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Gudme – das „Heim der Götter“ auf Fünen: Halle, Gold und Hafen eines Machtzentrums vor den Wikingern

Geschichte Gudme – das „Heim der Götter“ auf Fünen: Halle, Gold und Hafen eines Machtzentrums vor den Wikingern

Gudme auf der dänischen Insel Fünen war vom 3. bis ins 6. Jahrhundert eines der reichsten Macht- und Kultzentren Skandinaviens, und sein Name wird meist als „Heim der Götter“ gedeutet. Hier stand eine Halle von 47 Metern Länge, hier kamen über 4,5 Kilogramm Gold im Broholm-Hort, mehr als tausend römische Münzen und zahlreiche Goldbrakteaten ans Licht, und an der nahen Küste lag mit Lundeborg der Hafen dazu. Wir zeigen dir, was davon gesicherter Befund ist, was Deutung – und warum Gudme der Bauplan für spätere Königssitze wurde.

Im Jahr 1833 zog ein Pflug auf einem Feld bei Lundeborg an der Ostküste Fünens etwas aus der Erde, das dort seit rund dreihundert Jahren gelegen hatte: Halsringe, Armringe, Schwertbeschläge, Goldbarren, eine Fibel, Brakteaten. Mehr als viereinhalb Kilogramm Gold. Der Fund kam nach dem nahen Gut Broholm zu seinem Namen und gehört bis heute zu den größten Goldschätzen aus Dänemarks Vorzeit.

Was damals noch niemand ahnte: Der Schatz war kein Einzelfall, sondern die Spitze eines Eisbergs. Anderthalb Jahrhunderte später, als Archäologen und Sondengänger die Felder rund um das Dorf Gudme systematisch absuchten, wurde klar, dass hier eine ganze Landschaft voller Edelmetall, Werkstätten und Hallen im Boden liegt. Und dass der Ortsname selbst womöglich verrät, warum: Gudme, so die verbreitete Deutung, heißt „Heim der Götter“.

Gudme ist kein Wikingerort. Seine Blüte liegt zwischen etwa 200 und 600 n. Chr., also in der Römischen Kaiserzeit und der Völkerwanderungszeit. Aber wer verstehen will, woher die Königshallen von Lejre, die Machtzentren an der Schlei oder die Hügel von Uppsala kommen, muss hier anfangen.

Wo Gudme liegt – und was ein „Zentralort“ ist

Gudme liegt im Südosten Fünens, ein paar Kilometer landeinwärts vom Großen Belt, der Meerenge zwischen Fünen und Seeland. Heute gehört der Ort zur Kommune Svendborg. Wer hinfährt, sieht eine sanfte Hügellandschaft mit Feldern, Waldstücken und dem kleinen Gudme Sø, einem See östlich des Dorfes. Nichts deutet auf den ersten Blick auf einen Fürstensitz hin.

Die Archäologie nennt Orte wie Gudme Zentralorte. Gemeint ist ein Platz, an dem sich auffallend vieles bündelt, das sonst verstreut vorkommt: Reichtum, spezialisiertes Handwerk, Fernhandel, Herrschaft und Kult. Ein Zentralort ist keine Stadt im mittelalterlichen Sinn – es gibt keine Mauer, keine Straßen, kein Marktrecht. Aber er erfüllt Funktionen, die später Städte übernehmen. Gudme ist für Südskandinavien das klassische Beispiel; der Begriff ist in der skandinavischen Forschung der 1980er- und 1990er-Jahre ganz wesentlich an diesem Fundplatz entwickelt worden.

Zur Blütezeit erstreckte sich die Siedlung über ungefähr einen Quadratkilometer. Nach dem Dänischen Nationallexikon (lex.dk) lagen dort bis zu 50 kleinere Höfe auf den trockensten Kuppen, das Nationalmuseum schätzt die Bevölkerung auf rund 500 Menschen. Manche Höfe wurden zwischen dem 3. und 6. Jahrhundert bis zu neunmal an derselben Stelle neu errichtet. Das ist Kontinuität über viele Generationen – kein kurzes Strohfeuer.

