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Kamm, Bad und die „umgekehrte Vokuhila": Wie gepflegt die Wikinger wirklich waren

Alltag & Kultur Kamm, Bad und die „umgekehrte Vokuhila": Wie gepflegt die Wikinger wirklich waren

Struppig, verlaust, jahrelang nicht gewaschen – so hocken die Wikinger im Klischee am Lagerfeuer. Die Funde erzählen eine andere Geschichte: tägliches Kämmen, ein fester Waschtag pro Woche und Pflege-Sets am Gürtel. Ausgerechnet ein englischer Mönch beklagte, die Nordmänner seien mit ihrer Sauberkeit ein bisschen zu erfolgreich bei den Damen gewesen.

Das Klischee und die Kämme

Wenn wir an Wikinger denken, sehen wir oft verfilztes Haar, klobige Bärte und einen Geruch, der drei Höfe weiter noch beißt. Dieses Bild stammt aus dem 19. Jahrhundert und aus dem Kino – nicht aus dem Boden. Denn was Archäologen in Wikingersiedlungen am häufigsten finden, ist kein Schwert und keine Axt, sondern der Kamm. In Haithabu, im nordenglischen Jorvik (York) und im schwedischen Birka kommen sie zu Dutzenden, ja Hunderten aus der Erde. Ein Volk, das seine Toten mit dem Kamm bestattete und die Werkzeuge sichtbar am Gürtel trug, hatte offensichtlich ein anderes Verhältnis zur Körperpflege, als die Groschenromane vermuten lassen.

Der Kamm war Alltagsgegenstand und Statussymbol zugleich. Gefertigt wurde er meist aus Hirschgeweih, seltener aus Knochen oder Holz – Material, das hart genug für feine Zähne und zugleich beständig war. Viele Kämme waren doppelseitig: eine Reihe eng stehender Zähne zum Entwirren und gegen Läuse, eine Reihe grober Zähne fürs dichte Bart- und Kopfhaar. Aufwendige Stücke steckten in verzierten Etuis, damit die empfindlichen Zähne im Beutel nicht brachen. Der Kamm reiste mit – auf See, im Feld, im Grab.

Der Samstag hieß „Waschtag"

Der schlagendste Beleg für nordische Reinlichkeit steckt im Kalender. Das altnordische Wort für Samstag lautet laugardagr: laug heißt Bad oder warmes Wasser, dagr heißt Tag. Wörtlich also „Badetag". Das ist kein Zufall und keine spätere Erfindung – der Waschtag lebt bis heute in den skandinavischen Sprachen weiter: schwedisch lördag, dänisch und norwegisch lørdag. Einmal in der Woche einen festen Tag fürs gründliche Waschen zu reservieren, war für das mittelalterliche Europa alles andere als selbstverständlich.

Am deutlichsten wird es bei einem englischen Chronisten des 13. Jahrhunderts, John of Wallingford, Mönch in St Albans. In seiner Chronik beschreibt er die Dänen im England um das Jahr 1000 – und tut es mit einer gewissen Verbitterung. Ihre Sauberkeit sei nämlich, so klagt er, geradezu eine unfaire Waffe im Werben um die englischen Frauen gewesen:

„Sie kämmten nach Landessitte täglich ihr Haar, badeten jeden Samstag und wechselten oft die Kleidung; mit solchen Eitelkeiten belagerten sie die Tugend der verheirateten Frauen und gewannen sogar die Töchter der Edlen für sich." John of Wallingford, Chronik (gemeinfrei)

Man muss die Quelle mit Vorsicht lesen: Wallingford schrieb rund zweihundert Jahre nach den Ereignissen, und die Passage leitet seinen Bericht über das Massaker am St.-Brictius-Tag 1002 ein, bei dem König Æthelred zahllose Dänen töten ließ. Kein anderer Chronist hält die tägliche Haarpflege für erwähnenswert. Doch selbst als spätes Vorurteil ist der Satz aufschlussreich: Der Neid richtet sich nicht gegen ungewaschene Barbaren, sondern gegen auffällig gepflegte Männer.

Das ganze Necessaire

Der Kamm kam selten allein. In vielen Gräbern lagen kleine Pflege-Sets, oft an einem Ring zusammengefasst und am Gürtel getragen: Pinzetten zum Zupfen, Ohrlöffel zum Reinigen der Ohren, spitze Nagelreiniger und Zahnstocher, dazu Rasiermesser. Manche Bürsten waren mit Tierborsten besetzt. Diese Gegenstände sind aus Bronze, Eisen, Geweih und Knochen erhalten – Materialien, die Jahrhunderte überdauern, während Seife, Öle und Leinentücher längst vergangen sind.

Gewaschen wurde mit einer Lauge aus Holzasche und Tierfett – im Grunde eine frühe Seife, die zugleich das Haar bleichte. Wer sein Haar oder seinen Bart heller wollte, konnte diesen Nebeneffekt gezielt nutzen. Für das Bad gab es je nach Region heiße Quellen, Badehäuser und die berühmte Schwitzbad-Tradition, die im Norden bis heute als Sauna weiterlebt. Reinlichkeit war also kein Luxus einzelner Häuptlinge, sondern Teil des Alltags – vom Bauernhof bis zum Handelsplatz.

