Die Wikinger bezahlten mit Silber nach Gewicht: Münzen, Barren und Schmuck wurden auf einer kleinen Klappwaage gewogen und bei Bedarf in Stücke gehackt, bis der Preis stimmte. Dieses Hacksilber war ihr Geld, lange bevor im Norden eigene Münzen den Ton angaben. Ein großer Teil des Metalls stammte als arabische Dirhams aus dem Kalifat. Wir zeigen dir, wie Waage, Gewichte und Prüfkerben funktionierten, was die großen Silberschätze von Spillings bis Galloway verraten und wann die Münze das Hacksilber ablöste.
Stell dir einen Sommertag am Mälarsee vor, irgendwann im 10. Jahrhundert. Ein Händler aus Birka will drei Marderfelle kaufen. Er zieht keinen Geldbeutel voller gleichartiger Münzen heraus, sondern einen Lederbeutel mit allerlei Glitzerndem: ein halber arabischer Dirham, das Ende eines Armrings, ein flacher Barren, ein abgeschnittenes Stück Halsring. Der Verkäufer klappt eine kleine Bronzewaage auf, legt seine Gewichte in die eine Schale und lässt den Käufer so lange Silber in die andere legen, bis der Waagbalken ruhig steht. Fehlt ein Rest, wird ein Stück vom Armring abgehackt. Dann ritzt er mit der Messerspitze in eines der Stücke, um zu sehen, ob darunter wirklich Silber steckt. Erst dann wechseln die Felle den Besitzer.
So oder ähnlich lief Bezahlen in weiten Teilen der Wikingerwelt. Die Szene ist erfunden, ihre Bestandteile sind es nicht: Waagen, Gewichte, zerhackte Ringe und angeritzte Münzen liegen zu Tausenden in den Museen Skandinaviens.
Hacksilber nennt die Forschung zerkleinertes Silber, das als Zahlungsmittel diente: zerschnittene Münzen, Stücke von Arm- und Halsringen, Fragmente von Schmuck und Gefäßen, Barren und Barrenstücke. Das Wort beschreibt also keinen Gegenstand, sondern einen Zustand. Ein prächtiger Armring ist Schmuck. Derselbe Armring, in vier Teile gehackt, ist Zahlungsmittel.
Dahinter steht ein Prinzip, das die Fachleute Gewichtsgeldwirtschaft nennen (englisch bullion economy): Gezahlt wird mit Edelmetall nach Gewicht, nicht mit Münzen nach Nennwert. Entscheidend waren zwei Fragen: Wie schwer ist es, und wie rein ist es? Der deutsche Archäologe Heiko Steuer hat diese Wirtschaftsform für das frühmittelalterliche Europa grundlegend beschrieben; im Ostseeraum war sie über Jahrhunderte die Normalität.
Das heißt nicht, dass die Leute im Norden keine Münzen kannten. Sie kannten sehr viele, nur behandelten sie diese meist wie kleine, handliche Silberplättchen. Ein Dirham mit dem Namen eines Kalifen war im Norden nicht „ein Dirham wert“, sondern so viel wert, wie er wog. Deshalb liegen in den Schätzen ganze Münzen neben winzigen Bruchstücken für den Feinausgleich. Wie eng Schmuck und Zahlungsmittel dabei zusammenhingen, zeigen wir ausführlich im Beitrag über Wikinger-Schmuck.
Skandinavien hat kaum eigene Silberlagerstätten, die in der Wikingerzeit abgebaut wurden. Das Silber kam von außen, und lange Zeit vor allem aus dem Osten. Der Dirham ist eine Silbermünze der islamischen Welt, rund drei Gramm schwer, beidseitig nur mit arabischer Schrift geprägt: Glaubensbekenntnis, Prägeort, Jahr. Die ersten Dirhams in skandinavischen Funden stammen aus der Zeit des Abbasiden-Kalifats mit seinem Zentrum in Bagdad. Im 10. Jahrhundert überwiegen Prägungen der Samaniden, einer Dynastie mit Zentrum in Buchara und Samarkand, die über reiche Silbergruben in Zentralasien verfügte. Eine im ostnorwegischen Grimestad gefundene Münze etwa wurde nach Angaben von Forschenden der Universität Oslo zwischen 907 und 914 in Taschkent geprägt.
