Ja, im Norden gab es echte Hörnerhelme – aber aus der Bronzezeit, nicht aus der Wikingerzeit. Die beiden Bronzehelme von Veksø auf Seeland wurden 1942 in einem Moor entdeckt und laut Radiokarbondatierung um 900 v. Chr. dort niedergelegt, also rund 1.700 Jahre vor den ersten Wikingerzügen. Sie waren keine Kampfausrüstung, sondern Kultgerät. Kleine Bronzefiguren aus Grevensvænge und die Felsbilder von Tanum zeigen, wie solche Helme in Ritualen getragen wurden. Wir erklären dir Fund, Datierung, Deutung und die erstaunliche Spur bis nach Sardinien und Spanien.
Zwei Gesichter aus Bronze. Große, runde Augen, darüber geschwungene Brauen, in der Mitte ein Grat, der vorn in einen Raubvogelschnabel ausläuft. Und aus den Seiten wachsen zwei gewaltige, s-förmig gedrehte Hörner. Wer in Kopenhagen vor den Helmen von Veksø steht, denkt sofort: Da ist er ja, der Wikingerhelm. Nur stimmt das um fast zwei Jahrtausende nicht.
Diese Helme sind das beste Gegenmittel gegen zwei Irrtümer zugleich. Der eine lautet: „Wikinger trugen Hörnerhelme.“ Der andere, genauso pauschal, lautet: „Hörnerhelme hat es im Norden nie gegeben.“ Beides ist falsch. Die Wahrheit ist älter, seltsamer und schöner als jedes Faschingskostüm.
Damit wir uns richtig verstehen: Aus der gesamten Wikingerzeit, grob 793 bis 1066, kennt die Archäologie keinen einzigen Helm mit Hörnern. Der einzige fast vollständige Wikingerhelm ist der Helm von Gjermundbu aus Norwegen, eine runde Eisenkappe mit Brillenschutz aus dem 10. Jahrhundert. Weitere Funde stellen wir in Helme des Nordens vor – Hörner hat keiner.
Woher das Bild vom gehörnten Nordmann stammt, ist ebenfalls gut erforscht: aus dem 19. Jahrhundert, aus Malerei, Nationalromantik und vor allem aus der Bühnenausstattung von Carl Emil Doepler für Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ in Bayreuth 1876. Die ganze Geschichte erzählen wir ausführlich in unserem Artikel Trugen Wikinger wirklich Hörnerhelme? – hier wiederholen wir sie nicht. Uns interessiert in diesem Beitrag die andere Seite der Medaille: die echten Hörnerhelme, die es im Norden tatsächlich gab.
1942, Dänemark ist besetzt, Brennstoff knapp, und überall wird Torf gestochen – auch im Brøns Mose bei Veksø (damals Viksø geschrieben), einem Moor im Norden der Insel Seeland, wenige Kilometer nordwestlich von Kopenhagen. Ein Torfarbeiter stößt mit dem Spaten auf etwas Hartes. Weil im Moor oft Müll liegt, legen die Arbeiter die Stücke beiseite – bis der Vorarbeiter genauer hinsieht. Über Umwege erfährt das Nationalmuseum davon.
Der Museumsinspektor Hans Norling-Christensen lässt die Fundstelle untersuchen. In einer Rettungsgrabung kommen weitere Teile ans Licht, im Oktober 1942 wird nach Angaben des dänischen Lexikons lex.dk rund zwei Tonnen Torf durchgesiebt. Am Ende lassen sich zwei fast vollständige, nahezu identische Helme rekonstruieren. Dazu kamen Holzreste, gedeutet als Unterlage der Helme. Norling-Christensen veröffentlichte den Fund 1946 in der Fachzeitschrift Acta Archaeologica – bis heute die Grundlage aller späteren Arbeiten.
Wichtig für das Verständnis ist die Landschaft. Das heutige Moor war in der Bronzezeit ein offenes Gewässer, ein Ausläufer des nahen Sees Løged Sø. Die Helme lagen also nicht in einem Grab und nicht in einer Siedlung, sondern im Wasser. Das ist kein Zufall: In der gesamten nordischen Bronzezeit wurden wertvolle Gegenstände bewusst in Seen, Mooren und Quellen niedergelegt. Wie diese Opferpraxis über Jahrtausende funktionierte, zeigen wir im Artikel über Opfermoore und Moorfunde.
