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Gorm der Alte – der erste sicher belegte König Dänemarks und das Rätsel seiner Herkunft

Geschichte & Funde Gorm der Alte – der erste sicher belegte König Dänemarks und das Rätsel seiner Herkunft

Gorm der Alte ist der erste König Dänemarks, dessen Existenz durch ein eigenes Denkmal gesichert ist: Um die Mitte des 10. Jahrhunderts ließ er in Jelling einen Runenstein für seine Frau Thyra setzen, und sein Sohn Harald Blauzahn nannte ihn auf dem großen Jelling-Stein als Vater. Gorm starb wohl im Winter 958/59. Wir zeigen dir, woher er kam, was Adam von Bremen und die Sagas über ihn erzählen, wie er zum Christentum stand und warum unter der Kirche von Jelling vielleicht seine Knochen liegen.

Stell dir einen König vor, von dem wir kein einziges Wort aus seinem eigenen Mund haben, kein Porträt, keine Urkunde, keine Münze mit seinem Namen. Was wir von ihm besitzen, sind ein paar Dutzend Runen auf einem Granitblock, die Erwähnung durch seinen Sohn – und vielleicht ein unvollständiges Skelett unter einem Kirchenboden in Mitteljütland. Und trotzdem beginnt mit diesem Mann die dänische Königsliste, die über mehr als tausend Jahre bis zur heutigen Monarchie reicht. Sein Name: Gorm. Die Nachwelt nannte ihn den Alten.

Um Gorm ranken sich Legenden von Chronisten und Sagaschreibern. Darunter liegt ein schmaler, aber harter Kern aus Stein, Holz und Knochen. Wir trennen beides sauber.

„Erster König Dänemarks“ – was das wirklich bedeutet

Wer „erster König Dänemarks“ googelt, landet fast immer bei Gorm. Ganz richtig ist das nicht. Dänische Könige tauchen in fränkischen Quellen schon lange vor ihm auf. Um 700 begegnet der Missionar Willibrord einem Dänenkönig namens Ongendus, so berichtet es Alkuin in seiner Lebensbeschreibung Willibrords. Anfang des 9. Jahrhunderts tritt König Godfred (Göttrik) in den fränkischen Reichsannalen als gefährlicher Gegner Karls des Großen auf; er ließ Handwerker aus dem slawischen Reric nach Haithabu bringen und den Grenzwall verstärken, den wir heute als Danewerk kennen. Nach ihm kommen Horik, Harald Klak und andere, über deren Machtbereich wir wenig wissen.

Was Gorm von ihnen unterscheidet: Mit ihm beginnt eine Reihe, die ohne Bruch weiterläuft. Sein Sohn Harald Blauzahn, sein Enkel Sven Gabelbart, sein Urenkel Knut der Große – die sogenannte Jelling-Dynastie. Das dänische Königshaus führt seine Abstammung bis heute auf Gorm zurück. „Erster sicher belegter König der heutigen Linie“ wäre also die ehrliche Formulierung. Sie ist etwas sperriger, dafür stimmt sie.

Noch eine Einschränkung: Ob Gorm über das ganze Gebiet herrschte, das wir heute Dänemark nennen, ist offen. Harald rühmt sich auf seinem Stein, er habe sich „ganz Dänemark“ gewonnen. Viele Forscher folgern daraus, dass Gorms Machtbasis vor allem Jütland war – er legte das Fundament, der Sohn baute das Reich.

Die Quellenlage: Stein schlägt Pergament

Über Gorm gibt es drei Sorten von Zeugnissen mit sehr unterschiedlichem Gewicht. Ganz oben stehen die Runensteine von Jelling. Sie sind zeitgenössisch, also zu Lebzeiten Gorms oder kurz nach seinem Tod entstanden, und sie nennen ihn beim Namen. Daneben steht die Archäologie: die Grabhügel, die Kirche, die Holzproben, das Skelett. Die dritte Gruppe sind Schriftquellen, und hier wird es heikel. Der sächsische Mönch Widukind von Corvey schrieb um 967–973, also noch zu Haralds Lebzeiten – aber er erwähnt Gorm gar nicht. Adam von Bremen schrieb um 1075, mehr als ein Jahrhundert später. Saxo Grammaticus und die isländischen Sagas stammen erst aus der Zeit um 1200 und dem 13. Jahrhundert.

