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Färberhandwerk der Wikinger – was Farbstoffanalysen über die wahren Farben des Nordens verraten

Alltag & Kultur Färberhandwerk der Wikinger – was Farbstoffanalysen über die wahren Farben des Nordens verraten

Ja, die Wikinger färbten – und zwar mit Pflanzen, Flechten und importierten Schildlausfarben: Blau aus Waid, Rot aus Krapp oder Labkraut, Gelb aus Färberwau und verwandten Kräutern, Violett aus Flechten. Das wissen wir nicht aus Romanen, sondern aus Laboranalysen echter Stofffunde aus Gräbern wie Mammen und Gokstad und aus dem Hafen von Haithabu. Zugleich zeigen dieselben Analysen: Bunt war nicht jeder. Satte Farben kosteten Zeit, Wissen und oft Importware – und waren deshalb eine Sprache des Rangs.

Der graue Wikinger ist ein Kostümproblem

Stell dir einen Hafen an der Schlei vor, irgendwann im 10. Jahrhundert. Zwischen Fässern und Bootsplanken liegen alte Kleiderfetzen im Schlick – zerrissen, ausgeblichen, teils mit Teer verschmiert. Tausend Jahre später holen Archäologen genau solche Lumpen aus dem Hafenbecken von Haithabu und schicken Proben ins Labor. Die Frage dahinter klingt banal: Welche Farbe hatte dieser Stoff einmal?

Film und Fernsehen zeigen Wikinger gern in Grau, Braun und Schlamm. Die Funde erzählen etwas anderes – aber nicht das genaue Gegenteil. Farbe war zu haben, doch Farbe war Arbeit, und Arbeit hatte ihren Preis. Hier geht es darum, welche Pflanzen nachgewiesen sind, wie man ohne Chemiebaukasten Farbe in Wolle bekam, was aus Byzanz kam – und was die Sagas über Farben und Gesinnung sagen. Wer zuerst einen Überblick über Schnitt und Stoffe haben möchte, findet ihn in unserem Artikel über die Wikinger-Kleidung.

Wie man Farbe nach tausend Jahren nachweist

Die meisten Textilien der Wikingerzeit sehen heute braun aus – nicht wegen des Geschmacks ihrer Träger, sondern weil Erde, Gerbstoffe und Metallkorrosion alles nachfärben. Mit bloßem Auge lässt sich die ursprüngliche Farbe kaum bestimmen.

Seit den 1980er-Jahren werden Farbstoffe aus archäologischen Fasern herausgelöst und chromatographisch untersucht, heute meist mit der HPLC (Hochleistungsflüssigkeitschromatographie, ein Verfahren, das ein Stoffgemisch in seine einzelnen Bestandteile auftrennt). Jeder Farbstoff hinterlässt eine Art chemischen Fingerabdruck: Indigotin steht für Blau aus Waid oder Indigo, Alizarin und Purpurin für Rot aus der Krappwurzel, Luteolin für Gelb aus Färberwau und verwandten Pflanzen. Insektenfarbstoffe wie Kermes haben wieder eigene Marker.

Eine Pionierin dieser Arbeit war die britische Textilarchäologin Penelope Walton (heute Walton Rogers). Ihre Zusammenschau von 1988 beruhte auf Proben aus Dublin, York und rund zwanzig Fundplätzen in Norwegen und Dänemark. Längst nicht jede Probe enthielt noch Farbstoff, doch wo er erhalten war, kehrten dieselben Quellen wieder.

Gesicherter Befund: Farbstoffanalysen an Textilien aus Skandinavien, York und Dublin weisen für die Wikingerzeit Indigotin (Blau), krapptypische Anthrachinone (Rot), Luteolin (Gelb), Flechtenfarbstoffe (Violett) und vereinzelt Insektenfarbstoffe (Kermes, Cochenille) nach.

Eine wichtige Einschränkung gehört dazu: Wo kein Farbstoff gefunden wird, heißt das nicht automatisch „ungefärbt“. Manche Farbstoffe zerfallen im Boden, manche Gelbtöne sind lichtempfindlich, und Gerbstoffe verdecken vieles. Umgekehrt beweist ein einzelner Nachweis noch nicht, wie häufig eine Farbe im Alltag war.