Schauen wir genauer hin, denn jedes Detail erzählt etwas. Die Helmkappe besteht aus zwei getriebenen Bronzeblech-Hälften, die entlang einer Mittelnaht von vorn nach hinten vernietet sind. Darüber sitzt ein massiver Kamm. An Stirn und Nacken endet er jeweils in einem nach unten gebogenen Haken, der stark an einen Raubvogelschnabel erinnert. Die Bronze ist zinnreich: Analysen ergaben einen Zinngehalt von knapp 17 Prozent, dazu Spuren von Blei, Arsen, Antimon, Nickel und etwas Silber. Mehr Zinn macht Bronze goldener, aber auch spröder – ideal für ein Prunkstück, schlecht für einen Kampfhelm.
Auf der Vorderseite sitzen zwei große, getriebene Buckel, die wie Augen wirken, darüber aufgesetzte „Augenbrauen“. Zusammen mit dem Schnabel entsteht ein Gesicht – halb Mensch, halb Vogel. Entlang des unteren Randes läuft eine Reihe kleiner Buckel, die in S- und Z-förmige Schwünge übergehen. Viele Forscher lesen darin stilisierte Schiffe mit hochgezogenen Steven, eines der Leitmotive der nordischen Bronzezeit.
Dann die Hörner. Sie sind separat gearbeitet, auf runde Grundplatten genietet und mit seitlichen Beschlägen am Helm befestigt. Ihr Schwung erinnert an ein Stiergehörn, aber auch an die großen bronzenen Luren, die gewundenen Blasinstrumente dieser Zeit. Zwischen Hörnern und Kamm sitzen kleine röhrenförmige Fassungen. Schon Norling-Christensen vermutete, dass darin Federn steckten. Neuere Untersuchungen gehen davon aus, dass auch die Hornspitzen mit Federn geschmückt waren und der Kamm vielleicht eine Mähne aus Pferdehaar trug. Glänzende Bronze, wippende Federn, ein starrendes Vogelgesicht: kein Helm zum Kämpfen, sondern ein Auftritt.
Lange Zeit wurden die Helme nur nach Stil datiert. Man ordnete sie der jüngeren nordischen Bronzezeit zu, grob den Perioden IV und V nach dem Schema des schwedischen Archäologen Oscar Montelius, also irgendwo zwischen dem 11. und dem 8. Jahrhundert v. Chr. Ein früher Versuch mit der Radiokarbonmethode in den 1970er-Jahren lieferte ein absurdes Ergebnis von mehreren tausend Jahren und wurde zu Recht verworfen. Die Holzreste der Fundstelle erwiesen sich später als älter als die Helme.
Dann kam 2019 ein glücklicher Moment. Als Mitarbeiter des Nationalmuseums die Helme für neue Fotos vorbereiteten, fiel ihnen an einem der Hörner organisches Material auf: Birkenteer. Birkenteer ist der Klebstoff der Vorgeschichte, gewonnen durch Erhitzen von Birkenrinde, und er wurde hier offenbar benutzt, um Schmuck – wohl Federn – in der Hornspitze zu befestigen. Aus dem Horn des schlechter erhaltenen Helms mit der Inventarnummer B13552 wurden Proben entnommen: für Spurenelemente, Bleiisotope und eine neue Radiokarbondatierung.
Das Ergebnis: 1006 bis 857 v. Chr. mit 95,4 Prozent Wahrscheinlichkeit, enger gefasst 976 bis 907 v. Chr. mit 68,2 Prozent. Die Helme gehören damit an das Ende der Periode IV oder den Übergang zu Periode V. Das runde „um 900 v. Chr.“ ist also gut begründet – als Mitte einer Spanne, nicht als Jahrestag. Wichtig ist auch, was genau datiert wurde: der Klebstoff in der Hornspitze, also der Zeitpunkt, als die Helme zuletzt geschmückt wurden. Hergestellt worden sein können sie etwas früher; sie können vor ihrer Versenkung durchaus eine Weile in Gebrauch gewesen sein.
