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Ostara – die Göttin, die aus einem Satz entstand: Beda, Grimm und die Wahrheit über das heidnische Ostern

Aufklärung Ostara – die Göttin, die aus einem Satz entstand: Beda, Grimm und die Wahrheit über das heidnische Ostern

Eine germanische Göttin namens „Ostara“ ist in keiner alten Quelle belegt. Diese Namensform hat Jacob Grimm 1835 erschlossen. Belegt ist nur ihre angelsächsische Schwester: Der Mönch Beda erwähnt um 725 eine Göttin Eostre, nach der der Monat April benannt gewesen sei – in genau einem einzigen Satz. Was in diesem Satz steht, was Grimm daraus gemacht hat, welche Rolle rheinische Weihesteine aus Bedburg spielen und warum Osterhase und Ostereier mit alledem nichts zu tun haben, klären wir hier Stück für Stück.

Jedes Frühjahr dasselbe Bild: Auf Instagram leuchtet eine blonde Göttin mit Blütenkranz, auf dem Arm ein Hase, darunter der Satz „Ostern ist eigentlich ein heidnisches Fest der Göttin Ostara“. Wir gravieren selbst seit Jahren Motive aus dem alten Norden in Schiefer, Holz und Glas. Aber gerade deshalb wollen wir wissen, was davon wirklich in den Quellen steht. Und bei Ostara ist die Antwort ernüchternd und gleichzeitig faszinierend: Die ganze Göttin hängt an einem einzigen lateinischen Satz eines englischen Mönchs – und an der Kombinationsgabe eines deutschen Märchensammlers.

Die einzige Quelle: Beda und der Monat Eosturmonath

Beda Venerabilis, der „ehrwürdige Beda“, lebte von etwa 672 bis 735 im Doppelkloster Wearmouth-Jarrow im Nordosten Englands. Er war der gelehrteste Mann seiner Zeit im angelsächsischen Raum: Theologe, Historiker, Naturkundler und vor allem Spezialist für die Zeitrechnung. Um 725 schrieb er De temporum ratione („Über die Berechnung der Zeit“), ein Lehrbuch, das vor allem einem Zweck diente: der korrekten Berechnung des Osterdatums. Ausgerechnet in diesem streng christlichen Fachbuch steht die einzige alte Nachricht über eine Göttin, deren Name an Ostern erinnert.

Im 15. Kapitel, überschrieben De mensibus Anglorum („Über die Monate der Angeln“), listet Beda die alten englischen Monatsnamen auf und erklärt sie. Über den April schreibt er sinngemäß:

„Der Eosturmonath, der jetzt als ‚Paschamonat‘ übersetzt wird, hatte seinen Namen einst von einer ihrer Göttinnen, die Eostre hieß und der man in diesem Monat Feste feierte. Nach ihrem Namen – oder nach seinem – benennen sie jetzt die Osterzeit und rufen die Freuden des neuen Festes mit dem gewohnten Wort der alten Begehung.“Beda, De temporum ratione, Kap. 15 (eigene Übertragung)

Der lateinische Kern lautet: Eosturmonath, qui nunc paschalis mensis interpretatur, quondam a dea illorum quae Eostre vocabatur, et cui in illo festa celebrabant nomen habuit. Mehr gibt es nicht. Keine Beschreibung, keine Opfer, kein Mythos, kein Tier, keine Statue. Nur: Es gab eine Göttin, sie hieß Eostre, man feierte ihr in diesem Monat Feste, und der Name ist am christlichen Fest hängen geblieben.

Ein Detail sorgt bis heute für Diskussionen. Der Nebensatz a cuius nomine („nach dessen/deren Namen“) lässt sich grammatisch auf die Göttin beziehen, aber auch auf den Monat bzw. dessen Namen. Im zweiten Fall sagt Beda nur: Das Fest heißt nach dem Monat, und der Monat hieß einst nach der Göttin. Für die Sache selbst ändert das wenig, für die Frage, wie direkt die Linie von der Göttin zum Wort „Easter“ läuft, aber schon.