Haithabu: Lumpen aus dem Hafenbecken

Bei den Grabungen im Hafen von Haithabu kamen Tausende Textilfragmente zutage. Die schwedische Textilforscherin Inga Hägg hat sie 1984 in einem umfangreichen Band vorgelegt. Es sind überwiegend Reste ausgemusterter Alltagskleidung – nicht die Festkleidung der Toten, sondern der Kleiderschrank einer Handelsstadt.

Die damaligen Farbanalysen von Helmut Schweppe brachten allerdings ein ernüchterndes Ergebnis: In den meisten untersuchten Stücken war kein Farbstoff mehr nachweisbar. Hägg beschreibt immerhin Stoffe, die bewusst sehr dunkel, fast schwarzbraun gefärbt worden seien – mit Walnussschalen und Eisen. Als Beleg galt Juglon, ein typischer Walnuss-Inhaltsstoff.

Hier lohnt der zweite Blick. Eine Neuuntersuchung von Ina Vanden Berghe, Ulla Mannering und Charlotte Rimstad (2023) konnte für Haithabu nur noch Gerbstoffe bestätigen, kein Juglon. Gerbstoffe stecken in Walnussschalen, aber auch in Eichenrinde, Erlenrinde und vielen anderen Pflanzen. Dass man im Norden so dunkle Töne färbte, ist plausibel – dass es gerade Walnuss war, ist nach heutigem Stand nicht mehr gesichert.

Mythos-Check: „Wikinger färbten mit Walnuss.“ Walnüsse waren im Norden Importware – im Oseberg-Grab fanden sich Walnussschalen. Der einzige Färbe-Nachweis aus Haithabu ist aber durch die Neuanalyse von 2023 fraglich geworden. Sagen lässt sich: Dunkle Gerbstofffärbungen sind belegt, die Pflanze dahinter bleibt offen.

Mammen und Hvilehøj: Farbe für die Elite

Ganz anders sieht es bei zwei dänischen Prunkgräbern aus. In Bjerringhøj bei Mammen in Jütland wurde im Winter 970/71 – so die Jahrringdatierung der Grabkammer – ein Mann mit außergewöhnlich reicher Ausstattung bestattet. Berühmt ist vor allem die silbertauschierte Axt, die dem Mammen-Stil seinen Namen gab. Für uns zählen die Stoffreste: bestickte Wolle, Seidenbesatz, Brettchenborten.

Walton untersuchte die Mammen-Textilien bereits 1991. Die Nachuntersuchung von 2023 hat das Bild erweitert. In den Wollproben fanden sich Waid, Färberwau oder eine andere luteolinhaltige Pflanze und Krapp, in den Seiden vor allem Krapp, dazu Flechtenfarbstoff. Besonders spannend ist ein Seidenfragment aus Samit (einem schweren, gemusterten Seidengewebe), in dem ein Rot aus Schildläusen nachgewiesen wurde. Das Nationalmuseum in Kopenhagen spricht in einem Projektbericht von Cochenille, die aus Polen oder Armenien stammen dürfte – nicht mit der amerikanischen Cochenille zu verwechseln, die erst nach 1500 nach Europa kam.

Das zweite Grab, Hvilehøj bei Randers, gehörte einer Frau des späten 10. Jahrhunderts. Hier wurde in einem roten Wollstoff in Leinwandbindung Kermes nachgewiesen – ein Farbstoff aus Schildläusen, die an Eichen im Mittelmeerraum leben. Deutlicher lässt sich Fernhandel kaum in ein Gewebe einschreiben.

Beide Gräber wurden im Projekt „Fashioning the Viking Age“ (2018–2023) des Dänischen Nationalmuseums neu ausgewertet; zwei rekonstruierte Prachtgewänder sind heute in dessen Wikingerausstellung zu sehen. Mehr zur Arbeit am Webstuhl selbst findest du in unserem Beitrag über Weberei und Textilhandwerk der Wikinger.