Der Weg dieser Münzen führte über die großen Flüsse Osteuropas, vor allem die Wolga, zu den Märkten der Wolgabulgaren und Chasaren. Dort trafen Händler aus dem Kalifat auf Händler aus dem Norden, die Pelze, Wachs, Honig und Menschen verkauften. Dass zu dieser Ware auch Versklavte gehörten, gehört zur ehrlichen Geschichte des Hacksilbers dazu; mehr dazu in unserem Beitrag über die Sklaverei bei den Wikingern. Die Akteure im Osten nennen die arabischen Quellen Rus; wer sie waren, erklären wir im Beitrag über die Rus.
Ein Augenzeuge hat beschrieben, was mit dem Silber geschah. Der Gesandte Ibn Fadlan, der 921/22 im Auftrag des Kalifen an die Wolga reiste, berichtet sinngemäß, die Frauen der Rus trügen Halsringe aus Gold und Silber: Sobald ein Mann 10.000 Dirham besitze, lasse er seiner Frau einen Halsring machen, und manche trügen mehrere. Ob die Rechnung wörtlich stimmte, wissen wir nicht; das Prinzip zeigen auch die Funde: Silber wird angesammelt und sichtbar am Körper getragen.
Wie viele Dirhams in den Norden kamen, lässt sich nur schätzen. Der französische Archäologe Manar Hammad kommt in einer Studie von 2023 auf fast 500.000 Dirhams, die heute in skandinavischen Museen liegen, aus Schätzen, die zwischen etwa 770 und 1050 vergraben wurden. Allein auf Gotland sind mehr als 350 Dirham-Horte verzeichnet. Wie viele Dirhams genau auf Gotland gefunden wurden, wird unterschiedlich angegeben; die Zahlen hängen davon ab, ob man Fragmente mitzählt und welche Funde schon bearbeitet sind. Sicher ist: Gotland gilt als die dirhamreichste Fundlandschaft außerhalb der islamischen Welt. Der Osloer Numismatiker Svein H. Gullbekk hält es sogar für möglich, dass zwischen 800 und 950 rund eine Milliarde Dirhams in die Wikingerwelt flossen, von denen das meiste eingeschmolzen wurde. Das ist eine Hochrechnung, keine Zählung.
In der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts versiegte der Strom aus dem Osten. An seine Stelle traten deutsche und angelsächsische Pfennige, die im 11. Jahrhundert die Schätze dominieren. Den Handel dahinter beleuchten wir im Beitrag über den Handel der Wikinger.
Wer mit Silber nach Gewicht bezahlt, braucht eine Waage. Die typische Wikingerwaage ist eine Klappwaage: ein Balken aus Bronze, dessen Arme sich zusammenklappen lassen, dazu zwei dünne Schalen an Kettchen. Zusammengelegt passte alles in eine kleine runde Dose, oft ebenfalls aus Bronze. Solche Waagen kennen wir aus Handelsplätzen wie Birka und Haithabu und aus Gräbern, in denen Männer, manchmal auch Frauen, mit ihrem Wiegezeug bestattet wurden.
Genauso wichtig waren die Gewichte. Zwei Formen fallen in den Funden besonders auf:
Beide Formen haben Vorbilder in der islamischen Welt; die Händler übernahmen mit dem Silber auch das Messgerät. Für die Datierung ist ein Fundplatz besonders wichtig: Kaupang im Süden Norwegens. Die Auswertung der Grabungen von 2000 bis 2003, herausgegeben von Dagfinn Skre, kommt zu dem Ergebnis, dass solche standardisierten Gewichte in weiten Teilen Skandinaviens in den 860er- und 870er-Jahren eingeführt wurden.
Allein in Schweden sind fast tausend wikingerzeitliche Gewichte bekannt. Heiko Steuer hat die Waagen und Gewichte aus dem mittelalterlichen Schleswig, der Nachfolgestadt Haithabus, in einer eigenen Studie ausgewertet; sie zeigen, wie alltäglich das Wiegen in einer Handelsstadt an der Schlei noch lange blieb.
