Es ist eines der zählebigsten Bilder vom „wilden Wikinger“: der bärtige Krieger, der aus dem ausgehöhlten Schädel eines erschlagenen Feindes seinen Met schlürft. Man findet es in Filmen, auf Bierkrügen und in unzähligen Erzählungen. Doch dieser Mythos hat einen erstaunlich genauen Geburtstag – und er entstand nicht im Norden, sondern am Schreibtisch eines Gelehrten im Kopenhagen des 17. Jahrhunderts. Wir folgen der Spur bis zu einem einzigen missverstandenen Wort, schauen uns echte Schädelbecher anderer Völker an und prüfen, woraus die Nordleute tatsächlich tranken.
Fragt man nach der berühmtesten Wikinger-Angewohnheit, landet man schnell beim Schädelbecher. Das Bild ist zu gut, um wahr zu sein: roh, triumphal, herrlich schaurig. Genau deshalb lohnt der zweite Blick. Wer die Fundlage durchgeht – Gräber, Siedlungen, Handelsplätze von Haithabu bis Island –, findet vieles, aus dem die Nordleute tranken. Nur eines findet er nicht: ein einziges menschliches Schädelstück aus der Wikingerzeit, das als Trinkgefäß hergerichtet wurde. Kein Grabfund, kein Hortfund, keine Werkstatt liefert einen Beleg. Ein so drastischer Brauch hätte Spuren hinterlassen, etwa Sägeschnitte, Metallfassungen oder Gefäßfüße. Es gibt sie nicht.
Das heißt nicht, dass Schädelbecher eine Erfindung der Neuzeit wären. Sie sind kulturgeschichtlich gut bezeugt, nur eben bei anderen Völkern und in anderen Jahrhunderten. Die Frage lautet deshalb nicht, ob es so etwas je gab, sondern ob es zu den Wikingern gehört. Dafür müssen wir die Quelle suchen, die den Mythos in die Welt setzte, und sie genau lesen.
Die Spur führt zum Krákumál, dem „Lied der Krákas“, auch Sterbelied des Ragnar Lodbrok genannt. Es besteht aus 29 Strophen, meist zu zehn Zeilen, in einem freien, nicht an strenge Silbenzahl gebundenen Versmaß. Der sagenhafte Held liegt in der Schlangengrube des Königs Ælla von Northumbrien und blickt auf seine Schlachten zurück. Die meisten Strophen beginnen mit dem Refrain „Wir hieben mit dem Schwert“ und schildern jeweils eine Heldentat; am Ende freut sich Ragnar auf das Gelage in Odins Halle, wo er „bald“ trinken werde.
Wichtig ist die Entstehungszeit. Die Forschung datiert das Gedicht ins 12. Jahrhundert, vermutlich auf den schottischen Inseln, und nicht in die Zeit Ragnars, die man im 9. Jahrhundert ansetzt, sofern es die historische Gestalt überhaupt in dieser Form gab. Das Krákumál ist also ein später, gelehrter Rückblick auf eine längst legendäre Gestalt. Eine Quelle für Trinksitten des 9. Jahrhunderts ist es schon aus diesem Grund nicht. Es gibt uns allenfalls die Bilder, die sich Dichter des 12. Jahrhunderts von einem Heldenende machten. Wer mehr über die Figur und ihre Söhne wissen will, findet das in unseren Beiträgen zu Ragnars Söhnen und zum Sagastil der Isländer.
Das Altnordische liebt die Umschreibung, die Kenning. Statt „Schiff“ sagt der Skalde „Rosse des Meeres“, statt „Schwert“ „Feuer der Wunden“. In einer der Schlussstrophen sagt Ragnar sinngemäß, bald trinke man Bier „aus den gebogenen Ästen der Schädel“ – altnordisch bjúgviðir hausa. Der erste Teil ist bjúgr, „gebogen“, der zweite viðr, „Baum, Holz, Ast“, das Grundwort der Kenning. Was wächst als gebogener Ast am Schädel? Das Horn eines Rindes. Gemeint ist ein Trinkhorn.
