Die Donareiche von Geismar war ein riesiger, als heilig verehrter Baum in Nordhessen, den der angelsächsische Missionar Bonifatius um 723 fällen ließ – so berichtet es die einzige Quelle, die Lebensbeschreibung des Bonifatius von Willibald, geschrieben rund vierzig Jahre später. Dort heißt der Baum „robor Iobis“, Eiche des Jupiter; den Namen Donar setzen erst moderne Deutungen ein. In diesem Artikel lesen wir die Quelle Satz für Satz, prüfen, wo „Gaesmere“ lag, was in Fritzlar und Geismar ausgegraben wurde und was spätere Erzähler hinzugedichtet haben.
Eine Axt, ein Baum, eine Menge Zuschauer, die den Fremden verfluchen. Dann ein Knacken in der Krone, ein Windstoß von oben, und der Riese stürzt, zerbricht in vier gleich lange Stücke. Die Flüche verstummen, die Heiden beginnen zu glauben. Aus dem Holz zimmert der Missionar eine kleine Kirche für den Apostel Petrus.
So steht es da. Ein einziges Mal, in einem einzigen Text. Und doch ist diese Szene zu einem der bekanntesten Bilder der frühen deutschen Geschichte geworden: in Schulbüchern, auf Gemälden, auf Denkmälern, in Weihnachtslegenden. Wir bei Glanz & Gravur arbeiten täglich mit Holz und Stein, und gerade deshalb reizt uns diese Geschichte: Ein Baum, von dem kein Span erhalten ist, hat sich tiefer ins Gedächtnis gegraben als manche Kathedrale. Schauen wir genau hin.
Alles, was wir über die Eiche von Geismar erfahren, stammt aus der Vita Bonifatii, der Lebensbeschreibung des heiligen Bonifatius. Geschrieben hat sie ein angelsächsischer Priester namens Willibald, der in Mainz lebte. Er verfasste sie wahrscheinlich zwischen 763 und 768 im Auftrag von Bonifatius’ Nachfolger, Erzbischof Lul von Mainz, und Bischof Megingoz von Würzburg. Willibald selbst hat Bonifatius nie getroffen. Er stützte sich auf Erzählungen von Schülern und Weggefährten. Ob er auch die Briefe des Bonifatius auswertete, ist in der Forschung umstritten.
Das ist der erste und wichtigste Befund: Zwischen dem Ereignis (um 723) und seiner Niederschrift liegen rund vierzig Jahre. Und der Text ist keine Chronik, sondern eine Hagiographie – eine Heiligenvita, also eine Lebensbeschreibung, die einen Menschen als Heiligen zeigen und zur Nachahmung empfehlen soll. Zu Willibalds Vorbildern gehörten die Dialoge Gregors des Großen, eine Sammlung von Wundergeschichten. Wunder und der Triumph über das Heidentum gehören zum Bauplan dieser Gattung.
Die Fällung der Eiche steht im sechsten Kapitel der Vita (nach der maßgeblichen Ausgabe von Wilhelm Levison, Monumenta Germaniae Historica, 1905). Eine Jahreszahl nennt Willibald nicht. Die übliche Datierung „723“ oder „723/724“ ergibt sich aus dem Zusammenhang: Bonifatius war im November 722 in Rom zum Bischof geweiht worden und hatte danach einen Schutzbrief des fränkischen Hausmeiers Karl Martell erhalten. Erst danach kehrte er nach Hessen zurück – und dort ordnet Willibald die Szene ein.
Lesen wir die Stelle in Ruhe. Willibald beschreibt zunächst die Lage unter den Hessen. Viele hätten den Glauben bereits angenommen und seien durch Handauflegung gefestigt worden. Andere dagegen hätten, wie er schreibt, heimlich oder offen „Hölzern und Quellen“ geopfert (lignis et fontibus), Eingeweideschau und Weissagung betrieben, Zauber und Beschwörungen geübt. Das ist keine geschlossene „heidnische Gemeinde“, sondern eine Mischlage, in der alte und neue Praktiken nebeneinander bestehen.
