Blog / Geschichte · Quellen

Ibn Fadlan: ein Araber bei den Wikingern

Geschichte · Quellen Ibn Fadlan - ein Araber bei den Wikingern

Der berühmteste Augenzeugenbericht über die Wikinger stammt nicht aus dem Norden, sondern aus Bagdad. 921 schickte der Kalif den Gelehrten Ahmad ibn Fadlan an die Wolga – und der traf dort ein Volk, das er die Rus nennt. Was er beschrieb, ist drastisch, faszinierend und bis heute heiß diskutiert.

Den ganzen Bericht lesen: Wir haben die Rus-Passagen der Risala als eigene, gemeinfreie deutsche Fassung aufbereitet – ausführlich, mit Quellen und sauberer Trennung von Beleg und Mythos. Online lesen oder als PDF herunterladen.

Eine Gesandtschaft an die Wolga

Ibn Fadlan war Sekretär und Rechtsgelehrter einer Gesandtschaft, die Kalif al-Muqtadir 921/922 zu den Wolga-Bulgaren schickte – offiziell zur Glaubensunterweisung, in Wahrheit auch wegen Geld und einer Festung gegen die Chasaren. Rund 4.000 km Reise. Am Handelsplatz an der Wolga traf er die Rus: Händler, die mit ihren Schiffen flussaufwärts kamen.

„Nie sah ich vollkommenere Körper“

Über ihr Aussehen schreibt er fast bewundernd: hochgewachsen „wie Dattelpalmen“, blond und rotwangig, von den Fingerspitzen bis zum Hals mit dunklen Mustern und Figuren gezeichnet (Tätowierung oder Bemalung – das lässt der Text offen). Jeder Mann trug stets Axt, Schwert und Messer. Die Frauen trugen ovale Schalenfibeln aus Metall – je wertvoller, desto reicher der Mann – und Halsketten aus grünen Glasperlen, ihrem liebsten Schmuck.

Weniger schmeichelhaft fand er ihre Hygiene: Er nennt sie „die schmutzigsten Geschöpfe Gottes“ und beschreibt angewidert, wie sich morgens alle reihum im selben Becken Wasser wuschen. Vor hölzernen Götzenpfählen beteten sie um guten Handel und opferten Tiere.

Das Schiffsbegräbnis

Der berühmteste Teil ist die Bestattung eines vornehmen Rus. Zehn Tage lang wurde der Tote aufgebahrt, während man Gewänder nähte und trank. Eine Sklavin meldete sich freiwillig, mit ihm zu sterben. Eine alte Frau, „Engel des Todes“ genannt, leitete das Ritual. Am Ende wurde das Mädchen über einen Türrahmen gehoben und schaute, so der Bericht, ins Jenseits: „Ich sehe meinen Herrn im Paradies sitzen, und das Paradies ist schön und grün … er ruft mich.“ Dann wurde sie im Zelt auf dem Schiff getötet – und das ganze Schiff samt Toten verbrannt. Über der Asche errichteten sie einen Hügel mit einem Birkenpfahl, in den sie den Namen des Toten ritzten.

Ein Rus erklärte dem Dolmetscher den Sinn (sinngemäß): „Ihr Araber seid Toren – ihr legt eure Liebsten in die Erde, wo Würmer sie fressen. Wir verbrennen sie in einem Augenblick, damit sie sogleich ins Paradies eingehen.“

Mythos & Beleg – bitte ehrlich: Dass die Rus Nordmänner waren, ist die Mehrheitsmeinung, aber nicht gesichert – manche sehen darin eine slawische oder gemischte Händlerschicht. Ibn Fadlan war zudem ein frommer, urteilender Außenstehender, der kein Nordisch sprach (die Paradies-Worte kennt er nur über einen Dolmetscher). Seine Schilderung ist eine echte Primärquelle, aber gefärbt. Und der Film „Der 13te Krieger“ bzw. Crichtons Roman sind reine Fiktion.
Einordnung: Die Rus gehören in die östliche Wikingerwelt – die Händler-Waräger der Flussstraßen. Über die Wolga floss Pelz, Wachs und vor allem Sklaven nach Süden, islamisches Silber (Dirhams), Glas und grüne Perlen nach Norden. Allein in Schweden sind rund 69.500 islamische Münzen gefunden worden – der „Silberpfad von Birka nach Bagdad“ ist kein Bild, sondern Befund. Überliefert ist Ibn Fadlans Text v. a. über das Geographie-Lexikon des Yaqut und die 1923 entdeckte Maschhad-Handschrift.
Runenorakel & Naturschmuck
Grüne Glasperlen, Silber, eingeritzte Namen: In unseren Runen & im Naturschmuck klingt diese Handelswelt nach. Ansehen →

Mehr zu den Ost-Wikingern und ihren Verwandten im Überblick Ostslawen & die Rus.

Zum Shop Mehr Beiträge