Gesichert: Kein einziger schriftlicher Bericht aus dem 10. Jahrhundert nennt Gorm namentlich. Alles, was wir aus seiner Zeit selbst über ihn wissen, steht auf den beiden Jelling-Steinen (DR 41 und DR 42) – dem kleinen, den er selbst setzen ließ, und dem großen seines Sohnes.

Viele vertraute Details – Abstammung, Christenfeindschaft, Todesart – stammen also aus späteren Texten. Sie können stimmen. Sie müssen es nicht.

Zwei Steine, eine Familie

Die Jelling-Monumente haben bei uns einen eigenen ausführlichen Beitrag: Jelling – Hügel, Steine und die Geburt Dänemarks. Hier nur das, was Gorm direkt betrifft.

Der kleine Jelling-Stein (DR 41) trägt eine kurze Inschrift im jüngeren Futhark. Sinngemäß übertragen lautet sie:

„König Gorm machte dieses Denkmal nach Thyra, seiner Frau, Dänemarks Zier.“Kleiner Jelling-Stein (DR 41), eigene Übertragung

Das altnordische Danmarkar bót am Ende ist eine der frühesten Nennungen des Namens „Dänemark“ auf dänischem Boden. Was bót genau meint – „Zier“, „Stärke“, „Besserung“, „Rettung“ –, ist bis heute Gegenstand von Diskussionen. Neuere dänische Forschung erwägt sogar, die Wendung auf Thyras Herkunft aus der dänischen Grenzmark im Süden Jütlands zu beziehen. Und eine Minderheitsmeinung bezieht den Ehrentitel gar nicht auf Thyra, sondern auf Gorm selbst. Durchgesetzt hat sich das nicht.

Der große Jelling-Stein (DR 42) stammt von Harald. Er ließ ihn für „Gorm, seinen Vater, und Thyra, seine Mutter“ errichten und fügte hinzu, er habe ganz Dänemark und Norwegen gewonnen und die Dänen zu Christen gemacht. Damit ist die Verwandtschaft Gorm–Thyra–Harald in Stein bezeugt. Mehr über Haralds Laufbahn liest du in unserem Beitrag über Harald Blauzahn.

Woher kam Gorm? Hardegon und die Nortmannia

Über Gorms Vater schweigen die Steine. Hier kommt Adam von Bremen ins Spiel, der Geschichtsschreiber des Erzbistums Hamburg-Bremen. Seine Gesta entstanden um 1075/76, und einen Teil seines Wissens über die dänische Königsgeschichte hatte er nach eigener Aussage aus dem Mund König Sven Estridsens – eines Nachfahren Gorms. Das macht ihn wertvoll, aber auch parteiisch. Mehr zu seiner Arbeitsweise findest du in unserem Porträt Adam von Bremen.

Adam erzählt sinngemäß Folgendes: In Dänemark habe zunächst eine aus Schweden gekommene Familie geherrscht, begründet von einem Olaf, nach ihm seine Söhne Gyrd und Gnupa. Dann sei Hardegon, ein Sohn Sveins, aus der „Nortmannia“ gekommen und habe den jungen König Sigerich (Sigtrygg) vom Thron gestoßen – zur Amtszeit Erzbischof Hogers, also um 909–917. Auch eine Zersplitterung des Reiches unter mehrere Könige deutet Adam an.

Zwei Rätsel stecken in diesem kurzen Bericht. Erstens: Was ist die Nortmannia? Norwegen, die Normandie, Northumbria oder einfach der Norden Jütlands – alles wurde vorgeschlagen. Ein Silberpfennig mit der Aufschrift AIRDECONUT aus dem Silverdale-Hort in Nordengland (Anfang 10. Jahrhundert) hat die Debatte belebt: Er könnte einen sonst unbekannten Wikingerkönig in Northumbria nennen – oder eben einen Hardeknut, der später in Dänemark auftauchte. Beweisen lässt sich keins von beidem.

Zweitens: Ist Adams Hardegon derselbe wie der Hörðaknútr (Hardeknut) der späteren isländischen und dänischen Überlieferung, die Gorm übereinstimmend als Sohn eines Knut bezeichnet? Viele setzen beide gleich. Die dänische Runologin Lis Jacobsen hielt sie für zwei verschiedene Personen. Zusätzlich verwirrend: An einer späteren Stelle nennt Adam den Dänenkönig, gegen den Heinrich I. zog, in manchen Handschriften „Hardecnudth Vurm“, in anderen „Sohn des Hardecnudth Vurm“. Vurm oder Worm ist die deutsche Form von Gorm. Man kann das als „Gorm, Sohn Hardeknuts“ lesen – oder als Doppelnamen.

