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Hermod – der Ritt zu Hel und das Rätsel um Odins schnellen Boten

Sagen & Mythen Hermod – der Ritt zu Hel und das Rätsel um Odins schnellen Boten

Hermod (altnordisch Hermóðr) ist der Gott, der nach dem Tod Baldrs auf Odins achtbeinigem Hengst Sleipnir neun Nächte lang hinab ins Totenreich reitet, um Baldr bei Hel freizukaufen. Er schafft es bis in Hels Halle, handelt eine Bedingung aus und bringt Geschenke der Toten zurück – doch weil eine einzige Riesin nicht weint, bleibt Baldr unten. Ausführlich erzählt das nur Snorri Sturluson im 13. Jahrhundert. Wer Hermóðr ursprünglich war, ist bis heute umstritten. Wir gehen den Quellen nach.

Ein Bote für den unmöglichen Auftrag

Stell dir die Stimmung in Asgard vor: Baldr, der hellste und geliebteste der Götter, liegt tot am Boden. Getroffen von einem Mistelzweig, den sein blinder Bruder Höðr geworfen hat, gelenkt von Loki. Die Götter sind so fassungslos, dass ihnen nach Snorris Worten zunächst die Stimme versagt und nur noch das Weinen bleibt. Mitten in diese Lähmung hinein stellt Frigg, Baldrs Mutter, eine Frage, die zugleich ein Angebot ist: Wer unter den Asen will ihre ganze Liebe und Gunst gewinnen und den Weg zu Hel reiten, um nachzusehen, ob er Baldr dort findet, und der Totengöttin ein Lösegeld anzubieten?

Einer meldet sich. Snorri nennt ihn Hermóðr inn hvati, „Hermod den Flinken“ oder „den Kühnen“ – das altnordische hvatr meint jemanden, der schnell und beherzt zupackt. Hermod ist in der Überlieferung fast nur diese eine Szene: der Mann, der freiwillig dorthin reitet, wo niemand hinwill.

Er steht nicht für Kraft wie Thor oder für Weisheit wie Odin, sondern für Treue über den Tod hinaus. Und um ihn ranken sich Fragen ohne glatte Antwort: War er Odins Sohn? Ein Held, der erst später zum Gott wurde? Und was hat ein dänischer Tyrannenkönig aus dem Beowulf mit ihm zu tun?

Die Quelle: Gylfaginning, Kapitel 49

Fast alles, was wir über Hermods Ritt wissen, steht in einem einzigen Text: der Gylfaginning („Gylfis Täuschung“), dem ersten großen Teil der Prosa-Edda, die der isländische Gelehrte Snorri Sturluson um 1220–1225 schrieb. In der üblichen Kapitelzählung ist es Kapitel 49, das Kapitel von Baldrs Tod. Snorri arbeitete mit älteren Gedichten – für Hermods Ritt zitiert er aber keine Strophe, die den Ritt selbst beschreibt.

Gesicherter Befund: Die zusammenhängende Erzählung von Hermods Ritt (Sleipnir, neun Nächte, Gjallarbrú, Móðguðr, Helgrind, Hels Bedingung, Draupnir, die weinende Welt, Þökk) steht allein in Snorris Gylfaginning (Kap. 49). Kein älteres Gedicht erzählt diese Reise.

Wichtig: Im Codex Regius der Snorra Edda, der als bester Textzeuge gilt, heißt Hermod sveinn Óðins – „Odins Knabe“. Andere Handschriften schreiben sonr Óðins, „Odins Sohn“. Sveinn kann einen Jungen oder Sohn bezeichnen, aber auch einen Gefolgsmann oder Diener.

Neun Nächte durch dunkle Täler

Für die Reise bekommt Hermod das beste Pferd der Welt: Sleipnir, Odins achtbeinigen Hengst, den Loki einst in Stutengestalt zur Welt gebracht hat. Sleipnir ist im Norden das Pferd, das Grenzen überschreitet.

Dann beginnt der Ritt. Neun Nächte, schreibt Snorri, reitet Hermod durch dunkle und tiefe Täler, so finster, dass er nichts sieht. Die Neun ist die heilige Zahl des Nordens: neun Welten, neun Nächte hängt Odin am Baum, neun Mütter Heimdalls. Der Weg zu Hel führt in Kälte und Dunkel, nicht ins Feuer wie das christliche Inferno.

