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Der Schildwall – Schild an Schild: Wie die Wikinger in der Schlacht wirklich standen

Geschichte Der Schildwall – Schild an Schild: Wie die Wikinger in der Schlacht wirklich standen

Der Schildwall war die Grundform der Feldschlacht in der Wikingerzeit: eine dichte Reihe von Kriegern, die ihre runden Holzschilde Seite an Seite hielten und daraus mit Speer, Axt und Schwert kämpften. Die Nordleute nannten ihn skjaldborg, „Schildburg“, die Angelsachsen bordweall – denn beide Seiten kämpften gleich. Wir zeigen dir, was echte Schilde aus Gokstad und Trelleborg verraten, was Maldon, Brunanburh, Stamford Bridge und Hastings über den Schildwall erzählen und warum der berühmte „Eberkopf“ mehr Mythos als Handbuch ist.

Stell dir einen Augustmorgen im Jahr 991 vor, an der Mündung des Blackwater in Essex. Die Flut läuft ab, ein schmaler Damm taucht aus dem Schlick auf. Auf der einen Seite warten Wikinger, auf der anderen die Männer von Essex unter ihrem Ealdorman Byrhtnoth. Er befiehlt ihnen, den wihaga zu bilden, den „Kampfzaun“. Schild an Schild. Was dann geschieht, kennen wir aus einem der eindringlichsten Schlachtgedichte des Mittelalters. Und es zeigt, worum es im Schildwall ging: um den Mann, der stehen bleibt.

Was ist ein Schildwall? Die kurze Antwort

Ein Schildwall ist eine geschlossene Schlachtreihe aus Fußkämpfern, die ihre Schilde dicht nebeneinander halten, sodass vorn eine durchgehende Wand entsteht. Aus dieser Wand heraus wird gestochen, gehauen und geworfen. Hintere Glieder füllen Lücken. Gewonnen hat in der Regel, wer die gegnerische Linie zum Wanken brachte: Sobald eine Wand riss und die Männer sich zur Flucht wandten, begann das eigentliche Sterben.

Diese Kampfweise war keine Erfindung der Wikinger. Geschlossene Reihen kannten schon Griechen und Römer. In der Wikingerzeit (etwa 793 bis 1066) war sie der Normalfall der Feldschlacht in ganz Nordwesteuropa – bei Skandinaviern, Angelsachsen, Iren und Franken gleichermaßen. Wenn ein Wikingerheer auf ein englisches traf, kämpften beide Seiten im Kern gleich.

Skjaldborg, bordweall, wihaga: die Wörter der Zeitgenossen

Im Altnordischen heißt die Formation skjaldborg, wörtlich „Schildburg“. Das Wort steht in der Sagaliteratur des 12. und 13. Jahrhunderts: Das große altisländische Wörterbuch von Cleasby und Vigfússon führt Belege unter anderem aus der Saga Olafs des Heiligen, der Njáls saga, der Egils saga und der Saga Harald Hardradas an. Wichtig ist der Quellenwert: Diese Sagas sind zwei bis drei Jahrhunderte nach den Ereignissen niedergeschrieben. Sie zeigen, wie Isländer des Hochmittelalters sich die Schlachten ihrer Vorfahren vorstellten – und dass sie dafür einen festen Begriff hatten.

Zeitlich näher an der Wikingerzeit liegen die altenglischen Gedichte. Das Gedicht über die Schlacht von Brunanburh (937), überliefert in der Angelsächsischen Chronik, beginnt mit dem Bild, dass König Æthelstan und sein Bruder Edmund den bordweal spalteten – bordweal clufan, den „Bretterwall“ oder „Schildwall“. Bord bedeutet hier Brett und Schild zugleich. Im Maldon-Gedicht stehen gleich mehrere Ausdrücke: wihaga („Kampfzaun“, Vers 102), scyldburh („Schildburg“, Vers 242), bordweall (Vers 277). Auch der Beowulf kennt bordweal. Dass so viele Wörter für dieselbe Sache existierten, zeigt, wie selbstverständlich sie war.

