer und Beutel, Wickelgamaschen, Wendeschuhe aus Leder und einen Mantel, der mit einer Ringfibel oder Nadel an der Schulter geschlossen wurde.

Trugen Wikinger Lederkleidung? Kaum. Leder ist für Schuhe, Gürtel und Taschen belegt, Pelz als Futter. Ganze Lederkleidung ist im Fundmaterial nicht nachgewiesen.

Welche Farben hatte Wikinger Kleidung? Neben Naturtönen gab es Blau aus Waid, Rot aus Krapp, Gelb und Grün sowie Violett aus Flechten. Kräftige Farben waren teuer und zeigten Status.

Ist die Thorsberger Hose eine Wikingerhose? Nein. Sie stammt aus der römischen Kaiserzeit und ist mehrere Jahrhunderte älter als die Wikingerzeit. Sie zeigt aber, wie Hosen im Norden grundsätzlich gebaut sein konnten.

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