Lange vor den Wikingern beschreibt ein römischer Schriftsteller einen germanischen Stamm, der seine Feinde nicht mit Zahl oder Stärke besiegt, sondern mit purem Schrecken: die Harier, die als schwarz bemaltes Heer in finsteren Nächten angreifen. Sie sind eine der eindringlichsten Gestalten der frühen Germanen – und ein Musterfall dafür, wie vorsichtig man Quellen lesen muss.
Unsere einzige echte Quelle ist der römische Historiker Tacitus in seiner Germania (98 n. Chr., Kapitel 43). Er zählt die Harier zu den ostgermanischen Lugiern, irgendwo im heutigen Ostmitteleuropa. Was er über sie schreibt, hat sich tief ins Gedächtnis gegraben.
„Schwarz sind die Schilde, bemalt die Körper; dunkle Nächte wählen sie zum Kampf und erregen schon durch den Schauder und Schatten eines gespenstischen Heeres Furcht.“
— Tacitus, Germania 43 (nach gemeinfreier Übersetzung)
Tacitus nennt sie ein feralis exercitus – ein „Totenheer“ oder „Geisterheer“. Kein Feind, so schreibt er, halte diesem ungewohnten, gleichsam höllischen Anblick stand.
Gerade darin liegt der Reiz der Harier: Sie zeigen, wie alt die Idee des „verwandelten Kriegers“ im germanischen Raum sein könnte – und zugleich, wie viel wir ehrlicherweise nicht wissen. Ein gutes Beispiel dafür, warum wir Mythos und Beleg immer sauber trennen.

Berserker & Ulfhednar · Die germanischen Stämme · Walhall & die Einherjer · Odin.
Tacitus, Germania (98 n. Chr., Kap. 43), gemeinfreie Übersetzung. Forschung: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; Otto Höfler, Kultische Geheimbünde der Germanen (1934, kritisch zu lesen); neuere kritische Einordnungen bei Walter Pohl und anderen.