Beleg: Die altenglischen Schlachtgedichte (Brunanburh, Maldon) stammen aus dem 10. bzw. frühen 11. Jahrhundert und damit aus der Wikingerzeit selbst. Die altnordischen Sagas mit dem Wort skjaldborg sind deutlich jünger (12./13. Jahrhundert). Für Taktikdetails sind beide Dichtung, keine Gefechtsberichte.

Der Schild: was die Funde wirklich zeigen

Ohne Schild kein Schildwall. Zum Glück haben wir für die Wikingerzeit nicht nur Beschreibungen, sondern echte Schilde – wenn auch erstaunlich wenige. Holz verrottet, und meist bleibt im Grab nur der eiserne Schildbuckel: die gewölbte Metallkappe in der Mitte, die die Hand am Griff schützt. Sie ist so häufig, dass Archäologen ihre Form zur Datierung nutzen.

Den größten Fund bietet das Gokstad-Schiff aus Vestfold in Norwegen, ein Prunkschiffsgrab vom Anfang des 10. Jahrhunderts. Darin lagen 64 Rundschilde, 32 pro Schiffsseite, abwechselnd gelb und schwarz bemalt. Ihr Durchmesser liegt bei rund 94 Zentimetern. Sie bestehen aus einer einzigen Lage stumpf aneinandergesetzter Nadelholzbretter, in der Mitte etwa 7 Millimeter dick und zum Rand hin dünner ausgearbeitet. Kleine Löcher nahe dem Rand deuten darauf hin, dass dort ein Kantenschutz aus Leder oder Rohhaut befestigt war, der selbst nicht erhalten ist.

Lange galten die Gokstad-Schilde als reine Grabbeigabe, zu dünn und zu leicht für den Kampf. Der dänische Kampfarchäologe Rolf Fabricius Warming hat sie neu untersucht und 2023 in der Fachzeitschrift Arms & Armour argumentiert, dass sie sehr wohl kampftauglich gewesen sein können: Die verjüngten Ränder machten sie leichter und handlicher, ein Rohhautbezug hätte die dünnen Bretter zusammengehalten und gegen Hiebe gestärkt.

Der zweite Schlüsselfund kommt aus Dänemark. 2008 entdeckten Archäologen bei Probegrabungen an der Ringburg Trelleborg auf Seeland in einem Feuchtgebiet rund 40 Meter vor dem Südtor einen Schild. Er stammt aus der Zeit der Burg um 980 und ist laut Nationalmuseet der einzige wikingerzeitliche Schild aus Dänemark. Fünf verleimte Bretter, Durchmesser etwa 80 bis 85 Zentimeter (das Museum nennt beide Werte), am Rand 4, in der Mitte 8 Millimeter dick. Untersuchungen ergaben Spuren eines Bezugs aus Kalbsleder und einer Bemalung in Rot und Weiß. Der Buckel fehlte.

Aus diesen und weiteren Funden ergibt sich ein recht klares Bild: Der typische Schild der Wikingerzeit war rund, meist zwischen etwa 70 und 95 Zentimetern groß, aus dünnen Brettern, mit zentralem Buckel und einem waagerechten Griff hinter dem Buckel. Er wurde in der Faust gehalten, nicht mit Riemen am Unterarm festgeschnallt. Das macht ihn beweglich: Die Wand war nicht starr, sondern lebte.

Mythos-Check: „Wikingerschilde waren aus Linde.“ Die Dichtung nennt den Schild tatsächlich oft lind („Linde“), so wie die Esche für den Speer steht. Die erhaltenen Schilde aus Gokstad und Trelleborg sind aber aus Nadelholz gearbeitet. Lindenholz ist für Schilde möglich und wird gern rekonstruiert, ein archäologischer Nachweis für wikingerzeitliche Lindenschilde ist uns nicht bekannt. Mehr zum Schild selbst findest du in unserem Faktencheck zum Rundschild.

