Wikinger Frisuren waren vielfältiger und gepflegter, als das Klischee glauben lässt: Männer trugen nach den besten Belegen oft einen kurz geschorenen Nacken, einen langen Pony oder Mittelscheitel und einen gestutzten oder geflochtenen Bart; Frauen banden ihr langes Haar am Hinterkopf zu einem Knoten mit herabfallendem Schweif. Wir gehen die Quellen der Reihe nach durch – geschnitzte Köpfe, Silberfigürchen, Bildsteine, einen empörten englischen Abt, einen Gesandten aus Bagdad und einen byzantinischen Chronisten – und zeigen am Ende, wie du eine historisch begründete Frisur selbst nachstellst.
Ein Mann, drei Zentimeter groß, aus Walrosselfenbein. Er lächelt. Sein Haar ist in der Mitte gescheitelt und seitlich in eine Welle gelegt, die das Ohr frei lässt, über dem Ohr kringelt sich eine kleine Locke. Hinten ist das Haar kurz. Darunter ein kräftiger Schnurrbart, Koteletten und ein langer, spitz zulaufender, geflochtener Kinnbart. So sieht die Figur aus, die das Dänische Nationalmuseum 2025 der Öffentlichkeit vorgestellt hat – laut Kurator Peter Pentz das, was einem Porträt aus der Wikingerzeit am nächsten kommt.
Kein verfilztes Gestrüpp, kein rasierter Schädel mit einem Zopf obendrauf. Die Figur fasst zusammen, worum es hier geht: Die Wikinger haben ihr Haar ernst genommen. Was genau sie damit angestellt haben, müssen wir aus erstaunlich verstreuten Puzzleteilen zusammensetzen – und dabei streng trennen, was ein Fund zeigt, was ein Zeitgenosse schreibt und was erst eine Saga des 13. Jahrhunderts oder eine Fernsehserie daraus gemacht hat.
Haare vergehen; echte Haare sind in skandinavischen Gräbern nur selten erhalten. Wir sind also auf drei Arten von Zeugnissen angewiesen. Erstens auf Bilder: Schnitzereien, Metallfiguren, Bildsteine, Textilien. Sie stammen von den Menschen selbst, sind aber stilisiert und oft winzig. Zweitens auf zeitgenössische Schriftquellen – fast immer von Außenstehenden, die etwas Fremdes beschreiben, oft mit Absicht. Drittens auf die isländischen Sagas, die zwei bis drei Jahrhunderte nach der Wikingerzeit niedergeschrieben wurden und mehr über das Selbstbild späterer Generationen verraten als über die Mode um 900.
Dazu kommt ein viertes, indirektes Zeugnis: das Werkzeug. Kämme, Pinzetten und Scheren liegen in großer Zahl in Siedlungen und Gräbern. Wenn du dich allgemeiner dafür interessierst, wie die Menschen der Wikingerzeit aussahen – Körpergröße, Haarfarbe, Gene –, lies unseren Artikel Wie sahen Wikinger aus?. Hier bleiben wir beim Kopf.
Beginnen wir mit dem bekanntesten Fundkomplex der Wikingerzeit, dem Oseberg-Grab in Norwegen, angelegt im Jahr 834. Der prachtvoll beschnitzte Wagen aus dem Grab trägt Bildszenen: Auf der Vorderseite ringt ein bärtiger Mann inmitten von Schlangen, auf einer anderen Seite hält eine Frau mit langem Haar und großem Halsschmuck den erhobenen Arm eines Mannes fest. Die Träger des Wagenkastens enden in geschnitzten Menschenköpfen. Interessant ist ein Gegenbefund aus demselben Grab: Auf den Resten des Oseberg-Wandteppichs, so die Osloer Textilforscherin Marianne Vedeler, trägt keiner der dargestellten Männer einen sichtbaren Bart. Der Bart war also offenbar nicht Pflicht.
