Haithabu war keine Burg und kein Königssitz. Es war ein Umschlagplatz – der wichtigste im Norden Europas, dreihundert Jahre lang. Wer verstehen will, wie die Wikingerzeit wirklich funktionierte, schaut nicht nach Walhall, sondern auf diesen Hafen an der Schlei.
Und das Beste daran: Kaum ein Ort der Wikingerzeit ist so gut belegt. Fränkische Reichsannalen, ein angelsächsischer Seefahrerbericht, ein arabischer Reisender, isländische Sagas, vier Runensteine – und darunter ein Boden, der Holz konserviert.
Haithabu lag am innersten Ende der Schlei, einer schmalen Ostseeförde, die sich rund vierzig Kilometer tief ins Land zieht. Heute liegt gegenüber die Stadt Schleswig.
Der entscheidende Punkt ist die Geographie. Von dort bis zur Treene, die über die Eider zur Nordsee führt, sind es etwa zwanzig Kilometer über Land – ein kurzer Weg im Vergleich zur Alternative. Die Alternative hieß: um die gesamte jütische Halbinsel herum, durch Skagerrak und Kattegat, an einer Küste entlang, die für ihre Untiefen und ihr Wetter berüchtigt war.
Wer Waren zwischen Ostsee und Nordsee bewegen wollte, konnte diese Strecke segeln oder er konnte umladen. Haithabu war der Ort, an dem umgeladen wurde.
Das ist die ganze Erklärung für die Stadt. Nicht Reichtum, nicht Macht, nicht ein Heiligtum – ein Flaschenhals im Gelände.
Der Name begegnet uns in mehreren Sprachen, und jede Form sagt etwas.
Altnordisch Heiðabýr oder Heiðabœr: die Siedlung auf der Heide. Auf den Runensteinen vor Ort steht die Dativform at Haiþabu. Im Altenglischen heißt der Ort æt Hæþum, „bei den Heiden“ – gemeint ist die Landschaft, nicht der Glaube.
Die fränkischen Quellen nennen ihn anders: Sliesthorp in den Reichsannalen, später Sliaswich. Das ist der Name nach der Schlei, und aus ihm wurde am Ende Schleswig – der Name, der nach dem Untergang Haithabus auf die Nachfolgesiedlung am anderen Ufer überging.
Der Beginn ist ungewöhnlich genau überliefert, und zwar von der Gegenseite.
Die fränkischen Reichsannalen berichten zum Jahr 808: Der Dänenkönig Godfred zerstörte den slawischen Handelsplatz Reric an der Ostseeküste und brachte die dortigen Kaufleute mit sich nach Sliesthorp. Im selben Zusammenhang steht, dass er einen Wall quer durch das Land ziehen ließ.
Das ist keine Gründungslegende, sondern die Notiz eines fränkischen Hofschreibers über einen Gegner. Sie zeigt etwas Wesentliches: Haithabu war eine politische Entscheidung. Ein König verlagerte den Handel dorthin, wo er ihn kontrollieren und besteuern konnte.
Archäologisch setzt die Besiedlung schon etwas früher ein, im späten 8. Jahrhundert. Godfred hat den Platz also nicht erfunden, sondern aufgewertet – durch Zwangsumsiedlung.
Ein paar Jahrzehnte später kommt die nächste Nachricht aus einer anderen Richtung. Rimbert beschreibt in seiner Lebensbeschreibung des Missionars Ansgar, wie dieser um 850 in Schleswig eine Kirche errichten durfte. Handel und Mission liefen nebeneinander; die Kaufleute, die aus dem christlichen Frankenreich kamen, brachten ihren Glauben mit.
Es gibt zwei Augenzeugenberichte, und sie könnten unterschiedlicher nicht sein.
Der erste stammt von Ohthere, einem norwegischen Händler, der um 890 an den Hof des angelsächsischen Königs Alfred kam und dort seine Reisen schilderte. Sein Bericht wurde in die altenglische Orosius-Übersetzung eingefügt. Ohthere segelte von Skiringssal im Oslofjord nach Haithabu, fünf Tage lang, mit Dänemark zur Backbordseite. Nüchtern, präzise, ein Seemann, der Entfernungen angibt. Im selben Text folgt der Bericht Wulfstans, der von Haithabu aus in sieben Tagen nach Truso an der Weichselmündung fuhr.