Dann folgt der Kernsatz. Auf Rat und mit Unterstützung jener Hessen, die den alten Bräuchen bereits abgeschworen hatten (quorum consultu atque consilio), unternahm Bonifatius es, eine Eiche „von wunderbarer Größe“ zu fällen (roborem quendam mirae magnitudinis). Sie heiße, so Willibald, „mit dem alten Wort der Heiden“ robor Iobis, die Eiche des Jupiter. Sie stand „an dem Ort, der Gaesmere genannt wird“.
Eine große Menge Heiden war anwesend und verfluchte den Feind ihrer Götter. Doch kaum war der Baum ein wenig angeschlagen, wurde die gewaltige Masse „von einem göttlichen Hauch von oben“ (divino desuper flatu) erschüttert, die Krone brach, der Stamm stürzte und zerbarst in vier Teile, vier riesige Stammstücke von gleicher Länge – und zwar, betont Willibald, ohne Zutun der umstehenden Brüder. Die eben noch fluchenden Heiden lobten nun Gott und glaubten. Bonifatius beriet sich mit seinen Gefährten und errichtete aus dem Holz des Baumes ein hölzernes Bethaus, ein oratorium, das er dem heiligen Apostel Petrus weihte. Danach zog er weiter nach Thüringen.
Hier liegt ein Punkt, den viele Darstellungen überspringen: Willibald schreibt nicht „Donar“. Er schreibt Iobis, das ist der Genitiv von Jupiter in der Schreibweise seiner Zeit (klassisch robur Iovis). Dass mit diesem Jupiter der germanische Donnergott gemeint ist, ist eine Schlussfolgerung – allerdings eine gut begründete.
Seit der Römerzeit wurden fremde Götter mit römischen Namen bezeichnet; die Forschung nennt das interpretatio romana. Der Wochentag zeigt, wie fest die Gleichung Jupiter = Donnergott saß: Aus dem lateinischen dies Iovis wurde im Deutschen der Donnerstag, im Englischen der Thursday. Mehr dazu in unserem Artikel über die germanischen Wochentage. Auch ein Text aus dem unmittelbaren Umfeld der Mission stützt die Gleichung: Das altsächsische Taufgelöbnis, überliefert in einer Handschrift des 8./9. Jahrhunderts, lässt die Täuflinge ausdrücklich „Thunaer ende Uuoden ende Saxnote“ absagen – Donar, Wodan und Saxnot. Der Donnergott war also unter den Festlandgermanen jener Zeit eine Größe, gegen die sich die Mission namentlich richtete.
Wer mehr über diesen Gott wissen will, bevor er im Norden zu Thor wurde, findet das in unserem Beitrag zu Donar, dem Donnergott der Germanen und im Überblick Wodan, Donar & Ziu. Bei Tacitus übrigens heißt der germanische Kraftgott meist Hercules, nicht Jupiter – ein Beispiel dafür, dass die römische Zuordnung wechseln konnte; dazu passt unser Artikel über Hercules Magusanus.
Ehrlich formuliert heißt das: Der Baum hieß in der Quelle „Jupiters Eiche“. Dass die Hessen ihn mit dem Donnergott verbanden, ist sehr wahrscheinlich. Wie sie ihn selbst nannten, wissen wir nicht. „Donareiche“ ist ein Name der modernen Forschung und Erinnerungskultur.
Der Wind von oben. Ein Baum, der nach wenigen Hieben von einem himmlischen Hauch umgeworfen wird, ist ein Wunder, kein Wetterbericht. Es zeigt: Nicht der Mensch, Gott selbst fällt den Baum. Ob tatsächlich eine Böe half oder ob die Fällung Stunden dauerte, lässt sich nicht sagen.
Die vier gleichen Stämme. Dass ein Baum in vier exakt gleich lange Teile zerbricht, ist physikalisch kaum denkbar und erzählerisch hochsymbolisch. Ob Willibald an die vier Evangelien, die vier Himmelsrichtungen oder an das Kreuz dachte, sagt er nicht. Spätere Nacherzähler haben gern ein Kreuz daraus gemacht – das steht nicht in der Quelle.
