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Hatten Wikinger Hörner auf dem Helm? Wie der Hörnerhelm-Mythos entstand – und was die Funde wirklich zeigen

Mythos-Check Hatten Wikinger Hörner auf dem Helm? Wie der Hörnerhelm-Mythos entstand – und was die Funde wirklich zeigen

Nein – für keinen einzigen Wikinger ist ein Kampfhelm mit Hörnern belegt, weder im Boden noch in zeitgenössischen Texten. Der einzige fast vollständige Helm der Wikingerzeit, gefunden 1943 im norwegischen Gjermundbu, ist eine runde Eisenkappe mit Brillenmaske und ohne jede Spur von Hörnern. Echte Hörnerhelme gibt es zwar, sie stammen aber aus der Bronzezeit, rund 1.700 Jahre früher. Den gehörnten Wikinger haben Gelehrte, Maler und die Bayreuther Bühne des 19. Jahrhunderts erfunden. Hier erfährst du, wie das passiert ist.

Die kurze Antwort und das Problem dahinter

Frag zehn Leute, wie ein Wikinger aussieht, und neun zeichnen dir denselben Kopf: Bart, grimmiger Blick, Eisenhelm mit zwei geschwungenen Hörnern. Dieses Bild sitzt so fest, dass es fast unhöflich wirkt, daran zu rütteln. Wir rütteln trotzdem, denn die Archäologie ist hier erfreulich eindeutig. Aus der Wikingerzeit, also grob von 793 bis 1066, kennen wir keinen einzigen Helm mit Hörnern. Keine Grabbeigabe, keinen Moorfund, keinen Beschlag, an dem einmal ein Horn gesessen hätte.

Auch die Schriftquellen helfen dem Mythos nicht. Fränkische Annalen, angelsächsische Chroniken, irische Klosterberichte und arabische Reisende beschreiben die Nordleute oft und selten freundlich. Gerade christliche Chronisten hätten jedes barbarische Detail dankbar notiert. Von Hörnern auf dem Kopf erzählt keiner von ihnen. Die altnordische Dichtung kennt das Wort hjálmr, den Helm, sehr wohl, schmückt ihn aber mit Gold, nicht mit Gehörn.

Spannend wird es erst bei der Frage, woher das Bild dann kommt. Die Antwort führt von dänischen Mooren der Bronzezeit bis auf die Bühne von Bayreuth 1876.

Was im Boden liegt: der Helm von Gjermundbu

Am 29. März 1943 ebnete der Bauer Gunnar Gjermundbo auf seinem Hof bei Haugsbygd in Ringerike, nordwestlich von Oslo, Gelände für ein Haus ein. Dabei stieß er auf einen Grabhügel und darin auf ein Männergrab des 10. Jahrhunderts. Archäologen der Universität Oslo bargen ein Schwert, zwei Speere, zwei Äxte, vier Schildbuckel, Sporen, Reitzeug, Reste eines Kettenhemds und neun Bruchstücke von Eisen, aus denen sich ein Helm rekonstruieren ließ. Datiert wird das Grab in die zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts.

Der Helm besteht aus einer runden Kalotte (der gewölbten Schädelkappe) aus vier Eisenplatten, die von Spangen zusammengehalten werden, oben ein kleiner Dorn. Davor sitzt eine sogenannte Brillenmaske: ein Eisengestell, das Augen und Nase umrahmt und schützt, fast wie ein Brillengestell mit Nasensteg. Ringspuren am Rand deuten auf einen Nackenschutz aus Kettengeflecht. Hörner? Keine. Kein Ansatz, keine Niete, keine Bohrung.

Gesicherter Befund: Der Gjermundbu-Helm (Museum für Kulturgeschichte, Universität Oslo, Inv. C27317) ist der einzige so weit erhaltene Helm aus einem wikingerzeitlichen Grab Skandinaviens, der sich vollständig rekonstruieren ließ. Er stammt aus der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts und hat keine Hörner. Auch das Kettenhemd aus demselben Grab ist für Skandinavien ein Einzelfall.

