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Die Kriegerin von Birka: Was das Kammergrab Bj 581 wirklich zeigt – von Stolpes Spaten bis zur Genomanalyse

Geschichte Die Kriegerin von Birka: Was das Kammergrab Bj 581 wirklich zeigt – von Stolpes Spaten bis zur Genomanalyse

Im Kammergrab Bj 581 in Birka lag eine Frau, bestattet mit Schwert, Axt, zwei Speeren, 25 Pfeilen, zwei Schilden, zwei Pferden und einem Spielset. Das hat 2017 eine Genomanalyse gezeigt, nachdem das Grab rund 140 Jahre lang als Musterbeispiel eines männlichen Elitekriegers gegolten hatte. Ob sie zu Lebzeiten tatsächlich kämpfte oder gar befehligte, ist eine Deutung, keine Messung. Wir zeigen dir, was gesichert ist, was die Kritiker einwandten, wie die Forscher 2019 antworteten und wo die Fragen bis heute offen sind.

Ein Grab, das alle zu kennen glaubten

Es gibt Funde, die jahrzehntelang brav in Lehrbüchern stehen, bis jemand eine einzige neue Frage stellt. Das Kammergrab mit der Nummer Bj 581 ist so ein Fund. Seit seiner Ausgrabung 1878 galt es als Inbegriff des Wikingerkriegers: Waffen in voller Ausstattung, zwei Pferde, ein Spielbrett, eine Lage direkt neben der Festung. Dass hier ein Mann lag, fragte niemand. Die Waffen schienen Beweis genug.

2017 kam die Antwort aus dem Labor: Die Person in diesem Grab hatte zwei X-Chromosomen und kein Y. Biologisch eine Frau. Seitdem ist Bj 581 eines der meistdiskutierten Gräber der gesamten Wikingerzeit – gefeiert als Beweis für Schildmaiden, angezweifelt als Laborirrtum, umgedeutet in alle möglichen Richtungen.

Originaler Grabplan von Bj 581, gezeichnet von Hjalmar Stolpe 1889
Der originale Grabplan von Bj 581, gezeichnet vom Ausgräber Hjalmar Stolpe 1889. Abbildung: gemeinfrei (Wikimedia Commons).

Birka: die Stadt auf der Birkeninsel

Birka liegt auf der Insel Björkö im Mälaren, westlich des heutigen Stockholm. Ab dem 8. Jahrhundert wuchs hier einer der wichtigsten Handelsplätze Skandinaviens heran, ein Knotenpunkt zwischen Ostsee, Russland und den Wegen bis zum Kalifat. Gegen Ende des 10. Jahrhunderts verlor der Ort seine Bedeutung. Heute gehört er zusammen mit dem benachbarten Hovgården zum UNESCO-Welterbe.

Um die Siedlung herum liegen Gräberfelder mit rund 3.000 sichtbaren Grabhügeln und Gräbern. Etwa 1.100 davon sind ausgegraben, die meisten im 19. Jahrhundert. Über der Stadt erhebt sich eine Burganlage, die Borg, und unterhalb davon wurde 1998 ein großes Gebäude freigelegt, das die Forschung als „Garnison“ bezeichnet. Darin fanden sich Bruchstücke von Waffen und Rüstungen: Reste von mindestens neun Speeren, drei Schwertern, zwei Äxten, zwei Kampfmessern, über 50 Pfeilen und Panzerteilen. Hier lebten und übten offenbar Bewaffnete.

Bj 581 liegt genau an diesem Ort. Das Grab befindet sich auf einer erhöhten Terrasse vor dem Nordtor der Burg, neben dem Weg, der von der Festung in die Stadt führte. Es ist das westlichste Grab Birkas, markiert von einem großen Steinblock. Wer hier bestattet wurde, sollte gesehen werden – von jedem, der aus der Burg kam oder zu ihr hinaufging.

1878: Hjalmar Stolpe öffnet die Kammer

Ausgegraben hat das Grab der schwedische Naturforscher und Archäologe Hjalmar Stolpe (1841–1905). Er arbeitete ab 1871 über viele Jahre auf Björkö und legte dabei Hunderte Gräber frei. Für seine Zeit dokumentierte er außergewöhnlich sorgfältig: Er führte Grabungstagebücher, zeichnete Pläne und ließ die Funde beschriften. Das wird später noch wichtig.