Gesicherter Befund: Beda nennt im selben Kapitel noch eine zweite Göttin, Hreda (auch Hretha), nach der der März Hredmonath geheißen habe und der man in diesem Monat geopfert habe. Außerdem berichtet er, die heidnischen Angeln hätten ihr Jahr am 25. Dezember mit der „Mütternacht“ (Modranecht) begonnen. Auch diese beiden Angaben sind Einzelbelege.

Wichtig für die Einordnung: Beda schrieb rund 130 Jahre nach dem Beginn der Christianisierung Englands (597). Er beschreibt also eine Vergangenheit, die er selbst nicht mehr erlebt hat, die aber in den Monatsnamen noch hörbar war. Zum Hintergrund der Angeln und ihrer Wanderung nach Britannien findest du mehr in unserem Beitrag über die Angeln.

Ein zweites Zeugnis vom Festland: Ostarmanoth

Auf dem Kontinent gibt es keine Göttin, aber ein Wort. Einhard, der Biograf Karls des Großen, berichtet in seiner Vita Karoli Magni (Kapitel 29, um 830), der Kaiser habe den Monaten Namen in seiner eigenen Sprache gegeben. Der Januar wurde zum wintarmanoth, der Februar zum hornung, der März zum lenzinmanoth und der April zum ostarmanoth. Dazu kommt das althochdeutsche Wort für das Fest selbst: ôstarûn, eine Pluralform, aus der unser „Ostern“ wurde.

Das ist bemerkenswert: Im Englischen und im Deutschen heißt das Fest nach einer Wurzel, die mit „Osten“ und „Morgenröte“ verwandt ist. Fast überall sonst in Europa, auch in Skandinavien, trägt es dagegen einen Namen, der auf das hebräische Pessach über griechisch-lateinisch pascha zurückgeht: dänisch und norwegisch påske, schwedisch påsk, niederländisch Pasen, französisch Pâques. Mehr zu den alten Monatsbezeichnungen und dem, was sich davon belegen lässt, steht in unserem Artikel über die germanischen Monatsnamen.

Ein Monatsname ist aber noch keine Göttin. Ostarmanoth kann ebenso gut „Monat, in dem das Osterfest liegt“ bedeuten, nachdem das Fest seinen Namen aus England mitgebracht hatte. Angelsächsische Missionare wie Bonifatius und Willibrord prägten im 8. Jahrhundert die Kirche östlich des Rheins entscheidend mit. Dass sie ihr Wort für das Fest im Gepäck hatten, gilt vielen Sprachforschern als wahrscheinliche Erklärung für die Gemeinsamkeit zwischen Englisch und Deutsch.

Jacob Grimm erfindet „Ostara“

Den nächsten Schritt machte gut tausend Jahre später ein Mann, den du wahrscheinlich aus der Kinderzeit kennst. Jacob Grimm, älterer der beiden Märchenbrüder und Begründer der deutschen Sprachwissenschaft, veröffentlichte 1835 seine Deutsche Mythologie. Das Werk war ein gewaltiger Versuch, aus Sprache, Volksbräuchen, Sagen und den wenigen alten Quellen die Religion der vorchristlichen Deutschen zu rekonstruieren. Wie er dabei arbeitete und was von seinen Methoden geblieben ist, beschreiben wir ausführlich im Beitrag über die Brüder Grimm und die Mythologie.

Grimms Gedankengang zu Ostara ist schnell erzählt. Erstens: Beda nennt eine angelsächsische Göttin Eostre. Zweitens: Das Althochdeutsche hat ôstarûn und ostarmanoth. Drittens: Also muss es auch bei den festländischen Germanen eine entsprechende Göttin gegeben haben, deren Name nach den Lautgesetzen „Ostara“ gelautet hätte. Grimm deutete sie als Göttin des strahlenden Morgens und des aufsteigenden Lichts, deren freudige Bedeutung die Kirche bereitwillig für das Auferstehungsfest übernommen habe. Und er band gleich eine Reihe von Bräuchen an sie: Osterfeuer, Ostereier, Osterwasser und Erzählungen von weißen Frauen, die um Ostern erscheinen.

