Als Baldr tot ist, wagt einer den gefährlichsten Ritt der Mythologie: Hermod, ein Sohn Odins, reitet in die Unterwelt, um den toten Gott zurückzuholen.
Hermod besteigt Odins achtbeiniges Ross Sleipnir und reitet neun Nächte durch immer finsterere Täler, bis er die Gjallarbrú erreicht, die goldgedeckte Brücke über den Fluss Gjöll, und schließlich das Tor der Hel. Sleipnir setzt mit einem gewaltigen Sprung über das Gitter, und Hermod steht vor der Totengöttin.
Hel stellt eine Bedingung: Baldr darf zurück, wenn alle Dinge der Welt um ihn weinen – Lebendes und Totes. Die Götter schicken Boten aus, und tatsächlich weint alles: Menschen, Tiere, Steine, Bäume. Nur eine Riesin, Þökk, bleibt trocken und höhnt: „Þökk weint trockene Tränen." In ihr, so vermutet man, verbirgt sich Loki. Und so bleibt Baldr im Reich der Toten – bis nach dem Weltuntergang.
Obwohl der Ritt scheitert, kehrt Hermod nicht mit leeren Händen zurück. Baldr gibt ihm den Ring Draupnir mit, damit er ihn Odin zurückbringe; seine Gattin Nanna schickt Frigg ein Leinengewand und der Dienerin Fulla einen Goldring. So verbindet der Bote noch im Tod die Welten der Lebenden und der Toten.
Wer Hermod eigentlich ist, bleibt schillernd: Snorri nennt ihn einen Sohn Odins, anderswo klingt er eher wie ein sterblicher Held (der Name Hermóðr begegnet auch im angelsächsischen Beowulf). Klar ist die Bedeutung der Geschichte: Der Norden kennt keine Auferstehung. Der Tod ist endgültig – erst nach dem Weltenbrand, in der neuen Welt, kehrt Baldr zurück. Diese Härte, gemildert nur durch ferne Hoffnung, ist zutiefst nordisch.
Baldrs Tod · Hel · Hringhorni · Loki.
Snorri Sturluson, Gylfaginning 49. Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie.