Seherinnen, vor denen römische Feldherren Gesandte schickten. Frauen, die am Rand der Schlacht die Wunden ihrer Männer zählten. Königinnen, die Reiche regierten. Und ein römischer Autor, der all das aufschrieb, um seinen eigenen Landsleuten den Spiegel vorzuhalten. Wer die Frauen der Germanen verstehen will, muss zuerst lernen, die Quellen gegen den Strich zu lesen.
Dieser Artikel behandelt die Germanen der Antike und der Völkerwanderungszeit, also grob die Zeit vom ersten Jahrhundert vor bis zum siebten Jahrhundert nach Christus. Die Frauen der späteren Wikingerzeit haben einen eigenen, ebenso ausführlichen Artikel: Frauen in der Wikingerzeit. Am Ende steht ein kurzer Vergleich, was sich zwischen beiden Epochen fortsetzt und was nicht.
„Die Germanen“ waren kein Volk mit gemeinsamer Regierung, Sprache und Kultur, wie man sie sich im 19. Jahrhundert vorstellte. Der Name ist eine römische Sammelbezeichnung für Dutzende Stämme östlich des Rheins und nördlich der Donau, die sich untereinander bekriegten, verbündeten und ständig neu formierten. Was für Cherusker an der Weser galt, muss nicht für Goten am Schwarzen Meer gegolten haben. Schon deshalb ist jede Aussage über „die germanische Frau“ eine Vereinfachung.
Dazu kommt ein Quellenproblem, das größer ist als bei den Wikingern. Die Germanen der Antike haben selbst kaum etwas aufgeschrieben. Was wir über sie lesen, stammt von Griechen und Römern: von Caesar, der gegen sie Krieg führte, von Strabon und Plutarch, die über die Kimbern berichteten, von Cassius Dio und vor allem von Tacitus. Erst ab dem fünften Jahrhundert kommen eigene Texte hinzu, nämlich die Gesetzbücher der germanischen Königreiche, die sogenannten Volksrechte, aufgeschrieben auf Latein und schon unter christlichem Einfluss.
Die dritte Quelle ist die Archäologie: Gräber, Siedlungen, Moorfunde, Kleidung. Sie spricht direkt aus der Zeit, aber sie spricht stumm. Ein Grab zeigt, was jemand mitbekam, nicht, was er dachte oder durfte.
Um das Jahr 98 nach Christus schrieb der römische Senator und Geschichtsschreiber Publius Cornelius Tacitus ein schmales Buch über die Germanen, die Germania. Es ist die ausführlichste antike Schrift über sie, und es ist voller Aussagen über Frauen. Das Problem: Tacitus war vermutlich nie selbst in Germanien. Er stützte sich auf ältere Werke, etwa die verlorenen Germanenkriege des älteren Plinius, und auf Berichte von Händlern und Soldaten.
Vor allem aber verfolgte er eine Absicht. Die Germania ist auch ein Sittenspiegel. Wo Tacitus die Germanen lobt, tadelt er oft zugleich Rom: die Ehebrüche der römischen Oberschicht, die Kinderlosigkeit, den Luxus, die Gier nach Erbschaften. Seine Germaninnen sind keusch, treu, tapfer und einfach – also genau das, was die Römerinnen seiner Gegenwart in seinen Augen nicht mehr waren. Das heißt nicht, dass er alles erfunden hat. Aber es heißt, dass man bei jedem schönen Satz fragen muss, wem er nützt.
Die Forschung nennt einen zweiten Filter die interpretatio Romana: Tacitus beschreibt Fremdes mit römischen Begriffen. Wenn er von einer Mitgift spricht, meint er einen römischen Rechtsbegriff, der auf germanische Verhältnisse womöglich gar nicht passte. Wenn er Gottheiten Merkur oder Herkules nennt, wissen wir nicht, welche germanischen Götter dahinterstanden.
Über die Ehe schreibt Tacitus in den Kapiteln 18 und 19 erstaunlich konkret. Die Germanen seien fast die einzigen Barbaren, die mit einer einzigen Frau zufrieden seien; nur wenige Vornehme hätten mehrere Frauen, und das nicht aus Lust, sondern wegen ihres Ranges, weil man sie um Verbindungen bitte.