Veröffentlicht wurde die Untersuchung von einem Team um die Archäologin Helle Vandkilde (Universität Aarhus), zusammen mit Valentina Matta, Laura Ahlqvist und Heide Wrobel Nørgaard. Der Aufsatz erschien Ende Dezember 2021 online und 2022 gedruckt in der Prähistorischen Zeitschrift. Eine „Studie von 2019“ gibt es übrigens nicht: 2019 wurden die Proben genommen.
Zum Vergleich: Zwischen der Versenkung der Helme und dem Überfall auf Lindisfarne 793 liegen rund 1.700 Jahre – so viel, wie uns von Kaiser Konstantin trennt.
Wie solche Helme getragen wurden, verraten Bilder. Das wichtigste Beispiel stammt ebenfalls von Seeland, aus Grevensvænge bei Næstved. Dort kam im 18. Jahrhundert ein kleiner Hort aus Bronzefiguren zutage. Der Pfarrer Marcus Schnabel aus Herlufmagle beschrieb ihn in einem Brief vom 2. Januar 1779 als „vor einigen Jahren“ gefunden und fügte eine Zeichnung aller Figuren bei.
Laut dieser Zeichnung bestand der Fund aus sechs Figuren. Zwei kniende Männer mit Hörnerhelmen, spiegelbildlich nebeneinander auf einem kleinen Bronzesteg, jeder mit einer Hand vor der Brust und in der anderen einer großen Prunkaxt. Dazu mehrere Akrobaten in Sprunghaltung und eine stehende Frauenfigur. Vergleiche mit Felsbildern legen nahe, dass die Figuren ursprünglich auf einem Modellschiff oder einer schiffsartigen Montierung standen – eine Kultszene in Miniatur.
Die Geschichte der Figuren nach ihrer Entdeckung ist eine kleine Tragödie. Der Historiker Peter Frederik Suhm erwarb sie um 1780, nach seinem Tod wurden sie getrennt und im Jahr 1800 versteigert. Einer der beiden knienden Axtträger ging 1807 beim britischen Bombardement Kopenhagens verloren. Der andere kam 1823 ins Museum, da fehlten ihm bereits der rechte Arm und die Axt. Ein Akrobat wurde 1839 angekauft, der Rest ist verschollen. Was wir heute im Nationalmuseum sehen, ist also ein Bruchstück eines Ensembles, das wir nur aus einer Zeichnung des 18. Jahrhunderts kennen.
Die Datierung der Grevensvænge-Figuren ist weniger präzise als bei Veksø; meist werden sie in die späte Bronzezeit gesetzt, etwa ins 8. bis 6. Jahrhundert v. Chr. Ihre Helme haben aber genau den geschwungenen Hornschwung von Veksø – und zeigen, wofür solche Helme da waren: für Männer, die knien, Prunkäxte halten und Teil einer Zeremonie sind – nicht für Männer, die stürmen.
Auffällig ist das Zwillingsmotiv. Zwei gleiche Helme in Veksø, zwei spiegelgleiche Helmträger in Grevensvænge, gehörnte Zwillingsfiguren auf dem Pferdejoch von Fogdarp in Schonen. Viele Forscher verbinden das mit der Vorstellung göttlicher Zwillinge, die aus mehreren indogermanischen Traditionen bekannt ist – von den indischen Aśvins bis zu den Dioskuren. Viel später berichtet Tacitus von einem germanischen Zwillingsgötterpaar namens Alcis, verehrt bei den Naharvalen. Ob es zwischen bronzezeitlichen Zwillingshelmen und den Alcis tatsächlich eine Linie gibt, ist eine reizvolle Hypothese, aber nicht beweisbar. Rund tausend Jahre liegen dazwischen.
Wer den Kult hinter den Helmen sehen will, muss nach Bohuslän an der schwedischen Westküste fahren. In der Gemeinde Tanum liegen auf blank geschliffenen Granitflächen die dichtesten Felsbildfelder Nordeuropas. Die UNESCO hat die Felsritzungen von Tanum 1994 zum Welterbe erklärt; im geschützten Gebiet sind über 600 Fundstellen bekannt. Gehauen wurden die Bilder überwiegend in der nordischen Bronzezeit.