Das zweite Schlüsselstück ist die eingangs beschriebene Elfenbeinfigur. Sie wurde vermutlich 1796 in einem Grabhügel auf dem Hof Fløgstad in Sørum, nordöstlich von Oslo, gefunden, kam nach Kopenhagen und lag dort über zweihundert Jahre unbeachtet im Magazin. Datiert wird sie ins 10. Jahrhundert. Pentz hält sie für eine Spielfigur, möglicherweise den König im Brettspiel hnefatafl (ein Strategiespiel, bei dem ein König mit seinen Verteidigern gegen eine Übermacht steht). Vedeler gibt zu bedenken, dass die Figur ein bis zwei Jahrhunderte jünger als Oseberg sein dürfte – Mode ändert sich, auch im Norden.
Drittens die berühmte Bronzefigur aus Rällinge in Södermanland, Schweden, gefunden 1904, knapp sieben Zentimeter hoch, um das Jahr 1000 datiert und heute im Historischen Museum Stockholm. Der kleine Mann sitzt mit gekreuzten Beinen, trägt eine spitze Kappe oder einen konischen Helm und hält mit der rechten Hand seinen langen, spitzen Bart. Darüber sitzt ein großer, nach oben gezwirbelter Schnurrbart. Meist wird er als der Gott Freyr gedeutet, sicher ist das nicht. Für unsere Frage ist es auch egal: Sein Bart ist jedenfalls sorgfältig in Form gebracht.
Ähnliche „bartgreifende“ Figuren kennt man aus mehreren Fundorten, darunter das kleine Bronzefigürchen von Eyrarland in Island, das oft als Thor gedeutet wird und einen gegabelten Bart umfasst. Und aus der Handelsstadt Sigtuna in Mittelschweden stammt ein geschnitzter Männerkopf aus Elchgeweih mit spitzem Helm, Schnurrbart und Bart. Zusammengenommen ergeben diese Bilder ein klares Muster: Wo Männer Bärte tragen, sind sie gestutzt, gespitzt, gegabelt oder geflochten. Wildwuchs sieht man nicht.
Bei den Frauen sind die Bilder sogar zahlreicher, denn aus der Wikingerzeit stammen Dutzende kleiner Anhänger und Figürchen, die Frauen im Profil oder von vorn zeigen. Die Forschung nennt sie häufig „Walkürenfigürchen“, weil manche ein Trinkhorn reichen oder Schild und Schwert tragen. Ob es Walküren sind, ist offen.
Das schönste Beispiel ist die Silberfigur von Hårby auf Fünen, Dänemark, die ein Sondengänger Ende Dezember 2012 auf einem Acker fand: gut dreieinhalb Zentimeter hoch, vergoldet, mit schwarzem Niello verziert, mit Schwert und Schild, um 800 datiert. Ihr langes Haar ist am Hinterkopf zu einem Knoten gebunden, aus dem ein Schweif den Rücken hinabfällt. Genau diese Frisur kehrt auf vielen Anhängern wieder, ebenso auf den gotländischen Bildsteinen, etwa auf dem Stein von Tjängvide (Alskog), wo eine Frau einem Reiter das Horn reicht. Ob dort geflochtenes Haar, ein Pferdeschwanz oder ein Tuch gemeint ist, lässt sich bei den groben Ritzungen nicht immer sagen.
In Reenactment-Kreisen heißt diese Frisur oft „Irischer Knoten“ oder „Irish ribbon knot“. Der Name ist modern; aus der Wikingerzeit ist kein Begriff dafür überliefert, und mit Irland hat die Frisur nichts zu tun. Treffender ist schlicht: Knoten mit Schweif. Wer sich fragt, ob verheiratete Frauen ihr Haar bedecken mussten: Das wird oft behauptet, ist aber archäologisch schwer zu fassen. In vielen Frauengräbern aus Birka (9. und 10. Jahrhundert) finden sich keine Spuren einer Kopfbedeckung. Möglich ist, dass Hauben aus vergänglichem Material schlicht nicht erhalten sind. Mehr zur Lebenswelt der Frauen findest du in unserem Artikel Frauen in der Wikingerzeit.
Jetzt zum wichtigsten Text. Um das Jahr 1000 schreibt der angelsächsische Abt Ælfric von Eynsham, einer der produktivsten Prosaautoren des alten Englands, einen Brief an einen „Bruder Edward“. Ælfric ärgert sich darin über Engländer, die die Sitten ihrer Väter aufgeben und fremde, „heidnische“ Gewohnheiten annehmen: Sie äßen Blut, äßen und tränken sogar auf dem Abort, und sie putzten sich heraus – und dann folgt der berühmte Halbsatz. Im Altenglischen lautet er: on Denisc, ableredum hneccan and ablendum eagum.