Was heißt „Gudme“? Der Name im Check

Der Name ist das, was die meisten Besucher zuerst fasziniert. In der dänischen Forschung gilt die Deutung „Götterheim“ als Standard: Das Vorderglied wird zu altdänisch guþ gestellt, „Gott“, hier im Sinne der heidnischen Götter in der Mehrzahl; das Hinterglied zu -hēm, „Heim, Wohnstatt, Siedlung“. Eine erschlossene Grundform wäre etwa *Guðheimr. Wichtig: Diese Form ist rekonstruiert, nicht in einer altnordischen Quelle belegt. Wenn unsere frühere Fassung „altnordisch Guðheim“ schrieb, war das zu forsch.

Gudme steht nicht allein. Nach lex.dk gibt es in Skandinavien elf Orte dieses Namenstyps – in Schweden etwa Gudhem in Västergötland. Gudme auf Fünen gilt als der früheste, reichste und größte von ihnen. Der dänische Namenforscher John Kousgård Sørensen hat die Gudhem-Namen 1985 zusammenhängend untersucht und sie als Bezeichnung für einen Ort gedeutet, an dem sich die Götter aufhalten.

Ganz so glatt ist die Sache aber nicht. Der schwedische Namenforscher Stefan Brink hat später darauf hingewiesen, dass es sich wohl nicht um einen ursprünglichen Eigennamen handelt, sondern um ein Gattungswort *gudhem, das an mehreren Orten zum Namen wurde. Was dieses Wort genau bezeichnete – eine Siedlung, einen Hof, einen ganzen Bezirk, einen Kultplatz –, lässt sich nach Brink nicht sicher sagen; er nennt den Namen ausdrücklich „schwer greifbar“. Dass der Name einen kultischen Hintergrund hat, bezweifelt er für Gudme allerdings nicht.

Mythos-Check: „Gudme heißt eindeutig Heim der Götter.“ Die Übersetzung ist die gängige und gut begründete Deutung, aber keine Gewissheit. Die Fachleute sind sich einig, dass „Götter“ im Namen steckt; was „Heim“ hier genau meinte und wie der Name entstand, ist offen. Und ein Name allein beweist noch keinen Kult – erst zusammen mit den Funden wird daraus ein starkes Indiz.

Wie solche Götternamen in der Landschaft funktionieren und wie man sie von Fehldeutungen unterscheidet, zeigen wir ausführlich in Götter in Ortsnamen.

Gudbjerg, Albjerg, Galdbjerg: eine „sakrale Landschaft“?

Rund um Gudme liegen weitere Namen, die aufhorchen lassen. Auf der anderen Seite des Gudme Sø liegt Gudbjerg, „Götterberg“ oder „Götterhügel“. Dazu kommen zwei Anhöhen: Albjerg und Galdbjerg (auch Gjaldbjerg geschrieben). Das Nationalmuseum übersetzt Albjerg als „heiligen Berg“ und Galdbjerg als „Opferberg“. Für Albjerg wird meist ein altes Wort für „Heiligtum“ angenommen, verwandt mit gotisch alhs, „Tempel“. Galdbjerg wird teils mit Opfer, teils mit galdr, „Zauberlied“, in Verbindung gebracht.

Zusammen ergibt das ein verlockendes Bild: ein Götterheim im Zentrum, gerahmt von einem Götterberg, einem heiligen Berg und einem Opferberg, dazwischen ein See. Viele Darstellungen sprechen deshalb von einer sakralen Landschaft.

Hier musst du sauber trennen. Gesichert ist, dass es diese Namen gibt und dass Gudme und Gudbjerg ein „Götter“-Element enthalten. Die Deutungen von Albjerg und Galdbjerg sind deutlich unsicherer, weil die Namen spät überliefert sind und mehrere Erklärungen zulassen. Und dass die vier Namen als bewusst geplantes Ensemble zusammengehören, ist eine moderne These – plausibel, anregend, aber nicht beweisbar. Ob der See selbst eine kultische Rolle spielte, wie lex.dk vorsichtig erwägt, wissen wir nicht.