Mythos-Check: „Gorm stammte von Ragnar Loðbrók ab.“ So steht es in isländischen Genealogien des 13. Jahrhunderts, etwa im Umfeld der Ragnars saga und des Ragnarssona þáttr: Dort ist Hörðaknútr ein Sohn Sigurds „Schlange-im-Auge“ und damit ein Enkel Ragnars. Das ist Legende. Die Sagaschreiber verknüpften gern berühmte Königshäuser mit dem berühmtesten Wikinger überhaupt. Belegen lässt sich diese Linie nicht. Mehr dazu in unserem Beitrag über Ragnar Lodbrok.

Die Schweden in Haithabu: Gnupa, Ásfríðr und die Sigtrygg-Steine

Adams schwedische Königsfamilie wäre leicht als Fabel abzutun – gäbe es nicht zwei Steine aus der Gegend von Haithabu, dem großen Handelsplatz an der Schlei. Beide wurden von einer Frau namens Ásfríðr für ihren toten Sohn Sigtrygg gesetzt.

Der erste, DR 2, wurde 1797 bei Haddeby gefunden. Ásfríðr machte „dieses Denkmal nach Sigtrygg, ihrem Sohn“ – der Rest der Zeile ist umstritten. Er lässt sich als „…und Gnupas“ lesen oder als Hinweis auf ein vé, ein Heiligtum, Gnupas. Der zweite Stein, DR 4, kam 1887 im Wall von Schloss Gottorf in Schleswig zum Vorschein. Er ist ausführlicher: Ásfríðr, Tochter Óðinkárs, machte das Denkmal nach König Sigtrygg, ihrem und Gnupas Sohn. Ein Mann namens Gorm ritzte die Runen.

Gesichert: Die Sigtrygg-Steine (DR 2 und DR 4) belegen unabhängig von Adam einen König Sigtrygg, Sohn eines Gnupa, im Raum Haithabu/Schleswig in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts. Adams Namen sind also keine Erfindung.

Der Runenritzer Gorm auf DR 4 ist mit großer Wahrscheinlichkeit nicht der König, sondern ein Handwerker gleichen Namens. Und Adams frühe Datierung – Sigtryggs Sturz schon um 909–917 – passt schlecht zu dem, was 934 geschah.

934: Heinrich I. an der Schlei

Widukind von Corvey berichtet in seiner Sachsengeschichte, König Heinrich I. habe, nachdem er alle Nachbarvölker unterworfen hatte, die Dänen angegriffen, die mit Schiffen die Friesen überfielen. Er besiegte sie, machte sie tributpflichtig und zwang ihren König Chnuba, sich taufen zu lassen. Andere Annalen datieren den Feldzug auf 934. Chnuba ist niemand anderes als Gnupa – derselbe Name wie auf den Sigtrygg-Steinen.

Das bedeutet: 934 herrschte im Süden, um Haithabu, offenbar noch ein Gnupa, nicht Gorm. Adam von Bremen erzählt denselben Feldzug, setzt aber „Worm“ als Gegner Heinrichs ein und lässt den Sachsenkönig die Grenze bei Schleswig festlegen, einen Markgrafen einsetzen und Sachsen ansiedeln. Die meisten Historiker geben hier Widukind den Vorzug: Er schrieb zeitlich viel näher am Geschehen und kannte die Namen aus erster Hand. Adam hat vermutlich den bekanntesten Dänenkönig jener Zeit in die Geschichte eingesetzt.

Der norwegische Historiker Gustav Storm zog daraus schon im 19. Jahrhundert den Schluss, dass Gnupas Familie länger im Süden regierte, als Adam meint, und erst Gorm sie verdrängte. Snorri Sturluson weiß in der Heimskringla tatsächlich, dass Gorm Teile des Reiches gewaltsam von Gnupa an sich gebracht habe. Snorri schrieb um 1230 und ist für das 10. Jahrhundert keine verlässliche Quelle – aber in diesem Punkt fügt sich seine Angabe erstaunlich gut zu Stein und Chronik. Wer die damalige Lage des Südens verstehen will, findet Hintergrund in unserem Beitrag über Widukind.