Oseberg, Gokstad und Birka: Seide in Königsgräbern

In Norwegen sind die großen Schiffsgräber die wichtigsten Textilarchive. Das Oseberg-Grab von 834 enthielt neben Bildteppichfragmenten, Wolle und Leinen über hundert Seidenfragmente. Die Textilarchäologin Marianne Vedeler hat in „Silk for the Vikings“ (2014) gezeigt, dass darunter gemusterte Seiden aus Byzanz, Persien und Zentralasien sind – oft gezielt in schmale Streifen geschnitten und als Besatz auf Kleidung genäht. Seide wurde im Norden nicht als Stoffbahn getragen, sondern als kostbarer Akzent.

Für das Färben interessant ist auch ein botanischer Fund: Im Oseberg-Schiff lagen Samen von Waid. Das allein beweist noch keinen Anbau in Vestfold, passt aber gut zu der Annahme, dass die Blaupflanze in Norwegen bekannt war und genutzt wurde. Die Bildteppiche selbst sind heute stark nachgedunkelt.

Klarer ist der Befund aus dem Nachbargrab von Gokstad. Jeannette Łucejko, Marianne Vedeler und Ilaria Degano untersuchten 2021 vier Proben: einen gestreiften Wollstoff, der als Zeltstoff gedeutet wird, sowie Stickfäden aus Seide. In allen fanden sich krapptypische Farbstoffe, nach Ansicht der Autoren höchstwahrscheinlich von echtem Färberkrapp.

In Birka am Mälarsee schließlich lieferten die Kammergräber, die Agnes Geijer schon 1938 veröffentlichte, eine Fülle an Seide, Brettchenborten und Metallfäden. Zu Farbstoffen sagt diese frühe Publikation wenig; Birka belegt vor allem, was die Oberschicht trug: Seidenbesatz, Goldborte, feinstes Tuch.

Blau aus Waid: die häufigste Farbe des Nordens

Wenn eine Farbe in Skandinavien besonders oft nachgewiesen ist, dann Blau. Walton fand Indigotin in skandinavischen Wollstoffen häufiger als jeden anderen Farbstoff. Die Quelle dafür war fast sicher der Färberwaid (Isatis tinctoria), ein gelb blühender Kreuzblütler, der in Europa seit der Vorgeschichte genutzt wird.

Waid zu verarbeiten ist eine kleine Zauberkunst. Der blaue Farbstoff steckt nicht fertig in den Blättern, sondern als farblose Vorstufe. Erst durch Gärung, Zerkleinern und Luftkontakt entsteht Indigotin – und das ist in Wasser unlöslich. Um damit zu färben, muss man es in einer alkalischen Küpe (einem gärenden Färbebad) chemisch reduzieren. Die Wolle kommt gelbgrün aus dem Bad und wird an der Luft blau.

Waid enthält deutlich weniger Farbstoff als tropischer Indigo. Für ein tiefes Dunkelblau muss die Wolle viele Male eingetaucht und gelüftet werden. Helles Blau war also vergleichsweise günstig, tiefes Blau ein Zeichen von Aufwand. Grün entstand meist durch Überfärben: erst Blau, dann Gelb – oder umgekehrt.

Waid war auch im Frankenreich ein Wirtschaftsgut. Im Capitulare de villis, der Landgüterverordnung aus karolingischer Zeit um 800, verlangt Kapitel 43, dass den Frauenwerkstätten unter anderem Leinen, Wolle, waisdo (Waid), vermiculo (Kermes) und warentia (Krapp) geliefert werden. Die großen Farbstoffe standen also auch auf Karls des Großen Einkaufsliste.

Rot aus Krapp – oder doch aus Labkraut?

Rot ist die Farbe, über die am meisten diskutiert wird. Der klassische Rotlieferant ist der Färberkrapp (Rubia tinctorum), dessen Wurzeln Alizarin und Purpurin enthalten. Krapp stammt ursprünglich aus dem östlichen Mittelmeerraum und Vorderasien und ist in Skandinavien nicht heimisch. Nachweise krapptypischer Farbstoffe reichen in Dänemark allerdings bis in die Zeit um Christi Geburt zurück, und in der Völkerwanderungszeit wurde Krapprot dort geläufig.