Wer mehr über Fundgeschichte, Bauweise und Nachbauten wissen will, findet alles in unserem Beitrag über den Gjermundbu-Helm. Für unsere Frage reicht der Kern: Das einzige gut erhaltene Original sieht aus wie ein nüchternes Arbeitsgerät aus Eisen, nicht wie ein Opernkostüm. Und selbst in diesem reichen Grab ist der Helm eine Besonderheit.

Die übrigen Zeugen: Tjele, Yarm, Kiew und Lokrume

Neben Gjermundbu kennt die Forschung nur eine Handvoll weiterer Helmreste, die sicher oder wahrscheinlich in die Wikingerzeit gehören. Wichtig ist, was sie gemeinsam haben, und was nicht.

Tjele, Dänemark. 1850 fand ein Bauer beim Pflanzen von Bäumen nahe dem Gut Tjele zwischen Viborg und Randers einen Satz Schmiedewerkzeug, darunter Ambosse, Hämmer, Zangen und Feilen. Ein verziertes Eisenstück dabei hielt man über 130 Jahre lang für einen Sattelbeschlag. Erst 1984 erkannte die Archäologin Elisabeth Munksgaard am Nationalmuseum Kopenhagen darin Augenbrauenbogen und Nasenschutz einer Helmmaske, ganz ähnlich der von Gjermundbu. Der Fund wird um 950 bis 970 datiert.

Yarm, England. In den 1950er Jahren stießen Arbeiter beim Ausheben von Leitungsgräben in Yarm am Fluss Tees (North Yorkshire) auf einen eisernen Helm aus genieteten Bändern und Platten, mit kleinem Knauf und Brillenmaske. Eine Untersuchung unter Leitung von Chris Caple (Durham University) ordnete ihn 2020 dem 10. Jahrhundert und dem anglo-skandinavischen Umfeld Nordenglands zu. Er ist der zweite weitgehend erhaltene Helm dieser Epoche, heute im Preston Park Museum in Stockton-on-Tees.

Kiew und Lokrume. Aus Kiew stammt eine reich verzierte Helmmaske, gefunden im Bereich der Zehntkirche, aus Lokrume auf Gotland ein weiteres Maskenfragment. Beide werden ebenfalls in die zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts gesetzt. Dazu kommen vereinzelte Bruchstücke, etwa aus Birka, deren Deutung unsicher ist.

Das Muster ist deutlich: Was überliefert ist, sind Kappen mit Brillen- oder Nasenschutz, teils mit Silber- und Bronzeeinlagen verziert, also durchaus Prestigeobjekte. Kein Stück trägt Hörner, keines hat Befestigungen dafür. Einen ausführlichen Überblick über alle bekannten Funde bis hin zu den älteren Prunkhelmen gibt unser Artikel Helme des Nordens.

Trugen Wikinger überhaupt Helme?

Wenn aus rund 270 Jahren Wikingerzeit nur so wenige Helme erhalten sind, liegt eine zweite Frage nahe: Wie viele Krieger hatten überhaupt einen? Die ehrliche Antwort lautet: vermutlich wenige. Eisen musste aus Raseneisenerz gewonnen, ausgeheizt und in vielen Arbeitsstunden getrieben werden. Ein Helm war damit eine kostspielige Anschaffung, ähnlich wie ein Schwert oder ein Kettenhemd. Forschende gehen deshalb meist davon aus, dass vor allem wohlhabende Männer und das Gefolge von Königen und Jarlen Metallhelme besaßen.

Dazu passt eine viel ältere Beobachtung, die sich zwar auf die Germanen des 1. Jahrhunderts bezieht, aber zeigt, wie knapp Metall im Norden immer war. Tacitus schreibt in seiner Germania (Kapitel 6):

Paucis loricae, vix uni alterive cassis aut galea.

„Nur wenige haben einen Panzer, kaum einer oder ein anderer einen Helm aus Metall oder Leder.“Tacitus, Germania 6 (98 n. Chr.); eigene Übertragung

Achthundert Jahre später waren die Verhältnisse andere, aber der Grundsatz blieb: Die Masse der Kämpfer in einem Schildwall verließ sich auf Schild, Speer und vielleicht eine Axt. Kappen aus Leder oder Stoff sind plausibel, aber archäologisch kaum nachweisbar, also eine Vermutung.