Wer stand wo? Aufbau einer Schlachtreihe

Wie genau ein Schildwall aufgestellt war, sagt uns keine Quelle in Form eines Handbuchs. Was wir haben, sind Andeutungen in Gedichten und Sagas, Bildquellen wie der Teppich von Bayeux und die Logik der Waffen. Daraus lässt sich ein plausibles, aber eben rekonstruiertes Bild zeichnen.

In der ersten Reihe standen die am besten Gerüsteten: Männer mit Helm, vielleicht einem Kettenhemd, sicher einem Schild. Die Hauptwaffe war der Speer, die mit Abstand häufigste Waffe in wikingerzeitlichen Gräbern. Er erlaubt es, über und zwischen den Schilden hindurch zu stechen, ohne die eigene Deckung aufzugeben. Die zweite und dritte Reihe konnten mit längeren Speeren über die Schultern der Vordermänner hinweg mitkämpfen. Dahinter wurden Wurfspeere, Pfeile und Steine geworfen.

Die Axt hatte im Schildwall eine eigene Rolle: Mit dem Bart, also der nach unten verlängerten Klinge, ließ sich ein gegnerischer Schild einhaken und herunterziehen, sodass eine Lücke entstand. Das ist eine verbreitete Rekonstruktion, die gut zur Form der Klingen passt; ein ausdrücklicher Beleg in einer zeitgenössischen Quelle ist uns dafür nicht bekannt. Das Schwert wiederum war teuer – Klingen wie die berühmten Ulfberht-Schwerter trugen wohl vor allem Gefolgsleute und Anführer. Im dichten Gedränge war es eine Waffe für den Moment, in dem die Wand bereits aufbrach.

Wenn zwei Wälle aufeinandertreffen

Aus vielen Einzelquellen ergibt sich ein grobes Phasenbild. Zuerst kamen die Fernwaffen: Pfeile, Wurfspeere, Steine. Dann rückten die Reihen aneinander heran. Ob es dabei zu einem regelrechten Schieben Schild gegen Schild kam, wie es manche Darstellungen beschreiben, oder ob die Linien eher auf Stoßdistanz voreinander standen und sich mit Speeren bearbeiteten, ist unter Fachleuten und Reenactors umstritten. Vermutlich gab es beides.

Entscheidend war die Kohäsion. Ein Schildwall ist so stark wie die Nerven der Männer darin. Fielen in einer Reihe mehrere Kämpfer, musste die Lücke sofort geschlossen werden. Verlor eine Seite ihren Anführer oder wichen einzelne Gruppen, konnte die ganze Linie binnen Minuten zerfallen. Und dann kam der gefährlichste Moment: Wer flieht, dreht dem Gegner den ungeschützten Rücken zu. Die meisten Toten einer Schlacht fielen nicht im Ringen der Wälle, sondern in der Verfolgung danach.

Das erklärt, warum die Dichtung so viel Wert auf das Standhalten legt. Die Hávamál, die Spruchsammlung der Lieder-Edda, fasst diese Haltung in wenige Worte:

„Schweigsam und bedacht soll der Sohn des Fürsten sein und kühn im Kampf; froh und heiter soll jeder Mann sein, bis er den Tod erwartet.“Hávamál 15, eigene Übertragung

Und dann gibt es die Ausnahmen, die die Regel bestätigen: Die Berserker der Sagas, die angeblich vor der Reihe wüteten, in die Schilde bissen und kein Eisen fürchteten. Ob es sie als feste Kampfgruppe wirklich gab, ist umstritten. Für die gewöhnliche Schlacht gilt: Wer aus der Reihe brach, gefährdete meist eher die eigenen Leute.