Die plötzliche Bekehrung. Die Wende von Fluch zu Lob in einem einzigen Satz ist ein typisches Muster. Die Briefe aus dem Umfeld des Bonifatius zeichnen ein mühsameres Bild: Noch Jahrzehnte später klagen Päpste und Synoden über Opfer an Hainen und Quellen, über Losorakel und Amulette. Das Konzil von 743, das sogenannte Concilium Germanicum, verbot ausdrücklich heidnische Opfer und Wahrsagerei. Auch der Indiculus superstitionum et paganiarum, eine Liste verbotener Bräuche aus dem 8. Jahrhundert, nennt unter anderem „Heiligtümer in den Wäldern“ und Feiern für Jupiter und Merkur. Eine Axt hat diese Welt nicht an einem Nachmittag beendet.
Die fränkische Macht. Von Soldaten ist in der Szene keine Rede. Willibald erwähnt aber unmittelbar davor den Schutz Karl Martells, und Bonifatius selbst schrieb später an Bischof Daniel von Winchester sinngemäß, ohne den Schutz des Frankenherrschers könne er weder seine Kirche leiten noch den Götzendienst verhindern. Wer vor einer feindseligen Menge den heiligsten Baum der Gegend fällt und unbehelligt bleibt, tut das mit Rückendeckung. Die fränkische Burg auf dem Büraberg lag in Sichtweite.
Ein Gegenbild liefert Bischof Daniel von Winchester. Er riet Bonifatius brieflich, die Heiden nicht zu verspotten, sondern ihnen Fragen zu stellen, etwa ob ihre Götter einen Anfang hätten. Die Mission kannte also auch das Gespräch. Willibald wählte für sein Heiligenbild die dramatischere Szene.
Willibald nennt den Ort, beschreibt ihn aber nicht. Das Reallexikon der Germanischen Altertumskunde vermutet, er habe die Lage bei seinen Lesern als bekannt vorausgesetzt. Seit dem 19. Jahrhundert setzt die Forschung „Gaesmere“ fast einhellig mit Geismar bei Fritzlar gleich, heute ein Stadtteil von Fritzlar im Schwalm-Eder-Kreis. Für diese Gleichsetzung spricht vor allem die Nähe zur fränkischen Büraburg und zum späteren Kloster Fritzlar, also zu den Stützpunkten der Mission.
Ganz einstimmig ist das Bild nicht. Andere Orte namens Geismar wurden vorgeschlagen, etwa Hofgeismar oder Geismar bei Frankenberg, und einzelne Forscher, etwa der Übersetzer George W. Robinson (1916) oder der Historiker Thomas F. X. Noble (2000), bezeichneten den Ort ausdrücklich als ungeklärt. Innerhalb der Fritzlarer Gegend gibt es zudem eine Debatte um den genauen Platz. Eine verbreitete Annahme setzt das Petrus-Oratorium an die Stelle des heutigen Fritzlarer Doms St. Peter – archäologisch nachgewiesen ist es dort aber nicht. Ob auch die Eiche auf dem Domhügel stand, der zur Gemarkung Geismar gehört haben könnte, oder ob Eiche und Bethaus an verschiedenen Stellen lagen, bleibt offen. Als weitere Kandidaten werden etwa der Johanniskirchenkopf nordwestlich von Geismar genannt.
Zum Namen selbst: „Gaesmere“ gehört zu einer Gruppe von Ortsnamen auf -mar, die mit stehendem Wasser, Sumpf oder Quelle verbunden werden. Der erste Bestandteil wird oft als „sprudelnd, aufwallend“ gedeutet. Das würde gut zur Mineralquelle nordwestlich von Geismar passen, dem Sauerbrunnen, der heute auch „Donarquelle“ genannt wird. Diese Deutung ist allerdings nicht gesichert, und der Name „Donarquelle“ ist eine moderne Zutat – ein Quellenbeleg für einen Donarkult an diesem Brunnen existiert nicht. Willibalds Formel „Hölzer und Quellen“ zeigt, dass Baum und Wasser zusammengehörten; mehr bei unseren heiligen Quellen.