Silber nach Gewicht hat einen Haken: Gewicht sagt nichts über Reinheit. Ein Stück Kupfer mit dünnem Silberüberzug sieht aus wie massives Silber, und auf der Waage fällt der Unterschied bei kleinen Stücken kaum auf. Wer Silber annahm, musste also prüfen. Die Spuren dieser Prüfung sind bis heute auf unzähligen Fundstücken zu sehen.
Die häufigste heißt in der Forschung Pickmarke oder Prüfhieb (englisch peck mark, schwedisch tälja): ein kleiner Einschnitt mit einer Messerspitze oder einem Meißel. Er legt das Innere frei und zeigt, ob unter der Oberfläche Silber oder ein unedles Metall sitzt. Bei schlechtem Silber zeigt sich zudem, wie hart oder spröde das Material ist. Manche Münzen tragen Dutzende davon.
Eine zweite Methode war die Biegeprobe. Gutes Silber ist weich und lässt sich biegen, ohne zu brechen. Viele Münzen in den Schätzen sind deshalb verbogen oder wieder geradegebogen, und Armringe zeigen Knicke, die nicht vom Tragen stammen.
Wann begann dieses Prüfen? Nach einer Stockholmer Untersuchung von Jakob von Pistohlkors (2024), die sich auf Arbeiten von Christoph Kilger stützt, setzt das Picken vereinzelt schon im frühen 10. Jahrhundert ein; ein dänischer Hort aus Bjerndrup mit Schlussmünze nach 911 zeigt bereits einzelne Marken. Seinen Höhepunkt erreicht es im frühen 11. Jahrhundert, als westeuropäische Pfennige die Dirhams ablösten. Je mehr fremde Prägungen unterschiedlicher Qualität umliefen, desto öfter griff man zum Messer.
Das Hacken selbst war schlicht notwendig: Ohne Kleingeld musste der Preis durch Zerteilen erreicht werden. Die kleinsten Hacksilberstücke wiegen weniger als ein Gramm. Heute erledigt die Münzanstalt das Hacken für dich.
Gewichte allein ergeben noch kein Rechensystem. Die nordischen Quellen nennen Einheiten, die zum Teil bis in die Neuzeit weiterlebten: die mörk (Mark), die eyrir (Öre, Mehrzahl aurar) und die ørtug. Eine Mark umfasste acht Öre, ein Öre drei Örtug. Wie viel Gramm dahinter standen, lässt sich nicht für alle Regionen und Jahrhunderte gleich sagen. Für die späte Wikingerzeit rechnet die Forschung meist mit einem Öre von etwa 24 bis 27 Gramm und einer Mark um 200 Gramm. Diese Werte sind Näherungen, keine amtlichen Normen.
Auf Island, wo Silber knapp war, rechnen die Rechtstexte der Grágás (12./13. Jahrhundert) viele Bußen sogar in vaðmál, Ellen genormten Wolltuchs: Geld, nur eben gewebtes.
Eine der lebhaftesten Debatten rund um das Hacksilber betrifft das sogenannte Ringgeld (englisch ring-money). Gemeint sind schlichte Armringe aus einem breiten, gestempelten Silberband oder aus einfachem Rundstab, ohne große Verzierung, wie sie besonders aus Schottland, von der Isle of Man und aus Irland bekannt sind. Allein aus Schottland kennt man über neunzig vollständige Exemplare, meist aus dem späten 10. und frühen 11. Jahrhundert.
Waren das Zahlungsmittel in Ringform? 1978 untersuchte Richard Warner zusammen mit James Graham-Campbell die Gewichte von 72 solcher Ringe und fand eine Häufung um etwa 24 Gramm, was dem norwegischen Öre entsprechen würde. Das klang nach einer Art Währung. Spätere Arbeiten sind vorsichtiger: Die Abweichungen vom Zielgewicht sind beträchtlich, und vollständige Ringe sind für den Alltagshandel recht schwer. Viele Forschende sehen darin heute eine Mischform: Ringe, die als Schmuck und Statusgeschenk getragen wurden, deren Gewicht aber grob auf eine Recheneinheit abgestimmt war, sodass man sie bei Bedarf auch wiegen und verwenden konnte. Der Archäologe James Barrett nannte sie zugespitzt „Münzprägung ohne König“.