Gesicherter Befund: Gudme („Götter“ + „Heim“) und Gudbjerg („Götter“ + „Berg“) liegen sich am Gudme Sø gegenüber; dazu kommen die Anhöhen Albjerg und Galdbjerg. Die Deutung der beiden letzten Namen und die Idee einer geplanten „sakralen Landschaft“ sind Forschungsthesen, keine gesicherten Ergebnisse.

Gold aus dem Boden: Broholm-Hort, Gudme-Hort und tausend Münzen

Gudme ist die wichtigste Fundregion Dänemarks für Edelmetallschätze des 4. bis 6. Jahrhunderts. Von den rund 50 Goldhorten der jüngeren Eisenzeit, die das Nationalmuseum für Dänemark zählt, stammt ein großer Teil aus dieser Gegend.

Der berühmteste ist der Broholm-Hort. 1833 beim Pflügen auf dem Feld Enemærket bei Lundeborg gefunden, wiegt er über 4,5 Kilogramm. Niedergelegt wurde er nach lex.dk um 500 n. Chr. Das Nationalmuseum hält es für wahrscheinlich, dass es sich eigentlich um zwei Horte handelt: einen mit „männlichen“ Objekten wie Hals- und Armringen, Schwertteilen und Goldbarren, einen mit „weiblichen“ wie einer Goldfibel, Brakteaten und Fingerringen.

Kleiner, aber aufschlussreich ist der sogenannte Gudme-Hort, den das Nationalmuseum in die Zeit um 500–550 datiert: neun Goldbrakteaten, ein kleiner Schwertknopf mit Granateinlagen in Cloisonné-Technik (Zellenschmelz aus eingesetzten Steinen), ein Fingerring, zwei runde Anhänger und ein abgegriffener römischer Silberdenar. Er lag neben einem Pfosten eines eisenzeitlichen Hauses. Auf einem anderen Hof fand man gleich zwei Depots an den Hauspfosten: viele Brakteaten auf der einen Seite, ein Bündel Goldhalsringe mit einer Goldspirale auf der anderen.

Dazu kommt, was seit den 1980er-Jahren mit dem Metalldetektor aus den Ackerböden gekommen ist: über tausend römische Münzen, fast 600 Fibeln, Silberbarren, zerhackte römische Silberschalen, Bruchstücke lebensgroßer römischer Bronzestatuen, Gusstiegel, Gussformen, Metallabfälle. 2010 kam noch ein verzierter Goldring von 140 Gramm hinzu. Gudme hat die dänische Detektorarchäologie maßgeblich geprägt – die enge Zusammenarbeit zwischen Museen und privaten Sondengängern, die heute in Dänemark selbstverständlich ist, wurde hier mit erprobt.

Zum Vergleich mit den späteren, vor allem silbernen Schätzen der Wikingerzeit lohnt ein Blick auf unseren Beitrag über die großen Silberhorte der Wikinger. In Gudme dominiert noch das Gold – Gold, das ursprünglich aus dem Römischen Reich kam, als Sold, Tribut, Handelsgewinn oder Beute.

Brakteaten und Goldgubber: Götterbilder im Kleinformat

Brakteaten sind dünne, einseitig geprägte Goldscheiben mit Öse, die als Anhänger getragen wurden. Sie entstanden im 5. und frühen 6. Jahrhundert, angeregt von römischen Kaisermedaillons, und zeigen Köpfe, Reiter, Tiere und mythologische Szenen. Auf manchen stehen Runeninschriften. In Gudme wurden Brakteaten nicht nur gefunden, sondern nach den Werkstattfunden zu urteilen wohl auch hergestellt.