Bj 581 beeindruckte ihn sofort. In seinem Bericht an die Königliche Akademie von 1879 nannte er es sinngemäß vielleicht das bemerkenswerteste aller Gräber auf diesem Feld. Stolpes Grabungsnotizen gingen wie selbstverständlich von einem Mann aus – wegen der Waffen und weil Schmuck und Webgerät fehlten. Das war keine Messung, sondern die Erwartung seiner Zeit.

Den Plan des Grabes zeichnete Stolpe 1878 vor Ort. Veröffentlicht wurde er 1889 in einem Stich von Evald Hansen, und für Holger Arbmans großen Katalog der Birka-Gräber (Birka I, Tafeln 1940, Text 1943) wurde er noch einmal neu gezeichnet. Diese späteren Fassungen weichen in Details voneinander ab – auch das spielt im Streit um das Grab eine Rolle.

Was in der Kammer lag

Bj 581 ist ein Kammergrab: eine in den Boden eingetiefte, mit Holz ausgekleidete Grabkammer, in der der Tote wie in einem kleinen Raum lag. Die Kammer maß nach den Angaben in der Literatur rund 3,45 mal 1,75 Meter. Die bestattete Person saß ursprünglich wohl aufrecht, vielleicht auf einem Stuhl oder einer Bank, und ist später in sich zusammengesunken. Sitzbestattungen kommen in Birka bei besonders reich ausgestatteten Gräbern vor.

Die Ausstattung ist nach Arbman und der Neuvorlage von 2019:

Datiert wird das Grab über ein Viertelstück eines arabischen Silberdirhams, geprägt unter dem Samaniden Naṣr ibn Aḥmad in der Regierungszeit des Kalifen al-Muqtadir; Price et al. setzen die Prägung zwischen 913 und 933 an. Die Münze liefert nur ein Mindestdatum. Zusammen mit der Typologie der übrigen Funde ergibt sich die Mitte des 10. Jahrhunderts.

Die Waffen sind keine Miniaturen und keine Spielzeuge, sondern vollwertige Gebrauchswaffen. Das unterscheidet Bj 581 von manchen anderen Gräbern, in denen Waffen eher symbolisch wirken. Von den rund 1.100 ausgegrabenen Gräbern Birkas enthalten nur 75 überhaupt eine Angriffswaffe, und nur zwei weisen die volle Waffenausstattung auf. Bj 581 ist eines davon und zählt zugleich zu den rund 20 reichsten Gräbern der Insel.

Gesicherter Befund: Inventar, Lage an der Garnison, Kammerbau und Datierung in die Mitte des 10. Jahrhunderts sind durch Stolpes Dokumentation, Arbmans Katalog (1943) und die Neuvorlage von Price et al. (2019) gut belegt.

Ein Jahrhundert lang der „Musterkrieger“

Für die Forschung des 20. Jahrhunderts war Bj 581 das Paradebeispiel. Wer erklären wollte, wie ein berittener Elitekrieger der Wikingerzeit ausgerüstet war, griff zu diesem Grab. Arbman legte es 1943 im Katalog vor, Anne-Sofie Gräslund behandelte es 1980 in ihrem Band über die Bestattungssitten von Birka, und in den Studien zur Kriegerkultur von Birka – etwa Charlotte Hedenstierna-Jonsons Dissertation The Birka Warrior von 2006 – war es ein fester Bezugspunkt. Zeichnungen in Büchern und Ausstellungen zeigten einen bärtigen Reiter.

Interessant ist, wie sich diese Deutung festsetzte. Niemand hatte das Geschlecht je geprüft. Die Annahme stammte aus Stolpes Notizbuch und wurde von Generation zu Generation weitergereicht. Price und seine Kollegen sprechen 2019 deshalb von einer Kette kumulativer Annahmen: Jeder baute auf dem auf, was der Vorgänger für selbstverständlich gehalten hatte.

Dabei gab es eine leise Warnung. Gräslund argumentierte schon 1980 allgemein, dass waffenreiche Gräber eher den gesellschaftlichen Rang der Bestatteten zeigen als einen Beruf als Krieger. Dieses Argument ist bis heute einer der wichtigsten Einwände gegen jede vorschnelle Deutung – egal, ob im Grab ein Mann oder eine Frau liegt.

