Jedes Jahr zu Ostern macht sie wieder die Runde: „Ostara, die germanische Frühlingsgöttin". Nur – sie ist zum großen Teil eine Erfindung von Jacob Grimm. Was feierten die Germanen wirklich zur Frühjahrs-Tag-und-Nachtgleiche? Wir bringen ehrlich Licht in eine ziemlich verworrene Sache.
Kurz vorweg: Ja, es gab heidnische „Frühlingsfeste". Aber sie hatten weder namentlich noch terminlich etwas mit dem christlichen Osterfest zu tun. Und eine sicher belegte Göttin namens Ostara gab es nicht.
Die einzige alte Spur ist der angelsächsische Mönch Beda Venerabilis (8. Jh.): Er leitet den Monatsnamen Eosturmonath (April) von einer „Göttin Eostrae" ab – eine einzige, knappe Erwähnung, ohne weiteres Wissen über sie. Daraus konstruierte Jacob Grimm 1835 sprachwissenschaftlich die festländische „Ostara". Sein Denkfehler: Er ging von einer einheitlichen „gemeingermanischen Religion" aus – als müsste eine irgendwo belegte Gottheit von allen Stämmen verehrt worden sein. Genau das gilt heute als überholt.
Das neuhochdeutsche Ostern und das englische Easter gehen auf das germanische austrō = „Morgenröte" zurück (griech.-röm. Aurora/Eos). In fast allen anderen Ländern – auch im nordgermanischen Skandinavien – leitet sich der Name des Festes dagegen vom aramäisch-hebräischen pascha/Pessach ab. „Ostern" heißt also zunächst schlicht „Morgenröte/Osten" – nicht zwingend „Fest einer Göttin".
Im Norden kennen wir zwei Feste, die oft (fälschlich) in einen Topf geworfen werden. Das Varblot zur Tag-und-Nachtgleiche ist de facto das „Osterfest": Geehrt werden vor allem die Wanen – Nerthus, Njörðr, Freyr und Freyja – sowie Idun, der Lichtgott Baldr und die Erdgöttin Jörd. Das Sigrblot dagegen fällt auf den Vollmond des 4. Monats und markiert den Sommerbeginn – das Siegfest über die winterlichen Reifriesen, mit Odin, Thor, Freyr und Freyja im Mittelpunkt. Wichtig: Die Germanen kannten nur zwei Jahreszeiten (Sommer & Winter); den „Frühlingsanfang" als Fest zu begehen, ist eine mediterrane Idee.
Die schönen Bräuche sind fast alle jünger, als der Mythos behauptet. Das Osterfeuer ist eine mittelalterlich-katholische Tradition (Christus als Licht der Welt). Das Färben von Eiern kam über die christianisierten Sorben erst im späten Mittelalter nach Deutschland; das Ei ist ein weit verbreitetes Fruchtbarkeits- und Auferstehungssymbol. Und der Osterhase mit Ostara ist reine Neuzeit-Verknüpfung – gern über die rheinische Göttin Nehalennia (mit Fruchtkorb und Hund) hergeleitet, was aber Spekulation ist.
Wenn überhaupt jemand, dann eine Erd- und Fruchtbarkeitsgöttin. Der Corvey-Ackersegen ruft „Eostar, Eostar, eordhan modor" – „Erdenmutter" – an; das passt eher zu Nerthus, die im Frühling aus dem Schoß der Erde zurückkehrt. Auch Idun (Verjüngung, Apfel und Nuss) trägt Züge einer Frühlingsgestalt. Vielleicht ist die richtige Frage also nicht „Gab es Ostara?", sondern „Welche Gottheit steckt dahinter?".
Nerthus · Idun · Blót-Kalender · Kolovrat oder Schwarze Sonne?.
Beda Venerabilis, De temporum ratione. Jacob Grimm, Deutsche Mythologie (1835). Jürgen Udolph, Ostern – Geschichte eines Wortes (2011). Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; Philip A. Shaw, Pagan Goddesses in the Early Germanic World (2011); Jan de Vries, Altgermanische Religionsgeschichte.