Ein weiterer Grund für die geringe Zahl der Funde: Mit der Christianisierung endete im Norden die Sitte, Toten Waffen mit ins Grab zu geben. Und selbst in heidnischer Zeit landete ein Helm offenbar nur selten im Grab, er war wohl eher Erbstück als Beigabe. Dass so wenig erhalten ist, heißt also nicht, dass es gar keine Helme gab. Es heißt aber auch nicht, dass irgendwo gehörnte Exemplare verschollen sind. Wer wissen will, wie Wikinger nach Skelettfunden, DNA und Augenzeugen wirklich aussahen, findet das in unserem Beitrag Wie sahen Wikinger aus?

Mythos-Check: „Jeder Wikinger zog mit Eisenhelm in die Schlacht.“ Nicht belegt und eher unwahrscheinlich. Metallhelme waren teuer und in Gräbern ausgesprochen selten. Das Bild vom einheitlich behelmten Wikingerheer stammt aus Film und Spiel, nicht aus den Funden.

Warum Hörner im Kampf eine schlechte Idee wären

Neben dem Fundbild gibt es ein praktisches Argument, das Waffenhistoriker gern anführen. Eine runde, glatte Helmkappe lässt Hiebe abgleiten. Hörner tun das Gegenteil: Sie bieten Klinge und Axtbart einen Angriffspunkt, an dem der Schlag hängen bleibt, und übertragen die Wucht als Hebel direkt auf Kopf und Nacken. Im Gedränge eines Schildwalls oder auf der engen Ruderbank eines Langschiffs würden sie sich zudem ständig verhaken.

Ganz zwingend ist dieses Argument allerdings nicht: Prunkhelme mit Kämmen oder Tierfiguren gab es in vielen Kulturen. Das eigentliche Argument bleibt deshalb das Fundbild.

Echte Hörnerhelme: die Bronzezeit von Veksø

Jetzt die Wendung, die den Mythos so zäh macht: Hörnerhelme gibt es tatsächlich, und zwar in Dänemark. 1942 fand ein Torfstecher im Moor Brøns Mose bei Veksø (oft auch Viksø geschrieben), wenige Kilometer nordwestlich von Kopenhagen, zwei prächtige Bronzehelme. Jeder trägt zwei kräftig geschwungene Hörner, dazu stilisierte Augen und einen Schnabel, der an einen Greifvogel erinnert. Ursprünglich saß auf jedem Helm vermutlich ein Kamm, etwa aus Pferdehaar, an den Hornspitzen möglicherweise Federn.

Lange wurden die Helme nur nach ihrem Stil grob in die Bronzezeit eingeordnet. 2019 bemerkten Fachleute des Nationalmuseums beim Fotografieren Reste von Birkenteer an einem Horn. Dieser organische Klebstoff ließ sich mit der Radiokarbonmethode direkt datieren. Ergebnis der Studie von Helle Vandkilde (Universität Aarhus) und Kollegen, Ende 2021 online in der Praehistorischen Zeitschrift erschienen: Die Helme gelangten um 900 v. Chr. ins Moor, in die jüngere nordische Bronzezeit. Das Team sieht zudem Verbindungen zu gehörnten Figuren auf Sardinien und auf der Iberischen Halbinsel aus derselben Zeit. Diese Fernbeziehung ist eine Deutung, die nicht alle Fachleute teilen.

Die Veksø-Helme waren keine Kampfhelme. Das dünne Bronzeblech hätte keinem ernsthaften Hieb standgehalten, und die Helme wurden als Paar bewusst im Moor niedergelegt, wohl als Opfer. Vandkilde fasst es in einem dänischen Interview sinngemäß so: In manchen populären Erzählungen tragen Wikinger Hörnerhelme, doch das ist ein Phänomen der Bronzezeit. Bis zum Überfall auf Lindisfarne 793 vergingen danach gut 1.700 Jahre.