Eine Eiche hinterlässt nach 1.300 Jahren keine Spuren, die man ausgraben könnte, schon gar nicht, wenn ihr Holz zu einer Kirche verbaut wurde. Was die Archäologie aber zeigen kann, ist das Umfeld. Und das ist in Geismar außergewöhnlich gut erforscht.
Zwischen 1973 und 1980 grub die hessische Landesarchäologie mit Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft südsüdwestlich des heutigen Dorfes eine große Siedlung aus, die man „Alt-Geismar“ nennt. Die Gesamtauswertung legte Andreas Thiedmann 2019 vor. Ihr Ergebnis: ein dörflicher Siedlungsplatz, der von der vorrömischen Eisenzeit – grob ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. – bis in die Zeit der salischen Kaiser bewohnt war. Hier lebten also Menschen über ein Jahrtausend an derselben Stelle, durch Römerzeit, Völkerwanderung und Christianisierung hindurch. Das „Gaesmere“ des Bonifatius war also kein Waldheiligtum in der Wildnis, sondern lag in einer alt besiedelten, landwirtschaftlich genutzten Landschaft.
Ein Kultplatz, ein heiliger Bezirk oder gar eine Baumgrube der Eiche wurde dabei nicht gefunden.
Besser greifbar ist die fränkische Seite. Die Büraburg auf dem Büraberg, am Südufer der Eder gegenüber Fritzlar, war eine fränkische Befestigung mit Mörtelmauer und mehreren Toren, die nach archäologischer Datierung schon vor Bonifatius bestand und im 8. Jahrhundert verstärkt wurde. 742 erhob Bonifatius die Büraburg zum Bischofssitz, zusammen mit Würzburg und Erfurt; erster Bischof war sein Gefährte Witta. Das Bistum bestand nur kurz und ging in Mainz auf.
Wer war der Mann mit der Axt? Bonifatius hieß ursprünglich Wynfreth und stammte aus Wessex im Südwesten Englands, geboren um 675. Nach einem gescheiterten ersten Missionsversuch in Friesland 716 ging er nach Rom. Papst Gregor II. erteilte ihm im Mai 719 den Missionsauftrag und gab ihm den Namen Bonifatius. Nach Jahren an der Seite Willibrords in Friesland wandte er sich 721 nach Hessen; in Amöneburg gründete er eine erste Zelle. Im November 722 wurde er in Rom zum Bischof geweiht, ohne festen Sitz, gebunden an den Papst.
Christen gab es in Hessen also schon. Die Fällung war ein Signal an die Zögernden, an die Getauften, die heimlich weiter opferten, und an die fränkischen Herren.
Aus dem Petrus-Oratorium wuchs mit der Zeit Fritzlar. Bonifatius gründete hier ein Kloster mit einer Kirche des heiligen Petrus; der erste Abt war Wigbert. Üblich ist eine Datierung um 732. Der heutige Dom St. Peter steht an dieser Stelle, auch wenn bei Grabungen keine Reste des ersten Baus gefunden wurden; die 1970 freigelegten Fundamente eines Vorgängers stammen erst aus dem späten 8. Jahrhundert oder später.
Eine Fortsetzung der Geschichte liefern die fränkischen Reichsannalen. Für das Jahr 774 (in den Annalen unter 773 eingetragen) berichten sie von einem Einfall der Sachsen, während Karl der Große in Italien war. Die Sachsen hätten versucht, die von Bonifatius geweihte Kirche in Fritzlar anzuzünden, von der er vorausgesagt habe, sie werde nie verbrennen; zwei junge Männer auf weißen Pferden hätten sie beschützt. Die Notiz ist eine spätere Randergänzung, zeigt aber, wie früh der Ort als Bonifatius-Stätte galt. Den größeren Rahmen der Sachsenkriege erzählen wir bei den Sachsen.