Das Entscheidende: Die Form „Ostara“ steht in keiner einzigen alten Handschrift. Es ist eine sprachwissenschaftliche Rückbildung, also ein erschlossenes Wort. Grimm war sich dessen bewusst und kennzeichnete seine Überlegung als Folgerung, nicht als Fund. Erst seine Nachfolger und noch mehr die Popularliteratur haben aus dem „müsste es gegeben haben“ ein „es gab“ gemacht.

Mythos-Check: „Die Germanen verehrten Ostara.“ Dafür gibt es keinen Beleg. Belegt ist eine angelsächsische Eostre in einem Satz bei Beda. Die festländische Ostara ist Grimms Rekonstruktion von 1835. Sie kann richtig sein, sie kann falsch sein, aber sie ist keine Quelle.

Hat Beda sie erfunden? Die Forschungsdebatte

Schon im 19. Jahrhundert stritten sich die Gelehrten. Einige folgten Grimm, andere hielten Eostre für ein Hirngespinst. Der Mythologe Adalbert Kuhn nannte sie eine Erfindung Bedas, Wilhelm Mannhardt spottete über eine etymologische „Göttin aus der Maschine“, die nur auftauche, um ein Wort zu erklären. Karl Weinhold lehnte sie aus sprachlichen Gründen ab.

Das Argument der Skeptiker: Beda war ein gelehrter Etymologe in der Tradition Isidors von Sevilla. Gelehrte dieser Zeit erklärten Wörter gern mit Personen. Vielleicht hatte Beda nur ein altes Wort für die Jahreszeit, etwa „Zeit der aufgehenden Sonne“, und machte daraus, ganz im Stil seiner Zeit, eine Göttin. Dafür spricht, dass außer ihm niemand von ihr weiß: keine Ortsnamen in England, keine Personennamen, keine Inschrift, kein Gedicht.

Das Gegenargument: Beda war im Allgemeinen ein sorgfältiger Autor, der seine Informationen aus der mündlichen Überlieferung seines Volkes schöpfte. Er lebte nur wenige Generationen nach dem Ende des Heidentums in Northumbrien. Und warum sollte ein Mönch, der sein Buch zur Osterberechnung schreibt, ausgerechnet das Hochfest mit einer frei erfundenen Heidengöttin verknüpfen? Der Wiener Altgermanist Rudolf Simek hält Bedas Angabe deshalb für ernst zu nehmen, ohne sie zu überdehnen. Der englische Philologe Philip A. Shaw kam 2011 in seiner Studie Pagan Goddesses in the Early Germanic World zu dem Ergebnis, Eostre sei wahrscheinlich eine echte, aber lokal verankerte Göttin gewesen, eher an eine Gemeinschaft und ein Gebiet gebunden als eine große Frühlings- oder Lichtgöttin aller Germanen.

Ganz geklärt ist die Frage bis heute nicht. Die meisten Fachleute neigen inzwischen dazu, Beda zu glauben, dass es eine Eostre gab. Was sie war, wofür sie stand und wie man sie verehrte, weiß niemand. Wer dir heute ihre Mythen, ihre heiligen Tiere oder ihre Rituale erzählt, erzählt dir moderne Dichtung.