Gehörnte Gestalten zeigen auch andere Funde der Bronzezeit, etwa kleine Bronzefiguren aus dem Hort von Grevensvænge auf Seeland, die nur noch teilweise erhalten sind, und zahlreiche Felsbilder in Skandinavien. Außerhalb des Nordens kommt der Waterloo-Helm aus der Themse in London hinzu, ein eisenzeitlicher Zeremonialhelm mit kegelförmigen Hörnern aus dem britisch-keltischen Raum. Mehr zu diesen Stücken, ihrer Funktion und ihrer Datierung erzählt unser Artikel Hörnerhelme – doch, aber nicht bei den Wikingern.

Mythos-Check: „Die Veksø-Helme beweisen, dass es im Norden Hörnerhelme gab, also auch bei den Wikingern.“ Falsch. Sie beweisen das Erste und widerlegen eher das Zweite: Hörnerhelme gehören im Norden in die Bronzezeit und waren dort kultische Objekte. Für die Wikingerzeit fehlt jeder vergleichbare Fund.

Hörner vor den Wikingern: Torslunda, Sutton Hoo und die Vendelzeit

Zwischen Bronzezeit und Wikingerzeit liegt eine Epoche, in der Hörner noch einmal auftauchen, allerdings auf Bildern, nicht auf Kampfhelmen. Anfang 1870 kamen in einem Steinhaufen in Torslunda auf der Insel Öland vier gegossene Bronzeplatten zutage. Sie sind keine Schmuckstücke, sondern Model, also Prägeformen: Man presste dünnes Blech darauf und erhielt so Bildstreifen, mit denen die Prunkhelme der Vendelzeit (etwa 550 bis 790) verkleidet wurden. Heute liegen sie im Historischen Museum in Stockholm.

Eine der Platten zeigt eine tanzende Gestalt mit Speeren in den Händen und einem Kopfschmuck aus zwei geschwungenen Hörnern, deren Enden in Vogelköpfe auslaufen. Bei der tanzenden Figur fehlt ein Auge: Lasermessungen zeigten, dass es offenbar absichtlich aus dem Model entfernt wurde. Deshalb deuten viele Fachleute sie als Odin oder als einen Menschen, der im Ritual die Rolle des einäugigen Gottes übernimmt. Die ganze Platte und ihre Deutung stellen wir in Die Torslunda-Bleche vor.

Ganz ähnliche Tänzer mit Vogelhorn-Helmen erscheinen auf den Pressblechen des Helms aus dem Schiffsgrab von Sutton Hoo in England, um 600 n. Chr. Das sind Bilder von Göttern, Ritualen oder Kultrollen, nicht Abbildungen der gewöhnlichen Kampfausrüstung. Die Helme, auf denen diese Bilder saßen, waren selbst glatte Kappen mit Kämmen und Tierfiguren. Statt Hörnern trugen sie Eber, die Schutz versprachen; davon erzählt unser Beitrag über den Eber in der nordischen Welt. Auch das altenglische Beowulf-Epos kennt solche Helme:

Eoforlic scionon ofer hleorberan gehroden golde, fah ond fyrheard; ferhwearde heold.

„Eberbilder glänzten über den Wangenschützern, mit Gold verziert, bunt und feuerhart; sie hielten Wacht über das Leben.“Beowulf, V. 303–306; eigene Übertragung

Kein Wort von Hörnern.

Und das Oseberg-Gewebe?

Ein Fund aus der Wikingerzeit selbst wird immer wieder als Gegenbeweis angeführt. Im Schiffsgrab von Oseberg am Oslofjord, angelegt 834, lagen Reste eines schmalen Bildteppichs. Er zeigt eine Prozession aus Wagen, Pferden und Menschen, und eine der Figuren trägt einen Kopfschmuck, der wie ein Paar Hörner aussieht.

Was zeigt sie? Der Zusammenhang ist eindeutig kein Kampf. Die Szene wirkt wie ein Umzug oder ein Kultgeschehen, und viele Forschende sehen in der gehörnten Gestalt eine Ritualfigur, einen Gott oder einen Menschen in göttlicher Rolle, ganz in der Tradition der Torslunda-Tänzer. Ob Menschen bei solchen Anlässen tatsächlich gehörnten Kopfschmuck trugen oder ob der Weber hier eine Gestalt aus Mythos und Erinnerung zeigt, lässt sich nicht sicher sagen. Ein gehörnter Kampfhelm lässt sich daraus jedenfalls nicht ableiten.

