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Haben Wikinger wirklich aus Schädeln getrunken?

Mythos-Check Haben Wikinger wirklich aus Schädeln getrunken?

Es ist eines der zählebigsten Bilder vom „wilden Wikinger“: der bärtige Krieger, der aus dem ausgehöhlten Schädel eines erschlagenen Feindes seinen Met schlürft. Man findet es in Filmen, auf Bierkrügen und in unzähligen Erzählungen. Doch dieser Mythos hat einen erstaunlich genauen Geburtstag — und er entstand nicht im Norden, sondern an einem Schreibtisch im Kopenhagen des 17. Jahrhunderts. Wir folgen der Spur bis zu einem einzigen missverstandenen Wort und trennen sauber, was gesichert ist, von dem, was ein Gelehrter aus Versehen in die Welt setzte.

Ein Bild, das jeder kennt — und niemand belegen kann

Fragt man nach der berühmtesten Wikinger-Angewohnheit, landet man schnell beim Schädelbecher. Das Bild ist zu gut, um wahr zu sein: roher, triumphaler, herrlich schaurig. Genau deshalb lohnt sich der zweite Blick. Denn wer die Fundlage durchsucht — Gräber, Siedlungen, Handelsplätze von Haithabu bis Island — findet vieles, aus dem die Nordleute tranken. Nur eines findet er nicht: einen einzigen menschlichen Schädel, der als Trinkgefäß hergerichtet wurde. Kein Grabfund, kein Hortfund, keine Werkstatt liefert einen Beleg. Ein so drastischer Brauch hätte Spuren hinterlassen. Er tut es nicht.

Das ist bemerkenswert, denn Wikinger waren keine zimperlichen Zeitgenossen, und Schädelbecher als Trophäe sind kulturgeschichtlich durchaus bezeugt — bei anderen Völkern, in anderen Jahrhunderten. Antike Autoren berichten sie etwa von steppen- und balkanischen Stämmen, und auch aus der Vorgeschichte kennt man umgearbeitete Schädel. Nur eben nicht aus dem wikingerzeitlichen Skandinavien. Woher kommt dann das Klischee?

Ein bekanntes echtes Beispiel liefert das frühe Mittelalter, allerdings weitab vom Norden: Der Bulgarenherrscher Krum ließ um 811 aus dem Schädel des besiegten byzantinischen Kaisers Nikephoros einen silberbeschlagenen Trinkbecher fertigen — so berichten es byzantinische Chronisten. Und schon Jahrhunderte früher schrieben römische Autoren dergleichen keltischen Stämmen wie den Boiern zu. Solche Trophäenbecher gab es also durchaus — sie gehören aber in ganz andere Kulturen und Zeiten. Für die Männer aus Haithabu, Birka oder Jelling schweigen die Funde beharrlich.

Die Geburt des Mythos: Ole Worm, 1636

Die Spur führt zu einem Mann, der es eigentlich gut meinte. Ole Worm, dänischer Gelehrter und leidenschaftlicher Sammler von Altertümern, gab 1636 eine lateinische Ausgabe des Krákumál heraus — jenes altnordischen „Sterbeliedes Ragnars“, in dem der sagenhafte Held Ragnar Lodbrok in der Schlangengrube auf sein Leben zurückblickt und sich auf das Gelage in Odins Halle freut. Ein prächtiges, blutrünstiges Gedicht voller Kampf und Trinkfreude.

Das Altnordische liebt die Umschreibung, die sogenannte Kenning: Statt „Trinkhorn“ sagt der Skalde lieber bildhaft „der gebogene Ast des Schädels“. Das ergibt vollkommen Sinn, sobald man weiß, worauf es zielt — die Hörner nämlich wachsen am Schädel des Tieres, und ein Trinkhorn ist genau das: ein gebogenes Horn vom Kopf eines Rindes. Die Kenning meint also, sauber übersetzt, nichts Grausiges, sondern schlicht: „wir werden aus Hörnern trinken“.

„Bald werden wir Met aus den gebogenen Hörnern des Schädels trinken.“ Krákumál, Strophe 25 (nach gemeinfreier Übersetzung)

Beim Übertragen ins Lateinische geriet Worm diese Bildlichkeit durcheinander. In seiner Fassung las es sich, als tränke Ragnar aus den Schädeln selbst — aus den Hirnschalen der Erschlagenen. Aus dem Trinkhorn war ein Schädelbecher geworden. Ein Missverständnis, mehr nicht — aber es traf einen Nerv.

Wie ein Wort um die Welt ging

Worms Ausgabe war einflussreich, und die Zeit war reif für romantisch-schaurige Nordmänner. Spätere Autoren übernahmen die Stelle dankbar, schmückten sie aus, und binnen Generationen war der Schädeltrinker fester Bestandteil des Wikinger-Klischees. Dass die altnordische Vorlage etwas ganz Harmloses meinte, ging im Nachhall unter. Das Bild war einfach zu wirkungsvoll, um es sich von den Fakten kaputtmachen zu lassen — ein Muster, das man in der Wikinger-Rezeption immer wieder findet, vom Hörnerhelm bis zum Blutaar.

Man kann Ole Worm das kaum vorwerfen. Er arbeitete ohne moderne Wörterbücher, ohne die kritischen Editionen von heute, an einem Text voller kunstvoller Umschreibungen. Sein Fehler ist menschlich — und lehrreich. Er zeigt, wie eine einzige unglückliche Zeile ein ganzes Volk mit einem Ruf versehen kann, den es nie hatte.

