Vor gut 1.700 Jahren ließ sich ein Mann aus dem Nahen Osten in einem germanischen Dorf im heutigen Thüringen nieder – und stieg dort in die Oberschicht auf. Sein Grab und die Funde von Frienstedt erzählen eine überraschend weltoffene Geschichte über die Germanen.
Frienstedt, heute ein westlicher Ortsteil von Erfurt, war in der römischen Kaiserzeit eine germanische Siedlung mitten im fruchtbaren Thüringer Becken. Seit rund 25 Jahren gräbt das Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie den Fundplatz aus – und stieß dabei auf eine ganze Reihe kleiner Sensationen.
Berühmt ist der Ort für einen Kamm aus Geweih mit einer Runeninschrift aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. Er gilt als ältester Nachweis westgermanischer Sprache überhaupt – ein winziger Alltagsgegenstand, der ein ganzes Kapitel Sprachgeschichte aufschlägt.
235 n. Chr. führte Kaiser Maximinus Thrax einen Rachefeldzug tief nach Germanien. Auf dem Rückmarsch überfielen germanische Verbände die Römer am Harzhorn in Südniedersachsen. Dreiflügelige Pfeilspitzen auf dem Schlachtfeld deuten darauf hin, dass dort parthische Bogenschützen aus der römischen Provinz Osrhoene (heute Grenzgebiet Türkei/Syrien) kämpften – eine Standard-Hilfstruppe der Legionen.
Im Grab „Bf. 40" fanden die Forschenden einen Mann, dessen DNA-Analyse eine Herkunft aus Vorderasien ergab. Er lag an einem Kultplatz, mitten unter der lokalen Oberschicht – Nachbargräber enthielten Bronzegefäße, silberne Pfeilspitzen, einen goldenen Fingerring, einer Person war eine Goldmünze in den Mund gelegt. War er einer der Bogenschützen vom Harzhorn? Gefangener, Überläufer, Händler? Wir wissen es nicht – aber er war ein voll integrierter Teil dieser Elite.
Das Verblüffende: Die Frienstedter Oberschicht war keine klassische Großfamilie. Bis auf zwei Halbschwestern und einen Großcousin fanden sich keine Verwandtschaftsverhältnisse. Mindestens eine Person stammte wahrscheinlich aus Norwegen, eine Tracht verweist auf den Ostseeraum. Man importierte massenhaft römische Waren, übernahm römischen Lebensstil – eine gefundene Tonpuppe mit Einstichlöchern steht sogar in der Tradition römischer Liebeszauber.
Bei Frienstedt in Thüringen wurde eines der größten Gräberfelder der römischen Kaiserzeit und Völkerwanderungszeit in Mitteldeutschland ausgegraben. Es gibt einen seltenen, tiefen Einblick in das Leben der germanischen Bevölkerung dieser Region.
Über Jahrhunderte bestatteten die Menschen hier ihre Toten mit Beigaben: Fibeln, Waffen, Geräte, Schmuck. Dazu kam eine große Siedlung. Frienstedt ist damit ein Archiv des germanischen Alltags zwischen Rom und dem freien Germanien.
Ein besonderer Fund ist ein Kamm mit einer Runeninschrift. Sie liest sich als kaba – wahrscheinlich das germanische Wort für „Kamm" selbst. Es ist eines der ältesten Schriftzeugnisse einer westgermanischen Sprache und ein kleines sprachliches Kleinod.
Solche frühen Runeninschriften sind kostbar: Sie zeigen, dass die Menschen schon Schrift kannten und im Alltag nutzten. Für uns bei GLANZ & GRAVUR ist der beschriftete Kamm von Frienstedt ein besonders passendes Zeugnis – Handwerk und Schrift in einem Stück.
Germanen & Stämme · Aunjetitzer Kultur · Schlacht von Zülpich.
GEO Geschichte (Bericht zum Fundplatz Frienstedt). Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie; Christoph Schmidt (Diss. zum Fundplatz). Zum Kamm: R. Nedoma u. a. zur Frienstedt-Runeninschrift. Harzhorn: Niedersächsisches Landesamt / Harzhorn-Projekt.
Alle Geschichte & Funde-Artikel →
Zwei Hörner aus schwerem Gold, über und über mit rätselhaften Figuren bedeckt, und auf dem einen eine Runenzeile, in …
Weiterlesen →Der Römer Tacitus lobte die germanischen Frauen als keusch, geehrt und sogar mutig am Rand der Schlacht. Doch er hielt …
Weiterlesen →Irgendwo muss eine Geschichte anfangen. Für das Königreich Dänemark ist dieser Anfang ein Mann namens Gorm – Gorm der …
Weiterlesen →865 landete in England ein Heer, das nicht plündern und heimfahren, sondern bleiben wollte: das „Große Heidnische …
Weiterlesen →