Gesicherter Befund: Hörner erscheinen im Norden in drei Zusammenhängen: als bronzezeitliche Kulthelme (Veksø, um 900 v. Chr.), als Kopfschmuck tanzender Gestalten auf vendelzeitlichen Pressblechen (Torslunda, Sutton Hoo, 6./7. Jh.) und auf wenigen Bildwerken wie dem Oseberg-Gewebe (vor 834) in rituellem Kontext. Ein wikingerzeitlicher Kampfhelm mit Hörnern ist nicht bekannt.

Wie der Mythos entstand, Teil 1: Gelehrte, Gallier und Goldhörner

Die gründlichste Spurensuche stammt von der Mediävistin Roberta Frank, die im Jahr 2000 einen Aufsatz mit dem schönen Titel „The Invention of the Viking Horned Helmet“ veröffentlichte. Ihr Ergebnis: Der gehörnte Wikinger ist ein Kind des späten 19. Jahrhunderts, hatte aber eine lange Vorgeschichte.

Die beginnt in der Antike. Griechische und römische Autoren wie Diodor und Plutarch beschrieben Gallier und Kimbern mit gehörnten oder mit Tierfiguren geschmückten Helmen. Humanisten der Renaissance warfen Kelten und Germanen gern in einen Topf, und so gab etwa der Geograph Philipp Clüver 1616 in seiner Germania antiqua den alten Germanen Hörnerhelme. Germanen, wohlgemerkt, keine Wikinger. Aber das Bild des gehörnten „Barbaren aus dem Norden“ war damit in der Welt.

Dazu kamen Funde, die man falsch zuordnete. Die berühmten Goldhörner von Gallehus mit ihren gehörnten Figuren, der Hort von Grevensvænge, gefunden 1799, die Torslunda-Platten von 1870 oder der Waterloo-Helm aus der Themse von 1868 wurden im 19. Jahrhundert teils pauschal den „alten Nordleuten“ zugeschlagen. Ironischerweise beschrieb der schwedische Archäologe Oscar Montelius den Kopfschmuck der Torslunda-Figur schon 1872 als Vogelhälse, nicht als Hörner. Durchgesetzt hat sich seine Vorsicht nicht. Bezeichnend: Der Begriff „Wikingerzeit“ taucht erst 1873 in Fachartikeln auf, kurz bevor die Epoche ihr falsches Kostüm erhielt.

Teil 2: Romantik, Tegnér und Malmström

Im frühen 19. Jahrhundert entdeckte Skandinavien seine Vorzeit neu. In Schweden sammelte der Götiska förbundet, der „Gotische Bund“, ab 1811 Dichter und Gelehrte, die eine heroische Vergangenheit beschwören wollten. Ihr größter Erfolg war die Frithiofs saga von Esaias Tegnér, ein Versepos nach einer isländischen Saga, das 1825 vollständig erschien und in viele Sprachen übersetzt wurde. Frithiof, der Held, trägt darin keinen Hörnerhelm. Nach Roberta Frank behielt er in den Illustrationen den größten Teil des Jahrhunderts einen Adlerhelm.

Hier müssen wir eine verbreitete Angabe korrigieren, die auch in unserer früheren Fassung dieses Artikels stand. Oft liest man, der schwedische Maler Gustav (eigentlich Johan August) Malmström habe schon in den 1820er Jahren Wikinger mit Hörnerhelmen gezeichnet. Das kann nicht stimmen: Malmström wurde 1829 geboren. Seine bekannten Illustrationen zur Frithiofs saga entstanden Jahrzehnte später, zuerst als Holzstiche für eine Ausgabe der 1870er Jahre, dann für die große Stockholmer Prachtausgabe von 1888. In diesen Bildern tragen manche Könige und Krieger nach gängiger Beschreibung Helme mit kleinen seitlichen Hörnern oder Flügeln. Malmström war also ein Verbreiter des Motivs, aber nicht dessen Erfinder in den 1820ern.