Die Deutung der Bilder ist ein eigenes Forschungsfeld. Der Mittelalterforscher Karl Hauck hat viele Brakteatenmotive als Götterszenen gelesen, etwa als Odin, der ein Pferd heilt, oder als Darstellung von Balders Tod. Auch ein Brakteat aus dem Gudme-Gebiet wird in diesem Sinn gedeutet. Solche Lesungen sind anregend, aber sie verbinden Bilder des 5. Jahrhunderts mit Texten des 13. Jahrhunderts. Dazwischen liegen siebenhundert Jahre. Wie weit diese Brücke trägt, ist umstritten.

Wie nah man den Göttern auf Brakteaten tatsächlich kommen kann, zeigt der Fund von Vindelev in Jütland: Dort steht auf einem Brakteaten der bisher älteste sicher gelesene Name Odins. Mehr dazu in Der Vindelev-Goldhort.

Daneben gibt es die Goldgubber, hauchdünne Goldfolien mit eingeprägten Menschenfiguren, oft nur so groß wie ein Fingernagel. Allein am Strand von Lundeborg fanden sich nach der dänischen Kulturbehörde 102 Stück, nahe der Mündung der Tange Å. Sie stammen eher aus der Zeit um 600 und werden meist kultisch gedeutet, etwa als Opfergaben oder als Bestandteil von Ritualen in Hallen. Gesichert ist ihr Zweck nicht.

Auffällig sind außerdem kleine Männerfiguren und Masken. Das Nationalmuseum betont, dass Darstellungen von Männern in der Gegend häufig vorkommen. Bei den Hallengrabungen kam eine kleine silberne Männermaske zutage, wohl in Gudme selbst gefertigt.

Die große Halle: 47 Meter Macht

Das Herzstück von Gudme lag östlich des heutigen Dorfes, nahe dem Gudme Sø, etwa fünf Kilometer von der Küste entfernt. Hier legten Archäologen 1993 und 1994 auf einer Anhöhe eine Abfolge monumentaler Gebäude frei. Die Grabung leitete Palle Østergaard Sørensen, der 2022 gemeinsam mit Mads Dengsø Jessen und Mads Lou Bendtsen die große Auswertung vorgelegt hat.

Die größte Halle war 47 Meter lang und 10 Meter breit – unsere frühere Angabe von 48 Metern war also etwas zu großzügig. Das Dach ruhte auf zwei Reihen von je acht Innenpfosten, deren Durchmesser 70 bis 80 Zentimeter erreichte. Die Wände bestanden aus breiten Planken, der Haupteingang war so breit wie ein Tor. In der Mitte lag ein großer, offener Raum ohne Werkstätten und ohne Viehstall. Das ist der entscheidende Punkt: Diese Halle war kein Bauernhaus, sondern ein Ort für Feste, Versammlungen, Gabentausch und Zeremonien.

Gebaut wurde sie im späten 3. Jahrhundert, um 300 n. Chr. Das Nationalmuseum spricht von rund hundert Jahren Nutzung, die dänische Kulturbehörde von einer Standzeit bis ins frühe 5. Jahrhundert. Vor ihr standen auf dem Platz zwei deutlich kleinere Gebäude von etwa 12 mal 5 Metern; als man sie abriss, wurden römisches Glas, Schmuck und Waffenteile niedergelegt.

Neben der großen Halle stand ein kleineres, sehr massiv gebautes Gebäude von gut 20 Metern Länge, das zwischen dem 3. und 6. Jahrhundert mehrfach abgerissen und an derselben Stelle neu errichtet wurde. Es wird kultisch gedeutet. Die Ausgräber betonen, dass die beiden Bauten ihre großen Eingänge einander zuwandten. Genau dieses Paar – große Halle, kleines Kultgebäude daneben – sollte über rund 800 Jahre das Bild skandinavischer Herrensitze prägen.