Der zweite Bericht stammt von Ibrāhīm ibn Yaʿqūb, einem Reisenden aus al-Andalus, der in den 960er Jahren im Norden unterwegs war. Er beschreibt Schleswig als große Stadt am äußersten Ende des Weltmeeres, erwähnt Süßwasserbrunnen, viel Fischreichtum und dass die Bewohner überwiegend Sirius verehrten, nur wenige Christen seien. Dann folgen die Passagen, die überall zitiert werden: dass die Einwohner ein Fest feierten, bei dem geopfert und gegessen werde; dass Frauen sich scheiden lassen könnten, wann sie wollten; dass man künstliche Augenschminke verwende, die die Schönheit nicht vergehen lasse; und dass er nie einen widerwärtigeren Gesang gehört habe – ein Brummen aus den Kehlen, schlimmer als Hundegebell.
Bei diesem zweiten Bericht ist Vorsicht geboten, und zwar aus einem handfesten Grund: Ibrāhīms Originaltext ist verloren. Wir kennen ihn nur aus Zitaten späterer arabischer Autoren, vor allem al-Bakrī im 11. und al-Qazwīnī im 13. Jahrhundert. Gerade die drastischsten Stellen stehen in den spätesten Fassungen.
Und hier kommt der eigentliche Glücksfall. Der Untergrund von Haithabu ist feucht und sauerstoffarm. In solchen Böden verrottet organisches Material nicht – Holz, Leder, Textilien, Geflecht bleiben erhalten.
Ausgegraben wird seit 1900, mit großen Kampagnen in den 1930er Jahren und erneut in den 1960er bis 1980er Jahren. Bis heute ist nur ein Bruchteil der Fläche untersucht. Was bekannt ist, reicht trotzdem für ein erstaunlich scharfes Bild.
Die Siedlung war von einem Halbkreiswall umgeben, rund 1.300 Meter lang und stellenweise bis zu zehn Meter hoch, der an beiden Enden an die Schlei stößt. Er umschließt etwa 24 Hektar. Der Wall stammt im Kern aus dem 10. Jahrhundert und ist damit jünger als die Siedlung.
Innen verlief ein Bach, an dem entlang die Parzellen lagen: kleine, streng abgeteilte Grundstücke mit Holzhäusern in Flechtwerk- und Bohlenbauweise, dazwischen Bohlenwege. Zur Schlei hin lagen Landebrücken aus Holz, die weit ins flache Wasser hinausreichten, damit Schiffe anlegen konnten, ohne auf Grund zu laufen.
Im Hafenbecken lag ein Schiff. Das Haithabu-Schiff 1 war ein Langschiff von gut dreißig Metern, aus Eiche gebaut, die um 985 gefällt wurde. Es wurde nicht versenkt, sondern brannte – vermutlich als Brander gegen den Hafen eingesetzt. Es ist eines der größten bekannten Kriegsschiffe der Wikingerzeit.
Und es gibt eine Kammergrab-Bestattung mit einem Boot darüber, Waffen und Pferdegeschirr: das Grab eines Mannes von Rang, das in die Zeit um 850 datiert wird.
Diese Frage wird oft mit großen Zahlen beantwortet, und das ist unseriös.
Die Schätzungen der Forschung liegen überwiegend zwischen tausend und anderthalbtausend gleichzeitig lebenden Menschen. Einzelne Rechnungen gehen höher, andere niedriger. Sie beruhen auf der bebauten Fläche, der Zahl der Hausgrundrisse pro Parzelle und den Gräberfeldern – und jede dieser Grundlagen hat eine Fehlerspanne.
Nach heutigen Maßstäben ist das ein Dorf. Nach den Maßstäben des Nordens im 10. Jahrhundert war es eine der größten Ansiedlungen überhaupt. Zum Vergleich: Im gleichzeitigen Córdoba lebten wahrscheinlich mehr als hunderttausend Menschen.