Die „umgekehrte Vokuhila"

Wie sahen die Frisuren nun konkret aus? Ehrlicherweise: Wir wissen weniger, als Serien und Werbeplakate suggerieren. Bildsteine, kleine Metallfiguren und wenige schriftliche Notizen geben Hinweise, aber kein lückenloses Bild. Ein besonders schöner Beleg ist ein altenglischer Brief um das Jahr 1000, den man Ælfric von Eynsham zuschreibt – die „Epistel an Bruder Edward". Darin schilt der Verfasser englische Landsleute, die sich nach „dänischer Mode" trügen, mit den Worten, sie liefen mit „entblößtem Nacken und geblendeten Augen" umher.

Übersetzt heißt das: langes Haar oder ein tiefer Pony vorn, der bis über die Augen fällt – und im Nacken kurz geschoren, sodass der Hals frei liegt. Manche Forscher nennen das augenzwinkernd die „umgekehrte Vokuhila": vorne lang, hinten kurz, also genau andersherum als die berüchtigte 80er-Frisur. Für die Angelsachsen war dieser Look offenbar skandalös modisch – und ausgerechnet Kirchenleute übernahmen ihn, was den Mönch zur Feder greifen ließ.

Wichtig ist die Grenze zwischen Beleg und Fantasie: Der akkurat rasierte Undercut mit eingeflochtenen Zöpfen, wie ihn Fernsehhelden tragen, ist historisch nicht gesichert. Geflochtenes Haar gab es sicher, gebundenes und hochgestecktes Haar ebenso, gerade praktisch bei der Arbeit. Aber die millimetergenaue Tätowier-und-Zopf-Ästhetik moderner Serien ist Kostümbild, kein Fund.

Bart, Schnauzer und Zopf

Der Bart war im Norden mehr als Wärmeschutz – er war Zeichen des freien, erwachsenen Mannes. Sprichwörter und Beinamen spielen darauf an, von „Gabelbart" bis „Langbart". Gepflegt wurde er mit demselben doppelseitigen Kamm, der die groben Zähne genau für dichtes Barthaar bereithielt. Manche Darstellungen zeigen geteilte oder zu Zöpfen gedrehte Bärte; ein bekanntes Beinchen-Figürchen aus Island, oft mit dem Gott Thor in Verbindung gebracht, umfasst einen sorgfältig gescheitelten Spitzbart mit beiden Händen. Ein ungepflegter Bart galt eher als Schande denn als martialisches Statement.

Ibn Fadlan und die zwei Wahrheiten

Bleibt der scheinbare Gegenzeuge: der arabische Gesandte Ibn Fadlan, der um 922 die Rus an der Wolga traf und sie „die schmutzigsten Geschöpfe Gottes" nannte. Steht das nicht im Widerspruch zu Waschtag und Kamm? Nur auf den ersten Blick. Ibn Fadlan störte sich nicht daran, dass die Rus sich nicht wuschen – sondern wie sie es taten. Jeden Morgen brachte eine Dienerin ein großes Wasserbecken. Der Hausherr wusch darin Gesicht, Hände und Haar, tauchte den Kamm hinein, schnäuzte und spuckte ins selbe Becken – und dann wanderte es zum nächsten Mann.

Für einen Muslim, dem die religiöse Reinheit fließendes Wasser vorschreibt, war dieses gemeinsame Stehwasser ein Graus. Aber man beachte: Die Rus wuschen sich täglich, mit Wasser und Kamm. Ibn Fadlans Urteil sagt weniger über nordischen Dreck aus als über zwei unvereinbare Reinlichkeitsnormen, die aufeinanderprallten. Genau darin liegt der Reiz der Quelle – zwei Kulturen, zwei Wahrheiten, dasselbe Waschbecken.

Was gesichert ist

Kämme aus Geweih und Knochen gehören zu den häufigsten Funden der Wikingerzeit (Haithabu, Jorvik, Birka, Ipswich), oft doppelseitig und in verzierten Etuis. Pflege-Sets mit Pinzette, Ohrlöffel und Nagelreiniger sind mehrfach belegt. Das Wort laugardagr („Badetag") für Samstag lebt in den skandinavischen Sprachen fort. Ibn Fadlan bezeugt tägliches Waschen der Rus – wenn auch im gemeinsamen Becken. Ælfrics Brief und John of Wallingfords Chronik überliefern die „dänische Mode" und die tägliche Haarpflege aus Außensicht.

Mythos-Check

Der ungewaschene Wikinger-Barbar ist ein Klischee des 19. und 20. Jahrhunderts, kein Befund. Umgekehrt darf man nicht ins andere Extrem kippen: John of Wallingford schrieb spät und mit Ironie, Ibn Fadlan urteilte aus fremder Norm. Und der perfekt rasierte Serien-Undercut mit Flechtzöpfen ist Kostümbild, nicht Fund. Gesichert ist ein mittleres, aber für die Zeit überdurchschnittliches Maß an Pflege – nicht mehr, nicht weniger.

Was bleibt

Die Wikinger waren keine Duft-Heiligen, aber sie waren auch nicht die stinkenden Wilden der Legende. Ein fester Waschtag, ein Kamm am Gürtel und ein gepflegter Bart gehörten für viele so selbstverständlich dazu wie das Messer im Gürtel. Wer heute ein nordisches Motiv trägt oder verschenkt, knüpft an eine Kultur an, die auf ihr Äußeres achtete – und das mit Handwerk, das über Jahrhunderte hielt. Wenn Sie diesen Sinn fürs Detail in ein eigenes Stück übersetzen möchten, hilft unsere Seite zur individuellen Gravur weiter. Bad her, Kamm hoch – und Skål.

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