Die Motive: vor allem Schiffe, dazu Menschen, Tiere, Waffen, Wagen und Sonnenzeichen. Und unter den Menschen sind auffällig viele Männer mit gehörnten Helmen. Sie tragen Äxte und Schwerter, blasen Luren, stehen in Booten oder vollführen Sprünge. Das Nationalmuseum in Kopenhagen verweist besonders auf eine Ritzung aus Sotetorp in Tanum: Krieger mit Helmen und Äxten, Schwerter an der Hüfte, einer hält einen runden Gegenstand, vielleicht ein Sonnenbild, und eine dritte Person springt akrobatisch über das Boot. Genau so eine Szene scheinen die Figuren von Grevensvænge in Bronze nachzustellen.
Ähnliche Bilder kennen wir auch aus Dänemark. Auf einem Rasiermesser aus Vestrup auf Südseeland sind kniende Männer in einem Boot eingraviert, mit Helmen und Äxten.
Dass die Veksø-Helme keine Kriegsausrüstung waren, ist in der Forschung praktisch unumstritten. Die Argumente: dünnes Blech; Hörner, die jedem Gegner einen bequemen Hebel bieten würden; Federn und Pferdehaar; die Niederlegung im Wasser; und die Bilder, die Helmträger immer in zeremoniellen Haltungen zeigen. Flemming Kaul vom Nationalmuseum nannte sie in einem Interview mit videnskab.dk sinngemäß „religiöse Machthüte“ mit Verbindung zu kosmischen Kräften.
Und welche Kräfte? Im Zentrum der nordischen Bronzezeitreligion stand nach heutiger Mehrheitsmeinung die Sonne, deren Lauf mit Schiff, Pferd, Fisch und Schlange erzählt wurde – Kaul hat dieses Bildprogramm vor allem anhand von Rasiermessern herausgearbeitet. Das berühmteste Zeugnis ist der Sonnenwagen von Trundholm, ein Pferd, das eine goldbelegte Sonnenscheibe zieht – deutlich älter als die Helme, aber Teil derselben religiösen Welt. Raubvogel und Stierhorn gelten in diesem Zusammenhang als mögliche Sonnensymbole. Ein Helm, der Augen, Schnabel und Hörner vereint, könnte seinen Träger also in ein Wesen verwandelt haben, das an diesen Mächten teilhat.
Mehrere Deutungen stehen nebeneinander, und keine ist bewiesen:
Diese Lesarten schließen sich nicht aus: Religiöse und politische Macht lagen in der Vorgeschichte oft in denselben Händen. Wie Kult im Norden später aussah, beschreiben wir in unserer Ritualkunde.
Der eigentliche Paukenschlag des Aufsatzes von 2021/22 war nicht die Datierung, sondern der Vergleich. Vandkilde und ihr Team stellten die Bilder gehörnter Krieger aus drei Regionen nebeneinander, alle aus der Zeit zwischen etwa 1000 und 750 v. Chr.: eine südliche Zone mit Sardinien und Teilen Korsikas, eine mittlere im Südwesten der Iberischen Halbinsel und eine nördliche in Südskandinavien.
Auf Sardinien sind es die bronzetti, kleine Bronzefiguren der Nuraghenkultur, die zahlreiche Krieger mit Hörnerhelmen zeigen, dazu die überlebensgroßen Steinfiguren von Mont'e Prama. Im Südwesten Spaniens und Portugals sind es die sogenannten Kriegerstelen: Steinplatten, in die Waffen, Schilde, Wagen und Menschengestalten geritzt sind, manche davon mit gehörntem Kopfputz. Die Aarhuser Pressemitteilung nennt als Beispiel einen Stein aus Jerez de los Caballeros in der Provinz Badajoz. Im Norden: Veksø, Grevensvænge und die Felsbilder von Tanum.