Und dann die Funde im Hallenbereich: 115 römische Silbermünzen, zahlreiche Bruchstücke von Goldschmuck, teils in Pfostenlöchern und Gruben. Ein Teil des Schmucks stammt aus Südosteuropa und könnte im 4. Jahrhundert in ostgotischem Umfeld entstanden sein. An den dachtragenden Pfosten eines der Gebäude lagen zwei Depots aus Gold und Silber. Ein Bündel Schätze am Pfosten, der das Dach trägt: Das ist kein Versteck in Panik, sondern sehr wahrscheinlich eine bewusste Gabe beim Bau oder beim Abriss.

Im 6. Jahrhundert verschwinden die Hallen an dieser Stelle; dort steht danach nur noch ein gewöhnlicher Hof. Ob anderswo in Gudme eine neue Halle entstand, ist offen.

Gesicherter Befund: Hallengrabung 1993/94; größte Halle 47 × 10 m, zwei Reihen à acht Innenpfosten, errichtet um 300 n. Chr.; daneben ein kleineres, mehrfach erneuertes Gebäude, das als Kultbau gedeutet wird; Edelmetalldepots an Pfosten und 115 römische Silbermünzen aus dem Hallenbereich.

Lundeborg: der Strandmarkt am Großen Belt

Gudme liegt nicht an der Küste. Das war wohl Absicht – ein Machtzentrum im Hinterland ist vor Überfällen von See her sicherer. Den Zugang zum Meer bot Lundeborg, rund fünf Kilometer östlich, wo die kleine Tange Å in den Großen Belt mündet.

Hier fand das Svendborg Museum ab den späten 1980er-Jahren einen Handels- und Handwerksplatz, den lex.dk als den ältesten bekannten Dänemarks bezeichnet. Die Kulturschicht zieht sich etwa 900 Meter am Strand entlang und ist stellenweise fast einen Meter dick. Es war offenbar ein saisonaler Platz: Im Sommer standen hier Hütten und Zelte, im Winter lag der Strand leer.

Was dort gearbeitet wurde, liest sich wie das Verzeichnis eines frühen Gewerbegebiets: Schmiede für Eisen, Gold und Silber, Bronzegießer, Kammmacher, Glasperlenmacher, Bernsteinschleifer. Schiffbauer hinterließen Werkzeug und tausende Schiffsnieten von Reparaturen. Eisenbarren kamen aus Westjütland, Norwegen und Schweden, römisches Glas und Bronzegeschirr aus dem Süden. Bezahlt wurde mit Goldstücken und römischen Silberdenaren, also nach Gewicht und Edelmetallwert, nicht nach Nennwert.

Die Arbeitsteilung ist auffällig: Gudme im Landesinneren als Sitz von Macht und Kult, Lundeborg an der Küste als Ort für Handel und Handwerk, dazwischen das Gräberfeld. Ein Herr, der den Markt schützte, konnte ihn auch besteuern. Dass der Fürst von Gudme genau das tat, ist eine verbreitete und plausible Annahme des Nationalmuseums – Schriftquellen dazu gibt es keine.

Zwischen Gudme und Lundeborg liegt Møllegårdsmarken, mit über 2.000 Gräbern eines der größten eisenzeitlichen Gräberfelder Dänemarks. Die meisten Bestattungen stammen aus der Zeit um 200 bis 500. Schon im 19. Jahrhundert wurden dort Gräber geöffnet; ihre Funde gehören zu den Gründen, warum Gudme früh als außergewöhnlich galt.

Das Gudme-Lundeborg-Projekt: Forschung in den 1980er- und 1990er-Jahren

Dass wir heute so viel über Gudme wissen, liegt an einer bemerkenswerten Bündelung von Kräften. In den 1980er-Jahren begannen Sondengänger und Archäologen, die Felder systematisch abzusuchen. Daraus entstand eine langfristige Zusammenarbeit von Nationalmuseum, Svendborg Museum, weiteren Museen auf Fünen und der Universität Kopenhagen. Das Svendborg Museum grub vor allem in Lundeborg, bei den Hallen im Zentrum von Gudme lief die Arbeit 1993/94.