Dann folgt eine Beobachtung, die römische Leser verblüfft haben dürfte: Nicht die Frau bringe dem Mann eine Mitgift, sondern der Mann der Frau. Eltern und Verwandte prüften die Gaben – keine Schmuckstücke, sondern Rinder, ein gezäumtes Pferd, einen Schild mit Framea und Schwert. Die Frau ihrerseits bringe dem Mann eine Waffe mit. Darin, so Tacitus, sähen sie das stärkste Band, die geheiligten Mysterien, die Götter der Ehe. Die Frau solle nicht glauben, sie stehe außerhalb von Mut und Krieg; sie komme als Gefährtin in Mühen und Gefahren.
Was steckt dahinter? Die meisten Historiker sehen in der „Mitgift des Mannes“ eine Brautgabe, wie sie aus vielen späteren germanischen Rechten bekannt ist: eine Leistung des Bräutigams an die Familie der Braut, die zugleich die Frau absichern sollte. Tacitus kannte den Unterschied zwischen römischer dos und einem Brautpreis vielleicht nicht, oder er nutzte die Umkehrung bewusst als Pointe. Der Austausch von Waffen ist dagegen schwer zu deuten. Ob er tatsächlich so stattfand oder ob Tacitus eine symbolische Gabe überhöhte, lässt sich nicht entscheiden.
Im Kapitel 19 kommt die Kehrseite. Ehebruch sei sehr selten, die Strafe aber sofort und dem Ehemann überlassen: Er schneide der Frau die Haare ab, treibe sie nackt vor den Verwandten aus dem Haus und peitsche sie durch das ganze Dorf. Eine Frau, die ihre Ehre verloren habe, finde keinen neuen Mann, weder durch Schönheit noch durch Jugend noch durch Reichtum. In einigen Stämmen heirateten sogar nur Jungfrauen, und Witwen gingen keine zweite Ehe ein.
Diese Passage ist ein Musterbeispiel für Tacitus' Absicht: Sie liest sich wie eine Predigt gegen die römische Gesellschaft, in der Scheidung und Wiederheirat in der Oberschicht alltäglich waren. Wie verbreitet solche Strafen bei den Germanen wirklich waren, wissen wir nicht. Sicher ist nur: Die Moorleichen, die man im 20. Jahrhundert gern mit diesem Kapitel erklärte, taugen dafür kaum. Dazu weiter unten mehr.
Über den Alltag schreibt Tacitus weniger, aber was er schreibt, ist aufschlussreich. Im Kapitel 15 behauptet er, die Männer verbrächten die Zeit zwischen den Kriegen mit Jagd, vor allem aber mit Schlaf und Essen. Die Sorge für Haus, Herd und Felder überließen sie den Frauen, den Alten und den Schwächsten der Familie. Das ist zugespitzt und passt zu einem römischen Klischee vom faulen Barbaren. Trotzdem steckt darin vermutlich ein wahrer Kern: Ein großer Teil der täglichen Arbeit in der bäuerlichen Wirtschaft lag bei den Frauen.
Was diese Arbeit umfasste, zeigen die Siedlungsfunde. In den Langhäusern der römischen Kaiserzeit, etwa in der Wurtensiedlung Feddersen Wierde an der Wesermündung, lebten Menschen und Vieh unter einem Dach. Webgewichte, Spinnwirtel, Mahlsteine und Keramik stehen für Arbeiten, die man nach Vergleichen mit späteren Quellen vor allem Frauen zuschreibt: Textilherstellung, Getreideverarbeitung, Kochen, Vorratshaltung, Milchwirtschaft. Ganz sicher ist diese Zuordnung im Einzelfall nicht, denn Werkzeuge verraten nicht, wer sie benutzte.