Thyra: die Frau neben dem König

Kaum eine Gestalt der dänischen Frühgeschichte ist so sehr zur Legende geworden wie Gorms Frau. Saxo Grammaticus machte sie um 1200 zur Tochter eines englischen Königs Æthelred; andere Texte nennen einen jütischen Großen namens Klakk-Harald als Vater. Beides ist chronologisch schwierig und durch nichts Zeitgenössisches gedeckt. Sicher ist nur, was Gorm selbst einritzen ließ: Sie war seine Frau, und er ehrte sie mit einem Stein, der sie „Dänemarks Zier“ nennt. Dass ein König seiner Frau ein solches Denkmal setzt, ist bemerkenswert und spricht für ihr Ansehen.

Warum diese Ehe politisch so wichtig gewesen sein könnte, deutet die neuere Forschung an: Wenn Thyra aus dem südlichen Jütland stammte und dort eigene Machtgrundlagen hatte, dann verband die Heirat den Norden um Jelling mit dem umkämpften Grenzraum im Süden. Eine Hypothese, keine Gewissheit. Saxo und der Chronist Sven Aggesen schreiben Thyra den Bau des Danewerks zu. Die Archäologie zeigt, dass der Wall viel älter ist; ob unter ihr und Gorm daran gebaut wurde, ist offen.

Ihr Leben, ihr Nachruhm als Schutzfrau der Südgrenze und die Frage, wer zuerst starb, sind Thema in unserem eigenen Beitrag über Thyra Danebod. Nur so viel: Da Gorm den Stein für die tote Thyra setzte, ging sie ihm sehr wahrscheinlich im Tod voraus. Saxo erzählt es umgekehrt.

Gorm und das Kreuz: Unnis Besuch

Gorm war Heide. Daran besteht kein Zweifel – sein Sohn Harald rühmt sich ja ausdrücklich, die Dänen zu Christen gemacht zu haben. Wie feindlich Gorm dem neuen Glauben gegenüberstand, wissen wir dagegen nur aus Adam von Bremen.

Adam berichtet, Erzbischof Unni von Hamburg-Bremen sei in der Nachfolge des heiligen Ansgar zu den Dänen gezogen. Bei Worm, wie er Gorm nennt, habe er nichts erreicht: Adam schildert den König als wütenden Feind der Christen. Gorms Sohn Harald dagegen habe den Missionar wohlwollend empfangen und ihm erlaubt, im Land zu predigen, auch wenn er selbst noch nicht getauft war. Unni zog weiter nach Birka in Schweden und starb dort 936. Das ist zugleich die früheste Jahreszahl, die wir mit Gorm verbinden können – wenn auch nur über einen Text des 11. Jahrhunderts.

Adams Schwarz-Weiß-Bild ist mit Vorsicht zu genießen: verstockter heidnischer Vater, offener Sohn – für einen Bremer Kirchenhistoriker die ideale Geschichte. Ob Gorm tatsächlich Kirchen zerstören und Priester verfolgen ließ oder einfach kein Interesse an fremden Missionaren hatte, lässt sich nicht prüfen. Kirchen gab es in Haithabu und Ribe jedenfalls schon seit Ansgars Zeit.

Tod im Winter 958/59

Die Schriftquellen helfen beim Todesdatum kaum. Ältere Angaben schwanken zwischen 940 und den 960er-Jahren. Die Lösung kam aus dem Holz.

Der Nordhügel von Jelling, traditionell „Thyras Hügel“ genannt, enthält eine große hölzerne Grabkammer. Als man sie 1820 öffnete, war sie leer bis auf wenige Beigaben, darunter ein kleiner silberner Becher im Jellingstil. Die Dendrochronologie – die Datierung von Holz über das Muster seiner Jahresringe – ergab, dass die Eichenstämme der Kammer im Jahr 958 gefällt wurden. Der Hügel wurde danach aufgeschüttet. Damit liegt ein Tod Gorms im Winter 958/59 nahe, vorausgesetzt, die Kammer war für ihn bestimmt. Das ist die heute meistgenannte Datierung. Einzelne ältere Darstellungen sprechen weiterhin von 963 oder 964.

Gesichert: Die Grabkammer im Nordhügel von Jelling wurde aus Eichen gebaut, die 958 gefällt wurden. Wer darin bestattet wurde, verrät keine Inschrift. Die Verbindung mit Gorm ist eine gut begründete Deutung, keine Gewissheit.