Die Knochen widersprechen: von Vilkans bis Kjellström

Der erste Riss im Bild kam nicht aus der Genetik, sondern aus der Osteologie, also der Untersuchung von Knochen. 1975 inventarisierte die Osteologin Berit Vilkans die Skelettreste aus den Birka-Kisten. Sie notierte das Skelett aus Bj 581 als weiblich. Weil aber unklar schien, ob die Knochen sicher zum Grab gehörten – sie notierte etwa einen dritten Oberschenkelknochen und leicht abweichende Altersschätzungen –, verfolgte niemand den Hinweis weiter.

Erst die Osteologin Anna Kjellström von der Universität Stockholm sah sich die Knochen im Rahmen einer größeren Studie zur Bevölkerung des Mälartals erneut an. Sie stellte die Ergebnisse 2014 auf einer Konferenz vor und veröffentlichte sie 2016. Ihre Befunde: ein breiter Ischiasausschnitt am Becken, eine deutliche Präaurikularfurche, ein Unterkiefer ohne vorspringendes Kinn, dazu schlanke, grazile Langknochen. Das alles spricht für eine Frau. Das Alter bestimmte sie auf über 30 Jahre. Verletzungen oder krankhafte Veränderungen fand sie nicht.

2017: Das Genom spricht

Im September 2017 erschien im American Journal of Physical Anthropology der Aufsatz „A female Viking warrior confirmed by genomics“. Erstautorin war Charlotte Hedenstierna-Jonson, unter den zehn Autorinnen und Autoren waren Anna Kjellström, der Archäologe Neil Price und die Genetiker Mattias Jakobsson und Anders Götherström.

Das Team entnahm DNA aus zwei verschiedenen Skelettteilen: einem linken Eckzahn und einem linken Oberarmknochen. Das Ergebnis war eindeutig. Die Zahl der Sequenzen, die dem Y-Chromosom zugeordnet werden konnten, lag praktisch bei null; der gemessene Y-Anteil lag weit unter dem Grenzwert, ab dem man von einer weiblichen Person ausgeht. Beide Proben ergaben zudem dieselbe mitochondriale Linie (Haplogruppe T). Das ist wichtig: Zahn und Arm stammen damit sehr wahrscheinlich von derselben Person.

Dazu kamen Strontium-Isotopenanalysen an drei Backenzähnen. Strontium aus Boden und Wasser lagert sich in der Kindheit im Zahnschmelz ab und verrät, wo jemand aufgewachsen ist. Die Werte lagen außerhalb des geschätzten örtlichen Bereichs. Das deutet darauf hin, dass die Frau nicht in Birka aufwuchs und in ihrer Kindheit möglicherweise den Wohnort wechselte. Die Autoren betonen selbst, dass dieser Befund nicht zwingend ist. Genetisch stand sie heutigen Menschen von den Britischen Inseln, aus Island, Dänemark und Norwegen am nächsten, innerhalb Schwedens den Bewohnern des Südens und der Mitte. Wie vorsichtig man solche Vergleiche lesen muss, erklären wir in unserem Beitrag zu DNA-Tests und Wikinger-Abstammung.

Der Titel des Aufsatzes war allerdings eine Zuspitzung. Die Genetik bestätigte das biologische Geschlecht – nicht den Beruf. Diese Lücke zwischen „weiblich“ und „Kriegerin“ wurde sofort zum Kern der Debatte.

Der Sturm nach der Schlagzeile

Die Presse machte aus dem Fund in Tagen eine Weltgeschichte: „Die echte Schildmaid“, „Lagertha gab es wirklich“. Fachleute reagierten deutlich zurückhaltender, und ein Teil der Kritik war berechtigt. Die wichtigsten Einwände:

Das falsche Skelett? Der Historiker Fedir Androshchuk und andere wiesen darauf hin, dass Birkas Gräber teils gestört sind, dass die Grabpläne in verschiedenen Fassungen voneinander abweichen und dass Vilkans' Notizen auf einen zweiten Körper hindeuten könnten. Schon 1989 hatte Greta Arwidsson eine Doppelbestattung erwogen. Der schwedische Archäologe Martin Rundkvist forderte, die Möglichkeit einer Verwechslung von Knochen gründlicher zu behandeln.

Waffen sind nicht gleich Krieger. Die Runologin und Historikerin Judith Jesch, Professorin in Nottingham, stellte die Frage, ob Grabbeigaben überhaupt zeigen, was ein Mensch zu Lebzeiten tat. Waffen können Rang, Familienbesitz oder eine Rolle bei der Bestattung ausdrücken. Sie kritisierte außerdem, dass der Aufsatz von 2017 die Deutung zu knapp begründet hatte.