Schließlich hört die Finsternis an einem Fluss auf. Er heißt Gjöll, „die Lärmende“ oder „die Tosende“, und über ihn spannt sich die Gjallarbrú, die Gjöll-Brücke. Snorri beschreibt sie als mit leuchtendem Gold gedeckt. Mehr zu diesem Weg und seinen Stationen findest du in unserem Artikel über den Weg nach Hel mit Gjallarbrú und Móðguðr.

Móðguðr an der Brücke: „Du hast nicht die Farbe der Toten“

Auf der Brücke wartet eine Wächterin. Sie heißt Móðguðr, ein Name, der wohl so viel wie „Kampfeswut“ oder „wütender Kampf“ bedeutet – die Deutung ist nicht ganz sicher. Sie fragt Hermod nach Namen und Herkunft und sagt ihm dann etwas, das zu den eindrucksvollsten Sätzen der ganzen Erzählung gehört. Sinngemäß (eigene Übertragung): Gestern seien fünf Scharen toter Männer über die Brücke geritten, aber unter dir allein dröhnt die Brücke nicht weniger. Und du hast nicht die Farbe toter Männer. Warum reitest du hier auf dem Hel-Weg?

In diesen zwei Beobachtungen steckt eine ganze Vorstellung vom Tod. Die Toten sind leicht – fünf ganze Scharen machen weniger Lärm als ein einziger Lebender. Und die Toten haben eine eigene Farbe, eine Blässe, an der man sie erkennt. Hermod antwortet offen, dass er Baldr suche. Móðguðr bestätigt, dass Baldr über die Brücke geritten ist, und weist ihm die Richtung: Hinab und nach Norden liegt der Hel-Weg.

Mythos-Check: Móðguðr ist kein Monster und keine Torwächterin, die man besiegen muss. Sie lässt Hermod reden und schickt ihn weiter. Die Spannung liegt im Erkennen, nicht im Kampf.

Der Sprung über das Helgatter

Am Ende des Weges steht ein Gitter oder Zaun, das Totengatter, in der Forschung oft Helgrind genannt. Snorri spricht an dieser Stelle schlicht von der grind, dem Gatter. Hermod steigt ab, zieht den Sattelgurt fest, sitzt wieder auf und gibt Sleipnir die Sporen. Das Pferd springt so hoch und kraftvoll über das Gatter, dass es nirgendwo daran streift.

Dieser Sprung ist das ikonische Bild der ganzen Geschichte. Hermod kommt nicht durch die Tür, sondern darüber hinweg – auf einem Weg, den kein Toter nehmen würde. Die Grenze zwischen den Welten ist hier etwas Körperliches: überspringbar, aber nur mit dem stärksten Pferd der Welt.

Dann reitet Hermod zur Halle, steigt ab und tritt ein. Dort sieht er seinen Bruder Baldr auf dem Ehrensitz, dem Hochsitz der Halle. Hermod bleibt die Nacht über. Baldr ist hier Ehrengast, kein Gefangener: Hel ist bei Snorri kein Strafort für Sünder, sondern das Reich der meisten Toten. Mehr dazu in unserem Beitrag Hel – Totengöttin, Totenreich und die lange Geschichte eines Wortes.

Das Gespräch mit Hel: „Wenn alle Dinge weinen“

Am Morgen bittet Hermod Hel, Baldr mit ihm heimreiten zu lassen. Hel antwortet nicht mit einem Nein, sondern mit einer Prüfung. Sinngemäß (eigene Übertragung): Nun soll sich zeigen, ob Baldr wirklich so geliebt ist, wie man sagt. Wenn alle Dinge in der Welt, lebendige und tote, um ihn weinen, darf er zu den Asen zurück. Wenn aber einer widerspricht oder nicht weinen will, bleibt er bei Hel.

Die Formulierung im Altnordischen ist knapp und unerbittlich: ef allir hlutir í heiminum, kykvir ok dauðir, gráta hann – „wenn alle Dinge in der Welt, lebendig und tot, ihn beweinen“. Hel ist hier keine grausame Hexe, sondern eine Herrscherin, die Regeln setzt. Von Gold als Lösegeld ist keine Rede mehr. Der Preis heißt Einmütigkeit.

Die Bedingung ist zugleich das Spiegelbild dessen, was vorher geschah. Frigg hatte allen Dingen der Welt den Eid abgenommen, Baldr nicht zu schaden – nur die junge Mistel hatte sie übersehen. Nun müssen wieder alle Dinge mitmachen – und wieder reicht eine einzige Lücke.

Draupnir, ein Tuch und ein Fingerring

Bevor Hermod aufbricht, begleiten Baldr und seine Frau Nanna ihn aus der Halle. Nanna war nach Snorri vor Kummer gestorben, als sie Baldr auf dem Scheiterhaufen sah, und mit ihm verbrannt worden. Die beiden geben Hermod Geschenke mit – eines der berührendsten Details der Edda.

Baldr nimmt den Ring Draupnir und schickt ihn Odin zurück, als Erinnerungsstück. Odin hatte diesen Ring seinem Sohn auf den Scheiterhaufen gelegt. Draupnir, „der Tropfende“, ist der Ring, von dem in jeder neunten Nacht acht gleich schwere Goldringe abtropfen. Ein Ring, der sich unaufhörlich vermehrt, kehrt vom Toten zum Lebenden zurück. Trost, Abschied, Zeichen? Snorri deutet die Geste nicht.

Nanna schickt Frigg ein Tuch, altnordisch ripti, ein Leinentuch oder Schleier, und weitere Gaben. Und Fulla, Friggs Vertraute, bekommt einen goldenen Fingerring. Kleine Alltagsdinge aus dem Haus der Toten – wer einen Angehörigen verloren hat, kennt ihren Wert. Hermod reitet zurück nach Asgard, berichtet alles, was er gesehen und gehört hat, und übergibt die Gaben.

Gesicherter Befund: Die Rückgabe von Draupnir an Odin und Nannas Geschenke an Frigg und Fulla stehen bei Snorri in Gylfaginning 49. Dass Draupnir auf Baldrs Scheiterhaufen gelegt wurde, erzählt Snorri im selben Kapitel; die Herkunft des Rings von den Zwergen schildert er in den Skáldskaparmál.

Die weinende Welt – und die Riesin Þökk

Nun schicken die Asen Boten in die ganze Welt mit der Bitte, Baldr aus Hels Reich herauszuweinen. Und es gelingt fast. Es weinen die Menschen und die Tiere, die Erde, die Steine, die Bäume und alles Metall. Snorri fügt eine Beobachtung hinzu, die man nicht vergisst: so wie du gesehen haben wirst, dass diese Dinge weinen, wenn sie aus dem Frost in die Wärme kommen. Der Tau auf dem Stein, das beschlagene Eisen, die tropfenden Zweige im Tauwetter – in Snorris Erzählung ist das die Trauer der Welt um Baldr.

Als die Boten heimkehren und ihre Aufgabe für erfüllt halten, finden sie in einer Höhle eine Riesin namens Þökk. Auch sie wird gebeten, Baldr aus Hel herauszuweinen. Sie antwortet mit einer Strophe, die Snorri zitiert. Sinngemäß (eigene Übertragung):

Þökk wird weinen mit trockenen Tränen um Baldrs Feuerfahrt. Weder lebend noch tot hatte ich Freude an des Alten Sohn. Hel behalte, was sie hat.Gylfaginning 49, eigene Übertragung der Þökk-Strophe

Der Name Þökk bedeutet „Dank“ – eine bittere Ironie, denn ausgerechnet sie verweigert jede Dankbarkeit. Und dann folgt der berühmte Satz, auf den es ankommt: en þess geta menn at þar hafi verit Loki Laufeyjarson – „und man vermutet, dass das Loki, Laufeys Sohn, gewesen sei“. Snorri gibt also eine Vermutung wieder – lässt aber unmittelbar Lokis Flucht und Bestrafung folgen.

Mythos-Check: Oft liest man, Loki habe sich „nachweislich“ als Þökk verkleidet. Das sagt keine Quelle so. Snorri schreibt ausdrücklich nur, man vermute es. Dass Loki der Schuldige ist, ergibt sich aus dem Zusammenhang, nicht aus einer klaren Aussage.

So bleibt Baldr bei Hel. Hermods Ritt scheitert nicht an Kraft oder Mut, sondern an einer einzigen verweigerten Träne. Der Tod ist im Norden endgültig, selbst für einen Gott. Erst nach Ragnarök, so die Völuspá, kehren Baldr und Höðr in die erneuerte Welt zurück – mehr dazu in Was kommt nach Ragnarök?