Die eine echte Schädelbecher-Stelle: die Wieland-Sage

Ganz aus der Luft gegriffen ist der Schädelbecher in der nordischen Überlieferung allerdings nicht — nur steht er an einer ganz anderen Stelle, als der Mythos glauben macht. In der Völundarkviða, dem Lied vom Schmied Völund (deutsch Wieland) aus der Lieder-Edda, nimmt der gefangene Meisterschmied grausame Rache an König Níðuðr: Er tötet dessen beide Söhne und fertigt aus ihren Schädeln mit Silber beschlagene Trinkschalen, die er dem ahnungslosen König an die Tafel schickt. Aus den Augen macht er Edelsteine für die Königin, aus den Zähnen eine Brosche für die Königstochter.

Das ist der einzige „Schädelbecher“ im eddischen Textkorpus — und er sagt das genaue Gegenteil dessen, was das Klischee behauptet. Er ist kein Trinkbrauch und kein Zeichen von Kriegerstolz, sondern das Werk eines Rächers, ein Bild des Grauens, das die Zuhörer schaudern lassen sollte. Gerade weil es so ungeheuerlich war, taugte es als literarischer Schock — nicht als Alltag. Wer im Norden aus einem Schädel trank, tat das in einer Schauergeschichte, nicht beim Gelage.

Woraus die Wikinger wirklich tranken

Die Wahrheit ist weniger blutig, aber kein bisschen langweilig. Die Nordleute tranken aus einer erstaunlichen Bandbreite echter Gefäße, und die Funde sind eindeutig. Da ist zuallererst das Trinkhorn vom Rind — Statussymbol und Festgerät, oft mit kunstvollen Beschlägen aus Bronze oder Silber am Rand; weil es nicht stehen kann, wurde es in einem Zug geleert und weitergereicht, was das gemeinsame Trinken zusätzlich zum Ritual machte. Da sind schlichte, gedrechselte Becher aus Holz für den Alltag, und die stabilen Tonbecher der Töpferzentren, wie sie etwa aus dem rheinischen Handel bis in den Norden gelangten. Wer es sich leisten konnte, trank aus importiertem Glas — kostbare Trichter- und Spitzbecher, die über die Handelswege aus dem Frankenreich kamen und ein echtes Prestigeobjekt am Gelage waren.

Gefüllt wurden sie mit Met, mit Bier und mit importiertem Wein. Das Gastmahl, die Halle, das gemeinsame Trinken — das war der eigentliche Kern der nordischen Trinkkultur, ein Ritual von Ehre, Gefolgschaft und Gastfreundschaft. Wer tiefer in Honigwein und Braukunst des Nordens eintauchen will, findet dazu mehr in unserem Beitrag über Met, das Getränk der Götter. Der Becher hoch, ein kräftiges „Skål“ — dafür brauchte es keinen Schädel, sondern gutes Horn, Holz oder Glas.

Was gesichert ist

Aus dem wikingerzeitlichen Skandinavien ist kein einziges als Trinkgefäß hergerichtetes menschliches Schädelstück bekannt — weder aus Gräbern noch aus Siedlungen. Belegt sind dagegen Trinkhörner vom Rind (häufig mit Metallbeschlägen), gedrechselte Holzbecher, Tonbecher sowie kostbares importiertes Glas aus dem Frankenreich. Getrunken wurde Met, Bier und Wein, meist im festlichen Rahmen der Halle. Schädelbecher als Trophäe sind kulturgeschichtlich zwar bezeugt — bei anderen Völkern und in anderen Epochen —, nicht aber als nordische Praxis der Wikingerzeit.

Mythos-Check

Der „Wikinger trinkt aus Feindesschädeln“ ist ein neuzeitlicher Irrtum mit genauem Ursprung: Ole Worm übersetzte 1636 in seiner Ausgabe des Krákumál die altnordische Kenning für Trinkhorn — sinngemäß „der gebogene Ast/das gebogene Horn des Schädels“ (denn Hörner wachsen am Tierschädel) — missverständlich, sodass es klang, als tränke man aus den Schädeln selbst. Spätere Autoren trugen den Fehler weiter, bis er zum festen Klischee wurde. Die Vorlage meint schlicht: „Wir werden aus Hörnern trinken.“ Kein wikingerzeitlicher Fund stützt den Schädelbecher.

Was wir daraus machen

Uns gefällt diese Geschichte, weil sie die schönere Wahrheit erzählt: Die Wikinger brauchten keinen Grusel-Effekt, um beeindruckend zu sein. Ihre Trinkkultur war reich, gesellig und voller Handwerk — vom silberbeschlagenen Horn bis zum eleganten Importglas. Genau diese ehrliche Formensprache tragen wir in unsere Arbeit. Und weil ein guter Mythos auch ein Augenzwinkern verdient, gibt es bei uns die Schieferplatte „Das Problem unserer heutigen Gesellschaft: Niemand trinkt mehr Met aus den Schädeln seiner Feinde" — und dazu die deutlich alltagstauglichere Antwort: unsere gravierten Tonbecher aus dem Westerwald. Skål — aus dem Becher, nicht aus dem Schädel.

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Weiterlesen bei uns

Met – der Göttertrank · Vegvísir & Ægishjálmr · Ragnar Lodbrok · Berserker · Haithabu.

Quellen & Literatur

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