Die Leute, die Willibald „Hessen“ (Hessi) nennt, sind im 8. Jahrhundert erstmals unter diesem Namen fassbar. In der Römerzeit siedelten im selben Raum die Chatten, die Tacitus als besonders diszipliniertes Volk beschreibt. Germanicus ließ 15 n. Chr. ihren Hauptort Mattium niederbrennen, dessen Lage umstritten ist. Die meisten Sprachwissenschaftler halten es für wahrscheinlich, dass der Name „Hessen“ sprachlich auf „Chatten“ zurückgeht. Ganz ohne Zweifel ist diese Herleitung nicht, und eine lückenlose Kontinuität der Bevölkerung lässt sich aus einem Namen ohnehin nicht ableiten.
Der Raum war um 700 längst fränkisch beherrscht, aber kirchlich kaum organisiert. Bonifatius trat hier nicht als Eroberer auf, sondern als Organisator einer Kirche im Schutz einer bestehenden Herrschaft. Wie sich dieser Prozess über Jahrhunderte vollzog, erzählen wir ausführlich in unserem Artikel über die Christianisierung der Germanen.
Die Eiche von Geismar steht nicht allein. Schon der römische Geschichtsschreiber Tacitus schrieb um 98 n. Chr. in seiner Germania (Kapitel 9), die Germanen weihten ihren Göttern Haine und Wälder und benennten mit Götternamen jenes Geheimnisvolle, das sie nur in Ehrfurcht schauten. In Kapitel 39 beschreibt er den heiligen Hain der Semnonen, den man nur gefesselt betreten durfte – dazu unser Beitrag zum Semnonenhain. In seinen Annalen erwähnt er einen dem „Hercules“ geweihten Wald an der Weser, in dem sich die Cherusker im Jahr 16 n. Chr. versammelten.
Tacitus schrieb als Römer über Fremde, mehr als 600 Jahre vor Bonifatius. Er beweist keine ungebrochene Tradition bis Geismar, zeigt aber, dass heilige Bäume und Haine für Römer ein auffälliges Merkmal der germanischen Religion waren. Einen breiten Überblick bietet unser Artikel über heilige Bäume und Haine sowie über die germanische Religion.
Warum ausgerechnet die Eiche für den Donnergott? Eine verbreitete Erklärung: Eichen werden als hohe, freistehende Bäume besonders oft vom Blitz getroffen. Das klingt einleuchtend, ist aber eine moderne Erklärung, kein antiker Beleg. Auch anderswo galten Eichen dem Himmels- und Wettergott, etwa die Eiche des Zeus in Dodona; ob dahinter eine gemeinsame Wurzel steht, ist umstritten.
Spätere Vergleichsfälle gibt es auch im Norden. Adam von Bremen berichtet um 1075 in einer Randnotiz zu seiner Hamburgischen Kirchengeschichte von einem riesigen immergrünen Baum beim Tempel von Uppsala. Manche Forscher sehen in solchen Bäumen irdische Gegenstücke zum Weltenbaum Yggdrasil. Das ist eine Deutung, kein Befund, und sie lässt sich für Geismar nicht belegen.
Häufig werden die Donareiche und die Irminsul verwechselt oder vermischt. Es sind zwei verschiedene Heiligtümer, zwei verschiedene Völker und zwei verschiedene Situationen. Die Irminsul war ein Heiligtum der Sachsen, das Karl der Große 772 im ersten Jahr seiner Sachsenkriege zerstörte, bei der Eresburg im heutigen Obermarsberg, wie meist angenommen wird. Die Reichsannalen berichten die Zerstörung knapp. Rund neunzig Jahre später beschreibt Rudolf von Fulda die Irminsul als großen, aufgerichteten Holzstamm, den die Sachsen unter freiem Himmel verehrten, und übersetzt ihren Namen als „allumfassende Säule“.
Die Unterschiede sind lehrreich. In Geismar fällt ein Missionar mit lokaler Unterstützung und im Schutz einer etablierten Herrschaft einen Baum; aus dem Holz entsteht eine Kirche, die Erzählung endet mit Bekehrung. An der Irminsul zerstört ein König im Krieg ein Heiligtum eines noch nicht unterworfenen Volkes; es folgen drei Jahrzehnte Kämpfe. Beide Ereignisse wurden später zu Symbolen. Historisch gehören sie in unterschiedliche Welten.