Das Spielbrett als Kommandozeichen? Die Forscher hatten das Spielset als Hinweis auf taktisches Denken und Führung gelesen. Jesch hielt diese Verbindung für nicht überzeugend. Der Archäologe Leszek Gardeła wies darauf hin, dass Spielsteine in Gräbern von Männern wie Frauen vorkommen. Ein Brettspiel ist zunächst einmal ein Brettspiel – was es mit Hnefatafl und anderen nordischen Spielen auf sich hat, erzählen wir an anderer Stelle.

Das Östliche im Grab. Kleidung und Kappe weisen in die Steppe und nach Osten. Jesch merkte an, dass dieser Aspekt in der Deutung als „Wikinger“-Kriegerin zu kurz kam.

2019: Die Antwort in Antiquity

Im Februar 2019 legten Neil Price, Charlotte Hedenstierna-Jonson und Kollegen in der Fachzeitschrift Antiquity nach: „Viking warrior women? Reassessing Birka chamber grave Bj.581“. Schon das Fragezeichen im Titel zeigt den vorsichtigeren Ton. Der Aufsatz geht die Einwände einzeln durch, mit einem ausführlichen Anhang zur Quellenlage.

Zur Knochenzuordnung führen die Autoren drei Belegketten an. Erstens ist jeder einzelne Knochen des untersuchten Skeletts mit Tinte als „Bj.581“ beschriftet – ebenso die Pferdeknochen und die meisten Beigaben. Zweitens verglichen sie das Skelett Element für Element mit Stolpes Originalzeichnung von 1878: Alle großen Knochen sind vorhanden, nur der Schädel und einige kleine Fußknochen fehlen, was bei Altgrabungen häufig vorkommt. Drittens verglichen sie mit anderen Gräbern, aus denen das Skelett theoretisch hätte stammen können, und schlossen diese aus.

Zur angeblichen Doppelbestattung stellen sie fest: Der überzählige Oberschenkel aus Vilkans' Inventar ist mit „Bj.854“ beschriftet, gehört also zu einem anderen Grab und ist offenbar falsch einsortiert worden. Die vermeintlichen menschlichen Rippen erwiesen sich als Pferdeknochen. Die abweichenden Altersschätzungen lassen sich mit Zahnabnutzung durch Ernährung erklären, und die DNA aus Zahn und Arm stammt von derselben Person. In Stolpes Bericht von 1879 ist nur ein Körper beschrieben. Ihr Fazit: Man habe das richtige Individuum, und es sei allein bestattet worden.

Zur Deutung zählen die Autoren selbst eine ganze Reihe von Alternativen auf: Die Frau könnte Bäuerin, Händlerin, Handwerkerin oder Dichterin gewesen sein und Gegenstände mitbekommen haben, die nicht ihre waren; die Kriegeridentität könnte ihr erst bei der Bestattung zugeschrieben worden sein; sie könnte eine männliche soziale Rolle übernommen haben; auch andere Geschlechtsidentitäten seien denkbar, wobei die Autoren moderne Begriffe wie „transgender“ für die Vergangenheit als problematisch bezeichnen. Nach Abwägung bleiben sie bei der Deutung, die ihnen am naheliegendsten erscheint: das Grab einer Frau, die als professionelle Kriegerin lebte und so bestattet wurde. Sie betonen ausdrücklich, dass ein einzelnes Grab keine weitreichenden Schlüsse über die ganze Gesellschaft trägt.

Jesch reagierte auf ihrem Blog: Der neue Aufsatz sei besser begründet als der von 2017, mache aber oft zu viel aus dünnen Belegen. Die Verbindung von Spielbrett und Befehlsgewalt überzeuge sie weiterhin nicht, und schon die Formulierung im Anhang, es handle sich um etwas, das wie ein eisengerahmtes Spielbrett aussehe, zeige, wie unsicher dieser Punkt sei.