Zu den Kindern hält Tacitus im Kapitel 20 fest, jede Mutter stille ihre Kinder selbst und gebe sie nicht an Mägde oder Ammen – wieder ein Seitenhieb auf die römische Oberschicht. Bemerkenswert ist ein anderer Satz: Die Söhne einer Schwester stünden beim Onkel in derselben Ehre wie beim eigenen Vater, manche hielten dieses Band sogar für heiliger und enger. Daher verlange man bei Geiselstellungen gern die Schwestersöhne. Diese besondere Rolle des Mutterbruders ist auch aus späteren germanischen und nordischen Quellen bekannt. Sie zeigt, dass die Verwandtschaft über die Mutter Gewicht hatte, ohne dass man daraus ein „Mutterrecht“ ableiten könnte.
Selbst zur Kleidung äußert sich Tacitus im Kapitel 17: Die Frauen trügen dieselbe Tracht wie die Männer, nur häufiger Leinengewänder, die sie mit Purpur verzierten. Der obere Teil sei ärmellos, Arme und Schultern blieben nackt, auch der obere Teil der Brust sei sichtbar. Ob „Purpur“ hier wirklich die teure Farbe meint oder einfach rote Verzierung, weiß man nicht. Die Moorfunde zeigen jedenfalls vor allem Wolle.
Ein Bild zieht sich durch mehrere antike Berichte: Germanische Frauen begleiteten ihre Männer in den Krieg, nicht als Kämpferinnen in der Schlachtreihe, sondern dahinter. Tacitus schreibt in Kapitel 7, ganz in der Nähe der Kämpfenden seien ihre Familien, man höre das Heulen der Frauen und das Wimmern der Kinder. Sie seien für jeden Mann die heiligsten Zeugen und die größten Lober. Zu den Müttern und Ehefrauen brächten die Krieger ihre Wunden, und diese scheuten sich nicht, sie zu zählen und zu untersuchen; sie brächten den Kämpfenden Speise und Ermunterung.
In Kapitel 8 setzt er nach: Es werde berichtet, dass manche schon wankende Schlachtreihen von den Frauen wiederhergestellt worden seien, durch inständiges Bitten, durch das Entgegenhalten der Brust und den Hinweis auf die drohende Gefangenschaft. Die fürchteten die Männer für ihre Frauen weit mehr als für sich selbst.
Hier hat Tacitus eine bessere Stütze als bei der Ehe, denn ältere Quellen sagen Ähnliches. Caesar beschreibt, wie die Germanen unter Ariovist im Jahr 58 vor Christus ihr Heer aufstellten und rundherum Wagen und Karren postierten, damit keine Hoffnung auf Flucht blieb. Darauf setzten sie die Frauen, die die Männer weinend und mit ausgestreckten Händen anflehten, sie nicht in römische Sklaverei geraten zu lassen (De bello Gallico I, 51).
Noch drastischer ist ein Bericht über die Kimbern, deren Wanderung Rom um 100 vor Christus erschütterte. Nach der Niederlage bei Vercellae im Jahr 101 verteidigten nach Plutarch die Frauen die Wagenburg. In schwarzen Gewändern hätten sie auf den Wagen gestanden und die Fliehenden getötet, ihre eigenen Männer, Brüder und Väter, dann ihre Kinder und schließlich sich selbst (Marius 27). Plutarch schrieb rund zweihundert Jahre nach den Ereignissen. Der Bericht ist dramatisch zugespitzt, und doch zeigt er etwas, das zu den anderen Quellen passt: Die Frauen zogen mit, und ihr Schicksal hing am Ausgang der Schlacht.
Daraus folgt nicht, dass germanische Frauen regelmäßig mit der Waffe kämpften. Kein antiker Autor beschreibt germanische Kriegerinnen in der Schlachtreihe als Normalfall. Sie standen am Rand, sie versorgten, feuerten an und hatten im Fall der Niederlage am meisten zu verlieren.
In einem Punkt sind sich alle Quellen einig: Frauen hatten bei den Germanen eine besondere Nähe zum Heiligen. Tacitus formuliert es in Kapitel 8 so: Sie glaubten, den Frauen wohne etwas Heiliges und Vorausahnendes inne, und darum verschmähten sie weder ihren Rat noch überhörten sie ihre Antworten.