Der Ring hatte im Norden ohnehin eine Bedeutung, die über das Geld hinausgeht. Der Herrscher heißt in der Skaldendichtung oft „Ringbrecher“ oder „Ringverteiler“, weil er Ringe an seine Gefolgsleute austeilte. Auf Ringe wurden Eide geschworen, wie wir im Beitrag über die Eidringe zeigen, und Odins Ring Draupnir tropft in der Edda jede neunte Nacht acht gleich schwere Ringe ab. Ein Schatz, der sich selbst vermehrt: ein passender Mythos für eine Silberwirtschaft.
Das meiste, was wir über Hacksilber wissen, stammt aus Horten, also absichtlich vergrabenen Schätzen. Einige davon sind so groß, dass sie unser Bild der ganzen Epoche geprägt haben. Eine ausführliche Übersicht gibt unser Beitrag über die großen Silberhorte der Wikinger; hier die wichtigsten im Überblick.
Spillings, Gotland (1999). Der größte bekannte Silberschatz der Wikingerzeit kam im Juli 1999 auf dem Hof Spillings in Othem im Nordosten Gotlands zutage. Er bestand aus zwei Silberdepots von zusammen rund 67 Kilogramm, dazu ein Bronzedepot von über 20 Kilogramm. Gezählt wurden 14.295 Münzen, fast alle Dirhams, außerdem fast 500 Armringe oder Teile davon, Barren und Stäbe. Die jüngste bestimmte Münze stammt aus dem Jahr 870/871; die Schätze lagen unter dem Boden eines Gebäudes. Zum Vergleich: Ein typischer gotländischer Silberhort wiegt nach Angaben des Schwedischen Historischen Museums 200 bis 300 Gramm. Die ganze Geschichte erzählen wir im Beitrag über den Spillings-Schatz.
Cuerdale, Lancashire (1840). Arbeiter, die das Ufer des Flusses Ribble bei Preston ausbesserten, stießen auf eine Bleikiste mit etwa 40 Kilogramm Silber. Nach Angaben des British Museum enthielt sie rund 7.000 Münzen, vor allem aus dem Danelag, dazu englische und kontinentale Prägungen und eine kleine Gruppe kufischer, also arabischer Münzen, sowie über 1.300 weitere Silberstücke: Barren, Schmuck und viel Hacksilber. Vergraben wurde er um 905. Hier mischt sich Silber aus dem Kalifat, Franken und England in einer Kiste.
Vale of York (2007). Am 6. Januar 2007 fanden David und Andrew Whelan mit Metalldetektoren bei Harrogate einen kleineren, aber außergewöhnlichen Hort: 617 Silbermünzen und 65 weitere Objekte, darunter Barren, Hacksilber, ein goldener Armring und ein vergoldeter Silberbecher, vermutlich aus einer karolingischen Werkstatt des 9. Jahrhunderts, in dem die Schätze steckten. Vergraben wurde er wohl um 927/928. Die Münzen zeigen islamische, christliche und nordisch-heidnische Bildmotive nebeneinander. Der Hort wurde mit rund 1,08 Millionen Pfund bewertet und vom British Museum und dem York Museums Trust gemeinsam erworben.
Galloway, Schottland (2014). Der Detektorgänger Derek McLennan fand 2014 in Südwestschottland über hundert Objekte, die vermutlich im frühen 10. Jahrhundert in mehreren Lagen vergraben wurden: flachgedrückte und gefaltete Armringe, Barren, ein angelsächsisches Brustkreuz und ein silbervergoldetes Deckelgefäß voller Kostbarkeiten. National Museums Scotland erwarb den Fund.