Hermóðr in Walhall: die Hákonarmál

Hermods Name taucht auch in deutlich älteren Texten auf, vor allem im Preislied Hákonarmál, das der norwegische Hofskalde Eyvindr skáldaspillir auf König Hákon den Guten dichtete. Hákon fiel um 961 in der Schlacht bei Fitjar. Das Gedicht ist damit rund 250 Jahre älter als die Gylfaginning.

In den Hákonarmál holen Walküren den gefallenen König nach Walhall. Und in Strophe 14 gibt Odin, hier unter dem Namen Hroptatýr, den Befehl, dem König entgegenzugehen. Die beiden, die er schickt, heißen Hermóðr und Bragi. Sinngemäß: Hermóðr und Bragi, sprach Hroptatýr, geht dem Fürsten entgegen, denn ein König kommt, der ein Held zu sein scheint, hierher zur Halle.

Hermóðr erscheint hier nicht als Unterweltreiter, sondern als Empfangender in Walhall. An seiner Seite steht Bragi, der bei Snorri ein Gott der Dichtkunst ist. Ob Bragi in den Hákonarmál bereits als Gott gedacht ist oder als vergöttlichter Skalde Bragi Boddason, ist umstritten – und genauso offen ist, ob Hermóðr hier ein Gott oder ein in Walhall aufgenommener Held ist. Auffällig ist eine ganz ähnliche Szene in den Eiríksmál, wo Odin für Erich Blutaxt die Helden Sigmund und Sinfjötli zum Empfang schickt. Empfangskomitees in Walhall konnten also aus berühmten Toten bestehen.

Helm und Brünne: Hermóðr in der Hyndluljóð

Ein zweiter poetischer Beleg steht in der Hyndluljóð, dem „Lied von Hyndla“, das nur in der isländischen Sammelhandschrift Flateyjarbók aus dem späten 14. Jahrhundert erhalten ist. Das Gedicht selbst ist wohl älter, aber schwer zu datieren. In der zweiten Strophe preist die Göttin Freyja Odin als großzügigen Gönner der Helden. Sinngemäß: Bitten wir den Heervater, uns gewogen zu sein; er vergilt und gibt Gold den Würdigen. Er gab Hermóðr Helm und Brünne und Sigmund ein Schwert.

Hier ist Hermóðr eindeutig ein Held, der von Odin beschenkt wird, kein Sohn, der im Götterhaus lebt. Er steht in einer Reihe mit Sigmund, dem großen Völsungen-Helden. Helm und Brünne (Kettenpanzer) machen ihn zu einem von Odin ausgerüsteten Gefolgsmann.

Ein Hermod oder zwei? Die Forschungsdebatte

Damit liegen drei Bilder auf dem Tisch: bei Snorri ein junger Ase, der in die Unterwelt reitet; in den Hákonarmál ein Bewohner Walhalls; in der Hyndluljóð ein irdischer Held mit Odins Waffen. Passt das zusammen?

Eine Lösung: Ursprünglich gab es einen berühmten Helden Hermóðr, den Odin begünstigte und der in Walhall weiterlebte; erst spätere Überlieferung machte daraus einen Odinssohn. Snorris sveinn Óðins im Codex Regius würde gut dazu passen: „Odins Gefolgsmann“ statt „Odins Sohn“. Eine andere Möglichkeit: Es handelt sich um zwei oder mehr verschiedene Träger desselben Namens, einen Gott und einen Helden, die erst die moderne Forschung in einen Topf geworfen hat. Auffällig bleibt: In den Gedichten erscheint Hermóðr eher als Held, erst bei Snorri klar als Gott.

Ein weiteres Argument liefern die sogenannten Nafnaþulur, Namenslisten in Versform, die in einigen Handschriften der Prosa-Edda angehängt sind. Eine davon zählt Odins Söhne auf, und Hermóðr ist darunter – neben Baldr, Víðarr, Váli, Thor, Heimdall und Yngvi-Freyr. Doch diese Liste gilt als späterer Zusatz, steht nicht in allen Handschriften und nennt sogar Gestalten, die sonst nie als Odinssöhne gelten. Wer Hermod sicher als Sohn Odins bezeichnet, stützt sich am Ende vor allem auf Snorri.

Und der Name selbst? Hermóðr setzt sich wohl aus herr, „Heer“, und móðr, „Mut, Zorn, Gemüt“, zusammen – also etwa „Heermut“ oder „Kampfesmut“. Für einen Kriegerhelden passt das besser als für einen Boten.

Heremod im Beowulf: ein verwandter Name, ein umstrittener Zusammenhang

Der Name hat eine genaue altenglische Entsprechung: Heremod. Er begegnet im altenglischen Epos Beowulf, und zwar an zwei Stellen. Nach Beowulfs Sieg über Grendel singt ein Sänger am Hof des Dänenkönigs Hrothgar von Sigemund, dem Drachentöter, und stellt ihm Heremod als Gegenbild gegenüber (Vers 901 ff.). Heremods Kampfkraft habe nachgelassen, er sei unter die Jüten (Eotenas) in die Gewalt von Feinden geraten und dort ums Leben gebracht worden; lange habe er seinem Volk Kummer bereitet.

Später, in der großen Mahnrede Hrothgars an Beowulf (ab Vers 1709), wird Heremod noch einmal zum warnenden Beispiel. Er sei den Dänen nicht zum Segen geworden, habe in seinem Zorn Tischgenossen und Vertraute erschlagen, den Dänen keine Ringe gegeben, wie es sich gehörte, und sei am Ende freudlos und allein gestorben. Heremod ist im Beowulf also das Musterbild des schlechten Königs: geizig, gewalttätig, einsam.

Auch in den angelsächsischen Königsgenealogien taucht der Name auf. Asser, der Biograf Alfreds des Großen, nennt in seinem Stammbaum des Königs (Ende des 9. Jahrhunderts) einen Heremod als Sohn des Itermon und Vater des Sceldi – also des Scyld, des mythischen Stammvaters der dänischen Skjöldunge. Im Beowulf kommt Scyld dagegen als Findelkind übers Meer; ob der Dichter eine Version kannte, in der Heremods Sohn nach dessen Sturz ausgesetzt wurde, ist Vermutung.

Ist dieser Heremod derselbe wie der nordische Hermóðr? Die Namen sind sprachlich gleich, das ist unstrittig. Ob dahinter dieselbe Sagengestalt steckt, ist eine offene Debatte. Dafür spricht, dass beide in skandinavischer Heldensage wurzeln und der Hyndluljóð-Hermóðr ein Held in Odins Gunst ist. Dagegen spricht, dass Heremod ein abschreckendes Beispiel ist, Hermóðr aber nur positiv erscheint. Bei Saxo Grammaticus regiert vor Skjöld ein Tyrann namens Lotherus, der vom Volk gestürzt wird – auffällig ähnlich. Einen Hermod kennt Saxo nicht, und seine Baldr-Erzählung hat keinen Unterweltritt.

Mythos-Check: Man liest gelegentlich, der Beowulf beweise, dass Hermod ein uralter gemeingermanischer Gott sei. Das ist zu viel. Der Beowulf belegt einen Helden- und Königsnamen Heremod in der dänischen Sage. Eine Verbindung zum Unterweltreiter der Gylfaginning ist möglich, aber nicht beweisbar.

Gibt es Bilder von Hermod aus der Wikingerzeit?

Kurz gesagt: Kein Bild aus der Wikingerzeit lässt sich sicher als Hermod identifizieren. Auf den gotländischen Bildsteinen sieht man achtbeinige Pferde mit Reitern, etwa auf dem Stein von Tjängvide. Sie werden meist als Sleipnir mit Odin oder als Ankunft eines Toten in Walhall gedeutet. Nichts in diesen Bildern unterscheidet einen Hermod von Odin oder einem anderen Reiter.

Ähnlich steht es mit den Goldbrakteaten, den gestempelten Goldanhängern des 5. und 6. Jahrhunderts. Der Archäologe Karl Hauck hat eine Gruppe davon, die sogenannten Drei-Götter-Brakteaten, als Darstellung von Baldrs Tod gedeutet: eine Mittelfigur, eine Gestalt mit einem Zweig, eine dritte Figur am Rand. Diese Deutung ist einflussreich, aber umstritten – und einen Hermod hat man darauf nicht nachgewiesen.