Die Matronae Austriahenae: Weihesteine aus dem Rheinland

Und dann kam 1958. In Morken-Harff, heute ein Teil von Bedburg im Rhein-Erft-Kreis, nur eine gute Stunde von unserer Werkstatt in Alsdorf entfernt, kamen die Reste zahlreicher römerzeitlicher Weihesteine ans Licht. Sie waren in späterer Zeit als Baumaterial wiederverwendet worden und sind meist nur in Bruchstücken erhalten. In der Literatur ist von über 150 Inschriften bzw. Inschriftenfragmenten die Rede. Viele von ihnen sind Göttinnen geweiht, die sich Matronae Austriahenae nennen. Veröffentlicht hat den Fund 1960 Hans-Georg Kolbe in den Bonner Jahrbüchern.

Die Matronen sind ein typisch niederrheinisches Phänomen: Dreiergruppen von Muttergöttinnen, oft als drei sitzende Frauen dargestellt, die beiden äußeren mit großen, runden Hauben. Aus dem 2. und 3. Jahrhundert sind im Rheinland Hunderte solcher Steine erhalten, gestiftet von Einheimischen, von Soldaten und Veteranen. Die Beinamen der Matronen sind meist lokal: Sie leiten sich von Orten, Flüssen, Sippen oder Siedlungsgemeinschaften ab. Wie dieser Kult funktionierte, beschreiben wir genauer in unserem Beitrag über die Matronen und im Überblick über die Germanen im Rheinland.

Der Name Austriahenae enthält einen Stamm austri-, der lautlich an Eostre und an das Wort für „Osten“ erinnert. Für manche Forscher war das der lang ersehnte zweite Beleg: Göttinnen mit einem Ostara-ähnlichen Namen, fast tausend Jahre vor Grimm, auf dem Festland, in Stein gehauen. Ganz so einfach ist es nicht.

Einordnung: Die Austriahenae sind real belegt – römische Weihinschriften, etwa 150 bis 250 n. Chr. Ob ihr Name mit Eostre zusammenhängt, ist eine sprachliche Möglichkeit, kein Beweis. Matronennamen sind meist ortsgebunden; Austriahenae könnte schlicht „die Matronen der Leute im Osten“ oder „der östlichen Siedlung“ bedeuten.

Woher kommt das Wort „Ostern“?

Etwas fester ist der Boden bei der Sprache. Eostre, ôstarûn und Easter gehen auf ein germanisches Wort zurück, das sich als *austrō rekonstruieren lässt (das Sternchen markiert in der Sprachwissenschaft eine erschlossene, nicht belegte Form). Es gehört zu einer uralten indogermanischen Wurzel *h₂ews- mit der Bedeutung „leuchten, rötlich aufscheinen“. Aus derselben Wurzel kommen unser „Osten“, das englische „east“, das litauische aušra („Morgenröte“) – und die Namen dreier berühmter Morgenröte-Göttinnen: die griechische Eos, die römische Aurora und die vedische Ushas, der im Rigveda zahlreiche Hymnen gelten.

Das ist der stärkste Punkt für Eostre. Eine indogermanische Göttin der Morgenröte ist in mehreren Tochterkulturen gut bezeugt. Dass auch die Germanen eine Gestalt mit diesem Namen kannten, ist sprachlich plausibel. Die Morgenröte im Osten, das Frühjahr, wenn die Sonne zur Tagundnachtgleiche genau im Osten aufgeht: Das passt zusammen. Zur Rolle der Sonne im Jahr und den belegten Bräuchen rund um ihre Wendepunkte haben wir einen eigenen Beitrag über die Sonnenwende.

Es gibt allerdings eine ernsthafte Gegenthese. Der Namenforscher Jürgen Udolph hat 1999 in seinem Buch Ostern. Geschichte eines Wortes vorgeschlagen, das Wort hänge mit einer nordgermanischen Wurzel für „gießen, begießen“ zusammen (altnordisch ausa), also mit der Taufe. In der Osternacht wurden in der alten Kirche bevorzugt die Taufen gespendet. Diese Deutung ist umstritten und hat sich nicht allgemein durchgesetzt, aber sie zeigt: Selbst beim Wort „Ostern“ ist die Göttin nicht die einzige Erklärung. Auch eine Ableitung von „Osten“ als Himmelsrichtung, aus der das Licht der Auferstehung kommt, ist denkbar, ohne dass irgendeine Gottheit beteiligt sein muss.