Was gesichert ist – und was offen bleibt

Ordnen wir das nüchtern. Gesichert ist: In Bj 581 lag eine Frau von über 30 Jahren, allein, in einer Kammer an einem der prominentesten Plätze Birkas, mit voller Waffenausstattung, zwei Pferden, Spielset und Kleidung östlichen Stils, um die Mitte des 10. Jahrhunderts. Die Zuordnung der Knochen zum Grab ist nach den Belegen von 2019 sehr gut begründet; ein Restzweifel bei einem 140 Jahre alten Museumsbestand lässt sich nie ganz ausschließen, und einzelne Kritiker halten ihn weiterhin für größer als die Autoren.

Offen ist dagegen alles, was das Leben dieser Frau betrifft. Hat sie gekämpft? Ihr Skelett zeigt keine verheilten Verletzungen. Das spricht nicht dagegen – viele Krieger hinterlassen keine Spuren am Knochen, und der Schädel fehlt –, aber es liefert auch keinen Beleg. Hat sie befehligt? Das stützt sich auf das Spielset und die Lage am Garnisonsgebäude, also auf Deutung. Und was die Bestattung für die Hinterbliebenen bedeutete, wissen wir schlicht nicht.

Mythos-Check: „Die DNA hat bewiesen, dass es Wikinger-Kriegerinnen gab.“ Nein. Die DNA hat bewiesen, dass die Person in Bj 581 biologisch weiblich war. Dass sie als Kriegerin lebte, ist eine begründete archäologische Deutung von Beigaben und Fundort – plausibel, aber nicht gemessen. Und dass es viele solche Frauen gab, lässt sich aus einem einzigen Grab überhaupt nicht ableiten.

Gerade diese Unterscheidung macht den Fall so lehrreich. Das alte Bild – Waffen gleich Mann gleich Krieger – war ebenso eine Deutung wie das neue. Nur hatte sie nie jemand geprüft. Der eigentliche Gewinn von Bj 581 ist deshalb weniger die Schlagzeile als die Methode: Erst das biologische Geschlecht unabhängig bestimmen, dann die Beigaben deuten, und beides offen nebeneinanderlegen.

Ist Bj 581 ein Einzelfall?

Bj 581 ist das berühmteste, aber nicht das einzige Grab einer Frau mit Waffen. Leszek Gardeła hat das Material aus ganz Skandinavien und darüber hinaus 2021 in seinem Buch Women and Weapons in the Viking World zusammengetragen. Sein Befund: Es gibt eine überschaubare Zahl solcher Gräber, oft mit nur einer einzelnen Waffe, etwa einer Axt oder einem Speer, häufig zusammen mit typisch weiblichem Schmuck. Eine Ausstattung wie in Bj 581 ist die große Ausnahme.

Gardeła warnt davor, all diese Frauen pauschal zu Kriegerinnen zu erklären: Eine Axt kann Werkzeug sein, eine Waffe im Frauengrab auch auf Magie oder Ritual verweisen. Manche Funde erinnern an die Stäbe der Seherinnen, die wir im Artikel über die Völva beschreiben.

Schildmaiden in Sagas und bei Saxo

Warum hat Bj 581 so eingeschlagen? Weil es eine Figur zu bestätigen schien, die jeder kennt: die Schildmaid, altnordisch skjaldmær. Ein Blick in die Texte lohnt, gerade um zu sehen, was sie hergeben und was nicht.

Die reichste Quelle ist der dänische Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus, der um 1200 seine Gesta Danorum auf Latein schrieb. Im siebten Buch erzählt er sinngemäß, es habe einst bei den Dänen Frauen gegeben, die sich wie Männer kleideten und ihr Leben dem Waffenhandwerk widmeten; in diesem Zusammenhang steht die Geschichte der Seeräuberin Alfhild. Im achten Buch, in der großen Schlacht von Brávellir, nennt er Kriegerinnen wie Hetha, Visna und Vebiorg. Im neunten Buch tritt Lagertha auf, die Ragnar im Kampf beisteht.

Quellenkritisch heißt das: Saxo schreibt rund 250 Jahre nach Bj 581, als gelehrter Kleriker, mit einem Blick, der von antiken Vorbildern wie den Amazonen geprägt ist. Seine Schildmaiden sind literarische Figuren in einer Vorzeit, die er selbst nur aus Liedern und Erzählungen kannte. Sie zeigen, dass das Motiv im Hochmittelalter bekannt war – nicht, dass es solche Frauen im 10. Jahrhundert in dieser Form gab.

