Die Rus an der Wolga, 922 n. Chr. – der älteste ausführliche Augenzeugenbericht über Nordmänner.
Im Jahr 921 brach von Bagdad eine Gesandtschaft des abbasidischen Kalifen al-Muqtadir auf – das Ziel war der König der Wolgabulgaren, weit im Norden. Mit dabei: ein Schreiber namens Ahmad ibn Fadlan, der über die Reise genau Buch führte. An der Wolga begegnete er nordischen Händlern, die er die Rusiyya nennt – und hinterließ damit den ältesten ausführlichen Augenzeugenbericht über Nordmänner, den wir besitzen.
Ibn Fadlan war kein Krieger und kein Abenteurer, sondern ein gebildeter Sekretär und Rechtsgelehrter im Dienst des Kalifen. Seine Aufgabe war diplomatisch: Er sollte dem Bulgarenkönig am Mittellauf der Wolga Geschenke, Geld und Gelehrte bringen, der gerade zum Islam übergetreten war. Sein Bericht, die Risala, ist nüchtern, neugierig – und immer wieder ehrlich entsetzt über das, was er sieht.
Lange kannte man den Text nur in Bruchstücken, die der Geograf Yaqut im 13. Jahrhundert zitierte. Erst 1923 tauchte in einer Handschrift in Maschhad (Iran) eine viel vollständigere Fassung auf. Erst seitdem können wir lesen, was Ibn Fadlan über die Rus wirklich aufgeschrieben hat.
Ibn Fadlan beschreibt die Rus als Händler, die mit Pelzen und Sklaven die Flusswege entlangzogen – von der Ostsee über die russischen Stromsysteme bis ans Kaspische Meer und nach Bagdad. Sein Bild passt verblüffend gut zu dem, was wir von skandinavischen Warägern wissen. Trotzdem ist bis heute umstritten, ob die Rus reine Nordmänner waren oder bereits eine slawisch-skandinavische Mischschicht.
Ibn Fadlan war beeindruckt von ihrer Erscheinung: hochgewachsen wie Palmen, hellhäutig, rotblond. Jeder Mann trug Axt, Messer und ein langes Schwert immer bei sich – sie legten die Waffen nie ab. Vom Fingernagel bis zum Hals waren sie mit dunkelgrünen Mustern bedeckt, Bäume und Figuren – was er beschreibt, klingt nach Tätowierungen oder bemalter Haut.
Die Frauen trugen, so Ibn Fadlan, an der Brust eine Kapsel aus Eisen, Silber, Kupfer oder Gold – je nach Vermögen des Mannes. Dazu Halsringe: für je zehntausend Dirham, die ein Mann besaß, einen Ring für seine Frau. Manche Frauen waren über und über mit grünen Glasperlen behängt, die den Männern offenbar besonders kostbar waren.
Was die Reinheit angeht, hatte Ibn Fadlan als frommer Muslim wenig Freude an den Rus – er nennt sie die schmutzigsten Geschöpfe Gottes. Sein Hauptärger: Morgens brachte eine Magd eine große Schüssel Wasser. Der Herr wusch sich darin Gesicht und Haar, putzte sich und spuckte hinein – und dann reichte das Mädchen dieselbe Schüssel reihum weiter, von Mann zu Mann. Für ihn ein Graus; für die Rus offenbar völlig normal.
Er beschreibt auch ihr Lagerleben an der Wolga: große Häuser aus Holz, in denen zehn oder zwanzig zusammen wohnten, jeder mit seiner Bank und seinen Handelswaren – und den Sklavinnen, die sie verkaufen wollten.
Kam ein Schiff an, ging der Kaufmann zuerst zu einem hohen Holzpfahl mit eingeschnitztem Gesicht, umgeben von kleineren Figuren. Er warf sich nieder, legte Brot, Fleisch, Zwiebeln, Milch und Rauschtrank davor und bat darum, dass ihm ein Kaufmann mit vielen Dinaren und Dirham geschickt werde, der ihm ohne Feilschen abkaufe, was er wolle. Lief das Geschäft schlecht, kam er mit weiteren Gaben wieder und bat die kleineren Götter – die Frauen und Kinder des großen – um Fürsprache.
Lief es gut, dankte er mit einem Opfer: Schafe oder Rinder wurden geschlachtet, ein Teil verteilt, der Rest vor die Pfähle gelegt. Nachts kamen Hunde und fraßen es – und der Rus war zufrieden: Sein Herr sei ihm gnädig geworden und habe seine Gabe verzehrt.
Den größten Teil seines Rus-Berichts widmet Ibn Fadlan einem Begräbnis, das er selbst miterlebte – der Bestattung eines vornehmen Mannes. Es ist die berühmteste Passage der ganzen Risala.
Starb ein gewöhnlicher Mann, so erzählt er, legte man ihn in ein kleines Boot und verbrannte ihn. Bei einem Vornehmen aber wurde aufwendig verfahren: Sein Besitz wurde gedrittelt – ein Teil für die Familie, einer für seine Totenkleider, einer für das Totenbier. Den Leichnam legte man vorläufig zehn Tage in ein geschlossenes Grab, bis alles vorbereitet war.