Ein Meilenstein war der Sammelband The Archaeology of Gudme and Lundeborg, herausgegeben von Poul Otto Nielsen, Klavs Randsborg und Henrik Thrane, erschienen 1994 in Kopenhagen. Er bündelte den Forschungsstand nach einem Jahrzehnt intensiver Arbeit. Fast drei Jahrzehnte später, 2022, folgte mit Gudme: Iron Age Settlement and Central Halls die ausführliche Vorlage der Grabungen im Zentrum.

Asgard auf Erden? Die Hedeager-These

Die kühnste Deutung stammt von der dänischen Archäologin Lotte Hedeager. In ihrem Aufsatz „Asgard reconstructed? Gudme – a ‚central place‘ in the North“ (2001) fragte sie, ob Gudme als irdisches Abbild der Götterwelt angelegt war: ein Götterheim mit Halle, umgeben von heiligen Bergen, an der Peripherie ein Ort für Handel und Handwerk – ähnlich wie in der späteren Überlieferung Asgard im Zentrum steht und die Welt der Menschen und Riesen ringsum.

Diese These ist ein Denkangebot, kein Befund. Sie hat Stärken: Sie nimmt die Ortsnamen ernst und erklärt, warum Kult und Macht hier so eng verschmolzen. Sie hat aber auch Schwächen: Unsere Bilder von Asgard stammen vor allem aus der Überlieferung des 13. Jahrhunderts, aufgeschrieben von christlichen Isländern. Ob die Menschen in Gudme um 400 eine ähnliche Weltordnung im Kopf hatten, lässt sich nicht prüfen. Umgekehrt ist durchaus denkbar, dass spätere Vorstellungen von Götterhallen an realen Hallen wie der in Gudme Maß nahmen.

Mythos-Check: „Gudme war ein Tempel.“ Einen Tempel im Sinn eines eigenen Gotteshauses mit Priesterschaft zeigt der Befund nicht. Was wir sehen, ist eine Halle für Feste und Versammlungen, ein kleineres Gebäude, das als Kultbau gedeutet wird, und Opfergaben an Pfosten. Kult fand hier statt – aber eingebettet in Herrschaft, nicht getrennt davon. Wie sich Halle, Hof und Kultplatz später unterscheiden lassen, zeigen wir in Blót-Orte: Hörgr, Hof und Kulthalle.

Gudme und Uppåkra: zwei Brüder über den Sund

Gudme ist nicht der einzige Zentralort dieser Art. Der nächste Verwandte liegt in Schonen, heute Südschweden: Uppåkra bei Lund. Auch dort eine große Siedlung mit außergewöhnlichem Fundreichtum, auch dort Edelmetall, Fernhandel und ein kleines, sehr massiv gebautes Gebäude, das als Kulthaus gedeutet und über Jahrhunderte an derselben Stelle erneuert wurde. lex.dk nennt Uppåkra neben Sorte Muld auf Bornholm ausdrücklich als Vergleichsplatz.

Der Unterschied liegt vor allem in der Dauer. Gudmes Glanz verblasst ab dem 6. Jahrhundert: Funde werden seltener, Höfe weniger und kleiner, Teile der Landschaft wachsen wieder zu, auch wenn einzelne Funde bis in die Wikingerzeit reichen. Uppåkra dagegen blieb bis weit in die Wikingerzeit hinein bedeutend und wurde erst um das Jahr 1000 vom neu gegründeten Lund abgelöst.

Vom Götterheim zur Königshalle: was nach Gudme kam

Gudmes Niedergang im 6. Jahrhundert fällt in eine Zeit tiefer Umbrüche. Das Weströmische Reich war untergegangen, der Goldstrom aus dem Süden versiegte. Um die Mitte des 6. Jahrhunderts gab es zudem eine Klimakrise mit kalten Jahren nach großen Vulkanausbrüchen, die in Skandinavien Spuren in Siedlungen und Opferpraxis hinterlassen hat. Ob sie Gudme direkt betraf, ist nicht erwiesen.