Die Bilder sind nicht gleich. Auf Sardinien ist es Bronzeplastik, in Iberien Steinritzung, in Skandinavien echte Helme plus Felsbild und Kleinplastik. Aber das Grundmotiv ist auffallend ähnlich: ein bewaffneter Mann, dessen Helm durch Hörner überhöht wird. Die Autoren deuten die Hörner als Zeichen besonderer Wirkmacht ihres Trägers, des Kriegers schlechthin. Die Wurzeln sehen sie in der spätbronzezeitlichen Levante, wo gehörnte Götterbilder eine lange Tradition hatten; auf Zypern etwa tragen zwei berühmte Bronzestatuetten aus Enkomi, der „gehörnte Gott“ und der „Barrengott“, Hörnerhelme. Den Weg nach Norden denken sich die Autoren über das Meer: eine Route vom Mittelmeer die Atlantikküste hinauf, verbunden mit der Ausbreitung phönizischer Händler im Westen ab etwa 1000 v. Chr.
Vandkilde sprach in den Medien von einer frühen Globalisierung durch Fernhandel mit Metall, Ideen und Luxusgütern. Dass skandinavische Eliten ihr Kupfer und Zinn nicht selbst förderten, sondern über weite Netzwerke bezogen, ist seit Langem bekannt. Schon für die frühe Bronzezeit zeigt das die Himmelsscheibe von Nebra, deren Metalle aus mehreren Regionen Europas stammen.
Mit dem Ende der Bronzezeit verschwinden die Hörnerhelme aus dem Norden. Das Motiv des gehörnten Wesens lebt aber weiter, nur in anderer Form. Ein schönes Beispiel liegt in Jütland: der Kessel von Brå. 1952 wurde er bei Brå südlich von Horsens entdeckt, zerschlagen und in einer Anhöhe vergraben. Rekonstruiert misst er über einen Meter im Durchmesser, ist etwa 70 Zentimeter hoch und fasste rund 600 Liter. Am Rand sitzen Stierköpfe und Eulenköpfe, dazwischen keltisches Rankenwerk. Hergestellt wurde er um 200 v. Chr. in Mitteleuropa, heute steht er im Moesgaard Museum bei Aarhus. Ole Klindt-Jensen hat ihn als frühes Zeugnis keltischer Einflüsse in Dänemark vorgelegt.
Der Brå-Kessel ist kein Helm, und er hat mit Veksø direkt nichts zu tun – rund 700 Jahre liegen dazwischen. Er zeigt aber, dass Hörner in der Bildwelt der vorrömischen Eisenzeit weiter eine Rolle spielten, jetzt als Stierkopf an einem riesigen Festgefäß, das offenbar ebenfalls rituell beseitigt wurde. Noch bekannter ist der Gundestrup-Kessel, auf dem unter anderem eine Gestalt mit Hirschgeweih und eine Figur mit Hörnerhelm erscheinen. Auch der keltische Waterloo-Helm aus der Themse mit seinen kurzen, geraden Hörnern ist ein Prunkstück, kein Schlachthelm. Der Befund bleibt also stabil: Wo Hörner auf Helmen auftauchen, sind wir fast immer im Bereich von Kult und Repräsentation.
Gut 1.500 Jahre nach Veksø tauchen Hörnerhelme im Norden wieder auf – allerdings nicht als echte Helme, sondern als Bild. 1870 wurden in einem Steinhügel in der Gemeinde Torslunda auf Öland vier bronzene Prägemodel gefunden, die Torslunda-Bleche. Mit ihnen wurden Pressbleche hergestellt, die prunkvolle Helme der Vendelzeit schmückten, des 6. und 7. Jahrhunderts n. Chr. Eines dieser Model zeigt zwei Gestalten: einen Mann in Wolfsgestalt mit Speer und neben ihm einen Tänzer mit einem Helm, dessen Hörner in Vogelköpfen enden. Beide Gestalten sind bewaffnet.
Das Spannende: Diesem Tänzer fehlt ein Auge. Ein Laserscan zeigte, dass es aus der Vorlage des Models offenbar bewusst entfernt wurde. Ein einäugiger Mann mit Speer, dazu ein Wolfskrieger – viele Forscher sehen darin eine Darstellung Odins oder eines Kultakteurs in Odins Rolle, begleitet von einem Krieger, wie ihn später die Quellen als Úlfheðinn beschreiben. Sehr ähnliche Tänzer mit vogelköpfigen Hörnerhelmen erscheinen auf den Blechen des Helms aus Sutton Hoo in England, auf einer Gürtelschnalle aus Finglesham in Kent aus dem 7. Jahrhundert und auf weiteren kleinen Objekten aus Schweden.