Ähnlich steht es mit den isländischen Sagas und den Heldenliedern. Hervör holt in der Hervarar saga das Schwert Tyrfing aus dem Grab ihres Vaters und zieht als Wikingerin los; Brynhild ist in der Völsungensage eine Kriegerin, die nur einen Helden heiraten will. Das sind Vorzeitsagas und Heldendichtung, aufgeschrieben im 13. Jahrhundert und später, voller Wunder und Zauber. Die realistischeren Isländersagas kennen dagegen kaum kämpfende Frauen. Dort greifen Frauen eher mit Worten, Rat und Anstiftung ins Geschehen ein.

Und dann sind da die Walküren: übernatürliche Frauen, die über den Tod in der Schlacht entscheiden und die Gefallenen zu Odin bringen. Sie sind Mythos, keine Soldatinnen. Aber sie zeigen, dass die Vorstellung bewaffneter Frauen tief in der nordischen Bilderwelt verankert war – auf Bildsteinen, als kleine Anhänger in Frauengestalt mit Schild und Schwert, in der Dichtung.

Einordnung: Archäologischer Befund (Bj 581, 10. Jh.), Saxo (um 1200) und isländische Sagas (13. Jh. und später) sind drei verschiedene Quellensorten. Sie stützen sich gegenseitig nur sehr bedingt.

Warum uns dieses Grab nicht loslässt

Manche wollen in Bj 581 eine Heldin sehen, andere eine überzogene Kampagne. Was wir wirklich vor uns haben, ist eine Frau, die vor über tausend Jahren am Rand einer Handelsstadt bestattet wurde – mit allem, was in ihrer Welt Macht und Rang ausdrückte: Waffen, Pferde, Seide, Silber, ein Spiel. Jemand hat sie so ausgestattet, mit Bedacht und großem Aufwand, und an einen Ort gelegt, an dem jeder an ihr vorbei musste. Ihre Gemeinschaft wollte, dass man sie so in Erinnerung behält. Das wissen wir sicher.

Ob sie Speere geworfen und Männer kommandiert hat, verrät uns ihr Grab nicht vollständig. Die ehrlichste Haltung ist die, die auch die Forschung selbst einnimmt: Die Deutung als Kriegerin ist gut begründet, aber nicht die einzig mögliche. Und auch das ist eine Erkenntnis: Die Wikingerzeit war vielfältiger, als ein Jahrhundert Lehrbuch es uns erzählt hat. Mehr über das Leben von Frauen im Norden findest du in unserem Beitrag über Frauen in der Wikingerzeit, und wer Birkas Bestattungsbräuche im größeren Rahmen sehen will, liest weiter bei Tod und Jenseits im Norden.

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Häufige Fragen

War die Birka-Kriegerin wirklich eine Frau? Ja. Osteologische Untersuchungen und die Genomanalyse von 2017 zeigen übereinstimmend, dass die Person in Bj 581 biologisch weiblich war; DNA aus Zahn und Oberarm stammt von derselben Person.

Ist bewiesen, dass sie eine Kriegerin war? Nein, das ist eine Deutung. Volle Waffenausstattung, Pferde und Lage an der Garnison sprechen nach Ansicht der Ausgräber für eine Kriegerin, andere Forschende halten Statusbestattung oder symbolische Rollen für ebenso möglich.

Wann lebte die Frau aus Grab Bj 581? Sie wurde um die Mitte des 10. Jahrhunderts bestattet und war beim Tod über 30 Jahre alt. Eine arabische Münze aus dem frühen 10. Jahrhundert liefert das Mindestdatum.

Wurden die Knochen vielleicht verwechselt? Das war ein zentraler Einwand. Laut Price et al. (2019) ist jeder Knochen mit „Bj.581“ beschriftet und passt zu Stolpes Grabplan; ein überzähliger Oberschenkel stammt aus einem anderen Grab, eine Doppelbestattung ist nicht belegt.

Was war das Spielbrett im Grab? Gefunden wurden 28 Spielsteine mit Würfeln und Reste eines wohl eisenbeschlagenen Bretts. Welches Spiel genau gespielt wurde, ist nicht sicher; ob es auf Führungsrolle hinweist, ist umstritten.

Gab es Schildmaiden wirklich? In Sagas und bei Saxo sind sie literarische Figuren aus späterer Zeit. Archäologisch gibt es eine kleine Zahl von Frauengräbern mit Waffen, Bj 581 ist das bekannteste – ein Heer von Schildmaiden belegt das nicht.

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