Es gibt Szenen in der nordischen Dichtung, die einem den Atem nehmen. Der nächtliche Gang der Hervör zum Grabhügel ihres toten Vaters gehört dazu.
Die nordische Überlieferung kennt viele Helden, aber nur wenige Heldinnen, die so unbeirrbar handeln wie Hervör. Sie ist eine Schildmaid – eine Frau, die kämpft, sich kleidet und benimmt wie ein Mann und unter dem Namen Hervarðr auf Wikingerfahrt geht. Ihr Vater Angantýr, einer von zwölf Berserker-Brüdern, ist gefallen, ehe sie geboren wurde; sie wächst am Hof ihres Großvaters auf, und schon als junge Frau lässt sie sich von keiner Rolle einsperren. Was sie sucht, ist ihr Erbe – und das ist kein Schmuck, sondern eine Waffe.
Diese Waffe ist das Schwert Tyrfing, und mit ihm beginnt der Fluch. In der Vorgeschichte zwangen zwei Zwerge den König Svafrlami, ihnen die Freiheit zu lassen – und legten aus Rache in die Klinge einen dreifachen Fluch: Sie muss bei jedem Zug einen Menschen töten, sie wird drei Verbrechen begehen, und sie wird das Verderben ihres Besitzergeschlechts sein. Ein Schwert, das nicht ohne Blut in die Scheide zurückkehren darf: Das ist eines der ältesten und unheimlichsten Motive der germanischen Dichtung.
Der Höhepunkt der Hervararkviða („Das Erwachen Angantýrs") ist eine der eindrucksvollsten Szenen der gesamten Edda-Dichtung. Hervör setzt allein und bei Nacht auf die Insel Samsø über, wo ihr Vater und seine elf Brüder in ihren Grabhügeln liegen. Die Hügel brennen mit Grabfeuer, die Toten sind Draugr – wandelnde, wehrhafte Tote. Kein Mann der Schiffsmannschaft wagt es, ihr zu folgen. Hervör aber geht zwischen die Feuer und ruft ihren toten Vater beim Namen.
Was folgt, ist ein Wechselgesang von großer Wucht: Angantýr warnt, droht, versucht die Tochter zurückzuweisen – „hier ist kein Ort für lebende Menschen". Hervör lässt sich nicht abschrecken. Sie besteht auf ihrem Erbe und fürchtet weder Feuer noch Grabgeist. In dieser Beharrlichkeit liegt die ganze Größe der Figur: Sie verlangt nicht um Erlaubnis, sie fordert, was ihr zusteht.
„Wach auf, Angantýr! Es weckt dich Hervör, deine einzige Tochter." — Hervararkviða, nach Nora Kershaw (1922)
Am Ende gibt Angantýr nach und händigt ihr Tyrfing aus. Doch er warnt sie mit klaren Worten: Die Klinge werde ihrem ganzen Geschlecht Verderben bringen. Hervör nimmt das Schwert dennoch – und darin liegt die Tragik. Sie gewinnt ihr Erbe und trägt damit den Fluch in die nächste Generation. Ihr Sohn Heiðrek wird später mit eben diesem Schwert zum Totschläger und Königsmörder; die Saga verfolgt das Unheil über Generationen bis in große Schlachten hinein. Das Schwert hält Wort.
Bemerkenswert ist, wie die Saga ihre Heldin behandelt: ohne Spott, ohne Bestrafung für ihr „unweibliches" Verhalten. Hervör ist mutig, klug und stolz – und sie bleibt es. Später legt sie das Kriegerleben ab, heiratet und wird Mutter, doch ihr Gang zum Grabhügel bleibt der Kern ihrer Geschichte.
Wie viel Geschichte steckt hinter der Schildmaid? Frauen mit Waffen begegnen uns in der nordischen Kunst (etwa als Walküren-Figürchen) und vereinzelt in archäologischen Befunden, doch die kämpfende Frau als gesellschaftliche Normalität lässt sich nicht belegen. Hervör ist zuerst eine literarische Gestalt – aber eine, die tief in alten Vorstellungen von Ehre, Erbe und Schicksal wurzelt. Die Faszination hält an: J. R. R. Tolkien kannte die Hervararkviða genau, übersetzte sie und ließ ihre Grabhügel- und Fluchschwert-Motive in seine eigene Welt einfließen.
Für uns ist Hervör eine der stärksten Figuren, die man in Stein oder Holz bannen kann: eine Frau, die sich dem Feuer und den Toten stellt, um zu bekommen, was ihr gehört. Solche Gestalten sind der Grund, warum wir nordische Motive gravieren – sie tragen eine Haltung in sich, die auch nach tausend Jahren noch etwas mit uns macht.
Die Hervarar saga ist im Kern die Geschichte einer Familie und ihres verfluchten Erbstücks. Tyrfing wandert von Hand zu Hand, und mit ihm der Fluch: Jeder Träger zahlt. Hervörs Sohn Heiðrek wird zu einem mächtigen, aber jähzornigen König, der das Schwert am Ende gegen die eigenen Leute zieht und selbst durch es fällt. Danach entbrennt um Tyrfing und das Erbe ein großer Krieg zwischen Goten und Hunnen, den das alte Hunnenschlacht-Lied schildert – eines der ältesten heroischen Gedichte des Nordens.
Bemerkenswert: In einer späteren Generation trägt eine zweite Hervör den Namen und stirbt in der Schlacht als Anführerin. Die Saga lässt die Kühnheit der Ahnfrau also bewusst wiederkehren. So wird aus einer einzelnen Grabhügel-Szene ein Familienschicksal über Generationen – Mut und Fluch werden zusammen vererbt, und beide gehen niemals ganz verloren.
Historisch bleibt die kämpfende Frau schwer zu fassen. Es gibt einzelne aufsehenerregende Befunde – etwa das reich ausgestattete Waffengrab Bj 581 von Birka, das nach neueren Untersuchungen eine Frau barg – und eine ganze Bildwelt kleiner Walküren- und Schildträgerinnen-Figürchen. Doch ob Frauen regelhaft in Schlachtreihen standen, lässt sich daraus nicht ableiten. Die Schildmaid ist zuerst eine kraftvolle literarische und mythische Vorstellung, die tief in Ehr-, Erb- und Schicksalsdenken wurzelt – und die die Nordleute offenbar faszinierte, sonst hätten sie sie nicht so oft besungen und dargestellt.
Diese Faszination reicht bis in unsere Zeit. J. R. R. Tolkien, Philologe und Kenner der altnordischen Dichtung, übersetzte die Hervararkviða und ließ ihre Motive – der Gang zum Grabhügel, das Fluchschwert, die trotzige Erbin – in seine eigene Welt einfließen. Wer heute von erbenden Kriegerinnen und verwunschenen Klingen liest, steht in einer Linie, die über tausend Jahre bis zu Hervör am brennenden Hügel zurückreicht.

Grottasöngr · Sigurd & das Fluchgold · Grabhügel & Bestattung · Walküren.
Hervarar saga ok Heiðreks; Nora Kershaw, Anglo-Saxon and Norse Poems (1922). Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie.