Wikinger Blog / Sagen & Mythen
Aus dem Wissensarchiv

Hermod – der Ritt nach Hel

Sagen & Mythen Hermod reitet auf Sleipnir in die Unterwelt

Als Baldr tot ist, wagt einer den gefährlichsten Ritt der Mythologie: Hermod, ein Sohn Odins, reitet in die Unterwelt, um den toten Gott zurückzuholen.

Neun Nächte in die Tiefe

Hermod besteigt Odins achtbeiniges Ross Sleipnir und reitet neun Nächte durch immer finsterere Täler, bis er die Gjallarbrú erreicht, die goldgedeckte Brücke über den Fluss Gjöll, und schließlich das Tor der Hel. Sleipnir setzt mit einem gewaltigen Sprung über das Gitter, und Hermod steht vor der Totengöttin.

Die Bedingung – und der Verrat

Hel stellt eine Bedingung: Baldr darf zurück, wenn alle Dinge der Welt um ihn weinen – Lebendes und Totes. Die Götter schicken Boten aus, und tatsächlich weint alles: Menschen, Tiere, Steine, Bäume. Nur eine Riesin, Þökk, bleibt trocken und höhnt: „Þökk weint trockene Tränen." In ihr, so vermutet man, verbirgt sich Loki. Und so bleibt Baldr im Reich der Toten – bis nach dem Weltuntergang.

Der Bote der Götter

Hermod (Hermóðr) ist in der nordischen Mythologie ein Sohn Odins und der kühne Bote der Asen. Sein berühmtester Auftritt ist zugleich einer der bewegendsten Momente der ganzen Mythologie: der Ritt in die Unterwelt, um den toten Baldr zurückzuholen.

Der Ritt nach Hel

Als Baldr getötet wird, bietet sich Hermod an, ihn aus dem Totenreich zu holen. Neun Nächte reitet er auf Odins Ross Sleipnir durch finstere Täler hinab, bis er die Brücke Gjallarbrú und die Grenze der Hel erreicht.

Vor der Herrin der Toten

Hermod tritt vor Hel selbst und bittet um Baldrs Freilassung. Hel stellt eine Bedingung: Wenn alle Wesen der Welt um Baldr weinen, darf er zurückkehren. Fast alle weinen – nur die Riesin Thökk (wohl Loki) verweigert die Träne.

Ein tragischer Held

So scheitert Hermods mutiger Ritt an einer einzigen bösen List. Sein Wagnis zeigt die Treue der Götter – und die Unausweichlichkeit des Schicksals. Baldr bleibt bei Hel, bis nach Ragnarök eine neue Welt beginnt.

Beleg: Hermods Ritt nach Hel (Sleipnir, Gjallarbrú, Thökk) schildert Snorri ausführlich in der Gylfaginning; Baldrs Tod nennt auch die Völuspá.
Mythos-Check: Die ausführliche Geschichte von Hermods Ritt stammt allein von Snorri (13. Jh.). Ob Hermod ursprünglich ein Gott, ein Held oder ein Beiname Odins war, ist unklar – die Quellenlage ist dünn.
Beleg & Quellen. Hermods Ritt auf Sleipnir, Gjallarbrú, Hels Bedingung, Þökk (vermutlich Loki): Snorri, Gylfaginning 49. Standardwerk: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie.
Mythos-Check. Dass Þökk niemand anderes als Loki sei, sagt Snorri nicht wörtlich – er schreibt, „man vermutet", es sei Loki gewesen. Der Ritt in die Unterwelt, um einen Toten zurückzuholen, ist ein uraltes indogermanisches Motiv (man denke an Orpheus).

Was Hermod zurückbrachte

Obwohl der Ritt scheitert, kehrt Hermod nicht mit leeren Händen zurück. Baldr gibt ihm den Ring Draupnir mit, damit er ihn Odin zurückbringe; seine Gattin Nanna schickt Frigg ein Leinengewand und der Dienerin Fulla einen Goldring. So verbindet der Bote noch im Tod die Welten der Lebenden und der Toten.

Wer Hermod eigentlich ist, bleibt schillernd: Snorri nennt ihn einen Sohn Odins, anderswo klingt er eher wie ein sterblicher Held (der Name Hermóðr begegnet auch im angelsächsischen Beowulf). Klar ist die Bedeutung der Geschichte: Der Norden kennt keine Auferstehung. Der Tod ist endgültig – erst nach dem Weltenbrand, in der neuen Welt, kehrt Baldr zurück. Diese Härte, gemildert nur durch ferne Hoffnung, ist zutiefst nordisch.

Weiterlesen bei uns

Baldrs Tod · Hel · Hringhorni · Loki.

Quellen & Literatur

Snorri Sturluson, Gylfaginning 49. Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie.

Zum Shop Mehr Beiträge

Mehr aus dem Gebiet Mythen & Sagen

Alle Mythen & Sagen-Artikel →

Hervör weckt den Toten – die Schildmaid und das Fluchschwert

Es gibt Szenen in der nordischen Dichtung, die einem den Atem nehmen. Der nächtliche Gang der Hervör zum Grabhügel …

Weiterlesen →

Hringhorni – Baldrs Totenschiff

Als der leuchtende Gott Baldr stirbt, richten die Asen ihm die prächtigste Bestattung des Nordens aus – auf Hringhorni …

Weiterlesen →

Thor gegen Hrungnir: Das Duell mit dem Steinriesen

Es beginnt mit einem betrunkenen Prahler und endet mit einem Splitter im Schädel des Donnergottes. Die Geschichte von …

Weiterlesen →

Hyrrokkin - die Riesin, die Baldrs Schiff bewegte

In der Trauer um den lichten Gott Baldr stossen selbst die Asen an ihre Grenzen. Sein Bestattungsschiff steht fest im …

Weiterlesen →