„Bald trinken wir Bier aus den gebogenen Ästen der Köpfe, in Fjölnirs Halle.“Krákumál, Strophe 25 (eigene Übertragung, sinngemäß; Fjölnir ist ein Beiname Odins)
Wer die Stelle beurteilen will, muss wissen, wie nordische Dichter arbeiteten. Die Skaldik verdichtet ihre Aussagen in Umschreibungen, die der Hörer auflösen musste wie ein Rätsel. Ein Schiff ist ein „Ross des Meeres“, die Dichtkunst heißt „Odins Met“ oder „Kvasirs Blut“ (zu den Hintergründen siehe Kvasir und Gunnlöð). Snorri hat diese Technik im 13. Jahrhundert in seiner Skáldskaparmál eigens erklärt, weil man sie schon damals nicht mehr ohne Lehrbuch verstand. Eine Kenning besteht meist aus einem Grundwort und einem Bestimmungswort; das Grundwort nennt ein Bild, das Bestimmungswort verweist auf den gemeinten Gegenstand. Bei bjúgviðir hausa ist „Ast“ das Bild, „Schädel“ der Hinweis: Was ist ein Ast des Schädels? Ein Horn.
Dass man solche Bildworte wörtlich nehmen kann, zeigt der Vergleich mit anderen Beispielen. Niemand käme auf die Idee, ein „Ross des Meeres“ für ein lebendes Pferd zu halten, das auf den Wellen trabt. Bei den Schädelästen hat die Übersetzung Worms diese Regel außer Kraft gesetzt. Hinzu kommt der Zeitabstand: Das Gedicht sprach ein Publikum an, das Hörner aus der Halle kannte; ein Gelehrter des 17. Jahrhunderts kannte sie nur aus Museen. Vielleicht erklärt gerade das, warum die Schädelfassung so einleuchtete: Sie lieferte ein Bild, das man sich vorstellen konnte.
Die Deutung als Hornkenning ist heute die gängige. Sie fügt sich in das Bild der übrigen Stelle: Ein Krieger, der in Odins Halle erwartet wird, trinkt dort, wie es in der Halle üblich ist – aus dem Horn. Dass haus auch schlicht „Schädel“ heißt, bleibt unbestritten, und aus der bloßen Wortbedeutung allein lässt sich die Absicht des Dichters nicht beweisen. Aber der Wortlaut „Äste der Schädel“ wäre für eine Schädelschale eine merkwürdige Umschreibung, für ein Horn dagegen eine geläufige. Ehrlich gesagt: Eine letzte Gewissheit über das, was der Dichter des 12. Jahrhunderts im Kopf hatte, gibt es nicht. Die Hornlesart ist aber die sprachlich und sachlich einleuchtendere.
Der Mann, der den Lapsus in die Welt setzte, meinte es gut. Ole Worm (1588–1654), dänischer Arzt, Gelehrter und leidenschaftlicher Sammler von Altertümern, gab 1636 sein Werk Runir seu Danica literatura antiquissima heraus, eine Sammlung zu Runen und altdänischer Dichtung, und nahm darin das Krákumál in lateinischer Übertragung auf. Bei der Stelle mit den „gebogenen Ästen der Schädel“ geriet ihm die Bildlichkeit durcheinander. In seiner Fassung las es sich, als wolle Ragnar aus den Hirnschalen der Erschlagenen trinken. Aus dem Trinkhorn war ein Schädelbecher geworden.
Man kann Worm das kaum vorwerfen. Er arbeitete ohne kritische Ausgaben und moderne Wörterbücher an einem Text voller Umschreibungen, in einer Zeit, in der das Altnordische nur wenige Gelehrte lesen konnten. Sein Fehler ist menschlich, und er fiel auf fruchtbaren Boden. Denn die antike Literatur kannte schaurige Trinksitten fremder Völker, und die Gelehrten des 17. Jahrhunderts waren mit diesen Erzählungen aufgewachsen. Ein Missverständnis, das sich in dieses Muster fügte, wurde leicht geglaubt.
Das Buch war einflussreich. 1763 nahm Thomas Percy, später Bischof von Dromore, das Krákumál in seine Five Pieces of Runic Poetry auf, Übertragungen aus dem Altnordischen ins Englische, die den Geschmack der Zeit trafen. Bei Percy trinken die Helden aus den Hirnschalen der Feinde, und die Stelle wurde zitiert, nachgedruckt und in die nächste Generation von Nordland-Schwärmerei weitergereicht. Die Romantik des späten 18. und des 19. Jahrhunderts liebte das Dunkle, Wilde, Heidnische. Der schädeltrinkende Nordmann passte genau hinein.
Spätere Autoren schmückten die Szene aus, Illustratoren zeichneten sie, und im 20. Jahrhundert übernahmen Abenteuerromane, Comics, Filme und Bierwerbung das Bild. Der Fehler wurde also nicht einmal, sondern viele Male weitergegeben, und jede Wiederholung wirkte wie eine Bestätigung. Dass die Vorlage etwas Harmloses meinte, ging im Nachhall unter. Das Muster kehrt in der Wikinger-Rezeption immer wieder: beim Hörnerhelm genauso wie beim Blutaar.