Zwei Dinge sind hier wichtig. Erstens: Die Helme, auf denen diese Bilder saßen, hatten selbst keine Hörner. Die gehörnten Gestalten sind Bildmotiv, nicht Ausrüstung. Zweitens: Es führt keine nachweisbare Linie von Veksø nach Torslunda. Zwischen beiden liegt mehr als ein Jahrtausend ohne gehörnte Helmfunde im Norden. Gemeinsam ist beiden Epochen nur, dass der Hörnerhelm ins Reich der Götter und Rituale gehört.
Damit sind wir wieder bei der Ausgangsfrage, und die Antwort lässt sich jetzt präzise fassen. Die Bronzezeit kannte echte Hörnerhelme als Kultgerät. Die Vendelzeit kannte gehörnte Gestalten als Bildmotiv auf Helmen. Die Wikingerzeit kannte, nach allem, was Funde und Texte hergeben, keinen Hörnerhelm im Kampf. Kein Text und kein Helmfund dieser Zeit kennt Hörner.
Gelegentlich liest man, die 1942 gefundenen Veksø-Helme hätten das Bild vom gehörnten Wikinger inspiriert. Das kann nicht stimmen, zumindest nicht als Ursprung: Doeplers Bayreuther Kostüme stammen von 1876, also aus einer Zeit, als die Helme noch unentdeckt im Moor lagen. Höchstens haben sie das falsche Bild im 20. Jahrhundert bestärkt. Wie der Mythos entstand und warum er sich so hartnäckig hält, liest du in unserem Artikel zum Hörnerhelm-Mythos.
Für uns als Werkstatt, die nordische Motive in Schiefer, Holz und Glas graviert, sind die Veksø-Helme ein Lehrstück. Der echte Befund ist exotischer als das Klischee: ein Vogelgesicht aus Bronze, Federn mit Birkenteer in Hornspitzen geklebt, ein Bilderkreis von Seeland bis Sardinien. Wenn wir ein Motiv gestalten, nennen wir deshalb Epoche und Fundort, statt Bronzezeit, Vendelzeit und Wikingerzeit in einen Topf zu werfen.

Gab es überhaupt echte Hörnerhelme im Norden? Ja. Die beiden Bronzehelme von Veksø auf Seeland sind echte Hörnerhelme, gefunden 1942 und um 900 v. Chr. in einem damaligen See niedergelegt. Sie stammen aus der Bronzezeit, nicht aus der Wikingerzeit.
Wie alt sind die Veksø-Helme? Eine Radiokarbondatierung von Birkenteer aus einem Horn ergab 1006–857 v. Chr. (95,4 % Wahrscheinlichkeit). Veröffentlicht wurde das 2021/22 von Helle Vandkilde und Kollegen in der Prähistorischen Zeitschrift.
Wurden die Hörnerhelme im Kampf getragen? Nach allem, was wir wissen, nicht. Dünnes Blech, Federschmuck, die Opferung im Wasser und Bildquellen wie Grevensvænge und Tanum sprechen für Prozession und Ritual.
Wo kann man die Helme von Veksø sehen? Beide Helme sind im Nationalmuseum (Nationalmuseet) in Kopenhagen ausgestellt, ebenso die erhaltenen Figuren aus Grevensvænge.
Was haben die Hörnerhelme mit Sardinien zu tun? Auf Sardinien und in Südwestiberien gibt es aus derselben Zeit sehr ähnliche Bilder gehörnter Krieger. Die Forschung sieht darin ein gemeinsames Bildernetz über Seehandelsrouten, nicht den Beweis, dass die Helme selbst aus Sardinien kamen.
Trugen Wikinger Hörnerhelme? Nein. Es gibt keinen einzigen Helmfund mit Hörnern aus der Wikingerzeit; das Bild entstand im 19. Jahrhundert, vor allem durch Wagner-Inszenierungen ab 1876.
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