Daraus ergeben sich zwei Möglichkeiten, die sich nicht ausschließen. Erstens: Krappwurzel oder krappgefärbtes Tuch kamen als Handelsware in den Norden, etwa aus dem Frankenreich, wo die Pflanze angebaut wurde. Zweitens: Man nutzte heimische Verwandte. Labkraut-Arten (Galium), etwa Echtes oder Nordisches Labkraut, enthalten in ihren dünnen Wurzeln ähnliche Farbstoffe und liefern ein zarteres Rot. Walton formulierte deshalb bewusst vorsichtig: Rot „aus Krapp oder Labkraut“. Chemisch sind beide nicht immer sicher zu trennen; das Mengenverhältnis der Farbstoffe gibt Hinweise, aber keine Gewissheit.

Klar ist: Rot verlangt eine Beize, und Krapp ist launisch – wird das Bad zu heiß, kippt das Rot ins Bräunliche. Ein klares, leuchtendes Rot war eine Meisterleistung.

Noch kostbarer waren die Insektenrote. Kermes, gewonnen aus den getrockneten Weibchen einer Schildlaus, die auf der Kermeseiche im Mittelmeerraum lebt, ergab das teuerste Rot Europas. Aus ihm leitet sich über das Arabische letztlich auch unser Wort „Karmesin“ ab. Im Norden taucht Kermes in Hvilehøj auf, im Mammen-Fund ein verwandter Insektenfarbstoff, und in York vermutete man ihn an einigen Proben.

Gelb, Violett, Braun: die stillen Farben

Gelb ist das Stiefkind der Analytik. Die wichtigste Gelbpflanze Europas war der Färberwau (Reseda luteola), der Luteolin liefert. Aber Luteolin steckt auch in anderen Pflanzen, etwa im Färberginster oder in der Färberscharte. Deshalb heißt es in Fachberichten oft vorsichtig „luteolinhaltige Pflanze“. In York fanden Archäobotaniker in Schichten des 9. und 10. Jahrhunderts Reste von Färberginster, Gagelstrauch und Heidekraut in Mengen, die auf Färbereinsatz hindeuten. Gelb ist im Boden zudem schlecht erhalten.

Violett und Purpurrot lieferten Flechten. Bestimmte Krustenflechten enthalten farblose Säuren, die sich erst in wochenlang gärendem, ammoniakhaltigem Bad – traditionell mit abgestandenem Urin – in violetten Farbstoff verwandeln. In Norwegen heißt die Flechtenfarbe „korkje“. Für die Wikingerzeit ist Flechtenviolett in York, im Umfeld des spätangelsächsischen London und in Seiden aus Mammen nachgewiesen. Der Haken: Flechtenfarben verblassen im Licht schnell. Ein leuchtendes Violett war ein Versprechen auf Zeit.

Braun, Grau und Schwarz schließlich gab es oft gratis – direkt vom Schaf. Die nordischen Schafrassen lieferten Wolle in Weiß, Grau, Braun und fast Schwarz. Dazu kamen die schon erwähnten Gerbstofffärbungen mit Rinde und Eisen. Ein guter Teil der „erdigen“ Wikingerkleidung war also nicht gefärbt, sondern naturfarben. Genau das unterscheidet Alltagskleidung von Festkleidung.

Beizen: das unsichtbare Handwerk

Die meisten Pflanzenfarbstoffe halten nicht von selbst auf Wolle. Sie brauchen eine Beize – ein Metallsalz, das sich an die Faser bindet und den Farbstoff festhält. Im mittelalterlichen Europa war das vor allem Alaun (ein Aluminiumsulfat-Salz). Alaun kommt im Norden nicht natürlich vor. Im Hochmittelalter wurde er im großen Stil aus dem Mittelmeerraum gehandelt. Ob er schon in der Wikingerzeit regelmäßig nach Skandinavien gelangte, ist nicht belegt. Für York nahm der Chemiker G. W. Taylor 1983 an, dass Alaun eingeführt wurde, doch eindeutige Nachweise für die Wikingerzeit fehlen.