Das Modell aber lebte weiter. Die Ausgräber von Gudme betonen, dass das Paar aus großer Halle und kleinem Kultgebäude rund 800 Jahre lang die Herrensitze Skandinaviens prägte. Man findet es in Lejre auf Seeland, wo seit dem 6. Jahrhundert große Hallen standen und wo die kleine Silberfigur auf dem Hochsitz gefunden wurde. Man findet es am Tissø, ebenfalls auf Seeland, mit Halle und eingehegtem Kultbereich. Und man findet den Gedanken von Königsmacht, Kult und Versammlung an einem Ort in Alt-Uppsala und später in Jelling.

Auch der Weg zur Stadt beginnt hier. Lundeborg ist ein saisonaler Strandmarkt im Schutz eines Herrn im Hinterland. Jahrhunderte später entstehen Plätze wie Ribe und Haithabu, an denen Handel, Handwerk und königlicher Schutz dauerhaft zusammenfinden. Die Linie ist nicht gerade, und Gudme ist nicht direkt der „Vorfahr“ dieser Orte. Aber die Bausteine sind dieselben.

Man darf Gudme deshalb als Vorstufe der wikingerzeitlichen Machtzentren lesen – mit einer Einschränkung: Gudme ist kein „frühes Haithabu“ und kein „Wikinger-Asgard“. Es ist ein Machtzentrum eigener Art aus einer Zeit, die mit Rom noch in direktem Austausch stand.

Gudme heute besuchen

Wer nach Südostfünen fährt, findet im Gudme-Gebiet Spuren dieser Geschichte. Der Platz der großen Halle ist unter dem Namen Gudmekongens Hal als Ausflugsziel ausgewiesen. Die Landschaft um den Gudme Sø mit Gudbjerg auf der anderen Seite lässt sich gut zu Fuß oder mit dem Rad erleben, und der Strand von Lundeborg ist heute ein ruhiger Hafenort. Die großen Schätze selbst liegen im Nationalmuseum in Kopenhagen, in der Ausstellung zur dänischen Vorzeit. Weitere Ziele für eine Reise in den Norden haben wir in Wikinger erleben: Museen und Fundorte gesammelt.

Für uns bei Glanz & Gravur zeigt Gudme: Gold glänzt, aber die eigentliche Geschichte steckt in Pfostenlöchern, Ortsnamen und Gaben, die jemand vor sechzehnhundert Jahren an einen Hallenpfosten legte.

Häufige Fragen

Was bedeutet der Name Gudme? Die übliche Deutung ist „Heim der Götter“, aus einem Wort für die (heidnischen) Götter und „-heim“. Der Götterbezug gilt als sicher, was das „Heim“ genau bezeichnete, ist in der Namenforschung offen.

Wie groß war die Halle von Gudme? Die größte Halle war rund 47 Meter lang und 10 Meter breit und wurde um 300 n. Chr. gebaut. Sie gehört zu den größten bekannten Gebäuden der dänischen Vorzeit.

Was ist der Broholm-Schatz? Ein 1833 bei Lundeborg gefundener Goldschatz von über 4,5 Kilogramm, niedergelegt um 500 n. Chr. Er besteht vermutlich aus zwei Horten mit Ringen, Schwertteilen, Barren, einer Fibel und Brakteaten.

War Gudme ein Wikingerort? Nein. Gudmes Blütezeit liegt zwischen etwa 200 und 600 n. Chr., also vor der Wikingerzeit. Gudme gilt aber als Vorstufe späterer Machtzentren wie Lejre oder Tissø.

Wo kann man die Funde aus Gudme sehen? Die bedeutendsten Schätze sind im Nationalmuseum in Kopenhagen ausgestellt. Vor Ort ist der Hallenplatz als Gudmekongens Hal ausgewiesen.

Was hat Gudme mit Uppåkra zu tun? Beide sind reiche Zentralorte mit Halle und Kultbau in Südskandinavien. Uppåkra in Schonen blieb jedoch viel länger, bis in die Wikingerzeit, bedeutend.

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