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Die Goldhörner von Gallehus – Gold, Runen und ein Diebstahl

Funde & Schätze Die Goldhörner von Gallehus – Gold, Runen und ein Diebstahl

Zwei Hörner aus schwerem Gold, über und über mit rätselhaften Figuren bedeckt, und auf dem einen eine Runenzeile, in der zum ersten Mal im Norden ein Mensch mit Namen aus der Geschichte tritt: „Ich machte das Horn." Die Goldhörner von Gallehus gehören zu den berühmtesten Funden Dänemarks – und ihre Geschichte ist ein Krimi mit Königen, einem Fälscher und einem eingeschmolzenen Schatz.

Zwei Funde, fast hundert Jahre auseinander

Am 20. Juli 1639 stolperte eine Frau namens Kirstine Svendsdatter bei Gallehus, nördlich von Møgeltønder in Süderjütland, buchstäblich über das erste Horn. Fast hundert Jahre später, am 21. April 1734, fand der Bauer Erik Lassen ganz in der Nähe das zweite. Beide Hörner waren aus Gold, beide stammten aus der Zeit um 400 n. Chr. – der germanischen Eisenzeit, lange vor der Wikingerzeit. Das erste Horn schenkte König Christian IV. seinem Sohn; es wanderte in die königliche Kunstkammer und wurde von dem Gelehrten Ole Worm 1641 in einer eigenen Abhandlung beschrieben.

Es waren keine massiven Trinkbecher, sondern kunstvoll gebaute Objekte: ein inneres Horn, über das man mehrere goldene Ringe stülpte, jeder mit Tier- und Menschenfiguren verziert. Nur die äußeren Ringe hatten einen hohen Goldgehalt. Das lange Horn maß rund 52 Zentimeter und wog etwa 3,1 Kilogramm; das kürzere war mit rund 3,7 Kilogramm sogar schwerer. Ob man aus ihnen trank oder in sie blies, ist bis heute nicht sicher.

Die Runenzeile: der älteste „Ich" des Nordens

Das kürzere Horn trug am Rand eine Inschrift im älteren Futhark, 32 Runen lang. In Umschrift lautet sie:

ek hlewagastiz : holtijaz : horna : tawido Inschrift des kurzen Goldhorns von Gallehus, um 400 n. Chr. (gemeinfrei)

Übersetzt heißt das: „Ich, Hlewagastiz, der zu Holt Gehörige, machte das Horn." Der Name Hlewagastiz bedeutet wohl so viel wie „der berühmte Gäste hat"; „holtijaz" wird als „Sohn eines Mannes Holt" oder „aus dem Ort Holt stammend" gedeutet. Das Schöne daran: Ein Handwerker setzt seinen Namen in sein Werk – die vielleicht älteste stolze Signatur Nordeuropas. Wer heute einen Namen in Stein oder Holz graviert, steht in einer sehr, sehr langen Tradition.

Für die Sprachwissenschaft ist die Zeile ein Schatz für sich. Die drei Wörter hlewagastiz, holtijaz und horna beginnen mit demselben Laut und bilden einen Stabreim – es ist der älteste erhaltene Beleg einer germanischen Langzeile, also gebundener Dichtung. Sprachlich zeigt sie weder klar nordisches noch klar westgermanisches Gepräge; man ordnet sie der noch ungetrennten Vorstufe „Nordwestgermanisch" zu. Mehr zu den Runenreihen und ihrer Entwicklung findest du in unserem Überblick über die Runen.

Rätselhafte Bilder – und ihre unsicheren Deutungen

Über die Runen hinaus sind die Hörner mit einer ganzen Welt kleiner Figuren bedeckt: Menschen, Tiere, eine dreiköpfige Gestalt, Schlangen, Sterne. Seit Jahrhunderten versucht man, darin einen Sinn zu lesen. Die einen wollten die Götter Tyr, Odin, Thor oder Freyr erkennen, andere byzantinische Vorbilder, wieder andere eine raffinierte Zahlensymbolik rund um die Dreizehn und den Goldenen Schnitt. Ein Forscher meinte gar, die Hörner seien wegen einer Sonnenfinsternis des Jahres 413 angefertigt worden, um ein drohendes Unheil zu bannen.

