Im Jahr 922 saß ein Beamter aus Bagdad am Ufer der Wolga und sah zu, wie die Nordleute einen ihrer Anführer bestatteten. Er verstand kein Wort ihrer Sprache und brauchte einen Dolmetscher. Was er aufschrieb, ist bis heute der einzige ausführliche Augenzeugenbericht, den wir von einem nordischen Begräbnis haben.
Und fast alles, was in Filmen und Serien als „Wikingerbestattung“ gezeigt wird, geht auf diesen einen Text zurück.
Er war kein Forscher und kein Abenteurer. Ahmad ibn Fadlan war Sekretär einer Gesandtschaft, und er hatte einen Auftrag.
Der Herrscher der Wolgabulgaren hatte beim Kalifen in Bagdad um Hilfe gebeten: um Geld für den Bau einer Festung und um Gelehrte, die seinem Volk den islamischen Glauben und das Recht beibringen sollten. Die Gesandtschaft brach im Juni 921 auf und erreichte die Wolga im Mai 922 – rund viertausend Kilometer über Land, durch Persien, Chwarezm und die Steppe.
Ibn Fadlan führte das Protokoll. Was er unterwegs sah, hielt er fest, weil es zum Bericht gehörte. Dass daraus die wichtigste Augenzeugenquelle zur Kultur der Rūs werden würde, konnte er nicht ahnen.
Die Überlieferung erklärt, warum dieser Bericht erst im 20. Jahrhundert seine volle Wirkung entfaltete.
Jahrhundertelang kannte man Ibn Fadlan nur aus Auszügen. Der Geograph Yāqūt al-Hamawī hatte im 13. Jahrhundert Teile in sein großes geographisches Wörterbuch übernommen – was ihn interessierte, nicht unbedingt, was für uns wichtig wäre.
Erst 1923 fand der Orientalist Zeki Velidi Togan in einer Bibliothek in Maschhad im Iran eine Handschrift mit einer deutlich vollständigeren Fassung. Das Schiffsbegräbnis in der Ausführlichkeit, in der es heute zitiert wird, stammt aus diesem Fund.
Auch diese Handschrift ist nicht vollständig, und sie ist rund dreihundert Jahre jünger als die Reise. Wir lesen eine Abschrift einer Abschrift – was nichts entwertet, aber die Maßstäbe setzt.
Diese Frage entscheidet, wie viel der Bericht überhaupt über den Norden aussagt – und sie ist nicht abschließend geklärt.
Die Mehrheit der Forschung sieht in den Rūs an der Wolga Händler skandinavischer Prägung: Leute, die über die russischen Flüsse aus dem Ostseeraum gekommen waren. Dafür sprechen die Namen in byzantinischen und arabischen Quellen, skandinavische Funde entlang der Flusswege und die Masse arabischer Silbermünzen, die auf demselben Weg zurück in schwedische Horte gelangte.
Dagegen steht, dass diese Gruppen keine reinen Skandinavier waren. Sie bewegten sich seit Generationen in einem Umfeld mit slawischen, finnischen und turksprachigen Nachbarn, handelten mit ihnen, heirateten und übernahmen Bräuche.
Für die Lektüre heißt das: Ibn Fadlan beschreibt Menschen mit nordischem Hintergrund in einer Mischkultur, zweitausend Kilometer von Skandinavien entfernt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Sein Blick ist der eines gebildeten Muslims aus Bagdad, und genau das macht ihn brauchbar: Er beschreibt, was ihm fremd vorkommt, statt das Selbstverständliche wegzulassen.
Er nennt sie körperlich vollkommen – groß, hell, rotblond. Er beschreibt, dass sie von den Fingernägeln bis zum Hals mit dunkelgrünen Mustern bedeckt seien, mit Bäumen und Figuren. Ob das Tätowierungen waren oder aufgemalte Muster, sagt der Text nicht eindeutig; beide Lesarten sind vertretbar, und an Skeletten lässt sich Tätowierung nicht nachweisen.
Er beschreibt den Schmuck der Frauen: Halsringe aus Silber oder Gold, deren Zahl vom Vermögen des Mannes abhing, und Spangen auf der Brust mit einem Messer daran. Das deckt sich auffallend gut mit dem, was in wikingerzeitlichen Frauengräbern liegt – Schalenfibeln paarweise auf der Brust.
Und dann die Stelle, die ihn erkennbar anwidert: Morgens bringe ein Mädchen eine Schüssel Wasser, der Hausherr wasche sich darin Gesicht und Haar, schnäuze und spucke hinein – und dieselbe Schüssel gehe weiter zum Nächsten.
Dieselbe Szene zeigt zweierlei. Für einen Muslim mit rituellen Reinheitsvorschriften ist sie abstoßend. Und sie belegt, dass sich diese Leute täglich wuschen und kämmten – was zu den Tausenden Kämmen aus Haithabu und Birka passt.
Als einer der Anführer starb, durfte Ibn Fadlan zusehen. Sein Bericht ist ungewöhnlich genau.