Haithabu war nicht nur Durchgangsstation. Es war eine Werkstattstadt, und die Abfallschichten verraten, wer was tat.
Kämme aus Hirschgeweih, in Serie hergestellt – zusammengesetzte Kämme aus Zinkenplatten und Deckleisten, vernietet, oft verziert. Kammmacherabfall gehört zu den häufigsten Funden überhaupt.
Glasperlen, aus eingeschmolzenen Rohglasstücken und Mosaikglas, teils aus mediterranen Beständen. Bronzeguss für Schalenfibeln und Beschläge, nachweisbar an Gussformen und Schmelztiegeln. Bernstein, roh und bearbeitet. Textilien – Wollstoffe in unterschiedlichen Qualitäten, dazu Webgewichte und Spinnwirtel in großer Zahl.
Dazu Eisenverarbeitung, Lederarbeit, Holzdrechselei. Und Importe, die den Aktionsradius zeigen: Mühlsteine aus Basaltlava der Eifel, Specksteingefäße aus Norwegen, rheinisches Keramikgeschirr, fränkische Schwertklingen, Wetzsteine aus Schiefer.
Bezahlt wurde nicht mit Münzen im heutigen Sinn, jedenfalls nicht hauptsächlich.
Das Zahlungsmittel war Silber nach Gewicht. Gehacktes Silber – Bruchstücke von Armringen, zerschnittene Münzen, Barren – wurde auf kleinen Klappwaagen abgewogen. Dazu gehören die typischen kubooktaedrischen Gewichte aus Bronze, oft mit Punktmarkierungen, und kugelige Gewichte mit abgeflachten Polen.
Ein großer Teil dieses Silbers kam von weit her: Dirhams aus dem Kalifat, über die russischen Flüsse und die Ostsee. Sie sind in skandinavischen Horten zu Zehntausenden vertreten.
Haithabu prägte aber auch selbst. Schon im frühen 9. Jahrhundert entstanden dort Nachahmungen karolingischer Münzen aus Dorestad, später eigene Gepräge mit Schiffs-, Hirsch- und Gesichtsmotiven. Es ist die früheste bekannte Münzprägung im dänischen Raum.
Um Haithabu stehen Runensteine, und das macht den Ort zu etwas Besonderem: Hier reden die Leute von damals in eigener Sache, nicht durch fränkische oder arabische Vermittlung.
Zwei Steine wurden von einer Frau gesetzt. Ásfríðr, Tochter Óðinkárs, errichtete sie für Sigtryggr, ihren Sohn und den König Gnúpas. Beide nennen Haithabu. Sie gehören ins frühe 10. Jahrhundert und bezeugen eine Königsdynastie, von der wir sonst kaum etwas wüssten.
Der Skarði-Stein wurde von König Sveinn für seinen Gefolgsmann gesetzt, der – so die Inschrift – nach Westen gefahren war und nun bei Haithabu den Tod fand. Ein einziger Satz, der eine ganze Biographie enthält: Fahrt, Rückkehr, Ende am Hafen.
Der Eiríkr-Stein nennt einen Schiffsführer und die Belagerung der Stadt. Er gehört in dieselbe Zeit der Kämpfe um den Platz.
Haithabu steht nicht allein. Es ist der Hafen eines Systems.
Das Danewerk ist eine Kette von Wällen, Gräben und Mauern quer durch die jütische Halbinsel, von der Schlei bis in die Marschen im Westen. In seiner ganzen Ausdehnung erreicht es rund dreißig Kilometer. Der Halbkreiswall von Haithabu bindet direkt an dieses System an – die Stadt sitzt im Tor.
Lange galt Godfreds Wall von 808 als der Beginn. Dendrochronologische Untersuchungen haben das Bild verschoben: Teile des Danewerks sind deutlich älter und reichen bis ins 5. oder 6. Jahrhundert zurück. Godfred hat also einen bestehenden Grenzwall ausgebaut, nicht angelegt.
Ausgebaut wurde später weiter, unter anderem mit einer Feldsteinmauer im 12. Jahrhundert unter Waldemar I. Seit 2018 stehen Haithabu und das Danewerk gemeinsam auf der UNESCO-Welterbeliste.
