Grobes braunes Sackleinen, ein zotteliger Fellkragen, dazu der obligatorische Hörnerhelm – so kennt man den Wikinger aus Film und Festzelt. Die Textilfunde aus Haithabu, Birka und Oseberg erzählen etwas anderes: von fein gewebter Wolle, glattem Leinen, sattem Krapp-Rot und Seidenborten aus dem fernen Osten. Wer im Norden etwas galt, trug Farbe – und wusste sehr genau, was diese Farbe kostete.
Stoff verrottet. Dass wir überhaupt wissen, wie sich die Menschen der Wikingerzeit kleideten, verdanken wir einigen Glücksfällen der Erhaltung. Im Hafenschlick von Haithabu (Hedeby) blieben hunderte Textilfragmente unter Luftabschluss liegen; die Archäologin Inga Hägg hat sie in mühevoller Kleinarbeit zu ganzen Gewändern zurückgerechnet. In den reichen Kammergräbern von Birka fanden sich Stoffreste, oft festgerostet an Metallschmuck – Agnes Geijer legte hier die Grundlagen der Forschung. Und das Schiffsgrab von Oseberg konservierte im blauen Ton sogar gewebte Bildteppiche und Kleiderstücke.
Aus diesen Schnipseln, aus Abdrücken auf der Rückseite von Fibeln, aus mineralisierten Fasern und ein paar bildlichen Darstellungen setzt sich das Bild zusammen. Es ist ein Flickwerk – aber ein erstaunlich detailreiches.
Die klassische Frauentracht bestand aus mehreren Lagen. Zuunterst ein Unterkleid, ein langärmeliges Hemd meist aus Leinen, in ärmeren oder kälteren Gegenden auch aus feiner Wolle. Darüber kam das charakteristische Kleidungsstück des Nordens: der Trägerrock, oft „Schürzenkleid" oder mit dem altnordischen Wort smokkr genannt. Es handelt sich um ein schlauchartiges Übergewand, das mit zwei Trägern über der Brust geschlossen wurde – und zwar mit einem Paar ovaler Schalenfibeln, die auf beiden Schultern saßen.
Diese ovalen Fibeln sind der archäologische Fingerabdruck der Wikingerfrau: Weil sie aus Bronze bestehen, überdauern sie im Boden, während der Stoff zwischen ihnen längst vergangen ist. An ihnen fand man häufig Reste – Wollgewebe mit Abrieb von der Fibelkante, dazu Schlaufen aus haltbarem Leinen, die den zarteren Oberstoff schonten. Zwischen den Fibeln hing oft eine Kette mit Perlen, kleinen Werkzeugen oder Amuletten. Über das Ganze kam bei Bedarf ein Schultertuch oder ein Umhang. Die Funde aus Haithabu zeigen zudem, dass die Schneiderkunst alles andere als grob war: gesetzte Ärmel, Schulternähte und eingesetzte Keile (Gehren) für die nötige Weite.
Der Mann trug eine Tunika – ein hüft- bis knielanges Obergewand aus Wolle, über einem leichteren Unterhemd. Die Hafenfunde von Haithabu belegen erstaunlich körpernahe Schnitte: gerundete Armlöcher, ein zweiteiliger Rumpf, eingesetzte Keile, die dem Kleidungsstück beim Gehen Bewegungsfreiheit gaben. Dazu kam eine Hose, deren Formen von eng anliegend bis zu jenen weiten, an der Wade gerafften „Pluderhosen" reichten, wie sie sich fragmentarisch in Haithabu erhalten haben.
Zusammengehalten wurde alles vom Gürtel – ein wichtiges Utensil, denn an ihm hingen Messer, Beutel und Werkzeug. Über der Schulter lag der Umhang, geschlossen mit einer Fibel oder Nadel auf der rechten Seite, damit der Schwertarm frei blieb. Eine östliche Sonderform findet sich fast nur in Birka: ein kaftanartiger Mantel nach dem Vorbild der Rus und der Steppenvölker, mitunter besetzt mit metallverzierten Borten – Fernhandel, den man am Leib trug.
Die beiden Grundstoffe waren Wolle und Leinen. Wolle vom nordischen Schaf ließ sich zu allem verspinnen, vom groben Segeltuch bis zum feinen, fast seidig fallenden Köper. Leinen aus Flachs war kühler, glatter, heller – ideal für das körpernahe Unterkleid, aber aufwendig in der Herstellung. Beide Stoffe wurden auf dem senkrechten Gewichtswebstuhl gewebt, einer Arbeit, die überwiegend in Frauenhand lag und Monate verschlingen konnte.