Dann fragte man unter seinen Sklavinnen: Wer will mit ihm sterben? Meist meldete sich eine freiwillig – und war von da an gebunden. Sie wurde bewacht und verwöhnt, trank und sang in diesen Tagen. Ein altes, finsteres Weib leitete die ganze Zeremonie; man nannte sie den Todesengel. Sie war es, die töten würde.
Am Tag der Bestattung zog man das Schiff des Toten an Land auf ein Holzgerüst. In die Mitte stellte man ein Zelt mit einer Bank, bedeckt mit kostbaren Stoffen und Kissen. Man holte den Toten aus dem Grab, kleidete ihn in Gold und Pelz und setzte ihn aufrecht in das Zelt, umgeben von Speisen, Früchten, Wohlgeruch und seinen Waffen.
Dann begann das Töten: Ein Hund wurde entzweigeschlagen und ins Schiff geworfen, zwei Pferde wurden gehetzt, bis sie schwitzten, und zerstückelt, dazu zwei Kühe, ein Hahn und eine Henne. Alles kam zum Toten ins Schiff.
Die Sklavin aber ging von Zelt zu Zelt, und der Herr eines jeden Zeltes vollzog den Beischlaf mit ihr und sprach: Sage deinem Herrn, ich tat dies aus Liebe zu ihm. Gegen Abend führte man sie zu einem Rahmen wie einem Türsturz. Dreimal hoben die Männer sie hoch, dass sie darüber blicken konnte.
Beim ersten Mal sprach sie: Sieh, da sehe ich meinen Vater und meine Mutter. Beim zweiten Mal: Sieh, da sehe ich alle meine verstorbenen Verwandten beisammen sitzen. Beim dritten Mal: Sieh, da sehe ich meinen Herrn, er sitzt im Paradies, und das Paradies ist grün und schön, und bei ihm sind Männer und Knaben. Er ruft mich – so bringt mich zu ihm.
– sinngemäße deutsche Wiedergabe nach Ibn Fadlan, Risala (922)
Man führte sie zum Schiff. Sie gab ihren Schmuck ab, trank zwei Becher und sang. Dann zogen sechs Männer sie in das Zelt zum Toten. Während einige draußen mit Stöcken auf ihre Schilde schlugen – damit man ihre Schreie nicht hörte und keine andere Sklavin sich fürchtete – legte ihr der Todesengel einen Strick um den Hals; zwei Männer zogen daran, und die Alte stieß ihr wieder und wieder einen breiten Dolch zwischen die Rippen.
Zuletzt trat der nächste Verwandte des Toten heran, nackt, nahm ein brennendes Holz und entzündete – rückwärts gehend, das Feuer hinter sich – den Scheiterhaufen unter dem Schiff. Wind kam auf, und in kaum einer Stunde waren Schiff, Toter und Mädchen zu Asche verbrannt. Über der Stelle häuften sie einen Hügel und setzten einen Pfosten aus Birkenholz darauf, in den sie den Namen des Mannes und des Königs der Rus schnitten.
Ibn Fadlan stand mit einem Dolmetscher dabei. Neben ihm lachte ein Rus und ließ übersetzen: Ihr Araber seid Toren. Ihr nehmt eure Liebsten und legt sie in die Erde, wo Würmer und Erde sie fressen. Wir aber verbrennen sie im Nu, und sie ziehen noch in derselben Stunde ins Paradies. Dann lachte er noch lauter. Für Ibn Fadlan war es Heidentum – für den Rus die überlegene Art zu sterben.
Vieles bei Ibn Fadlan deckt sich erstaunlich gut mit der Archäologie: Bootsgräber sind real (Oseberg, Gokstad in Norwegen), und in einigen Wikingergräbern – etwa in Birka oder im Doppelgrab von Flakstad – finden sich Hinweise auf Menschenopfer oder Gefolgsbestattungen. Auch die Brustspangen, Perlen und Halsringe stimmen mit Frauengräbern überein.
Und das Gebet, das viele kennen – „Sieh, da sehe ich meinen Vater …“ – hat zwei Gesichter: Die kurze Vision der Sklavin am Türrahmen ist echt und steht bei Ibn Fadlan. Die ausgeschmückte, oft zitierte Krieger-Version (mit Vater, Mutter, Schwestern und Brüdern, die einen rufen) stammt dagegen aus dem Film Der 13te Krieger von 1999. Schön ist sie trotzdem – nur eben modern.
Ahmad ibn Fadlan, Risala (Reisebericht), 922 n. Chr.; überliefert bei Yaqut al-Hamawi (13. Jh.) und in der Maschhad-Handschrift (entdeckt 1923). Zur Einordnung u. a. J. E. Montgomery, „Ibn Fadlan and the Rusiyya“, sowie archäologische Literatur zu Oseberg, Gokstad und Birka. Diese Seite ist eine eigene, sinngemäße deutsche Wiedergabe der Rus-Abschnitte – kein Nachdruck einer geschützten Übersetzung. Strittige Punkte sind als Mythos bzw. unsicher gekennzeichnet.