Svínfylking: der Eberkopf und seine Geschichte

Keine Formation der Wikingerzeit wird so oft zitiert wie die svínfylking, die „Schweinsaufstellung“, im Deutschen oft „Eberkopf“ oder „Keil“ genannt. Die Idee: eine schmale Spitze, dahinter breiter werdende Reihen, die sich wie ein Rammbock in die gegnerische Linie bohren. Die Quellenlage ist allerdings dünner und vor allem mythischer, als es Infotafeln und Videospiele nahelegen.

Der wichtigste Hinweis steckt in der Lieder-Edda. In den Reginsmál gibt der geheimnisvolle Hnikarr – ein Beiname Odins – dem jungen Sigurd Ratschläge für den Kampf. Einer davon lautet, sinngemäß: Den Sieg haben die, die sehen können oder hamalt fylkja, also die Truppe keilförmig aufstellen. In der gemeinfreien Übersetzung von Henry Adams Bellows (1923):

„Win he shall who well can see, / And wedge-like forms his men for the fray.“Reginsmál 23, Zählung und Übersetzung nach Bellows 1923 (gemeinfrei)

Auch Saxo Grammaticus erzählt um 1200 in seinen Gesta Danorum, dass ein alter Mann – unverkennbar Odin – dem sagenhaften König Hadding beibringt, sein Heer aufzustellen; Odin gilt bei Saxo als Erfinder der Keilordnung. Später lässt Saxo den Gott auch dem Dänenkönig Harald Kampfzahn seine Hilfe angedeihen, bevor er ihn in der Schlacht von Bråvalla fallen lässt. Die Keilaufstellung erscheint hier als göttliches Wissen – Mythos, kein Truppenhandbuch.

Interessant ist, dass der Keil auch in der antiken Literatur über die Germanen vorkommt. Tacitus schreibt in der Germania (Kap. 6), die Germanen stellten ihre Schlachtreihe „in Keilen“ (per cuneos) auf, und in Kap. 7, ein solcher Keil werde nicht zufällig, sondern aus Familien und Verwandten gebildet. Der spätrömische Militärschriftsteller Vegetius erwähnt, dass Soldaten den Keil umgangssprachlich caput porcinum nannten, „Schweinskopf“. Ob zwischen diesen römischen Belegen und dem altnordischen Ausdruck eine direkte Linie besteht, ist offen.

In die populäre Vorstellung vom „Wikinger-Keil“ mit genau beschriebenen Reihen und Regeln floss viel aus dem 19. Jahrhundert ein, vor allem aus Paul Du Chaillus zweibändigem Werk The Viking Age (1889), das Sagas sehr wörtlich nahm. Die heutige Forschung ist vorsichtiger: Ein keilförmiger Angriff, etwa um eine Lücke zu erzwingen, ist plausibel. Eine standardisierte Spezialformation, die Wikingerheere routiniert einsetzten, ist aus den Quellen der Zeit nicht nachweisbar.

Brunanburh 937: die „größte Schlacht“ der Angelsachsen

937 schlug König Æthelstan von England eine Koalition aus dem nordisch-irischen König Olaf Guthfrithsson von Dublin, König Konstantin II. von Schottland und Owain von Strathclyde. Wo genau Brunanburh lag, ist bis heute umstritten; Bromborough auf der Halbinsel Wirral gilt vielen Forschern als wahrscheinlichster Kandidat. Das 73 Verse lange Gedicht in der Angelsächsischen Chronik feiert den Sieg mit allen Mitteln der Heldendichtung: Die Brüder spalteten den Bretterwall, hieben die Lindenschilde, und die Fliehenden wurden den ganzen Tag lang verfolgt.

Maldon 991: Schildwall, Stolz und Treue

Zurück an den Blackwater. Das Gedicht The Battle of Maldon ist nur fragmentarisch erhalten: 325 Verse, Anfang und Ende fehlen. Die Handschrift verbrannte 1731 beim Brand der Cotton-Bibliothek; erhalten ist der Text nur dank einer Abschrift, die wenige Jahre zuvor angefertigt wurde. Die Schlacht selbst datieren die Quellen auf den 10. oder 11. August 991.