Dass Schädelbecher nicht aus der Luft gegriffen sind, zeigt ein Blick in die Geschichte. Sie sind bezeugt, aber eben anderswo. Eine Auswahl, geordnet nach Zeit, macht das deutlich.
Auffällig an dieser Liste: Fast alle Berichte stammen von Fremden über Fremde, und fast alle sind Siegesgeschichten über einen berühmten Gegner – ein Feldherr, ein König, ein Kaiser. Ein Schädelbecher war weniger ein Alltagsgerät als ein Siegeszeichen, eine Erzählung über Triumph und Schmach. Selbst bei den Quellen, die wir kennen, ist die Frage nach dem Wahrheitsgehalt nicht immer zu beantworten. Gerade die Geschichte von Krum und Nikephoros findet sich in mehreren Chroniken, doch auch sie wurde von Gegnern des Khans geschrieben. Das Muster ist klar: Wer einen Feind als Barbaren zeichnen wollte, erzählte von Schädelbechern.
Ganz aus der Luft gegriffen ist der Schädelbecher in der nordischen Überlieferung nicht, nur steht er an einer anderen Stelle, als der Mythos glaubt. In der Völundarkviða, dem Lied vom Schmied Völund (deutsch Wieland) aus der Lieder-Edda, nimmt der gefangene Meisterschmied grausame Rache an König Níðuðr. Er tötet dessen beide Söhne und fertigt aus den Schädeln silberbeschlagene Trinkschalen, die er dem ahnungslosen König an die Tafel schickt. Aus den Augen macht er Edelsteine für die Königin, aus den Zähnen eine Brosche für die Königstochter.
Das ist der einzige „Schädelbecher“ im eddischen Textbestand, und er sagt das Gegenteil dessen, was das Klischee behauptet. Es ist kein Trinkbrauch und kein Zeichen von Kriegerstolz, sondern das Werk eines Rächers, ein Bild des Grauens, das die Zuhörer schaudern lassen sollte. Gerade weil es so ungeheuerlich war, taugte es als literarischer Schock, nicht als Alltagsschilderung. Dass die Szene zum Schmiedegedicht gehört, ist kein Zufall: Völund ist der Handwerker, der die Rache mit seinem Können ausführt. Dem Dichter ging es um Verrat, Demütigung und die Rache eines Gequälten. Wer im Norden aus einem Schädel trank, tat das in einer Schauergeschichte, nicht beim Gelage.
Wenn Wikinger Schädel sammelten, müsste die Archäologie das zeigen. Es gibt tatsächlich einen Fund, der gewalttätige Praktiken der Wikingerzeit belegt: Beim Bau einer Umgehungsstraße bei Weymouth in Dorset entdeckte man 2009 an der Ridgeway Hill eine Grube mit den Skeletten von 51 jungen Männern. Alle waren enthauptet worden, die Schädel lagen getrennt von den Körpern in einem eigenen Haufen. Radiokarbondaten setzen die Tat zwischen etwa 970 und 1025, Isotopenwerte in den Zähnen weisen auf eine Herkunft aus Skandinavien (Loe u. a. 2014). Die wahrscheinlichste Deutung ist die Hinrichtung einer Gruppe gefangener Nordleute durch Angelsachsen.
Der Befund ist aufschlussreich, gerade weil er das Gegenteil des Klischees zeigt: Hier wurden Wikinger geköpft, nicht Gegner von ihnen. Die Schädel zeigen Hiebspuren des Enthauptens, aber keine Zeichen einer Umarbeitung zu Gefäßen. Auch in den großen Gräberfeldern wie Birka oder in den Siedlungsschichten von Haithabu, die für ihre Funde berühmt sind, lässt sich kein zum Becher umgearbeiteter Schädel nachweisen. Wer dagegen die Orte des Handels und der Halle besucht, findet Gefäße in Fülle – dazu im nächsten Abschnitt. Mehr zu Siedlung und Fundlage bieten unsere Beiträge zu Haithabu und Birka.
Das wichtigste Trinkgefäß der Germanen war das Horn vom Rind, und das lange vor den Wikingern. Julius Caesar beschreibt im sechsten Buch des Gallischen Krieges (Kap. 28) die Hörner des Auerochsen in Germanien.