„Ja, sie glauben sogar, dass den Frauen etwas Heiliges und Ahnungsvolles innewohnt, und weisen ihren Rat nicht ab noch missachten ihre Sprüche.“— Tacitus, Germania 8 (gemeinfreie Übersetzung)
Schon Caesar wusste davon. Er berichtet, Ariovist habe die Schlacht hinausgezögert, weil die matres familiae, die Familienmütter, durch Lose und Weissagung erklärt hätten, die Germanen könnten nicht siegen, wenn sie vor Neumond kämpften (De bello Gallico I, 50).
Weit düsterer klingt Strabon über die Kimbern (Geographika 7, 2, 3). Ihre Priesterinnen seien grauhaarig gewesen, weiß gekleidet, mit Leinenmänteln, die von Spangen gehalten wurden, mit Bronzegürteln und barfuß. Sie seien den Kriegsgefangenen im Lager mit Schwertern entgegengegangen, hätten sie bekränzt und zu einem großen ehernen Kessel geführt, ihnen über dem Kessel die Kehle durchgeschnitten und aus dem Blut geweissagt; andere hätten die Leiber geöffnet und aus den Eingeweiden den Sieg vorhergesagt. Wie viel davon Beobachtung und wie viel griechische Schauergeschichte ist, lässt sich nicht klären. Auffällig ist, dass man bei Strabons Beschreibung immer wieder an den Silberkessel von Gundestrup gedacht hat, ohne dass sich ein Zusammenhang belegen lässt.
Die berühmteste Seherin ist Veleda vom Stamm der Brukterer. Während des Bataveraufstands 69 und 70 nach Christus wurde sie zu einer politischen Größe. Tacitus berichtet in den Historien, sie habe in einem Turm an der Lippe gelebt und sei für die Menschen unsichtbar geblieben, damit ihre Verehrung größer werde; Gesandte durften nicht zu ihr, ein Verwandter überbrachte Fragen und Antworten. Sie hatte den Erfolg der Aufständischen vorhergesagt. Die Rebellen schickten ihr den gefangenen römischen Legaten Munius Lupercus als Geschenk, der unterwegs getötet wurde, und später ein erbeutetes römisches Flaggschiff, das sie die Lippe hinaufruderten. Selbst die Stadt Köln suchte in einem Streit ihre Vermittlung.
Was danach aus Veleda wurde, ist unsicher. Ein Gedicht des Statius deutet an, dass sie um 77 nach Christus in römische Hand geriet; ob als Gefangene oder als Schutzsuchende, ist offen. Als Tacitus die Germania schrieb, war sie tot. Er erwähnt sie dort zusammen mit Albruna, einer weiteren verehrten Frau; ihr Name ist in den Handschriften allerdings unsicher überliefert. Mehr über Veleda steht in ihrem eigenen Artikel Veleda.
Die Reihe setzt sich fort. Nach Cassius Dio reiste um das Jahr 86 eine Seherin namens Ganna, die Veledas Nachfolge angetreten habe, mit dem König Masyos der Semnonen nach Rom zu Kaiser Domitian, wurde ehrenvoll empfangen und kehrte zurück. Und auf einer Tonscherbe aus Elephantine in Ägypten, wohl aus dem zweiten Jahrhundert, steht ein Name, den man als „Waluburg, semnonische Sibylle“ gelesen hat. Die Lesung ist umstritten, der Zusammenhang ungeklärt. Aber wenn sie stimmt, stand eine germanische Seherin auf einer römischen Soldliste am Nil.
Diese Frauen waren keine Hexen am Rand der Gesellschaft, sondern politische Akteurinnen. Ihr Wort konnte Bündnisse stiften und Kriege beeinflussen. Ihre Macht beruhte aber auf einer Rolle, die Männer ihnen zugestanden – und die verschwinden konnte, sobald eine Prophezeiung fehlschlug. Mehr zu diesen Rollen im Artikel über germanische Priester und Seherinnen und über germanische Orakel.
