Überfälle kannte England seit Lindisfarne 793. Man kam mit dem Schiff, nahm, was sich tragen ließ, und war wieder fort, bevor ein Aufgebot stand. Im Herbst 865 landete in East Anglia etwas anderes: ein Heer, das Pferde verlangte, im Land überwinterte und dreizehn Jahre lang nicht wieder abzog. Am Ende waren drei von vier angelsächsischen Königreichen gefallen, und aus Kriegern waren Bauern geworden. Was wir über dieses Heer wirklich wissen, steht in einer einzigen Chronik – und seit einigen Jahren auch im Boden.

Die Angelsächsische Chronik ist sparsam. Zum Jahr, das nach heutiger Zählung meist als 865 gilt, notiert sie, ein großes heidnisches Heer sei nach East Anglia gekommen, habe dort Winterquartier genommen, und die Ostangeln hätten Frieden geschlossen und ihm Pferde gegeben. Im Altenglischen steht micel hæþen here. Daraus ist der moderne Name geworden, unter dem das Heer heute bekannt ist: die Große Heidnische Armee, englisch Great Heathen Army.
Man sollte den Namen nicht überschätzen. Die Chronisten benutzten ihn nicht als Titel. In den folgenden Jahreseinträgen heißt es meist nur noch se here, das Heer. Wer diese Leute waren, woher genau sie kamen, wie sie sich selbst nannten, sagt die Chronik nicht. Sie beschreibt, was das Heer tat, aus der Sicht derer, die es traf.
Drei Dinge unterscheiden die Ankunft von 865 von allem, was vorher geschah. Erstens blieb das Heer über den Winter. Zweitens bewegte es sich zu Pferd über Land und nutzte die großen Flüsse als Straßen, statt nur an der Küste zuzuschlagen. Drittens zielte es auf Königreiche, nicht auf Klöster. In den folgenden Jahren fielen Northumbria, East Anglia und Mercia; nur Wessex hielt.
Warum gerade jetzt ein solches Heer kam, steht in keiner Quelle. Die Forschung nennt plausible Gründe: Die angelsächsischen Königreiche waren untereinander zerstritten, Northumbria steckte mitten in einem Thronstreit, und auf der anderen Seite des Kanals begann das Frankenreich in den 860er-Jahren, seine Flüsse gegen Wikingerflotten zu sichern. Das sind Deutungen, keine Belege – aber sie passen zusammen.
Die Route lässt sich aus der Chronik Jahr für Jahr nachzeichnen, weil sie fast immer vermerkt, wo das Heer überwinterte. Aus East Anglia zog es 866 nach Norden und nahm im Spätherbst York ein. Im März 867 versuchten die beiden rivalisierenden Könige Northumbrias, Osberht und Ælla, die Stadt zurückzuerobern; beide fielen.
868 stand das Heer in Nottingham, mitten in Mercia. König Burgred rief Wessex zu Hilfe, die Brüder Æthelred und Alfred rückten an, man belagerte – und schloss am Ende Frieden. 869 kehrte das Heer nach East Anglia zurück. König Edmund wurde getötet. Dass er an einen Baum gebunden und mit Pfeilen erschossen wurde und ein Wolf seinen Kopf bewachte, erzählt erst die Heiligenlegende des Abbo von Fleury, gut hundert Jahre später. Die Chronik sagt nur, dass er fiel.
870 ging es gegen Wessex. Von Reading aus kam es Anfang 871 zur Schlacht am Ashdown, in der die Chronik zwei Könige des Heeres nennt, Bagsecg und Halfdan; Bagsecg fiel. Im April starb König Æthelred von Wessex, sein Bruder Alfred wurde König. Im selben Jahr kam ein zweites Heer aus Übersee dazu, das die Chronik das „große Sommerheer" nennt.