Die Wikinger lagerten auf einer Insel – vermutlich Northey Island –, die nur bei Ebbe über einen schmalen Damm zu erreichen war. Byrhtnoth ließ seine Männer den Übergang halten. Dann, so das Gedicht, erlaubte er den Wikingern „aus seinem Übermut“ (for his ofermode, Vers 89), den Damm zu überqueren und sich am Ufer aufzustellen – vermutlich, um überhaupt eine Entscheidung zu erzwingen. Ob ofermod Hochmut oder großherzigen Wagemut meint, ist bis heute umstritten.

Es folgt der Kampf der Wälle. Byrhtnoth fällt. Einige seiner Männer fliehen, darunter einer auf dem Pferd des Herrn – was andere glauben lässt, der Anführer selbst fliehe, sodass die Schildburg (scyldburh) zerbricht. Die Getreuen aber bleiben. Der alte Gefolgsmann Byrhtwold spricht die berühmtesten Verse des Gedichts:

„Hige sceal þe heardra, heorte þe cenre, / mod sceal þe mare, þe ure mægen lytlað.“ – Der Wille soll härter sein, das Herz kühner, der Mut größer, je mehr unsere Kraft schwindet.The Battle of Maldon, Verse 312–313, eigene Übertragung

Historisch ist das Gedicht kein Augenzeugenbericht, sondern ein Lob der Gefolgschaftstreue. Gerade deshalb zeigt es, was zählte: Eine Reihe bricht, wenn Männer glauben, dass andere fliehen. Nach der Niederlage zahlte England 10.000 Pfund Silber an die Wikinger; mehr zu den Folgen findest du in unserem Artikel über Danegeld und Maldon.

1066: Stamford Bridge und Hastings

Im Herbst 1066 zeigt sich der Schildwall gleich zweimal innerhalb von drei Wochen – einmal als Untergang eines Wikingerheeres, einmal als zähe englische Verteidigung.

Am 25. September 1066 überraschte König Harold Godwinson das Heer des Norwegerkönigs Harald Hardrada bei Stamford Bridge östlich von York. Nach Snorri Sturlusons Heimskringla (um 1230) hatten viele Norweger ihre Kettenhemden bei den Schiffen gelassen, weil es ein warmer Tag war und niemand mit einer Schlacht rechnete. Snorri beschreibt, wie Harald seine Reihe lang und dünn aufstellte, die Flügel zurückbog, bis sie einen weiten Ring bildeten, dicht mit Schilden besetzt – eine Schildburg gegen die englischen Reiter. Ob die Engländer dort wirklich zu Pferd angriffen, wie Snorri schreibt, bezweifeln viele Historiker; englische Heere kämpften in der Schlacht meist zu Fuß. Harald fiel, nach der Saga von einem Pfeil in die Kehle getroffen. Mit ihm endete die letzte große norwegische Invasion Englands.

Nur neunzehn Tage später, am 14. Oktober, stand Harolds eigenes Heer bei Hastings auf einem Höhenrücken, wieder in einem dichten Schildwall, gegen Wilhelm von der Normandie. Der Teppich von Bayeux zeigt die Engländer Schild an Schild, viele mit den langen, unten spitz zulaufenden „Drachenschilden“ statt der alten Rundschilde. Der Wall hielt stundenlang gegen Bogenschützen, Fußvolk und Reiterei. Der normannische Chronist Wilhelm von Poitiers beschreibt die Engländer als so dicht gedrängt, dass die Toten kaum fallen konnten. Gebrochen wurde die Linie schließlich, als Teile der Engländer fliehenden Normannen nachsetzten – nach normannischen Quellen bewusst vorgetäuschte Fluchten – und ungeschützt niedergeritten wurden. Am Ende fiel auch Harold.