Insgesamt blieben skandinavische Maler laut Frank lange zurückhaltend. Louis Moes Zeichnungen zu Saxo (1898) etwa geben Hörner Göttern, Riesen und Fremden, nicht den Wikingern. Der eigentliche Schub kam aus dem deutschsprachigen Raum.

Teil 3: Bayreuth 1876 und Carl Emil Doepler

1876 eröffnete Richard Wagner das Festspielhaus in Bayreuth mit der ersten vollständigen Aufführung seines Zyklus „Der Ring des Nibelungen“. Die Kostüme entwarf der Maler und Illustrator Carl Emil Doepler (1824–1905). Archäologische Vorlagen für germanische Götter gab es kaum, also griff er auf antike Barbarenbilder, Funde verschiedenster Epochen und viel Fantasie zurück. Heraus kamen Flügelhelme, Helme mit Kuhhörnern, Felle und schwere Schmuckstücke. Cosima Wagner fand, laut Frank, die Kostüme erinnerten an Indianerhäuptlinge, und meinte das nicht als Lob.

Wichtig ist eine Unterscheidung: Wagners „Ring“ spielt nicht in der Wikingerzeit, sondern in einer mythischen Welt aus Göttern, Riesen und der Völsungen- und Nibelungensage. Doepler kostümierte also streng genommen keine Wikinger. Aber Bayreuth wurde zum internationalen Kulturereignis, Bilder der Aufführungen gingen um die Welt, und die Grenze zwischen „germanisch“, „nordisch“ und „Wikinger“ war im Publikum ohnehin verschwommen. Wer die Vorlage der Opern kennen will, findet sie in unserem Beitrag über Sigurd, Brynhild und die Nibelungen.

Wenige Jahre später war der gehörnte Nordmann überall. Frank zählt die Belege auf: Wilhelm Wagners Sagenbuch „Unsere Vorzeit“ gab Frithiof in der Auflage von 1878 einen Hörnerhelm, eine amerikanische Übersetzung der Frithiofs saga aus demselben Jahr ebenso. Kaiser Wilhelm II. ließ 1894 seinen „Sang an Ägir“ mit Kuhhornhelmen illustrieren, gezeichnet von Doeplers Sohn Emil Doepler dem Jüngeren. Um 1900 war der Hörnerhelm zum Erkennungszeichen geworden für alles, was heidnisch, kriegerisch und nordisch wirken sollte.

Teil 4: Von der Oper zu Hägar, Wickie und dem Football-Stadion

Im 20. Jahrhundert übernahmen Werbung, Comic und Film das fertige Bild. Es hatte einen unschlagbaren Vorteil: Man erkennt es an der Silhouette. Zwei Hörner, und jeder denkt „Wikinger“, ohne ein Wort zu lesen.

Die Beispiele sind Legion. Die Footballmannschaft Minnesota Vikings trägt seit den 1960er Jahren ein Horn auf dem Helm. Dik Brownes Comicfigur Hägar der Schreckliche, seit 1973 in Zeitungen weltweit, ist ohne seinen gehörnten Helm undenkbar. Halvar, der Vater von Wickie aus den Kinderbüchern von Runer Jonsson und der berühmten Zeichentrickserie der 1970er, trägt ebenfalls Hörner.

Aktuelle Serien zeigen meist runde Helme mit Nasenschutz, eher zu viele davon. Welche Klischees sich trotzdem halten, steht in Typisch Wikinger?

Und die Flügelhelme?

Der kleine Bruder des Hörnerhelms ist der Flügelhelm, den du von Walküren auf Opernplakaten oder von Asterix kennst. Auch er hat mit der Wikingerzeit nichts zu tun. Geflügelte Köpfe kennt man aus römischen Bildern des Gottes Merkur, und antike Autoren beschreiben bei Kelten Helme mit Vogel- und Tierfiguren. Der keltische Eisenhelm von Ciumeşti in Rumänien trägt tatsächlich einen Raben mit beweglichen Flügeln. Im 19. Jahrhundert gab der Romanautor Felix Dahn einem skandinavischen Häuptling 1876 Seeadlerschwingen an den Helm, und Doepler setzte in Bayreuth Flügel auf die Häupter seiner Walküren und Götter.