Ansgars Kirche von etwa 850 ist belegt, und sie war nicht die letzte. Ibrāhīm ibn Yaʿqūb schreibt hundert Jahre später, es gebe dort Christen, aber sie seien in der Minderheit.
Die Gräberfelder zeigen dasselbe Nebeneinander: Brandbestattungen und Körpergräber, Gräber mit Beigaben und solche ohne, Kammergräber und einfache Erdgräber. Es gibt keinen Punkt, an dem das eine aufhört und das andere anfängt.
Das ist typisch für Handelsplätze. Wer mit christlichen Kaufleuten Geschäfte machen wollte, ließ sich mitunter „primsignen“ – eine Art vorläufige Taufe, die den Handel ermöglichte, ohne eine vollständige Konversion zu verlangen. Die Quellen erwähnen diese Praxis mehrfach.
Religion war hier auch eine Frage der Geschäftsfähigkeit. Mehr dazu in unserem Beitrag zur Bestattung.
Haithabu endet nicht mit einem Knall, sondern mit dreien – und einer schleichenden Ursache.
Die Heimskringla berichtet, der norwegische König Harald Hardrada habe die Stadt um 1050 niedergebrannt; eine Skaldenstrophe beschreibt, wie das Feuer über den Häusern stand. Der Boden bestätigt eine Brandschicht. 1066 folgte nach den Quellen ein weiterer Überfall, diesmal durch Westslawen.
Aber die eigentliche Ursache war unspektakulärer. Die Schiffe wurden größer und tiefgehender, das flache Hafenbecken verschlickte, und die Handelsrouten verschoben sich. Auf der anderen Seite der Schlei entstand Schleswig – mit tieferem Wasser und Anschluss an die neuen Verhältnisse. Die Menschen zogen dorthin.
Was blieb, war eine Wiese mit einem Wall darum. Genau das hat den Ort gerettet: Weil nie wieder gebaut wurde, liegt der Befund ungestört im Boden. Ein Stadtkern, über den tausend Jahre lang nur Gras gewachsen ist.
„Haithabu war eine reine Wikingerstadt.“ Es stand unter dänischer Herrschaft, aber die Bevölkerung war gemischt. Die Funde zeigen friesische, sächsische, slawische und fränkische Anteile – in der Keramik, in den Trachtbestandteilen, in den Bauweisen. Godfred hatte 808 slawische Kaufleute dorthin gebracht; sie blieben nicht die einzigen Zugezogenen. Ein Umschlagplatz zieht an, wer handelt.
„Haithabu ist das heutige Schleswig.“ Nein. Schleswig liegt am nördlichen Schleiufer und ist die Nachfolgesiedlung, die entstand, als Haithabu aufgegeben wurde. Der Name wanderte mit, der Ort nicht. Die Wiese mit dem Halbkreiswall liegt auf der Südseite, bei Busdorf.
„Die Häuser dort sind Originale.“ Die sieben Gebäude am Hafen sind Rekonstruktionen, errichtet ab 2005 auf dem Gelände, nach den Befunden ausgegrabener Häuser und mit zeitgenössischen Techniken. Das ist gut gemachte Vermittlung – aber jedes Detail, das im Boden nicht erhalten war, ist eine begründete Annahme. Dachform, Innenausstattung und Farbigkeit gehören dazu.
Haithabu korrigiert das Bild, das die meisten von der Wikingerzeit haben. Kein Kriegerlager, kein Ort der Plünderer. Eine Werkstattstadt mit Kammmachern, Perlenbläserinnen, Bronzegießern und Händlern, die Silber abwogen und Waren umluden.
Und sie zeigt, wie weit der Norden reichte. Basalt aus der Eifel, Speckstein aus Norwegen, Glas aus dem Mittelmeerraum, Silber aus Samarkand – alles in einem Hafen von zwei Dutzend Hektar.
Wenn wir für ein Motiv nach Belegen suchen, sind Orte wie dieser der Maßstab. Nicht das, was gut aussieht, sondern das, was im Boden liegt.
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