Clontarf 1014: der Karfreitag bei Dublin

Am Karfreitag, dem 23. April 1014, kämpfte bei Clontarf nördlich von Dublin der irische Hochkönig Brian Bóruma gegen ein Bündnis aus Leinster unter Máel Mórda, dem Dubliner König Sigtrygg Seidenbart und nordischen Verbündeten wie Jarl Sigurd von Orkney und Bróðir. Brians Heer siegte, aber Brian selbst wurde getötet – nach der Überlieferung in seinem Zelt, während des Gebets, von Bróðir. Auch Sigurd fiel; die Njáls saga erzählt, dass er die Rabenfahne trug, deren Träger stets sterben sollte. Mehr dazu in unserem Artikel zur Schlacht von Clontarf.

Clontarf ist ein Lehrstück über Quellenschichten. Die Annalen von Ulster und Inisfallen nennen knapp die Gefallenen. Das irische Werk Cogadh Gáedel re Gallaib („Krieg der Iren gegen die Fremden“), etwa ein Jahrhundert jünger, macht daraus ein Heldenepos. Die moderne Forschung betont zudem: Clontarf war kein einfacher Kampf „Iren gegen Wikinger“, sondern auch ein inneririscher Machtkampf, mit Skandinaviern auf beiden Seiten. Über die genaue Aufstellung der Schlachtreihen wissen wir aus diesen Quellen wenig Belastbares.

Wo die Quellen aufhören

Archäologische Funde zeigen Größe, Material und Gewicht der Schilde, aber keine Aufstellung. Die zeitgenössische Dichtung benennt die Formation und schildert Momente, will aber preisen, nicht dokumentieren. Chroniken sind knapp. Sagas und Saxo sind reich an Details, aber Jahrhunderte jünger.

Was dazwischen liegt – wie tief die Reihen standen, wie groß der Abstand zwischen den Männern war, ob man schob oder stach, wie lange eine Schlacht dauerte –, rekonstruieren wir aus der Logik der Waffen, aus Vergleichen mit besser dokumentierten Epochen und aus praktischen Versuchen. Wer dir eine exakte „Wikinger-Schlachtordnung“ mit Metermaßen erklärt, erzählt mehr, als die Quellen hergeben.

Was Experimente und Reenactment zeigen

Ein Teil des heutigen Wissens kommt aus der experimentellen Archäologie. Am Trelleborg-Museum wurde 2017 eine exakte Holzkopie des dortigen Schildes gebaut, und im Viking Shield Project 2019 testeten das Nationalmuseet und die Society for Combat Archaeology um Rolf Warming eine Rekonstruktion mit Pfeilen, Speeren, Schwertern und zweihändigen Dänenäxten. Solche Tests zeigen, was ein Schild aushält.

Einige Erkenntnisse aus Versuchen und Reenactment, mit Vorsicht formuliert: Ein dünner, bespannter Rundschild ist leicht genug, um aktiv geführt zu werden – zum Abfangen, Wegschlagen, Vorstoßen. Er wirkt eher wie eine Waffe als wie eine Tür. Ein leicht gebauter Schild wiegt in Rekonstruktionen etwa fünf Kilogramm, dickere und mit Leder bezogene Varianten deutlich mehr. Erschöpfung dürfte in Schlachten eine große Rolle gespielt haben. Und Schilde gehen kaputt. Das Maldon-Gedicht und andere Texte erzählen von zerhauenen Schilden, und die Versuche bestätigen, dass Äxte und Speere dünne Bretter durchschlagen können.

Schilde an der Reling und bemalte Schilde

Zwei Bilder prägen unsere Vorstellung: bunte Schilde an der Bordwand der Langschiffe und Schilde mit kunstvollen Motiven. Beide haben einen echten Kern.