Dass Frauen dem Heiligen nahestanden, zeigt sich auch an den Göttinnen. Tacitus beschreibt im Kapitel 40 der Germania den Kult der Nerthus, die er „Terra Mater“, Mutter Erde, nennt. Sieben Stämme verehrten sie gemeinsam. In einem heiligen Hain auf einer Insel im Ozean stand ihr verhüllter Wagen, den nur ein Priester berühren durfte. Wenn er spürte, dass die Göttin anwesend war, wurde der Wagen von Kühen durchs Land gezogen; dann herrschte Friede, alle Waffen wurden weggeschlossen. Danach wusch man Wagen, Tuch und Göttin in einem verborgenen See, und die Sklaven, die dabei halfen, verschlang sogleich derselbe See. Woher Tacitus diese Schilderung hatte und wie genau sie ist, weiß niemand. Archäologisch ließ sich das Heiligtum nicht sicher finden.
Weit besser belegt sind die Matronen. Im Rheinland, vor allem zwischen Köln, Bonn und der Eifel, haben sich aus dem zweiten und dritten Jahrhundert sehr viele Weihesteine erhalten, gestiftet für Gruppen von meist drei Muttergottheiten mit Beinamen wie Aufaniae oder Vacallinehae. Die Steine zeigen sie sitzend, zwei mit großen runden Hauben, eine mit offenem Haar in der Mitte. Gestiftet wurden sie von Germanen, Kelten und Römern gleichermaßen. Der Kult ist also ein Mischprodukt der Grenzregion – aber er zeigt, wie stark weibliche Schutzmächte im Glauben verankert waren.

Dazu kommen Göttinnen, die nur dem Namen nach bekannt sind: Tanfana, deren Heiligtum Germanicus im Jahr 14 zerstörte, Baduhenna, in deren Hain 28 nach Christus römische Soldaten getötet wurden, oder Nehalennia an der Scheldemündung. Wie sie verehrt wurden, wissen wir kaum. Aber es gibt sie, und es gibt viele davon.
Eine einzige germanische Frau der Antike kennen wir mit einer echten Lebensgeschichte: Thusnelda, die Tochter des cheruskischen Adligen Segestes. Ihr Vater war romfreundlich. Sie aber wurde, gegen den Willen des Vaters, die Frau des Arminius, der im Jahr 9 nach Christus drei römische Legionen im Teutoburger Wald vernichtet hatte. Tacitus spricht von einem Raub; ob die Braut einverstanden war, verrät er nicht.
Im Jahr 15 geriet Thusnelda in römische Gefangenschaft – nicht durch eine Schlacht, sondern weil ihr eigener Vater sie an Germanicus übergab. Tacitus beschreibt sie in den Annalen mit einem bemerkenswerten Satz: Sie sei mehr vom Geist ihres Mannes als von dem ihres Vaters gewesen, habe nicht geweint und nicht um Gnade gebeten, sondern die Hände über dem schwangeren Leib gefaltet. In Gefangenschaft brachte sie einen Sohn zur Welt, Thumelicus. Im Jahr 17 wurde sie im Triumphzug des Germanicus durch Rom geführt; der Geograph Strabon nennt sie und ihren dreijährigen Sohn ausdrücklich unter den Gefangenen. Danach verliert sich ihre Spur.

Thusnelda ist ein Glücksfall der Überlieferung, aber auch ein Lehrstück. Wir kennen sie nur, weil sie für römische Autoren eine Figur im Drama zwischen Arminius und Rom war. Was sie selbst wollte, erfahren wir nur durch die Brille eines Geschichtsschreibers, der Würde und Trotz eines besiegten Feindes bewunderte.
In Mooren Norddeutschlands, Dänemarks und der Niederlande sind Menschen aus der vorrömischen Eisenzeit und der römischen Kaiserzeit erhalten geblieben, mit Haut, Haar und Kleidung. Unter ihnen sind mehrere Frauen. Sie haben das Bild der Germanen im 20. Jahrhundert stark geprägt, oft auf eine Weise, die man heute korrigieren muss.