Es gab aber eine geniale Alternative: Bärlapp. Einige Bärlapparten, vor allem der Flache Bärlapp (Diphasiastrum complanatum), reichern Aluminium in ihrem Gewebe an. Kocht man sie aus, erhält man eine pflanzliche Alaunbeize. D. G. Duff und R. S. Sinclair haben 1988 im Labor bestätigt, dass Bärlapp-Sud zusammen mit Alizarin brauchbare Rotfärbungen liefert. In der skandinavischen Volksfärberei wurde Bärlapp bis in die Neuzeit so verwendet.

Der wikingerzeitliche Nachweis dafür kommt ausgerechnet aus England. In den Schichten von Coppergate in York lag Flacher Bärlapp – eine Art, die in Britannien nicht heimisch ist. Archäobotaniker halten es deshalb für wahrscheinlich, dass skandinavische Siedler die Pflanze mitbrachten oder importierten. Auch Waid- und Krappreste belegen, dass in York im 10. Jahrhundert gefärbt wurde.

Gesicherter Befund: In wikingerzeitlichen Schichten Yorks (Coppergate, 9./10. Jh.) wurden Reste von Färbepflanzen und Flachem Bärlapp gefunden. Bärlapp wirkt durch seinen Aluminiumgehalt als Beize; seine Nutzung als Alaunersatz ist experimentell bestätigt.

Purpur und Seide aus Byzanz

Nichts war im Norden so begehrt wie Seide. Sie kam auf zwei großen Wegen: über die Flüsse Osteuropas aus Byzanz und dem islamischen Orient, und über Westeuropa. Die Verträge der Rus mit Byzanz aus dem 10. Jahrhundert regelten unter anderem, wie viel Seide die Händler aus dem Norden in Konstantinopel kaufen durften. Nach der Nestorchronik war der Kauf mengenmäßig begrenzt und die Ware musste von kaiserlichen Beamten gesiegelt werden.

Byzanz behandelte bestimmte Seiden als Machtinstrument. Die besten purpurgefärbten Stoffe waren dem Kaiserhof vorbehalten. Der Gesandte Liudprand von Cremona erlebte das 968 am eigenen Leib: Kurz vor seiner Abreise beschlagnahmten Beamte fünf kostbare Purpurstoffe, die er gekauft hatte. Solche Waren, erklärte man ihm, seien allen Völkern außer den „Römern“ – also den Byzantinern – verboten.

„Purpur“ meint dabei nicht immer die berühmte Schneckenfarbe aus der Purpurschnecke. Byzantinische Prachtseiden wurden auch mit Krapp, Kermes, Indigo und Flechten gefärbt. Im Altnordischen bezeichnen Wörter wie pell und purpuri eher kostbares Seidentuch als einen bestimmten Farbton. Echter Schneckenpurpur ist in skandinavischen Funden bislang nicht sicher nachgewiesen – zumindest ist uns kein solcher Analysebefund bekannt.

Wie Seide in nordische Hände kam, war vielfältig: als Handelsware, als diplomatisches Geschenk, als Sold für Männer, die in der Warägergarde in Miklagard dienten. Der arabische Gesandte Ibn Fadlan beschreibt um 922 an der Wolga, wie ein toter Anführer der Rus für die Bestattung in einen Kaftan aus Brokat mit Goldknöpfen und eine Brokatmütze mit Zobelbesatz gekleidet wurde. Mehr dazu in unserem Beitrag über Ibn Fadlan bei den Rus.

Farbe als Statussymbol

Die Befunde ergeben ein recht klares soziales Bild. Naturfarbene Wolle war der Normalfall. Vaðmál, das grobe Alltagstuch, diente in Island sogar als Zahlungsmittel. Gefärbte Kleidung hieß im Altnordischen litklæði, wörtlich „Farbkleider“ – schon der Begriff zeigt, dass sie die Ausnahme waren, die man eigens benennen musste.