Mythos-Check: „Wikinger fuhren mit Schilden an der Reling über das Meer.“ Teilweise richtig. Beim Gokstad-Schiff waren die Schilde an einer Schildleiste entlang der Bordwand befestigt, und auch am Skuldelev-5-Schiff aus Roskilde ist eine solche Leiste nachgewiesen. Doch so montiert verdecken die Schilde teilweise die Ruderlöcher und sind bei Seegang gefährdet. Viele Forscher nehmen deshalb an, dass man sie vor allem im Hafen, bei der Ankunft oder bei feierlichen Anlässen so zeigte – auf hoher See unter Segel eher nicht dauerhaft.
Mythos-Check: „Wikingerschilde waren mit Runen, Drachen und Göttern bemalt.“ Bemalt waren sie tatsächlich: Gokstad zeigt Gelb und Schwarz, Trelleborg Rot und Weiß, und eine spätere Fassung norwegischen Rechts verlangt einen rot-weißen Schild. Die Skaldendichtung kennt sogar eigene Schildgedichte: In der Ragnarsdrápa des Bragi Boddason und der Haustlöng des Þjóðólfr von Hvinir beschreibt der Dichter mythologische Szenen auf einem Schild, den er geschenkt bekommen hatte. Ob das bemalte Bilder, Schnitzereien oder Beschläge waren, wissen wir nicht. Die meisten Kampfschilde dürften eher einfarbig oder schlicht geteilt gewesen sein. Runeninschriften auf wikingerzeitlichen Schilden sind uns nicht bekannt.

Warum der Schildwall uns heute noch packt

Der Schildwall ist das Gegenteil des Hollywood-Wikingers. Er verlangt keine Heldenpose, sondern Vertrauen in den Mann zur Linken, dessen Schild deine rechte Seite deckt. Er ist ein Bild für Gemeinschaft, Treue und den Mut, an seinem Platz zu bleiben. Die Dichter von Maldon und Brunanburh wussten das, und deshalb haben sie es aufgeschrieben.

Für uns in der Werkstatt in Alsdorf ist der Rundschild mit Buckel eines der schönsten Motive überhaupt: klar, kraftvoll, uralt. Wenn wir ihn in Schiefer oder Holz gravieren, denken wir an genau diese Männer am Blackwater, an Stamford Bridge und Hastings – nicht an Fantasy-Krieger, sondern an Menschen, die zusammenstanden.

Häufige Fragen

Was ist ein Schildwall bei den Wikingern? Eine dichte Schlachtreihe aus Fußkämpfern, die ihre Rundschilde nebeneinander halten und aus dieser Deckung mit Speer, Axt und Schwert kämpfen. Die Altnordisch-Bezeichnung lautet skjaldborg, „Schildburg“.

Wie groß war ein Wikingerschild? Die erhaltenen Rundschilde messen meist etwa 80 bis 95 Zentimeter, die Gokstad-Schilde rund 94 Zentimeter, der Trelleborg-Schild etwa 80 bis 85 Zentimeter. Sie bestanden aus dünnen Holzbrettern mit eisernem Buckel in der Mitte.

Gab es die Eberkopf-Formation (svínfylking) wirklich? Die Keilaufstellung erscheint in der Lieder-Edda und bei Saxo als von Odin gelehrtes Wissen. Ein keilförmiger Angriff ist plausibel, eine standardisierte Wikinger-Spezialformation lässt sich aus zeitgenössischen Quellen aber nicht belegen.

Warum wurden die meisten Krieger auf der Flucht getötet? Solange der Wall hält, sind die Männer durch Schild und Nachbarn gedeckt. Bricht er, drehen die Fliehenden dem Gegner den Rücken zu – in den Quellen entsteht der Großteil der Verluste in dieser Verfolgung.

Hingen Wikinger ihre Schilde beim Segeln an die Reling? Schildleisten an der Bordwand sind bei Gokstad und Skuldelev 5 belegt. Wahrscheinlich zeigte man die Schilde so vor allem im Hafen oder bei Ankunft und Abfahrt, nicht dauerhaft auf See.

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Quellen & Literatur

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