Das bekannteste Beispiel einer Korrektur ist Windeby I aus Schleswig-Holstein. 1952 gefunden, wurde der Körper als Mädchen gedeutet, mit einem Band über den Augen und einseitig geschorenem Haar. Man verband den Fund mit Tacitus' Strafe für Ehebrecherinnen und sprach von einer Bestrafung. Neue Untersuchungen um die Anthropologin Heather Gill-Robinson zeigten Mitte der 2000er Jahre: Die Person war ein Junge von etwa 13 oder 14 Jahren. Das Band war wohl ein Haarband, das verrutscht war, die kahle Kopfseite eine Folge von Zersetzung und Bergung. Aus dem „Mädchen von Windeby“ wurde ein Lehrbeispiel dafür, wie stark eine Quelle wie Tacitus die Deutung eines Fundes lenken kann.
Echte Frauen aus dem Moor gibt es trotzdem. Die Frau von Haraldskær in Jütland starb um 490 vor Christus; man hielt sie im 19. Jahrhundert für die sagenhafte Königin Gunhild. Die Frau von Huldremose, ebenfalls aus Jütland, trug einen Umhang aus Schaffell, einen karierten Wollrock und einen Schal. Ihre Kleidung ist eine der besten Quellen dafür, wie Frauen in der Eisenzeit des Nordens angezogen waren.

Ob die Toten im Moor Opfer, Hingerichtete oder Verunglückte waren, ist Fall für Fall verschieden und oft nicht zu klären. Pauschal von „germanischen Strafen an Frauen“ zu sprechen, geben die Funde nicht her. Mehr dazu im Artikel über Opfermoore.
Frauenkleidung lässt sich über die Jahrhunderte recht gut verfolgen. In der Eisenzeit und der römischen Kaiserzeit trugen Frauen im germanischen Raum häufig ein schlauchförmiges Gewand, das an beiden Schultern mit Fibeln gehalten wurde, eine Art Peplos, darunter oder darüber weitere Lagen. Römische Darstellungen germanischer Frauen, etwa auf Siegesmonumenten, zeigen ärmellose Kleider und lange Mäntel, wobei man bei solchen Bildern immer mit römischen Klischees rechnen muss.
In der Völkerwanderungs- und Merowingerzeit wurde die Frauentracht prächtiger. Reiche Frauen trugen Bügelfibelpaare, Vogel- oder Scheibenfibeln, lange Perlenketten und einen Gürtel, an dem ein Gehänge herabhing: Messer, Kamm, kleine Amulette, Zierscheiben, Kristallkugeln, manchmal Schlüssel. Das erinnert an die Schlüssel der Wikingerfrauen einige Jahrhunderte später und deutet auf eine ähnliche Rolle als Verwalterin des Hauses. Belegen lässt sich eine direkte Tradition aber nicht.
Wie bei den Wikingern zeigen auch bei den Germanen die Gräber, dass Frauen der Oberschicht mit großem Aufwand bestattet wurden. In der römischen Kaiserzeit finden sich im germanischen Raum Frauengräber mit römischem Glas, Bronzegeschirr, Silberschmuck und Goldanhängern, Zeichen von Rang und Verbindungen über die Grenze hinweg.
Ein Höhepunkt aus der Merowingerzeit liegt nicht in Germanien, sondern unter der Basilika von Saint-Denis bei Paris. 1959 öffneten Archäologen dort ein Frauengrab mit Goldschmuck, großen Fibeln, Gürtelschnallen und Resten kostbarer Seidenkleidung. Ein Goldring trägt den Namen ARNEGUNDIS und ein Monogramm, das als REGINE gelesen wird, „der Königin“. Damit gilt das Grab als das der fränkischen Königin Arnegunde, einer Frau Chlothars I., gestorben um 580. Es gibt Stimmen, die bezweifeln, dass Ring und Tote zusammengehören. Die Mehrheit der Forschung hält die Zuordnung aber für plausibel.