Für Strümpfe, Fäustlinge und Mützen kam eine eigene Technik zum Einsatz: die Nadelbindung (naalbinding). Anders als beim Stricken wird dabei mit einer einzigen stumpfen Nadel und kurzen Fadenstücken Masche für Masche verschlungen – ein Verfahren, das lange vor dem Stricken existierte und ein dichtes, dehnbares, sehr haltbares Gewebe ergibt. Erhaltene Beispiele etwa aus York und Skandinavien zeigen, wie verbreitet die Methode war.
Hier zerbricht das Braun-Klischee endgültig. Die Analyse erhaltener Fasern zeigt ein erstaunlich buntes Bild: Rot aus der Krappwurzel, Blau aus dem Färberwaid, Gelb aus dem Wau (Reseda), dazu Grüntöne durch Überfärben von Gelb mit Waid und Violett- oder Purpurtöne aus Flechten. Wer die Mittel hatte, kleidete sich leuchtend.
Und die Mittel waren nicht gleich verteilt. Färberwaid für Blau ließ sich im Norden anbauen, Gelb war ohnehin aus vielen Pflanzen zu gewinnen – diese Farben waren erschwinglich. Das satte Rot des Krapp dagegen wuchs in Skandinavien kaum; die Wurzel musste importiert werden, vermutlich aus dem Rheinland, Frankreich oder von den Britischen Inseln. Ein tief rot gefärbter Mantel war damit weniger eine Frage des Geschmacks als des Geldbeutels. Farbe war eine Ansage – ein sichtbares Vermögen am Körper, lange bevor es Preisschilder gab.
Am oberen Ende der Skala stand die Seide. In den Gräbern von Birka fanden sich schmale Seidenbänder und -streifen, oft mit eingewebten Silber- und Goldfäden zu funkelnden Borten (Posamenten) verarbeitet. Auch Oseberg lieferte Seide. Dieser Luxus kam über die östlichen Handelswege der Rus aus Byzanz und Persien in den Norden – ein winziger Streifen, an Kragen oder Ärmel gesetzt, machte aus einem guten Gewand ein prächtiges. Bezeichnend: Bestimmte Farbstoffe wie das Insektenrot Kermes, echtes Indigo oder der sagenhafte Purpur tauchen in den Funden fast ausschließlich auf importierter Seide auf – sie reisten schon fertig gefärbt mit.
Dazu kamen Pelz für Wärme und Prestige und Leder für Gürtel, Taschen und Schuhe. Die Schuhe waren Wendeschuhe: Sie wurden auf links genäht und dann gewendet, sodass die Naht innen lag – ein weiches, wasserabweisendes Ergebnis, das man in Haithabu und York zu Hunderten gefunden hat. Nichts davon deutet auf ein Volk in Lumpen hin.
„Es saß die Hausfrau und sah auf die Ärmel, / strich das weiße Linnen und faltete die Falten. / Die Haube gebogen, die Brosche vor der Brust, / das Schleppkleid blau, die Stirne blank." Rígsþula (Simrock 1851, gemeinfrei)
Die Frauentracht mit Trägerrock und paarigen ovalen Schalenfibeln ist durch zahllose Gräber (Birka) und Stoffreste an den Fibeln belegt. Haithabu lieferte dank des Hafenschlicks die besten Schnittinformationen für Männer- und Frauenkleidung. Die Farbstoffe Krapp (Rot), Waid (Blau) und Wau (Gelb) sind chemisch an Faserproben nachgewiesen; Rot aus importiertem Krapp galt als teuer. Seidenborten mit Edelmetallfäden aus Birka und Oseberg belegen den Fernhandel bis nach Byzanz und Persien. Wendeschuhe und Nadelbindung sind durch erhaltene Objekte gut dokumentiert.
Der Wikinger im braunen Sack ist eine Erfindung der Bühne und des billigen Kostüms. Kleidung der Wikingerzeit war farbig, geschnitten und statusbewusst – Farbe und feiner Stoff zeigten Rang. Und der Hörnerhelm gehörte nie zur „Mode": Er stammt aus der romantischen Oper und Malerei des 19. Jahrhunderts, nicht aus dem Kleiderschrank des Nordens. Vorsicht auch bei rein rekonstruierten Details: Manche Schnitte der „Reenactment"-Szene sind plausibel ergänzt, aber nicht Stück für Stück durch Funde gedeckt.
Die Wikinger wussten, dass ein Gegenstand mehr sein kann als seine Funktion – dass eine Farbe, eine Borte, eine gute Naht eine Geschichte über den Träger erzählt. Genau dieser Gedanke steckt in einer sorgfältig gestalteten Gravur: nicht laut, aber genau, ein sichtbares Zeichen, das für etwas steht. Wer Freude an dieser Sorgfalt hat, findet in unserer Bibliothek weitere Streifzüge durch den Norden – und wer sein eigenes Zeichen setzen möchte, bei der individuellen Gravur. Skål.

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