So verlockend das klingt: All diese Deutungen sind unsicher. Erschwerend kommt hinzu, dass wir die Bilder nur aus alten Zeichnungen kennen – und niemand weiß, wie genau diese Zeichnungen wirklich waren.

1802: der Diebstahl, der alles vernichtete

Denn die Originale gibt es nicht mehr. In der Nacht zum 4. Mai 1802 stahl der Goldschmied und Falschmünzer Niels Heidenreich die beiden Hörner aus der königlichen Kunstkammer in Kopenhagen – und schmolz sie ein. Der größte Kunstschatz Dänemarks wurde zu Barren und gefälschten Münzen. Was blieb, sind die Beschreibungen und Kupferstiche des 17. und 18. Jahrhunderts, etwa der von Simon de Passe zu Ole Worms Abhandlung.

Schon bald nach dem Diebstahl fertigte man Nachbildungen an – allerdings nicht aus Massivgold, sondern aus vergoldetem Silber. Und als hätte die Geschichte Sinn für Ironie, wurden ausgerechnet diese Repliken im September 2007 aus dem Museum in Jelling erneut gestohlen. Diesmal aber tauchten sie nach zwei Tagen wieder auf.

Vom Verlust zum Nationalmythos

Der Verlust machte die Hörner erst richtig berühmt. Noch im selben Jahr 1802 dichtete Adam Oehlenschläger sein Gedicht „Guldhornene" – ein Schlüsseltext der dänischen Romantik, der aus dem Diebstahl eine Klage über eine verlorene, heilige Vorzeit machte. 1907 stellte man an den Fundstellen Gedenksteine auf. Interessant ist, dass die Steine damals eigens aus dem Harz herangeschafft werden mussten, weil das flache Marschland der Umgebung keine großen Findlinge hergibt.

Was uns die Hörner heute sagen

Zwei Dinge bleiben, auch ohne das Gold. Erstens: die Bilder, die man bis heute nicht ganz versteht – eine Erinnerung daran, dass die alte Welt uns nie ganz gehört. Und zweitens jene knappe, klare Runenzeile, in der ein Mensch aus dem Dunkel tritt und sagt: Ich habe das gemacht. Kein Gott, kein König – ein Handwerker, stolz auf sein Werk. Das ist der Kern jeder guten Gravur: ein Zeichen, das bleibt, und ein Name dahinter.

Was gesichert ist

Die zwei Goldhörner wurden 1639 und 1734 bei Gallehus (Süderjütland) gefunden und um 400 n. Chr. datiert. Sie bestanden aus einem inneren Horn mit übergestülpten, figurenverzierten Goldringen; das lange Horn wog rund 3,1 kg, das kurze rund 3,7 kg. Das kurze Horn trug die Runeninschrift „ek hlewagastiz holtijaz horna tawido" im älteren Futhark – der älteste Beleg einer germanischen Stabreim-Langzeile. 1802 wurden die Originale von Niels Heidenreich gestohlen und eingeschmolzen; erhalten sind nur Zeichnungen (u. a. Ole Worm 1641). Die heutigen Repliken bestehen aus vergoldetem Silber.

Mythos-Check

Alle Deutungen der Bildmotive – bestimmte Götter, byzantinische Vorbilder, geheime Zahlencodes, die Sonnenfinsternis von 413 – sind Hypothesen, keine gesicherten Fakten; sie beruhen zudem auf Zeichnungen unbekannter Genauigkeit. Auch ob die Hörner Trink- oder Blashörner waren, ist offen. Und ganz wichtig: Was man in Museen sieht, sind Nachbildungen aus vergoldetem Silber – die goldenen Originale existieren seit 1802 nicht mehr.

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Quellen & Literatur

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