Und Gold? Gold spielte im wikingerzeitlichen Zahlungsverkehr eine kleine Rolle, war aber das Material der Mächtigen. Der berühmteste Goldfund auf deutschem Boden ist der Schatz von Hiddensee, der 1872/73 nach Sturmfluten auf der Insel vor Rügen gefunden wurde: 16 Teile, darunter ein Halsring, eine Scheibenfibel und vierzehn Anhänger, zusammen etwa 600 Gramm Gold. Er stammt wohl aus dem Umfeld von Harald Blauzahn und liegt heute im Stralsund Museum. Ein Zahlungsschatz ist er nicht; gehackt hat diese Stücke niemand.
Warum hat niemand das Silber wieder ausgegraben? Die einfachste Antwort lautet Sicherheit. Es gab keine Banken, und ein Versteck unter dem Hausboden oder auf dem Feld war besser als eine Truhe, die jeder Räuber mitnehmen konnte. Starb der Besitzer oder wurde vertrieben, blieb der Schatz liegen.
Auf Gotland reicht diese Erklärung nicht ganz. Dort liegen auffällig viele Schätze in oder an Gebäuden, und die Insel war nicht unruhiger als andere Gegenden. Manche Forschende vermuten deshalb, dass Horte auch Teil des Hofes und seiner Erbfolge waren: Silber als Familienkapital, das zum Grund gehörte. Für die gotländische Gesellschaft der Bauernkaufleute siehe unseren Beitrag über die Gotländer.
Und dann gibt es eine dritte, religiöse Erklärung, die auf eine Stelle bei Snorri Sturluson zurückgeht. In der Ynglinga saga (Kapitel 8), geschrieben um 1230, lässt Snorri den als König vermenschlichten Odin ein Gesetz geben. In der gemeinfreien Übersetzung von Samuel Laing (1844) heißt es:
„Thus, said he, every one will come to Valhalla with the riches he had with him upon the pile; and he would also enjoy whatever he himself had buried in the earth.“Snorri Sturluson, Ynglinga saga, Kap. 8, übers. Samuel Laing 1844
Sinngemäß: Jeder komme nach Walhall mit dem Reichtum, der mit ihm auf dem Scheiterhaufen lag, und genieße auch, was er selbst in der Erde vergraben habe. Das ist eine Aussage aus dem 13. Jahrhundert, rund 300 Jahre nach den meisten Horten, verfasst von einem christlichen Gelehrten. Ob die Menschen der Wikingerzeit tatsächlich so dachten, ist nicht belegt. Es ist eine reizvolle Spur, aber eben nur eine Spur.
Der Norden hat schon früh selbst Münzen geprägt, nur spielten sie lange keine Hauptrolle. Bereits im 8. Jahrhundert entstanden in Ribe kleine Silbermünzen, die sogenannten Wodan/Monster-Sceattas, benannt nach einem bärtigen Gesicht auf der einen und einem schlangenartigen Wesen auf der anderen Seite. Ein 2018 bei Ribe gefundener Schatz von 262 Münzen, der Damhus-Fund, zeigt nach Claus Feveile, dass dort im frühen 9. Jahrhundert eine Prägung in größerem Umfang weiterlief, mit Gesicht und Hirsch als Motiven.
Im 9. Jahrhundert kamen Prägungen hinzu, die man meist Haithabu zuschreibt, teils nach dem Vorbild karolingischer Münzen aus Dorestad. Im Spillings-Schatz lagen vier solche Haithabu-Münzen zwischen über 14.000 Dirhams; das Verhältnis sagt viel. Draußen auf dem Land wurde weiter gewogen.
Die Wende kam um das Jahr 1000 und hängt eng mit Königsmacht und Christentum zusammen. Um 995 ließ Sven Gabelbart Münzen mit seinem Namen schlagen; die dänische Nationalbank nennt sie die erste offizielle dänische Münze, gebaut nach englischem Vorbild. Etwa zur selben Zeit begann Olof Skötkonung in Sigtuna zu prägen, und auch Olaf Tryggvason in Norwegen werden Münzen zugeschrieben. Eine Königsmünze verkündete: Hier bürgt ein Herrscher für den Wert.