Mit den Gesetzbüchern der germanischen Königreiche aus dem fünften bis achten Jahrhundert haben wir erstmals Texte, die nicht Römer über Germanen geschrieben haben, sondern germanische Herrscher für ihre eigenen Leute – wenn auch auf Latein und unter christlichem Einfluss. Sie sind nüchtern, oft hart, und sie sagen über Frauen einiges aus.
Am bekanntesten ist das Bußgeld, das Wergeld, das bei einer Tötung zu zahlen war. Im fränkischen Pactus legis Salicae aus dem frühen sechsten Jahrhundert kostet die Tötung eines freien Franken 200 Schillinge (solidi). Für eine freie Frau im gebärfähigen Alter dagegen waren 600 fällig, für eine schwangere Frau sogar 700. Für eine Frau, die keine Kinder mehr bekommen konnte, wieder 200. Das klingt nach hoher Wertschätzung, und in gewissem Sinn ist es das. Es zeigt aber vor allem, was geschützt wurde: die Fähigkeit, Kinder für die Sippe zur Welt zu bringen.
Dasselbe Gesetz enthält die Bestimmung, die später berühmt wurde: Vom „salischen Land“ solle kein Teil an eine Frau fallen, sondern das ganze Erbe an das männliche Geschlecht. Im Spätmittelalter wurde daraus das Argument, Frauen könnten in Frankreich nicht den Thron erben. Ursprünglich ging es um Landbesitz, nicht um Kronen. Und schon im sechsten Jahrhundert milderte ein Erlass des Frankenkönigs Chilperich die Regel ab: Fehlten Söhne, sollten Töchter das Land erben können.
Ein Grundbegriff vieler germanischer Rechte ist die Munt, die Schutzgewalt. Eine Frau stand unter der Munt eines Mannes – des Vaters, dann des Ehemanns, als Witwe oft eines Sohnes oder Verwandten. Am deutlichsten ist das im langobardischen Edictum Rothari von 643: Eine freie Frau durfte nicht unter eigener Gewalt leben, sondern brauchte immer einen Muntwalt. Die Munt schützte die Frau, nahm ihr aber zugleich die rechtliche Selbstständigkeit. Wer bei einer Hochzeit die Munt erwarb, zahlte dafür.
Zwischen Recht und Wirklichkeit lag allerdings immer ein Abstand. Witwen verwalteten Güter, Töchter erbten, wenn keine Söhne da waren, und Königinnen regierten. Die Gesetze beschreiben eine Ordnung, keine Biografien.
Gerade in den Königreichen, die auf dem Boden des Römischen Reiches entstanden, traten Frauen machtvoll hervor. Die Quellen über sie stammen meist von Kirchenmännern und sind oft parteiisch.
Amalasuntha, Tochter des Ostgotenkönigs Theoderich, führte nach dessen Tod 526 die Regentschaft in Italien für ihren unmündigen Sohn. Sie war hochgebildet, sprach Latein und Griechisch und stand in Briefwechsel mit dem Kaiser in Konstantinopel. Nach dem Tod ihres Sohnes teilte sie die Herrschaft mit ihrem Vetter Theodahad, der sie 535 gefangen setzen und töten ließ. Ihr Tod lieferte dem Kaiser Justinian einen Vorwand für den Krieg gegen die Ostgoten.
Theodelinde, eine bairische Fürstentochter, wurde um 589 Königin der Langobarden. Nach dem Tod ihres ersten Mannes durfte sie, so berichtet Paulus Diaconus, ihren nächsten Gatten selbst wählen, und dieser wurde damit König. Sie förderte die katholische Kirche unter den Langobarden und stand mit Papst Gregor dem Großen in Verbindung. Der Schatz des Doms von Monza bewahrt Stücke, die mit ihr in Verbindung gebracht werden.
Im Frankenreich bestimmten zwei Königinnen jahrzehntelang die Politik: Brunichild, eine westgotische Prinzessin, und ihre Gegenspielerin Fredegunde. Gregor von Tours schildert ihren Konflikt als blutige Fehde. Brunichild regierte über Jahre für Söhne und Enkel, bis sie 613 als alte Frau grausam hingerichtet wurde. Gregor und spätere Chronisten zeichnen beide Frauen in dunklen Farben. Wie viel davon Hetze gegen mächtige Frauen war, wird heute ernsthaft diskutiert. Fest steht, dass beide über Jahrzehnte Macht ausübten, die das Gesetz Frauen eigentlich nicht zugestand.