Der später aufgeschüttete Südhügel enthielt nie ein Grab; wie Hügel, Palisade und Schiffssetzung zusammengehören, steht im Jelling-Artikel.

Die Knochen unter dem Kirchenboden

Wenn der Nordhügel Gorms Grab war – wo ist dann Gorm? Die Antwort könnte unter der weiß gekalkten Steinkirche von Jelling liegen, die genau zwischen den beiden Hügeln steht.

Bei Ausgrabungen im Kircheninneren in den Jahren 1976 bis 1979 stießen dänische Archäologen auf die Spuren mehrerer Holzkirchen, die dem heutigen Steinbau vorausgingen. Unter dem Boden der ersten Holzkirche lag eine Grabkammer mit den Überresten eines Mannes. 1978 kamen die Knochen ans Licht. Das Skelett war unvollständig und nicht in natürlicher Lage – ein deutliches Zeichen, dass der Tote umgebettet worden war. Dabei fanden sich Reste von Goldbrokat, also kostbarem, mit Goldfäden durchwirktem Stoff, und zwei kleine silberne Beschläge. Diese Beschläge entsprechen im Stil den Gegenständen, die Grabräuber im Nordhügel offenbar übersehen hatten.

Das Nationalmuseum deutet den Befund vorsichtig so: Der Tote war ein Mann von etwa 40 bis 50 Jahren, er wurde aus dem Nordhügel in die neue Kirche überführt, und es könnte sich um König Gorm handeln. Die Logik ist einleuchtend: Harald ließ sich um 965 taufen, und ein christlicher König hatte gute Gründe, den heidnischen Vater in geweihte Erde zu holen. Aus dem Alter am Todeszeitpunkt hat man errechnet, dass Gorm, falls er es ist, zwischen etwa 908 und 918 geboren wurde.

Bewiesen ist die Identität nicht. DNA ließ sich aus den Knochen bisher nicht gewinnen, und eine erneute Öffnung des Grabes müssten Kirche und Königshaus genehmigen. Eine CT-Auswertung nannte eine Spanne von 35 bis 50 Jahren. Bei einer 3D-Rekonstruktion des Schädels fiel Forschern der Universitäten Kopenhagen und Aarhus ein auffälliger Knochenwulst am Hinterkopf auf, an der Stelle, an der die Nackenmuskeln ansetzen. Er war vermutlich harmlos, dürfte das Liegen auf dem Rücken aber unangenehm gemacht haben.

Im Jahr 2000 wurden die Gebeine wieder unter dem Kirchenboden von Jelling beigesetzt. Kurator Adam Bak (Kongernes Jelling) gab zu bedenken, dass der Tote schon dreimal aus seiner Ruhe geholt wurde.

Warum „der Alte“?

Den Beinamen hat Gorm nicht zu Lebzeiten getragen, jedenfalls nicht nachweisbar. In der altnordischen Literatur heißt er Gormr gamli, „Gorm der Alte“. Was damit gemeint war, wird unterschiedlich gedeutet. Naheliegend ist: der Alte im Sinn von Stammvater. Dazu passt, dass das dänische Königshaus ihn bis heute an den Anfang seiner Linie stellt.

Saxo verstand den Namen wörtlich. Er beschreibt Gorm als greisen König, der zur Zeit, als sein Sohn Knut fiel, bereits blind war. Ein 40- bis 50-jähriger Mann unter dem Kirchenboden passt dazu schlecht – falls er Gorm ist. Saxo malte ein Bild, kein Protokoll.

Andere Beinamen klingen weniger schmeichelhaft. Dänische Texte nennen ihn den „Trägen“ (Gorm den Dvaske oder Gorm Løge), isländische Quellen kennen ihn teils als Gormr hinn heimski, „den Einfältigen“. In der Historia Norwegiae wird Thyras Klugheit ausdrücklich Gorms Torheit gegenübergestellt. Ob dahinter Erinnerung steckt oder ein literarisches Muster, wissen wir nicht.

Gorm in Sagas und bei Saxo

In den isländischen Königssagas ist Gorm meist eine Randfigur, der Vater, über den man zum spannenderen Harald kommt. Die Jómsvíkinga saga aus dem 13. Jahrhundert erzählt von Gorms Familie und davon, wie er Thyra zur Frau gewann. Die Saga um die Jomswikinger ist aber Literatur, keine Chronik.