Und der Corveyer Ackersegen?

In vielen Ostara-Texten, auch in einer früheren Fassung dieses Artikels, taucht ein angeblicher Segensspruch auf: „Eostar, Eostar, eordhan modor“ – Ostara als „Mutter der Erde“. Das klingt nach dem ersehnten Beleg. Es stimmt aber nicht. Der echte altenglische Flursegen, der Æcerbot (wörtlich „Ackerbuße“, ein Ritual zur Heilung unfruchtbarer Felder), steht in einer Handschrift des 11. Jahrhunderts in der British Library. Dort heißt die angerufene Gestalt Erce: „Erce, Erce, Erce, eorþan modor“. Wer oder was Erce ist, ist selbst unklar. Eine Eostar-Fassung findet sich in keiner Handschrift. Das korrigieren wir hier ausdrücklich.

Was die Germanen im Frühjahr wirklich feierten

Wenn Ostara so dünn belegt ist: Gab es überhaupt heidnische Frühlingsfeste? Die ehrliche Antwort ist: wahrscheinlich ja, aber wir kennen kaum Einzelheiten. Beda selbst bestätigt ja, dass man im Eosturmonath Feste beging. Wie sie aussahen, verrät er nicht.

Für den Norden haben wir eine späte Nachricht. Snorri Sturluson schreibt um 1230 in der Ynglinga saga (Kapitel 8), Odin habe drei große Opferfeste eingesetzt. Sinngemäß in eigener Übertragung: Man solle zu Winterbeginn für ein gutes Jahr opfern, mitten im Winter für das Wachstum, und das dritte zum Sommer, das sei das Siegopfer, sigrblót. Snorri schrieb als Christ, zweihundert Jahre nach der Bekehrung Islands, und schrieb die Einrichtung des Kults einem vergöttlichten Urkönig zu. Ein Sommeranfangsfest im Frühjahr ist damit für Skandinavien immerhin wahrscheinlich, Details aber bleiben dunkel.

Ein Wort zu einem Begriff, der in vielen Ostara-Texten herumgeistert: Ein „Varblot“ mit festem Götterprogramm zur Tagundnachtgleiche, bei dem Freyr, Freyja, Njörðr, Nerthus und Idun geehrt wurden, kennen die mittelalterlichen Quellen nicht. Das ist eine moderne Festgestaltung heidnischer Gemeinschaften, keine überlieferte Tradition. Dass Gottheiten wie Freyr, Freyja oder Nerthus mit Fruchtbarkeit verbunden waren, ist gut belegt; einen Termin im Frühjahr kann man daraus aber nicht ableiten. Ebenso wenig ist Idun mit ihren Äpfeln eine überlieferte Frühlingsgöttin, auch wenn sie modern gern so gedeutet wird.

Auch die Vorstellung, die Germanen hätten exakt die Tagundnachtgleiche gefeiert, ist unsicher. Die Nordgermanen teilten das Jahr in zwei Hälften, Sommer und Winter, und rechneten nach Mondmonaten und Wochen. Astronomisch genaue Termine nach Äquinoktien sind für die vorchristliche Zeit nicht belegt. Einen Überblick, welche Feste wie gut bezeugt sind, findest du in unserem Artikel über die germanischen Feste und anschaulich im alten Jahreskreis. Wer die Termine fürs eigene Jahr sucht, wird im Blót-Kalender fündig.

Osterhase und Ostereier: jünger als gedacht

Jetzt zu den Lieblingen jedes Osterkörbchens. Der Hase sei Ostaras heiliges Tier gewesen, das Ei ihr Symbol der Fruchtbarkeit, heißt es überall. Die Quellenlage sieht anders aus.