Die Winterlager der folgenden Jahre sind die Stationen, die heute ausgegraben werden: 871/72 London, 872/73 Torksey am Trent, 873/74 Repton. In Repton floh König Burgred von Mercia nach Rom, das Heer setzte an seiner Stelle Ceolwulf ein, einen König von seinen Gnaden.
Die Chronik nennt Namen, aber keine Hierarchie. Für 871 nennt sie die Könige Bagsecg und Halfdan und eine Reihe von Jarlen. Für 875 nennt sie Guthrum, Oscetel und Anwend. Zum Jahr 878 erwähnt sie in Devon einen Bruder „Ivars und Halfdans", der dort mit dreiundzwanzig Schiffen umkam. Damit ist Ivar in der Chronik selbst greifbar, und dass er und Halfdan Brüder waren, steht nicht erst in der Saga.
Was dort nicht steht, ist der Vater. Adam von Bremen nennt um 1075 einen Inguar filius Lodparchi, Ivar, Sohn des Lodbrok. Ausgebaut wird das erst in den isländischen Erzählungen des 13. Jahrhunderts: Die Söhne Ragnars seien nach England gezogen, um den Tod ihres Vaters zu rächen, den König Ælla in eine Schlangengrube habe werfen lassen. Das ist ein großer Stoff. Er ist aber zweihundert bis dreihundert Jahre jünger als das Heer, und keine Quelle des 9. Jahrhunderts kennt ihn. Mehr dazu bei Ragnar Lodbrok.
Lange war die Große Heidnische Armee ein reines Textphänomen. Das hat sich durch Metallsondengänger geändert. Über rund zwanzig Jahre haben etwa siebzig von ihnen auf den Feldern nördlich von Torksey in Lincolnshire gesucht, ihre Funde gemeldet und kartiert. Dawn Hadley und Julian Richards haben das Material ausgewertet und 2016 vorgelegt.
Das Lager des Winters 872/73 erstreckte sich über rund 55 Hektar auf einer Anhöhe am Trent. Gezählt wurden 1.572 frühmittelalterliche Funde. Darunter 124 arabische Silbermünzen, Dirhams – die größte Konzentration an einem Fundplatz auf den Britischen Inseln –, sechzig Stücke Hacksilber, weit über dreihundert Gewichte und 289 Spielsteine aus Blei. Dazu vierzig angelsächsische Silberpfennige und mehr als 170 northumbrische Kupfermünzen.
Das Bild, das sich daraus ergibt, ist kein Feldlager im engen Sinn. Hier wurde Silber gewogen, gehandelt, geschmolzen und verspielt. Es gab Handwerk, und mit hoher Wahrscheinlichkeit gab es Frauen und Kinder. Das Heer war ein wandernder Ort mit Markt.
Über diese Frage wird seit den 1960er-Jahren gestritten. Peter Sawyer hielt die Heere für klein, eher Hunderte als Tausende. Nicholas Brooks hielt dagegen. Die Chronik hilft nicht, denn sie nennt für dieses Heer keine Zahlen.
Torksey hat die Debatte nicht entschieden, aber verschoben. Ein Lager dieser Fläche passt schlecht zu ein paar hundert Mann. Hadley und Richards rechnen vorsichtig: Wenn eine Flotte fünfzig bis hundert Schiffe umfasste und jedes dreißig bis fünfzig Krieger trug, ist ein Heer von 1.500 bis 5.000 Mann nicht unplausibel. Mehr als eine begründete Spanne gibt es nicht.
Im Winter 873/74 lag das Heer in Repton am Trent, einem der bedeutendsten Orte Mercias. Hier stand die Kirche des heiligen Wystan mit einer Krypta, in der mercische Könige bestattet waren. Martin Biddle und Birthe Kjølbye-Biddle haben den Ort zwischen 1974 und 1988 ausgegraben. Sie deuteten einen D-förmigen Graben, der die Kirche einbezog, als Befestigung des Heeres – die Kirche als Torhaus.