Auch Chlothilde, die burgundische Frau des Frankenkönigs Chlodwig, gehört in diese Reihe. Nach Gregor von Tours drängte sie ihren Mann zur Taufe. Ob ihr Einfluss wirklich so entscheidend war, ist offen – aber das Muster der christlichen Königin, die ihren heidnischen Mann bekehrt, kehrt später auch im Norden wieder.
Zwischen Tacitus und den ersten Wikingerzügen liegen rund siebenhundert Jahre. Eine ungebrochene „germanische“ Linie lässt sich über diese Zeit nicht ziehen, und die Skandinavier der Wikingerzeit waren keine Nachfahren der Cherusker oder Franken. Dennoch fallen einige Gemeinsamkeiten auf.
Beide Gesellschaften verbanden Frauen eng mit dem Heiligen: Veleda und Ganna hier, die Völva und die Seherin von Fyrkat dort. In beiden war die Ehe ein Vertrag zwischen Familien mit Leistungen des Bräutigams. In beiden verwalteten Frauen Haus und Vorräte, und Schlüssel oder Gürtelgehänge machten das sichtbar. Und in beiden blieb die öffentliche Macht, das Thing und das Heer, überwiegend Männersache, während einzelne Frauen von hohem Rang diese Grenze überschritten.
Unterschiede gibt es auch. Die nordischen Rechte gewährten Witwen und Erbinnen mehr Selbstständigkeit als etwa das langobardische Recht mit seiner lebenslangen Munt. Und die Scheidung, die in den Sagas so leicht wirkt, hat in den Quellen zu den antiken Germanen kein Gegenstück; Tacitus betont im Gegenteil die Unauflöslichkeit der Ehe, was freilich mehr über Rom aussagen mag. Ausführlich zum Norden im Artikel Frauen in der Wikingerzeit.
„Bei den Germanen herrschte einst das Matriarchat.“ Diese Vorstellung geht vor allem auf den Basler Rechtshistoriker Johann Jakob Bachofen zurück, der 1861 sein Buch Das Mutterrecht veröffentlichte. Er glaubte, alle Kulturen hätten eine Frühphase der Frauenherrschaft durchlaufen. Belege dafür gibt es weder bei den Germanen noch anderswo. Hohe Achtung vor Seherinnen und Göttinnen ist etwas anderes als eine Herrschaft der Frauen. Der Rechtshistoriker Uwe Wesel hat die Theorie in seinem Buch Der Mythos vom Matriarchat gründlich auseinandergenommen.
„Tacitus beschreibt, wie es war.“ Tacitus ist unverzichtbar, aber er ist kein Augenzeuge und kein neutraler Berichterstatter. Er schrieb über die Germanen auch, um Rom zu kritisieren. Wo andere Quellen ihn stützen, etwa bei den Frauen am Rand der Schlacht oder den Seherinnen, kann man ihm einiges glauben. Wo er allein steht, wie bei den Ehestrafen, ist Vorsicht geboten.
„Germanische Frauen kämpften mit in der Schlacht.“ Die antiken Quellen zeigen Frauen hinter der Schlachtreihe, bei den Kimbern auch bei der verzweifelten Verteidigung der Wagenburg. Germanische Kriegerinnen als festen Teil des Heeres beschreibt niemand. Wer solche Bilder sucht, findet sie eher in der nordischen Literatur des Mittelalters – und auch dort als Ausnahme.
„Die Moorleichen beweisen harte Strafen für Frauen.“ Das „Mädchen von Windeby“ war ein Junge, das angebliche Strafzeichen ein verrutschtes Haarband. Bei anderen Moorfunden ist die Todesursache oft unklar. Die Verbindung zu Tacitus' Ehebruchstrafe ist eine Deutung des 20. Jahrhunderts, kein Befund.
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