Wie heilte man in einer Welt ohne Apotheke? Mit Kräutern, mit Wissen – und mit einem Zauberspruch dazu. Ein altenglisches Gedicht, der Neun-Kräuter-Segen, öffnet ein Fenster in die germanische Heilkunde: Da stehen neun Heilpflanzen neben dem Gott Wodan, der mit neun Zweigen eine Schlange erschlägt. Medizin und Magie waren dasselbe.
Der Neun-Kräuter-Segen (altenglisch Nigon Wyrta Galdor) ist ein altenglischer Zauber, aufgezeichnet im 10. Jahrhundert. Er steht in der Handschrift Harley 585 der British Library, einer Sammlung medizinischer Rezepte, die man Lacnunga nennt. Der Spruch nennt neun Heilpflanzen, meist aufgezählt als Beifuß, Wegerich, Kresse, Betonie, Kamille, Brennnessel, Holzapfel, Kerbel und Fenchel – und begleitet ihre Zubereitung mit gesprochenen Worten.
Mitten im Segen taucht ein Gott auf. Es ist eine von nur zwei klaren Nennungen Wodans in der altenglischen Dichtung:
„Ða genam Woden nigon wuldortanas" – „Da nahm Wodan neun Ruhmzweige, schlug damit die Natter, dass sie in neun Teile zerflog." Neun-Kräuter-Segen, Lacnunga (Harley 585), altenglischer Originaltext, gemeinfrei
Manche Forscher vermuten, dass die neun „Ruhmzweige" Stäbchen waren, in die je die Anfangsrune einer Pflanze geritzt war – Kraut und Rune, Heilung und Zeichen zusammengedacht. Die Zahlen Neun und Drei, im germanischen Glauben bedeutungsvoll, ziehen sich durch den ganzen Spruch.
Der Segen ist ein Zwitter: uralt heidnisch im Kern, aber von christlichen Händen überliefert und leicht überarbeitet. Der Übersetzer R. K. Gordon nannte ihn „klar eine alte heidnische Sache, die einer christlichen Zensur unterworfen wurde". Genau das macht ihn so wertvoll: Er zeigt, wie germanische Heilkunde wirklich klang, bevor die Klöster sie glätteten.
Eine Pflanze verdient besondere Beachtung: der Lauch. Er galt im Norden als Zeichen von Wachstum, Gedeihen und Heilkraft – so sehr, dass eine ganze Rune nach ihm benannt ist: laukaʀ, das Lauch-Zeichen, das man auf Amulette ritzte. Kräuter und Runen, Garten und Zauber lagen dicht beieinander. Mehr über diese Kraftworte steht in unserem Beitrag über den Runenzauber.
Vieles an dieser Heilkunde war echtes Erfahrungswissen: Beifuß, Wegerich und Fenchel sind bis heute anerkannte Heilpflanzen, und die Archäobotanik findet solche Kräuter in wikingerzeitlichen Siedlungen. Anderes war Ritual und Hoffnung. Beides gehörte zusammen – wer heilte, sprach auch.
Der Neun-Kräuter-Segen ist ein altenglischer Metrischer Zauber des 10. Jahrhunderts, überliefert in der Lacnunga (British Library, Harley 585). Er nennt neun Heilpflanzen (u. a. Beifuß, Wegerich, Kamille, Brennnessel, Fenchel) und enthält eine von zwei klaren Wodan-Nennungen der altenglischen Dichtung. Die Zahlen neun und drei sind durchgehend präsent; eine Deutung sieht in den „neun Zweigen" runenbeschriftete Stäbe. Der Text ist altenglisch (westgermanisch), also verwandt mit, aber nicht identisch der altnordischen Welt.
„Die Wikinger hatten ein geheimes Kräuterwissen" ist zu romantisch. Der Neun-Kräuter-Segen ist altENGLISCH, nicht altnordisch – er zeigt die gemeinsame germanische Wurzel, nicht speziell „die Wikinger". Und er ist christlich überarbeitet überliefert; wie viel genau heidnisch ist, bleibt gelehrte Deutung. Sicher sind die Pflanzen (archäobotanisch belegt) und der Wodan-Vers im Text – nicht eine nachweisbare Zauberwirkung.

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