Der früheste sichere schriftliche Beleg für den eierbringenden Osterhasen stammt aus dem Jahr 1682. Damals erschien in Heidelberg eine medizinische Dissertation mit dem Titel De ovis paschalibus. Von Oster-Eyern, unter dem Vorsitz des Arztes und Botanikers Georg Franck von Franckenau; als Verfasser bzw. Respondent wird ein Johannes Richier genannt. Darin wird ein Volksbrauch aus dem Elsass, der Pfalz und angrenzenden Gegenden beschrieben: Man erzähle Kindern, der Osterhase lege die Eier und verstecke sie im Garten. Manche Darstellungen nennen ein etwas früheres Datum (1678); entscheidend ist: Wir sind in der Frühen Neuzeit, nicht in der Eisenzeit.

Mythos-Check: „Der Hase war Ostaras heiliges Tier.“ Diese Verbindung ist eine Idee von Gelehrten des 19. Jahrhunderts, unter anderem Adolf Holtzmann. Die rührende Legende, Ostara habe einen Vogel in einen Hasen verwandelt, der seitdem Eier legt, ist erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts in der Literatur nachweisbar. Eine germanische Quelle dafür gibt es nicht.

Beim Ei ist der christliche Hintergrund gut greifbar. In der Fastenzeit waren nach mittelalterlicher Regel auch Eier verboten. Die Hühner legten trotzdem weiter, und zu Ostern war der Vorrat groß. Eier wurden geweiht, verschenkt und als Abgabe an Grundherren und Pfarrer geleistet. Das Ei als Bild für neues Leben, das aus einer scheinbar toten Schale bricht, deuteten christliche Autoren auf die Auferstehung. Dass Eier in vielen Kulturen der Welt Fruchtbarkeitssymbole sind, stimmt natürlich, macht sie aber noch nicht zum Kultgegenstand einer bestimmten germanischen Göttin.

Das Osterfeuer: Licht in der Nacht

Das Osterfeuer gilt besonders oft als „uralt heidnisch“. Auch hier lohnt der genaue Blick. Im kirchlichen Bereich ist das Entzünden eines neuen Feuers in der Osternacht ein fester Teil der Liturgie: Am Feuer wird die Osterkerze entzündet, das Licht wird als Bild für den auferstandenen Christus in die dunkle Kirche getragen. Ein Brief eines Papstes an Bonifatius aus dem Jahr 751 gilt als früher, indirekter Hinweis auf solche Feuerbräuche im Umfeld des Osterfestes.

Die großen Osterfeuer auf Hügeln und Feldern, wie man sie heute vor allem in Norddeutschland, Westfalen und den Niederlanden kennt, sind als fester Volksbrauch seit dem 15. und 16. Jahrhundert belegt. Dass dahinter auch ältere, vorchristliche Feuerbräuche stecken könnten, ist nicht ausgeschlossen. Kirchliche Verbote gegen heidnische Feuer, sogenannte nodfyr (Notfeuer), gibt es schon im Frühmittelalter. Ein direkter, belegter Weg vom germanischen Frühlingsfeuer zum Osterfeuer im Dorf lässt sich aber nicht nachzeichnen. Grimm sah ihn; heute bleibt die Forschung vorsichtiger.

Ostara im modernen Jahresrad

Dass du heute im März in jedem zweiten Esoterikladen über Ostara stolperst, hat einen konkreten Grund, und der liegt im 20. Jahrhundert. Die moderne Hexenreligion Wicca, ab den 1950er-Jahren in England von Gerald Gardner und seinem Umfeld verbreitet, entwickelte ein „Jahresrad“ (Wheel of the Year) mit acht Festen: die vier Sonnenpunkte und vier Feste, die an irische Jahreszeitenfeste angelehnt sind. Die Namen für die Sonnenfeste waren anfangs schlicht beschreibend.