Innerhalb der gefärbten Stoffe gab es eine Rangfolge. Blau aus Waid war im Norden am häufigsten und damit für mehr Menschen erreichbar, besonders in helleren Tönen. Rot verlangte Krapp oder Labkraut, eine Beize und viel Erfahrung. Rot aus Insekten und gemusterte Seide kamen von weit her und blieben der Elite vorbehalten. Regional zeigten sich Vorlieben: mehr Rot im Danelag, mehr Violett in Irland, mehr Blau und Grün in Skandinavien.

Wer gefärbt hat, ist schriftlich kaum überliefert. Textilarbeit war in der Wikingerzeit eng mit Frauen verbunden, wie Spinnwirtel, Webgewichte und Webschwerter in Frauengräbern zeigen. Dass auch das Färben auf dem Hof weitgehend in Frauenhand lag, ist naheliegend und wird in der Forschung meist angenommen – in Städten wie York gab es daneben wohl spezialisierte Werkstätten. Einen Einblick in eine solche Produktionsstätte gibt unser Artikel über die Textilwerkstatt von Søften; mehr über die Rolle der Frauen findest du unter Frauen in der Wikingerzeit.

Blau zum Töten? Was die Sagas sagen

Die isländischen Sagas wurden erst im 13. Jahrhundert niedergeschrieben, also rund zwei- bis dreihundert Jahre nach den beschriebenen Ereignissen. Sie zeigen nicht, wie es war, sondern wie Farbe im Erzählen wirkte.

In der Njáls saga ziehen Njáls Söhne los, um Þráinn Sigfússon zu töten. Skarphéðinn geht vorne, „in einem blauen Umhang“, die Axt auf der Schulter; sein Bruder Helgi trägt einen roten Kittel, Kári eine Seidenjacke. Alle sind, so heißt es in der Übersetzung von Dasent, in leuchtender Festkleidung. Auch Hrafnkell legt in der Hrafnkels saga blaue Kleider an, als er losreitet, um einen Mann zu erschlagen, und in anderen Sagas finden sich ähnliche Szenen.

„Skarphedinn was foremost. He was in a blue cape, and had a targe, and his axe aloft on his shoulder.“Njáls saga, Kap. 91 nach der Zählung von George W. Dasent, The Story of Burnt Njal (1861)

Daraus ist die populäre Deutung entstanden, Blau sei in den Sagas die „Farbe der Rache“ gewesen. Das ist eine moderne Interpretation, kein überliefertes Gesetz. Der Textilhistoriker Thor Ewing hat darauf hingewiesen, dass Blau schlicht die häufigste Kleiderfarbe in den Sagas ist. Seiner Deutung nach tragen die Männer ihre besten Kleider, weil eine Tötung kein heimlicher Mord sein sollte: Wer tötete, wollte erkannt werden. Farbe war hier Bühne, nicht Geheimcode.

Dazu kommt ein sprachlicher Stolperstein. Das altnordische blár umfasst ein Spektrum von Dunkelblau bis Schwarz. Ein „blauer“ Mantel kann also auch ein sehr dunkler, fast schwarzer gewesen sein. Unheil schwingt in manchen Szenen mit – eine feste Regel ist es nicht.

Rot dagegen ist in den Sagas fast immer Prunk. In der Laxdæla saga schenkt König Óláfr Tryggvason dem jungen Kjartan einen vollständigen Satz Kleider aus Scharlachtuch. Und als Bolli Bollason aus Konstantinopel heimkehrt, trägt er nur noch Scharlach und Pelz, einen roten Schild und vergoldete Waffen, und sein ganzes Gefolge reitet in Scharlach. Das altnordische skarlat bezeichnete ein feines, meist rot gefärbtes Wolltuch aus dem Import – oft mit Kermes gefärbt. Einen Überblick über diese Texte findest du in unserem Beitrag über die Isländersagas.