Bonifatius wurde 754 bei Dokkum in Friesland erschlagen und in Fulda beigesetzt. Schon bald galt er als „Apostel der Deutschen“. Die Szene mit der Eiche wurde zu seinem Erkennungszeichen; auf vielen Darstellungen trägt er Axt oder Buch.
Im 19. Jahrhundert, als in Deutschland Nationalgeschichte und kirchliche Erinnerung aufblühten, erhielt die Geschichte eine neue Bühne. 1842 wurde in Fulda das große Bonifatius-Denkmal von Werner Henschel enthüllt, und die Szene von Geismar wurde in Geschichtsbüchern zum Bild schlechthin für das Ende des Heidentums. Spätere Nacherzählungen schmückten aus: Mal fällt der Baum in Kreuzform, mal wächst an seiner Stelle eine junge Tanne. Diese Weihnachtsbaum-Legende stammt aus erbaulichen Erzählungen des späten 19. Jahrhunderts, nicht aus der Quelle. In Fritzlar erinnert seit 1999 eine Statue des Bonifatius an die Fällung; sie ist vor Ort nicht unumstritten.
Nimmt man alle Ausschmückungen weg, bleibt ein bemerkenswert schlichter Kern: In Hessen stand in den 720er Jahren ein sehr großer, verehrter Baum, den Christen mit Jupiter, also wahrscheinlich mit dem Donnergott, verbanden. Bonifatius ließ ihn mit lokaler Unterstützung fällen und verwendete das Holz für eine Petruskirche. Das passte zu seinem Programm, alte Kultorte nicht nur zu zerstören, sondern zu übernehmen.
Alles Weitere – der Wind von oben, die vier Stämme, die Bekehrung im Augenblick, später der ausbleibende Blitz, das Kreuz, die Tanne – ist Erzählung. Das macht die Geschichte nicht wertlos. Es zeigt, wie Erinnerung arbeitet: Sie verdichtet und deutet. Das Holz eines Baumes, der nicht mehr existiert, trägt bis heute eine ganze Bibliothek aus Bildern.

Wo stand die Donareiche? Laut Willibald „an dem Ort, der Gaesmere genannt wird“. Die Forschung setzt das fast einhellig mit Geismar bei Fritzlar in Nordhessen gleich; der genaue Platz, etwa der heutige Domhügel in Fritzlar, ist nicht gesichert.
Wann fällte Bonifatius die Donareiche? Die Quelle nennt kein Jahr. Aus dem Zusammenhang ergibt sich die Zeit nach seiner Bischofsweihe im November 722, meist wird 723 oder 723/724 angegeben.
Warum heißt sie Donareiche, wenn in der Quelle Jupiter steht? Willibald schreibt „robor Iobis“, Eiche des Jupiter. Römer und gelehrte Christen setzten Jupiter mit dem germanischen Donnergott gleich, wie auch der Wochentag Donnerstag zeigt. „Donareiche“ ist daher eine gut begründete moderne Deutung, aber kein Wort aus der Quelle.
Gibt es archäologische Spuren der Donareiche? Nein. Ausgegraben wurde zwischen 1973 und 1980 eine Siedlung bei Geismar, die von der Eisenzeit bis ins Hochmittelalter bestand. Ein Kultplatz oder Reste des Baumes wurden nicht gefunden.
Ist die Donareiche dasselbe wie die Irminsul? Nein. Die Donareiche stand um 723 in Hessen, die Irminsul war ein Heiligtum der Sachsen, das Karl der Große 772 zerstörte.
Stimmt es, dass aus der Donareiche der erste Weihnachtsbaum wurde? Nein. Diese Legende stammt aus Nacherzählungen des 19. Jahrhunderts; Willibald berichtet nur von einem Bethaus aus dem Holz der Eiche.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
Thor / Donar · Der Thorshammer · Germanen & Stämme · Wikinger vor Aachen.
Willibald, Vita Bonifatii auctore Willibaldo (um 760). Forschung: Lutz von Padberg, Bonifatius. Missionar und Reformer (2003); Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie (3. Aufl. 2006). Zu Ortsnamen: Wodan/Godan in Gudensberg & Bad Godesberg.
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