Bildlich greifbar wird Hermod erst viel später: in isländischen Edda-Handschriften des 18. Jahrhunderts und dann bei den Illustratoren des 19. Jahrhunderts, die den Sprung über das Helgatter gern dramatisch in Szene setzten.

Das alte Motiv: die Reise ins Totenreich

Hermods Ritt gehört zu einer der ältesten Erzählformen der Menschheit: der Reise eines Lebenden in die Unterwelt, um einen Toten zurückzuholen. Der bekannteste Vergleich ist der griechische Orpheus, der in den Hades hinabsteigt, um Eurydike zu befreien, und durch einen einzigen Fehler – den verbotenen Blick zurück – scheitert. Bei Hermod ist es der Fehler einer anderen Gestalt, doch die Struktur ist verwandt.

Eine direkte Abhängigkeit folgt daraus nicht. Aber das Motiv war auch im Norden lebendig. In den eddischen Baldrs draumar reitet Odin selbst auf Sleipnir nach Niflhel, um eine tote Seherin über Baldrs böse Träume zu befragen. Saxo erzählt im ersten Buch der Gesta Danorum von König Hadingus, den eine geheimnisvolle Frau unter die Erde führt, über einen Fluss, an kämpfenden Heeren vorbei bis an eine Mauer, über die sie einen Hahn wirft, der dahinter wieder kräht. Und die norwegische Volksballade Draumkvedet, im 19. Jahrhundert aufgezeichnet, kennt noch die Gjallarbrui, die gefährliche Brücke auf dem Weg ins Jenseits.

Auch Gräber mit Pferden, Zaumzeug und Sätteln zeigen, dass der Tod als Reise gedacht werden konnte – ob als Weg nach Hel, wie Snorri ihn beschreibt, wissen wir nicht.

Hermods Ritt als Gravur: unsere Idee

Wenn wir in der Werkstatt in Alsdorf über ein Motiv zu Hermod nachdenken, dann steht ein Bild im Zentrum: der Sprung über das Helgatter. Auf Naturschiefer wirkt so eine Szene besonders stark, weil der Laser das dunkle Gestein hell aufschließt – das Licht des Lebenden im Reich der Toten, ganz wörtlich.

Für die Gestaltung orientieren wir uns lieber an der Bildsprache der gotländischen Bildsteine als an Fantasy-Illustrationen: klare Umrisse, stilisierte Pferdebeine, keine Hörnerhelme, keine Effekte. Es bleibt eine moderne Gestaltung nach Snorris Text, keine Kopie eines Wikingerbildes. Als Inschrift bietet sich Hels Bedingung an, etwa allir hlutir gráta – „alle Dinge weinen“ – oder schlicht der Name in jüngeren Runen. Als Gedenkplatte für einen Menschen, den man gerne zurückgeholt hätte, trägt dieses Motiv eine Bedeutung, die kaum ein anderes Bild der Edda hat.

Häufige Fragen

Wer ist Hermod in der nordischen Mythologie? Hermod (Hermóðr) ist nach Snorris Gylfaginning ein Sohn oder junger Gefolgsmann Odins, der nach Baldrs Tod auf Sleipnir zu Hel reitet, um Baldr zurückzuholen. Ältere Gedichte zeigen ihn als Helden und als Empfänger Gefallener in Walhall.

Warum reitet Hermod zu Hel? Frigg bittet einen der Asen, zu Hel zu reiten und ein Lösegeld für Baldr anzubieten. Hermod meldet sich freiwillig und reitet neun Nächte auf Odins Pferd Sleipnir bis in Hels Halle.

Was verlangt Hel für Baldrs Freilassung? Alle Dinge der Welt, lebendige und tote, sollen um Baldr weinen. Weigert sich nur eines, bleibt Baldr im Totenreich. Die Riesin Þökk weigert sich – man vermutet, es war Loki.

Ist Hermod ein Sohn Odins? Das sagt im Grunde nur Snorri, und selbst bei ihm schreibt die beste Handschrift „Odins Knabe“ statt „Odins Sohn“. Ob er ursprünglich Gott oder Held war, ist umstritten.

Hat Hermod etwas mit Heremod im Beowulf zu tun? Die Namen sind sprachlich identisch. Ob der dänische Tyrannenkönig des Beowulf und der nordische Hermóðr dieselbe Sagengestalt sind, ist eine offene Forschungsfrage.

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