… wenn ihr euch auf dänische Art herausputzt, mit entblößtem Nacken und geblendeten Augen.Ælfric von Eynsham, Brief an Bruder Edward, um 1000 – eigene Übertragung
Was heißt das? „Entblößter Nacken“ ist ziemlich eindeutig: Das Haar am Hinterkopf war kurz geschnitten oder ausrasiert, der Hals lag frei. „Geblendete Augen“ ist schwieriger. Die gängigste Deutung: Ein langer Pony fiel so tief in die Stirn, dass er die Augen halb verdeckte. Daraus ist der augenzwinkernde Ausdruck „umgekehrter Vokuhila“ entstanden – vorne lang, hinten kurz. Eine zweite, deutlich unsicherere Deutung denkt an geschminkte Augen; dafür wird gern ein arabischer Reisender zitiert, der im 10. Jahrhundert in Haithabu Augenschminke beobachtet haben soll (mehr dazu bei Ibrāhīm ibn Yaʿqūb). Diese Lesart ist eine moderne Vermutung, Ælfric selbst erklärt nichts.
Wichtig für die Einordnung: Ælfric beschreibt keine Wikinger, sondern Engländer, die sich wie Dänen stylen. Das macht die Stelle noch spannender. Dänische Mode war um das Jahr 1000 offenbar so begehrt, dass ein Kirchenmann eigens dagegen anschreiben musste. Schon zweihundert Jahre früher, nach dem Überfall auf Lindisfarne 793, hatte der Gelehrte Alkuin dem northumbrischen König vorgeworfen, der Adel ahme die Kleidung und Haartracht der Heiden nach – allerdings ohne zu sagen, wie die aussah. Das passt zu einem Detail des Teppichs von Bayeux aus dem 11. Jahrhundert: Dort tragen die Normannen, Nachfahren skandinavischer Siedler in Frankreich, auffällig ausrasierte Hinterköpfe.
Und es passt erstaunlich gut zur Fløgstad-Figur mit ihrem kurzen Hinterkopf: Ein Elfenbeinkönig aus Norwegen und ein grantiger Abt aus Oxfordshire zeigen unabhängig voneinander in dieselbe Richtung.
Im Jahr 921/922 reiste der arabische Gesandte Ibn Fadlan im Auftrag des Kalifen von Bagdad an die Wolga und traf dort auf die Rus, skandinavisch geprägte Händler. Sein Bericht, die Risala, ist eine der lebendigsten Quellen der Epoche. Über Frisuren im engeren Sinn sagt er wenig, über Haarpflege dafür umso mehr. Jeden Morgen, schreibt er, bringe eine Dienerin ihrem Herrn eine große Schüssel Wasser. Darin wasche er Gesicht, Hände und Haar und kämme das Haar mit einem Kamm im Wasser aus, dann schnäuze er sich und spucke hinein. Anschließend gehe die Schüssel zum Nächsten.
Ibn Fadlan fand das ekelhaft und nannte die Rus die schmutzigsten Geschöpfe Gottes. Sein Maßstab war die islamische Reinheitsvorschrift, die fließendes Wasser verlangt. Für unsere Frage ist das Entscheidende aber: Die Rus kämmten ihr Haar täglich, und zwar so selbstverständlich, dass es zum Morgenritual gehörte. Mehr über Körperpflege, Waschtage und Badestuben erzählen wir im Artikel Körperpflege und Hygiene der Wikinger.
Die genaueste Personenbeschreibung eines Herrschers aus skandinavischer Tradition stammt von einem Byzantiner. Leo Diakonos schildert im neunten Buch seiner Geschichte (Kapitel 11) die Begegnung zwischen Kaiser Johannes Tzimiskes und dem Kiewer Fürsten Swjatoslaw im Jahr 971 an der Donau. Swjatoslaw kam im Boot, ruderte selbst mit und unterschied sich von seinen Männern nur durch saubere Kleidung.