Saxo Grammaticus, dem wir einen eigenen Beitrag gewidmet haben (Saxo Grammaticus), baut im neunten Buch seiner Gesta Danorum eine kleine Novelle um Gorm. Thyra verlangt als Brautgabe ganz Dänemark und bittet sich vor der Hochzeitsnacht drei Nächte aus, in denen ein Traum über die Zukunft entscheiden soll; Gorm legt sein Schwert zwischen sich und sie. Er träumt von Vögeln, von denen einer blutig zurückkehrt – ein Vorzeichen auf die Söhne. Einer dieser Söhne, Knut, fällt nach Saxo auf einem Kriegszug in Irland.

Am bekanntesten ist die Erzählung von Gorms Tod, die spätere dänische Chronistik ausgemalt hat, besonders deutlich Arild Huitfeldts Reichschronik um 1600: Der alte König habe geschworen, jeden zu töten, der ihm den Tod seines Lieblingssohnes melde. Als die Nachricht kam, wagte niemand, sie auszusprechen. Thyra ließ die Halle mit Trauertüchern verhängen; Gorm sah es, sprach selbst aus, dass Knut tot sei – und starb am nächsten Tag. Eine wunderbare Geschichte. Mit dem Jelling-Stein, nach dem Thyra vor Gorm starb, ist sie allerdings kaum zu vereinbaren.

Mythos-Check: „Harald Blauzahn ließ seinen Vater in die Kirche umbetten.“ Das wird oft als Tatsache erzählt. Gesichert ist nur, dass unter der ersten Holzkirche ein umgebetteter Mann von hohem Rang lag, mit Funden, die zum Nordhügel passen. Dass es Gorm ist und Harald die Umbettung veranlasste, ist die plausibelste Deutung – aber eben eine Deutung.

Was von Gorm bleibt

Am Ende bleibt erstaunlich wenig – und doch genug. Ein Name auf zwei Steinen. Eine Grabkammer aus Eichen, die im Jahr 958 fielen. Ein unvollständiges Skelett mit einem Knochenwulst im Nacken. Und eine Dynastie, die sich über Harald Blauzahn, Sven Gabelbart und Knut den Großen bis nach England ausbreitete. Wer den Bogen der skandinavischen Herrscher weiterverfolgen will, findet eine Übersicht bei den nordischen Königen.

Das Schönste an Gorm ist vielleicht, wie er sich der Nachwelt vorgestellt hat. Er ließ nicht seine Siege einmeißeln, nicht seine Schätze, nicht seine Vorfahren. Er ließ den Namen seiner Frau in Stein schlagen und sie „Dänemarks Zier“ nennen. Ein Mann, der wollte, dass ein anderer Mensch nicht vergessen wird. Genau das ist der Gedanke hinter jedem Runenstein – und, wenn du so willst, auch hinter jeder guten Gravur, die wir in Alsdorf auf Schiefer oder Holz bringen.

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Häufige Fragen

Wer war Gorm der Alte? Gorm der Alte war ein dänischer König des 10. Jahrhunderts mit Sitz in Jelling, Vater Harald Blauzahns und Stammvater der Jelling-Dynastie. Er starb wahrscheinlich im Winter 958/59.

War Gorm der erste König Dänemarks? Nein, es gab ältere dänische Könige wie Godfred um 800. Gorm ist aber der erste König, dessen Herrschaft durch ein eigenes Denkmal gesichert ist und von dem die heutige Königslinie abstammt.

Wer war Gorms Vater? Spätere Quellen nennen einen Hardeknut (Hörðaknútr); Adam von Bremen berichtet von einem Hardegon aus der „Nortmannia“. Ob beide identisch sind, ist umstritten, zeitgenössische Belege fehlen.

Wo ist Gorm der Alte begraben? Wahrscheinlich zunächst im Nordhügel von Jelling, dessen Grabkammer 958 gebaut wurde. Ein 1978 unter der Kirche von Jelling gefundenes Skelett gilt als möglicherweise seines; es wurde 2000 dort wieder beigesetzt.

War Gorm der Alte Christ? Nein, Gorm blieb Heide. Nach Adam von Bremen wies er den Missionar Unni um 936 ab, während sein Sohn Harald die Mission duldete und später selbst die Taufe annahm.

Warum heißt Gorm „der Alte“? Der Beiname stammt aus späteren Quellen und meint wohl den Ahnherrn der Dynastie. Saxo deutet ihn wörtlich und schildert Gorm als greisen, blinden König.

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