Roberta Frank berichtet eine hübsche Episode: Um 1905 fragte jemand in der Zeitschrift der englischen Viking Society, was es mit den geflügelten Helmen der Wikinger auf sich habe. Der Gelehrte Karl Blind antwortete, er kenne dafür keinen Beleg. Der Sekretär der Gesellschaft dagegen sah für den gehörnten Helm reichlich Belege. Er irrte.

Mythos-Check: „Walküren und Wikinger trugen Flügelhelme.“ Weder Funde noch altnordische Texte stützen das. Die Edda beschreibt Walküren mit Helm, Brünne und Speer, aber nirgends mit Flügeln am Helm. Der Flügelhelm ist eine Bühnen- und Illustrationstradition des 19. Jahrhunderts, gespeist aus antiken Vorbildern.

Was wir daraus mitnehmen

Der Hörnerhelm ist ein Lehrstück darüber, wie Geschichtsbilder entstehen: Echte Funde aus fremden Epochen, antike Barbarenklischees, Sehnsüchte des 19. Jahrhunderts und eine prächtige Opernbühne flossen zu einem Kostüm zusammen, das stärker wirkt als jede Fundstatistik.

Wir haben uns für das Zweite entschieden. Wenn wir in unserer Werkstatt in Alsdorf nordische Motive in Schiefer, Holz oder Glas gravieren, orientieren wir uns an echten Vorlagen: an Runensteinen, an Tierstil-Ornamenten, an Helmen wie dem von Gjermundbu. Hörner tauchen bei uns nur dort auf, wo sie hingehören, auf einem bronzezeitlichen Kulthelm oder einem tanzenden Gott aus Torslunda. Für den Wikinger auf dem Schlachtfeld lassen wir sie weg. Die brauchte er schon damals nicht.

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Häufige Fragen

Hatten Wikinger Hörner auf dem Helm? Nein. Es gibt keinen einzigen archäologischen Fund und keine zeitgenössische Schriftquelle, die einen wikingerzeitlichen Kampfhelm mit Hörnern belegt. Der einzige fast vollständige Wikingerhelm aus Gjermundbu (Norwegen, 10. Jahrhundert) ist hörnerlos.

Woher kommt der Mythos vom Wikinger-Hörnerhelm? Aus dem 19. Jahrhundert. Antike Beschreibungen gehörnter Gallier, falsch zugeordnete Funde und romantische Illustrationen bereiteten den Boden, den Durchbruch brachten 1876 Carl Emil Doeplers Kostüme für Wagners „Ring des Nibelungen“ in Bayreuth.

Gab es überhaupt Hörnerhelme im Norden? Ja, in der Bronzezeit. Die beiden Helme von Veksø aus einem dänischen Moor wurden um 900 v. Chr. niedergelegt, also rund 1.700 Jahre vor der Wikingerzeit, und waren Kultobjekte, keine Kampfhelme.

Welche Wikingerhelme sind erhalten? Fast vollständig nur der Helm von Gjermundbu und, als Gegenstück aus England, der Helm von Yarm. Dazu kommen Maskenfragmente aus Tjele (Dänemark), Kiew und Lokrume (Gotland), alle aus dem 10. Jahrhundert.

Trugen alle Wikinger Helme? Wahrscheinlich nicht. Eisenhelme waren teuer und in Gräbern sehr selten, vermutlich trugen sie vor allem wohlhabende Krieger und das Gefolge von Herrschern.

Was zeigen die Hörner auf den Torslunda-Platten? Eine tanzende Gestalt mit Vogelkopf-Hörnern, wahrscheinlich Odin oder einen Menschen in seiner Rolle. Die Platten stammen aus der Vendelzeit (6./7. Jahrhundert) und zeigen Ritual- und Götterbilder, keine Alltagsausrüstung.

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