Leo beschreibt ihn als mittelgroß, mit blauen Augen und flacher Nase. Sein Kopf war geschoren, nur an einer Seite hing eine Haarlocke herab – nach Leo ein Zeichen vornehmer Abkunft. Dazu trug er einen dichten Schnurrbart; beim Kinnbart gehen die Übersetzungen auseinander, manche lesen ihn als rasiert, andere als spärlich. In einem Ohr steckte ein goldener Ring mit einem Rubin zwischen zwei Perlen. Mit dem Swjatoslaw der Mitte des 10. Jahrhunderts sind wir allerdings schon bei den Rus, deren Oberschicht sich längst mit der slawischen Umwelt vermischt hatte. Ob die Locke skandinavisch, slawisch oder steppenhaft beeinflusst war, ist offen. Für die Rus war die Teilrasur jedenfalls ein Statussymbol.
Kein Gegenstand sagt so viel über das Verhältnis der Wikinger zu ihren Haaren wie der Kamm. Kämme aus Geweih gehören zu den häufigsten Funden in Siedlungen wie Haithabu, Birka, Ribe oder York, und sie wurden auffallend oft mit ins Grab gegeben – Männern wie Frauen. Die meisten bestehen aus mehreren Platten aus Rothirsch- oder Rentiergeweih, die zwischen zwei Griffleisten vernietet wurden. Der Archäologe Steve Ashby aus York hat gezeigt, dass sich anhand des Rentiergeweihs sogar Handelswege nachzeichnen lassen: Rentiere gab es in Britannien nicht, das Material kam aus Norwegen.
Es gab einreihige Kämme, oft in einem verzierten Futteral, und doppelreihige mit einer groben und einer feinen Zahnreihe. Die feine Seite diente zum Glätten – und, wie Forscher wie Arthur MacGregor annehmen, gegen Läuse und Nissen. Wer das Handwerk dahinter kennenlernen will, findet es im Artikel über Kammmacher und Beinschnitzer. Und manchmal sprechen die Kämme sogar: Auf einem Kammfutteral aus dem 10. Jahrhundert, gefunden in Lincoln und heute im British Museum, steht in Runen sinngemäß: „Thorfast machte einen guten Kamm.“
Die Läuse sind übrigens kein Gerücht, sondern ein Befund. In den Siedlungsschichten von Coppergate in York, dem wikingerzeitlichen Jorvik, haben Archäoentomologen neben vielem anderen Ungeziefer auch Reste von Menschenläusen nachgewiesen. Gerade deshalb war der tägliche Kamm so wichtig – er war Kosmetik und Schädlingsbekämpfung in einem.
Dass der Bart im Norden mit Männlichkeit verbunden war, zeigen vor allem die späteren Sagas. Am deutlichsten ist die Njáls saga (Ende des 13. Jahrhunderts): Der kluge Njáll ist reich und gutaussehend, aber ihm wächst kein Bart. Seine Feindin Hallgerðr nutzt das gnadenlos – sie nennt ihn den „bartlosen Alten“ und seine Söhne „Mistbärtchen“, weil man ihnen Dung ans Kinn schmieren müsse, damit dort etwas wachse. Der Schimpf zog Blut nach sich.
Auch Beinamen erzählen vom Bart. Der dänische König Sven trug den Beinamen tjúguskegg, „Gabelbart“ – mehr zu ihm im Artikel über Sven Gabelbart. Nach der Eyrbyggja saga hieß der norwegische Siedler Þórólfr „Mostrarskegg“, also „Bart von der Insel Mostr“, weil er einen großen Bart trug. Dass solche Namen überhaupt entstanden, zeigt: Ein Bart konnte so auffällig sein, dass er zum Markenzeichen wurde.
Was die Bilder ergänzen: Gezwirbelte Schnurrbärte (Rällinge), gegabelte Bärte (Eyrarland), geflochtene Spitzbärte (Fløgstad) und daneben bartlose Männer (Oseberg-Teppich). Ein einheitliches „Wikingerbart“-Ideal hat es nicht gegeben.