1974 schlug der amerikanische Neuheide Aidan Kelly Namen für die noch unbenannten Feste vor: Litha für die Sommersonnenwende, Mabon für die Herbst-Tagundnachtgleiche und eben Ostara für die Frühlings-Tagundnachtgleiche. Die Bezeichnungen verbreiteten sich über Zeitschriften der US-Neuheidenszene und wurden innerhalb weniger Jahrzehnte so selbstverständlich, dass viele sie heute für uralt halten. Das Fest „Ostara“ am 20. oder 21. März ist also knapp fünfzig Jahre alt.

Das ist kein Vorwurf. Moderne Religionen dürfen ihre Feste gestalten, wie sie wollen. Viele heidnische Gemeinschaften im deutschsprachigen Raum gehen heute auch sehr reflektiert damit um, wie wir im Beitrag über Asatru heute und über heutige Blót- und Sumbel-Feiern beschreiben. Wichtig ist nur die Ehrlichkeit: Wer zur Tagundnachtgleiche Ostara feiert, feiert ein modernes Fest mit einem Namen von 1835 und einer Göttin, die in einem Satz von 725 steckt.

Warum Ostara uns trotzdem nicht loslässt

Man könnte nach all dem sagen: Ostara ist erledigt. Wir sehen das anders. Die Geschichte dieser Göttin ist ein Lehrstück über Überlieferung. Ein Mönch notiert beiläufig einen Namen, der sonst spurlos verschwunden wäre. Ein Sprachforscher hört in einem Wort ein Echo und baut daraus eine Gestalt. Im Rheinland tauchen Steine mit einem ähnlichen Namen auf und befeuern die Debatte neu. Und hinter allem steht die Morgenröte, die tatsächlich eine der ältesten Göttinnen der indogermanischen Welt war.

Vielleicht ist das die schönste, weil wahrste Version: Es gab irgendwo im frühmittelalterlichen England eine Göttin, deren Name „die Leuchtende“ oder „die vom Osten“ bedeutet haben mag. Ihr Monat lag dort, wo das Licht sich gegen die Dunkelheit durchsetzt. Mehr wissen wir nicht. Und manchmal ist dieses „mehr wissen wir nicht“ ehrlicher als jedes Märchen mit Hase und Blütenkranz.

Häufige Fragen

War Ostara eine echte germanische Göttin? Die Form „Ostara“ ist in keiner alten Quelle belegt; Jacob Grimm hat sie 1835 erschlossen. Belegt ist nur die angelsächsische Eostre in einem einzigen Satz bei Beda (um 725).

Ist Ostern ein heidnisches Fest? Nein. Ostern ist das christliche Fest der Auferstehung und geht auf das jüdische Pessach zurück. Nur der Name im Deutschen und Englischen könnte, über Beda, auf eine heidnische Göttin oder ein altes Wort für Morgenröte bzw. Osten zurückgehen.

Woher kommt das Wort Ostern? Wahrscheinlich von germanisch *austrō „Morgenröte“, verwandt mit „Osten“, Eos und Aurora. Eine Minderheitenthese von Jürgen Udolph leitet es von einem Wort für „begießen“, also der Taufe, ab.

Was hat der Osterhase mit Ostara zu tun? Nichts Belegbares. Der eierbringende Osterhase ist zuerst 1682 in einer Heidelberger Dissertation unter Georg Franck von Franckenau bezeugt. Die Verbindung zu Ostara stammt aus dem 19. Jahrhundert.

Wann feiert man Ostara heute? Im modernen Jahresrad von Wicca und anderen neuheidnischen Gruppen zur Frühlings-Tagundnachtgleiche am 20. oder 21. März. Der Name für dieses Fest wurde 1974 eingeführt.

Was sind die Matronae Austriahenae? Römerzeitliche Muttergöttinnen, deren Weihesteine 1958 in Morken-Harff bei Bedburg gefunden wurden. Ihr Name erinnert an Eostre, ein Zusammenhang ist aber nicht bewiesen.

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