Der Tote wurde zunächst zehn Tage in einem provisorischen Grab verwahrt, während man Kleidung für ihn nähte. Sein Besitz wurde gedrittelt: ein Teil für die Familie, ein Teil für die Gewandung, ein Teil für das Totenbier.
Das Schiff wurde an Land gezogen und aufgebockt, eine Lagerstatt darin aufgeschlagen, der Tote hineingesetzt und mit Speisen, Getränken, Waffen und Schmuck umgeben. Tiere wurden geschlachtet: Hunde, Pferde, Rinder, Hühner.
Eine alte Frau leitete das Geschehen. Ibn Fadlan nennt sie den „Todesengel“. Am Ende zündete der nächste Verwandte das Schiff an – rückwärts gehend, mit abgewandtem Gesicht. Über der Brandstelle wurde ein Hügel aufgeschüttet und ein Holzpfosten gesetzt, in den man den Namen des Toten und den seines Königs ritzte.
Überliefert ist auch eine Bemerkung, die ihm ein Rūs gemacht haben soll: Die Araber seien töricht, weil sie ihre Toten in die Erde legten, wo Würmer sie fräßen – das Feuer bringe den Toten sofort ins Paradies.
Ein Teil des Textes wird in populären Nacherzählungen regelmäßig weichgezeichnet, und das halten wir für falsch.
Eine Sklavin sollte mit dem Toten sterben. In den Tagen davor wurde sie nicht geschont: Ibn Fadlan berichtet von sexuellen Übergriffen durch die Gefolgsleute als Teil des Ablaufs. Am Ende wurde sie getötet, während die Umstehenden auf ihre Schilde schlugen, damit man sie nicht schreien hörte.
Das gehört zur Quelle. Wer die Wikingerzeit ernst nimmt, nimmt auch das ernst – dass hier ein Mensch als Eigentum behandelt und getötet wurde, und dass man den Lärm brauchte, um es zu übertönen.
Ob sie tatsächlich freiwillig zugestimmt hatte, wie der Text behauptet, lässt sich aus der Lage einer Sklavin heraus nicht beantworten.
Der Reiz dieses Textes liegt darin, dass man ihn gegen den Boden prüfen kann.
Bestätigt: Schiffsbestattungen mit Tieropfern und anschließendem Hügel sind vielfach ausgegraben – Oseberg, Gokstad, Ladby. Verbrennung ist im Norden eine der beiden Grundformen. Reiche Beigaben, Kleidung, Trinkgeschirr: alles im Befund vorhanden. Auch die Bestattung einer zweiten Person, häufig einer Frau, kommt vor.
Nicht bestätigt, aber plausibel: der genaue Ablauf über zehn Tage, die Dreiteilung des Nachlasses, die Rolle der alten Frau. Solche Abläufe hinterlassen keine Spuren im Boden.
Offen: ob das, was Ibn Fadlan an einem Tag an der Wolga sah, für Skandinavien repräsentativ war. Die Beisetzung eines Anführers ist eine Ausnahmesituation, kein Alltag. Wir vergleichen einen Sonderfall mit anderen Sonderfällen.
Zur Bandbreite der Formen siehe unseren Beitrag zur Bestattung in der Wikingerzeit.
„So wurden Wikinger bestattet.“ Nein – so wurde ein Anführer der Rūs an der Wolga bestattet, an einem Tag im Jahr 922, beobachtet von einem Mann, der die Sprache nicht verstand. Die Bandbreite nordischer Bestattungsformen reicht von der Prunkbestattung bis zur einfachen Grube ohne jede Beigabe – und die Grube ist der Normalfall.
„Der Todesengel war ein Priesteramt.“ Todesengel ist Ibn Fadlans eigene Bezeichnung für die alte Frau, die das Ritual leitete – ein Begriff aus seiner Welt, nicht aus ihrer. Wie dieses Amt im Norden hieß oder ob es überhaupt ein Amt war, sagt keine nordische Quelle.
„Der Bericht zeigt die Wikinger, wie sie waren.“ Er zeigt sie, wie ein Außenstehender sie sah: beeindruckt vom Körperbau, abgestoßen von der Hygiene, verstört vom Begräbnis. Jede dieser Reaktionen sagt auch etwas über Bagdad.
Ibn Fadlan ist der Grund, warum wir bei jedem Motiv fragen: Woher weißt du das?
Ein einziger Bericht, dreihundert Jahre später abgeschrieben, 1923 wiederentdeckt, von einem Beobachter ohne Sprachkenntnis – und daraus ist das populäre Bild einer ganzen Epoche geworden. Das ist kein Vorwurf an ihn. Er hat sauber notiert, was er sah, und dazugesagt, was ihn befremdete.
Der Fehler passiert später, beim Weitererzählen: wenn aus einem Tag an der Wolga „die Wikinger“ werden.
Weiterlesen bei uns: Bestattung in der Wikingerzeit · Bootsbestattung · Die Rus · Der Warägerweg · Sklaverei im Norden
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