Das Hacksilber verschwand trotzdem nicht über Nacht. In Dänemark setzte sich die Münzwirtschaft im Lauf des 11. Jahrhunderts durch; Gotland hielt am Wiegen bis ins 12. Jahrhundert fest, die Insel prägte erst um 1140 eigene Münzen. Der norwegische Mørstad-Schatz mit über 5.000 Münzen aus der Zeit Harald Hardrådes zeigt dann schon eine Welt, in der die Münze zählt, nicht mehr das Gramm.
Ein großer Teil des westeuropäischen Silbers, das um 1000 in den Norden kam, stammte aus England, und nicht immer aus friedlichem Handel. Nach der Niederlage bei Maldon 991 zahlte König Æthelred II. laut Angelsachsenchronik 10.000 Pfund Silber, damit die Angreifer abzogen. Die Summen stiegen danach Jahr um Jahr; für 1012 nennt die Chronik 48.000 Pfund, und 1018 erhob Knut der Große 72.000 Pfund aus ganz England und weitere 10.500 Pfund aus London. Der Name Danegeld ist übrigens jünger; die Zeitgenossen sprachen meist von gafol, Tribut. Die Hintergründe erzählen wir im Beitrag über Danegeld und die Schlacht von Maldon.
Die Spuren dieser Zahlungen liegen heute in Skandinavien: Angelsächsische Pfennige Æthelreds und Knuts sind in schwedischen und dänischen Horten so häufig, dass manche Münztypen dort besser vertreten sind als in England selbst. Und die Empfänger haben sich verewigt. Auf dem Runenstein von Yttergärde in Uppland (U 344) lässt ein Mann namens Ulf festhalten, er habe in England dreimal Geld genommen: das erste, das Tosti zahlte, dann das von Thorketil, dann das von Knut. Weitere solche Steine stellen wir im Beitrag über die Englandfahrer vor.
Wenn wir in unserer Werkstatt in Alsdorf ein Motiv in Schiefer oder Holz gravieren, denken wir manchmal an diese kleinen Kerben auf den Dirhams. Jede einzelne ist eine Spur von einem Menschen, der vor über tausend Jahren nachsehen wollte, ob er gerade gutes Silber bekommt. Ein Werkzeugeinschnitt als Vertrauensbeweis. Das ist auf seine Art auch eine Gravur.
Hacksilber erzählt von einer Welt, in der Wert greifbar war, und von einem Netz, das Samarkand, die Wolga, Gotland und Northumbria verband, lange bevor jemand von Globalisierung sprach.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

Was ist Hacksilber einfach erklärt? Hacksilber ist zerkleinertes Silber aus Münzen, Schmuck und Barren, das in der Wikingerzeit nach Gewicht als Zahlungsmittel diente. Man hackte Stücke ab, bis das Gewicht auf der Waage dem Preis entsprach.
Welches Geld hatten die Wikinger? Vor allem Silber nach Gewicht, darunter sehr viele arabische Dirhams, später angelsächsische und deutsche Pfennige. Eigene Münzen gab es seit dem 8. und 9. Jahrhundert in Ribe und Haithabu, königliche Prägungen in Dänemark, Schweden und Norwegen erst ab etwa 995.
Warum haben die Wikinger Münzen zerschnitten? Weil nicht der Nennwert zählte, sondern das Gewicht. Halbe und viertel Münzen dienten als Kleingeld, um auf der Waage genau den Preis zu erreichen.
Was sind die Kerben auf Wikingersilber? Das sind Pickmarken oder Prüfhiebe: kleine Einschnitte, mit denen man prüfte, ob ein Stück durchgehend aus Silber bestand. Sie werden im 10. Jahrhundert häufiger und erreichen um 1000 ihren Höhepunkt.
Was ist der größte Silberschatz der Wikinger? Der Spillings-Schatz von Gotland, gefunden 1999: rund 67 Kilogramm Silber mit 14.295 Münzen, dazu über 20 Kilogramm Bronze. Vergraben wurde er nach 870/871.
Wann endete das Bezahlen mit Hacksilber? Ab etwa 1000 setzten sich königliche Münzen durch, in Dänemark im Lauf des 11. Jahrhunderts. Auf Gotland wurde noch bis ins 12. Jahrhundert gewogen.
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