Die berühmteste Haargeschichte des Nordens ist die von Harald Schönhaar. Nach Snorri Sturlusons Heimskringla (um 1230) wies die stolze Gyða den jungen König ab, solange er nicht über ganz Norwegen herrsche. Daraufhin legte Harald ein Gelübde ab, das Laing 1844 so übersetzt: „that never shall I clip or comb my hair until I have subdued the whole of Norway“ – nie werde er sein Haar schneiden oder kämmen, ehe er ganz Norwegen unterworfen habe (Kapitel 4). Zehn Jahre lang lief er so herum und hieß deshalb Lúfa, „Zottelkopf“. Erst nach dem Sieg schnitt ihm Jarl Rögnvaldr das Haar, und aus dem Zottelkopf wurde hárfagri, Schönhaar (Kapitel 23).
Ob das historisch ist, darf man bezweifeln – Snorri schrieb gut 300 Jahre nach Harald, und die Geschichte erklärt bequem einen Beinamen. Aber sie zeigt etwas Wichtiges: Ungeschnittenes, ungekämmtes Haar galt als Ausnahmezustand, als sichtbares Opfer. Dasselbe Motiv kennt schon die Lieder-Edda. In der Völuspá heißt es über Váli, der Balders Tod rächen soll, sinngemäß: Er wusch nie die Hände und kämmte nie das Haupt, bis er Balders Gegner auf den Scheiterhaufen trug (eigene Übertragung). Nicht kämmen heißt hier: Trauer und Racheschwur.
Umgekehrt war gepflegtes Haar die Norm. In den Hávamál, der Spruchdichtung der Edda, rät der Sprecher in Strophe 61, man solle gewaschen und satt zum Thing reiten, auch wenn die Kleidung nicht die beste sei. Und die schönste Haarszene der Sagaliteratur gehört wieder Hallgerðr aus der Njáls saga: Ihr Haar soll so lang gewesen sein, dass es ihr bis zum Gürtel reichte. Als ihr Mann Gunnarr in höchster Not um zwei Locken für eine neue Bogensehne bittet, verweigert sie sie ihm – wegen einer alten Ohrfeige. Gunnarr stirbt.
Kaum eine Behauptung über Wikinger-Haare wird so oft wiederholt wie diese: Die Männer hätten ihr Haar und ihren Bart mit einer stark alkalischen Seife oder Lauge gebleicht, um blonder zu wirken. Belegt ist dafür aus der Wikingerzeit selbst – nichts Direktes. Weder eine Schriftquelle noch ein Haarfund aus einem skandinavischen Grab zeigt nach unserem Kenntnisstand bewusstes Bleichen.
Woher kommt die Idee dann? Vor allem aus einer viel älteren Quelle. Der römische Gelehrte Plinius der Ältere erwähnt im 1. Jahrhundert n. Chr. in seiner Naturgeschichte (Buch 28, 191) eine Seife aus Talg und Asche, eine Erfindung der Gallier, die zum Rotfärben der Haare diene; bei den Germanen werde sie mehr von Männern als von Frauen benutzt. Zwischen Plinius und den Wikingern liegen allerdings rund 700 Jahre. Dass eine Lauge aus Holzasche Haare tatsächlich aufhellen kann, ist chemisch plausibel – dass die Wikinger es gezielt taten, ist eine Schlussfolgerung, kein Befund. Wir halten es für möglich, aber nicht belegt.
Zur echten Haarfarbe zeigen DNA-Studien eine Mischung aus hellen und dunklen Tönen; Blond war häufig, aber nicht allgemein. Mehr dazu in Wie sahen Wikinger aus?.
Seit der Fernsehserie „Vikings“ (2013–2020) hat sich ein Bild festgesetzt: Seiten kahl rasiert, oben ein langer, straff geflochtener Zopf, am besten noch mit Tätowierungen auf dem Schädel. Diese Frisur ist ein Entwurf der Maske und des Kostümbilds. Kein Fund, kein Bildstein und keine Schriftquelle zeigt sie. Was wir über die Serie sonst noch geprüft haben, steht im Faktencheck zu „Vikings“, und über den historischen Kern des Serienhelden schreiben wir bei Ragnar Lodbrok.
Zum Schluss wird es praktisch. Alles Folgende ist Rekonstruktion: eine Annäherung an das, was Bilder und Texte zeigen, keine originale Anleitung. Eine wikingerzeitliche Friseurfibel existiert nicht.