„Die Hörner fassen sie an den Rändern mit Silber ein und verwenden sie bei den größten Festmählern als Becher.“Caesar, De bello Gallico VI, 28 (eigene Übertragung)
Die archäologischen Funde bestätigen das. Im Fürstengrab von Taplow in Buckinghamshire (6./7. Jahrhundert) lagen zwei Trinkhörner aus Auerochsenhorn mit silbervergoldeten Beschlägen, heute im British Museum. Im Schiffsgrab von Sutton Hoo fand man die Reste eines Auerochsenhorns mit silbernem Randbeschlag und weitere Hornbeschläge. Für die Wikingerzeit selbst stammen die meisten Hörner wohl vom Hausrind, und sie fassten weniger als einen halben Liter. Horn erhält sich schlecht; was bleibt, sind Randbeschläge und Endstücke aus Metall. Sie zeigen aber, wie verbreitet die Hörner waren, weit mehr als die erhaltenen Stücke vermuten lassen. Selbst Frauengräber enthalten aufwendiges Trinkgeschirr, von der römischen Kaiserzeit bis in die Wikingerzeit.
In der Literatur ist das Horn allgegenwärtig. Im Beowulf wird Met aus geschnitzten Hörnern ausgeschenkt. In Snorris Gylfaginning gibt Útgarða-Loki dem Gott Thor ein Horn zu leeren, dessen Spitze heimlich ins Meer reicht; Thor trinkt die Ebbe in die Welt. Auch die Goldhörner von Gallehus (Anfang des 5. Jahrhunderts, 1639 und 1734 gefunden, 1802 gestohlen und eingeschmolzen) wurden lange als Trinkhörner gedeutet, auch wenn manche Fachleute sie eher für Blashörner halten. Mehr dazu steht in unserem Beitrag über die Goldhörner von Gallehus. Weil ein Horn nicht stehen kann, wird es in einem Zug geleert oder weitergereicht – das macht das gemeinsame Trinken zum Ritual.
Neben dem Horn gab es eine große Bandbreite an Gefäßen. Im Alltag tranken die Leute aus gedrechselten Holzbechern, die sich im feuchten Boden von Handelsplätzen erhalten haben. Aus Ton kamen Becher und Krüge aus den Töpfereien am Rhein: Keramik der Pingsdorfer Art, hergestellt im Vorgebirge zwischen Köln und Bonn, ist als Handelsgut bis nach Haithabu gelangt. Wer es sich leisten konnte, trank aus Glas. Fränkische Glasbecher, trichterförmig oder konisch, wurden im Rheinland und im fränkischen Raum hergestellt und wanderten über die Handelswege nach Norden. Als Vorläufer dieser Formen kennt man schon aus dem 5. Jahrhundert fränkische Trinkhörner aus Glas, etwa das olivgrüne Stück von Bingerbrück im British Museum. Wie viel der Norden dem Rhein verdankte, lässt sich an der Fundlage ablesen; dazu passt der Beitrag zu Dorestad.
Gefüllt wurden die Gefäße mit Bier, Met und importiertem Wein. Bier brauten die Höfe selbst, Met war ein Getränk der Oberschicht und der Feste, Wein kam über den Rhein und die Nordsee. Eine Übersicht über beides bieten die Beiträge Met, das Getränk der Götter und Wikinger-Bier. Was auf den Tisch kam, beschreibt Wikinger-Ernährung.
Das Gelage war der Kern der nordischen Trinkkultur, und seine Regeln sind uns aus Texten bekannt. Schon Tacitus bemerkte in der Germania (Kap. 22), die Germanen besprächen bei Trinkgelagen Streit, Bündnisse und sogar Fragen von Krieg und Frieden, und einen Tag und eine Nacht durchzutrinken gelte niemandem als Schande. Die Halle war Ort der Entscheidung, der Gefolgschaft und der Gastfreundschaft. Das Zutrinken, das Gelübde auf den Becher und der Gruß „Skål“ gehören in diesen Zusammenhang, ebenso das rituelle Trinken, wie es im heidnischen Sumbel bis heute nachgestellt wird; mehr dazu in Blót und Sumbel heute und in Skål – die Bedeutung.
Ein Außenblick bietet der arabische Gesandte Ibn Fadlan, der 922 an der Wolga Nordleute der Rus beschrieb. Er schildert sie als Händler, die große Mengen eines berauschenden Getränks tranken, in einem Bericht, der teils bewundernd, teils angewidert klingt. Von Schädelbechern erzählt er nichts. Mehr zu diesem Zeugen steht im Beitrag zu Ibn Fadlan. Auch die Trinkgelage, die aus der Edda, den Sagas und dem Beowulf bekannt sind, bleiben ohne Schädelbecher. Hätte es die Sitte gegeben, müssten sie in diesen Quellen auftauchen.