Mythos-Check: „Ein blauer Mantel bedeutete in den Sagas immer Racheabsicht.“ So einfach ist es nicht. Blaue oder dunkle Kleidung erscheint auffallend oft vor Tötungen, ist aber zugleich die häufigste Saga-Farbe überhaupt. Die Szenen sind literarische Gestaltung des 13. Jahrhunderts, kein Beleg für einen wikingerzeitlichen Farbcode.

Experimentelle Archäologie: wie viel Arbeit steckt in einem roten Kittel?

Was Laboranalysen nicht verraten, versuchen Experimente zu klären. Für die rekonstruierten Gewänder aus Mammen und Hvilehøj gehörte eine eigene Textilfärberin zum Projektteam – die Farbanalysen bildeten die Vorlage, die Färbeversuche die Probe aufs Exempel.

Einige Ergebnisse solcher Versuche sind inzwischen Allgemeingut der Pflanzenfärberei. Für ein kräftiges Krapprot rechnet man in heutigen Rezepten oft mit etwa so viel Wurzel wie Wolle, nach Gewicht. Waidblau wird mit jedem Tauchgang dunkler, verlangt aber eine sorgfältig gepflegte, warme Küpe, die tagelang gärt. Flechtenviolett braucht Wochen Vorlauf. Dazu kommen Waschen, Beizen und Trocknen – zusammen mit Schur, Spinnen und Weben wird klar, warum ein farbiges Gewand ein Vermögen wert sein konnte.

Lichtversuche zeigen zudem, wie rasch Flechtenfarbe verblasst, während Waid und Krapp beständig sind. Ein heute fehlendes Violett kann also einst da gewesen sein.

Was das für das Bild der Wikinger bedeutet

Wie bunt war der Norden also? Bunter, als das Kino glaubt, und weniger knallig als manches Reenactment-Lager. Der Bauer in naturgrauer Wolle und die Jarlsfrau mit Kermestuch und Seidenbesatz lebten in derselben Welt – Farbe trennte sie sichtbar.

Das räumt mit beiden Klischees auf, dem schmuddeligen Barbaren wie dem bonbonbunten Fantasy-Krieger. Weitere verbreitete Irrtümer nehmen wir in unserem Faktencheck Typisch Wikinger? unter die Lupe. Und wer verstehen will, woher Kermes, Seide und Alaun kamen, liest am besten bei unserem Beitrag über den Handel der Wikinger weiter.

Uns in der Werkstatt in Alsdorf berührt das besonders: Auch wir wissen, wie viel Geduld in einem Stück steckt, das am Ende einfach „schön“ aussieht.

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Häufige Fragen

Welche Farben trugen die Wikinger? Nachgewiesen sind Blau (Waid), Rot (Krapp, Labkraut, seltener Kermes), Gelb (luteolinhaltige Pflanzen wie Färberwau), Violett (Flechten) sowie naturfarbene Wolle in Weiß, Grau, Braun und Schwarz. Blau war in Skandinavien der am häufigsten nachgewiesene Farbstoff.

Womit färbten die Wikinger Rot? Meist mit der Wurzel des Färberkrapps oder mit heimischen Labkraut-Arten, die ähnliche Farbstoffe enthalten. Das teure Insektenrot Kermes ist in reichen Gräbern wie Hvilehøj nachgewiesen.

Hatten die Wikinger Alaun zum Beizen? Ein regelmäßiger Alaunimport ist für die Wikingerzeit nicht sicher belegt. Als Ersatz diente aluminiumreicher Bärlapp, der in York in wikingerzeitlichen Schichten gefunden wurde.

Trugen Wikinger Purpur und Seide? Seide ist in Oseberg, Gokstad, Birka und Mammen reichlich belegt, meist als schmaler Besatz. Echter byzantinischer Kaiserpurpur war für Ausländer verboten; Rot- und Violetttöne auf Seiden stammen in den Analysen aus Krapp, Flechten und Insektenfarbstoffen.

War Blau in den Sagas die Farbe der Rache? Das ist eine moderne Deutung. Blaue oder dunkle Kleidung erscheint auffallend oft vor Tötungen, ist aber auch die häufigste Kleiderfarbe der Sagas überhaupt.

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