1. Der „dänische Schnitt“ nach Ælfric (Männer): Lass das Deckhaar oben und vorn lang wachsen, sodass ein schwerer Pony bis über die Brauen fällt. Den Nacken schneidest du kurz, gern deutlich kürzer als die Seiten. Das Ergebnis: Hals frei, Stirn bedeckt.
2. Der Fløgstad-Schnitt (Männer): Mittelscheitel, das Haar zu beiden Seiten in eine weiche Welle gelegt, das Ohr frei, hinten kurz. Dazu ein kräftiger Schnurrbart, Koteletten und ein langer Kinnbart, den du zu einem einzelnen Zopf flichtst und spitz auslaufen lässt. Das ist der am besten belegte Männerlook der Wikingerzeit, den wir kennen.
3. Der Swjatoslaw-Schnitt (für Mutige): Kopf kurz geschoren oder rasiert, an einer Seite eine lange Strähne stehen lassen, dazu ein voller Schnurrbart. Historisch ist das ein Look der Rus-Fürsten im späten 10. Jahrhundert, kein allgemeiner Wikingerstil.
4. Knoten mit Schweif (Frauen): Langes Haar nach hinten kämmen, am Hinterkopf zu einem lockeren Knoten schlingen und den Rest als Schweif den Rücken herabfallen lassen – so wie bei der Hårby-Figur und auf den gotländischen Bildsteinen. Flechten ist möglich, aber auf den Bildern selten eindeutig zu erkennen.
5. Der Bart: Ob gegabelt wie bei Sven, gespitzt wie in Rällinge oder geflochten wie in Fløgstad – gekämmt muss er sein. Ein doppelreihiger Kamm aus Horn oder Holz ist die stilechte Wahl. Haarperlen und Bartringe aus Metall sind übrigens eine moderne Zutat; als Haarschmuck der Wikingerzeit sind sie nicht sicher belegt.
Wenn du deinen Look mit passender Kleidung ergänzen willst, hilft dir unser Artikel Wikinger-Kleidung: Wolle, Leinen und leuchtende Farben. Und wenn du Motive suchst, die so echt sind wie ein Fløgstad-Bart, schau in Echte Wikinger-Motive für Gravur und Tattoo.
Wir in Alsdorf gravieren mit genau diesem Anspruch: Schiefer, Holz und Glas sollen nach Fund aussehen, nicht nach Serie.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

Welche Frisuren hatten Wikinger Männer? Die besten Belege zeigen einen kurz geschnittenen Nacken mit langem Pony oder Mittelscheitel (Ælfric, Fløgstad-Figur), dazu gestutzte, gegabelte oder geflochtene Bärte. Rus-Fürsten wie Swjatoslaw trugen den Kopf geschoren mit einer Seitenlocke.
Wie trugen Wikinger Frauen ihre Haare? Meist lang, am Hinterkopf zu einem Knoten gebunden, aus dem ein Schweif herabfällt – so zeigen es Silberfigürchen wie die von Hårby und gotländische Bildsteine. Ob verheiratete Frauen ihr Haar stets bedeckten, ist unsicher.
Hatten Wikinger einen Undercut? Nicht in der Form der Serie „Vikings“. Belegt sind ein kurzer Nacken und bei Swjatoslaw ein geschorener Kopf mit Seitenlocke, aber keine rasierten Seiten mit oben liegendem Zopf.
Hatten alle Wikinger einen Bart? Nein. Viele Bilder zeigen Bärte, auf dem Oseberg-Teppich tragen die Männer aber keine sichtbaren. In den Sagas galt Bartlosigkeit als Angriffsfläche für Spott, wie bei Njáll.
Haben Wikinger ihre Haare gebleicht? Das ist nicht belegt. Die Idee stützt sich vor allem auf Plinius den Älteren, der rund 700 Jahre früher eine haarfärbende Seife bei Galliern und Germanen erwähnt.
Warum fand man so viele Kämme bei den Wikingern? Weil Haarpflege täglicher Alltag war, auch gegen Läuse. Geweihkämme gehören zu den häufigsten Funden in Siedlungen und wurden oft mit ins Grab gegeben.
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