Die Erklärung ist einfach: Das Bild ist stärker als der Befund. Ein Wikinger mit Horn ist ein Mensch bei Tisch, ein Wikinger mit Schädelbecher ist eine Filmszene. Hinzu kommt, dass die Wikingerzeit tatsächlich gewalttätig war: Überfälle, Gefangene, Sklaverei und Hinrichtungen sind belegt, wie der Fund von Ridgeway Hill zeigt. Das macht es leicht, dem Klischee zu glauben, weil es sich in ein bekanntes Muster fügt. Die Kenntnis der Quellen kann das ändern. Wer weiß, dass es um ein Missverständnis im Jahr 1636 geht, sieht auch, wie wenig die Bildersprache moderner Wikinger-Darstellungen mit den Funden zu tun hat. Ähnlich liegt es bei vielen Motiven, die heute als „nordisch“ verkauft werden; einen Überblick gibt der Beitrag Nordische Symbole: echt oder erfunden?.
Uns gefällt die tatsächliche Geschichte besser: Die Wikinger brauchten keinen Grusel, um beeindruckend zu sein. Ihre Trinkkultur war reich, gesellig und voller Handwerk – vom silberbeschlagenen Horn bis zum Importglas aus dem Frankenreich. Ein Horn, ein Holzbecher, ein Glas: Das waren die Dinge, die man in die Hand nahm, um Gäste zu ehren, Eide zu besiegeln und Verstorbenen zuzutrinken.
Zu den Fakten: Sicher ist, dass die lateinische Fassung des Krákumál von 1636 die Schädelvorstellung in die Neuzeit trug, dass das Gedicht selbst erst im 12. Jahrhundert entstand und dass aus der Wikingerzeit weder ein Schädelbecher noch ein Bericht darüber vorliegt. Gut belegt sind Trinkhörner, Holz-, Ton- und Glasgefäße. Wahrscheinlich, aber nicht endgültig bewiesen ist die Deutung der Kenning bjúgviðir hausa als Horn; wer sie anders liest, kann sich auf die Wortbedeutung von haus berufen. Offen bleibt, ob einzelne Krieger je einen Schädel als Trophäe behandelten: Dass es nirgends belegt ist, heißt nicht, dass es unmöglich war. Es heißt nur, dass kein Fund und kein Zeitzeuge es berichtet, und dass man daraus keine Sitte machen darf.
Wo das Mittelalter schriftlich spricht, wie bei Herodot, Paulus Diaconus oder der Nestorchronik, ist zudem Vorsicht geboten. Die Berichte stammen von Außenstehenden, oft von Gegnern, und dienen dem Bild des Feindes. Das gilt für die Steppe wie für den Norden. Wer das beachtet, liest auch die Wikinger-Überlieferung kritischer – und gewinnt am Ende ein schärferes Bild.

Haben Wikinger aus Schädeln getrunken? Dafür gibt es keinen Beleg. Weder Grabfunde noch Siedlungen noch zeitgenössische Berichte zeigen einen Schädelbecher aus der Wikingerzeit.
Woher stammt der Mythos? Aus Ole Worms lateinischer Fassung des Krákumál von 1636. Die altnordische Kenning „gebogene Äste der Schädel“ meint nach gängiger Deutung Trinkhörner, wurde aber als Schädelschalen verstanden.
Was ist das Krákumál? Ein Gedicht in 29 Strophen, im 12. Jahrhundert wohl auf den schottischen Inseln entstanden, in dem Ragnar Lodbrok in der Schlangengrube auf sein Leben zurückblickt.
Gab es Schädelbecher überhaupt? Ja, bei anderen Völkern: Skythen, Boier, Langobarden, Bulgaren, Petschenegen und in tantrischen Ritualen Tibets. Teils sind sie nur durch gegnerische Quellen überliefert.
Und die Völundarkviða? Dort lässt der Schmied Völund aus den Schädeln der Königssöhne Trinkschalen fertigen. Das ist ein Racheakt in einer Dichtung, kein Brauch.
Woraus tranken die Wikinger? Aus Trinkhörnern vom Rind, gedrechselten Holzbechern, Tongefäßen und importiertem Glas. Getrunken wurden Bier, Met und Wein.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
Met – der Göttertrank · Vegvísir & Ægishjálmr · Ragnar Lodbrok · Berserker · Haithabu.
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