Neben der Kirche lag das Grab 511: ein Mann mit einem Schwert vom Petersen-Typ M und einem silbernen Thorshammer-Anhänger. Isotopenanalysen zeigen, dass er in einer Gegend aufwuchs, die zu Südskandinavien passt.
Berühmter ist ein anderer Befund. Unter einem Hügel im Pfarrgarten lagen die Knochen von mindestens 264 Menschen, überwiegend Männer zwischen 18 und 45 Jahren. Radiokarbondaten aus den 1990er-Jahren streuten merkwürdig – manche wiesen ins 7. oder 8. Jahrhundert. Catrine Jarman und Kollegen konnten 2018 zeigen, woran das lag: am marinen Reservoireffekt. Wer viel Fisch isst, nimmt alten Kohlenstoff aus dem Meer auf, und seine Knochen wirken im Labor älter, als sie sind. Korrigiert passen alle Daten zu einem einzigen Ereignis im späten 9. Jahrhundert, vereinbar mit 872 bis 874.
Wenige Kilometer entfernt, bei Heath Wood, liegt das einzige bekannte skandinavische Brandgräberfeld Britanniens mit 59 Grabhügeln. Eine Strontium-Studie von 2023 an Resten von Menschen und Tieren ergab ein gemischtes Bild: Ein Erwachsener und ein Kind waren vor Ort aufgewachsen, ein anderer Erwachsener aber stammte aus dem Gebiet des Baltischen Schildes, also aus Norwegen oder Mittel- und Nordschweden – und mit ihm ein Pferd und ein Hund. Das Heer brachte seine Tiere über die Nordsee mit.
Nach Repton teilte sich das Heer. Halfdan zog nach Norden. Zum Jahr 876 steht in der Chronik der vielleicht wichtigste Satz der ganzen Geschichte: Halfdan teilte das Land der Northumbrier auf, und sie pflügten und versorgten sich selbst. Aus Kriegern wurden Landbesitzer.
Guthrum ging mit dem anderen Teil nach Süden. 878 überfiel er Alfred mitten im Winter in Chippenham; Alfred zog sich in die Sümpfe von Athelney zurück, sammelte ein Aufgebot und schlug Guthrum im Mai bei Edington. Guthrum ließ sich taufen, erhielt den Namen Æthelstan und siedelte sich mit seinen Leuten um 880 in East Anglia an. Die Gebiete, in denen sich Teile des Heeres niederließen, wurden später das Danelag – ein eigenes Kapitel, das wir in einem eigenen Artikel erzählen.
Zeitgenössisch belegt ist die Chronologie aus der Angelsächsischen Chronik, die unter Alfred um 890 zusammengestellt wurde – aus westsächsischer Sicht, das muss man beim Lesen mitdenken. Dazu kommen Assers Lebensbeschreibung Alfreds von 893 und die Chronik des Æthelweard aus dem späten 10. Jahrhundert.
Archäologisch belegt sind die Lager von Torksey und Repton, das Gräberfeld von Heath Wood und die Herkunft einzelner Toter, Pferde und Hunde aus Skandinavien.
Spätere Überlieferung sind das Martyrium Edmunds mit Pfeilen und Wolf, der Vater Lodbrok bei Adam von Bremen und die Rache für Ragnar samt Schlangengrube in den Sagas des 13. Jahrhunderts.
Moderne Deutung sind die Gründe für den Zeitpunkt, die Größe des Heeres und nicht zuletzt das Bild, das Fernsehserien davon gezeichnet haben.
Was bleibt, ist auch ohne Saga groß genug: ein Heer, das kam, um zu bleiben, und das die Landkarte Englands dauerhaft verändert hat. Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

Ivar der Knochenlose · Ragnars Söhne · Alfred der Große · Ragnar Lodbrok · Das Danelag · Die Englandfahrer · Erik Blutaxt · Die Wikinger in Irland, Schottland & auf den Inseln.
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