Der Römer Tacitus lobte die germanischen Frauen als keusch, geehrt und sogar mutig am Rand der Schlacht. Doch er hielt seinen Landsleuten damit vor allem einen Spiegel vor. Was ist wirklich dran – und wie stand es später bei den Wikingern? Ein ehrlicher Vergleich.
Unsere wichtigste Quelle für die Germaninnen der Antike ist die Germania des Tacitus (um 98 n. Chr.). Sie ist großartig – und mit Vorsicht zu lesen: Tacitus schrieb kein neutrales Protokoll, sondern einen Sittenspiegel, um das aus seiner Sicht dekadente Rom zu kritisieren. Er idealisiert die Germanen dort, wo es seiner Botschaft dient.
Gut belegt ist die hohe Achtung vor weissagenden Frauen: Veleda vom Stamm der Brukterer wurde fast wie eine Gottheit verehrt, ihr Name stand geradezu für „Seherin"; auch Albruna nennt Tacitus. Frauen galten als dem Göttlichen nahe – das ist keine römische Erfindung, sondern zieht sich bis zu den nordischen Nornen und Völven.
„Ja, sie glauben sogar, dass den Frauen etwas Heiliges und Ahnungsvolles innewohnt, und weisen ihren Rat nicht ab noch missachten ihre Sprüche.“— Tacitus, Germania 8 (gemeinfrei)
Auffällig: Laut Tacitus bringt der Mann der Frau die Mitgift, nicht umgekehrt – für römische Leser eine „verkehrte Welt". Wahrscheinlich verwechselte er den germanischen Brautpreis (eine Ausgleichsgabe an die Familie der Braut) mit der römischen dos. Die Frau schenkte im Gegenzug eine Waffe – Symbol der gegenseitigen Bindung. Die Germanen lebten meist monogam, was Tacitus lobend von anderen „Barbaren" abhebt.
Rund tausend Jahre später zeigt sich im Norden ein ähnliches, aber besser fassbares Bild. Die Wikingerfrau trug die Schlüssel zu Haus und Vorräten – ein Machtsymbol –, konnte erben und sich scheiden lassen und führte den Hof, während die Männer monatelang auf Fahrt waren. Das reich bewaffnete Grab Bj 581 von Birka gehörte einer biologisch weiblichen Person – ein realer Anker für die Idee der Kriegerin. Öffentliche Macht (Thing, Herrschaft) blieb aber überwiegend Männersache.
Germaninnen wie Nordfrauen waren hoch geachtet, im Haus und im Spirituellen einflussreich und mit echten Rechten ausgestattet – aber sie waren im öffentlich-politischen Raum nicht gleichgestellt. Das ist kein Widerspruch, sondern das Muster einer Gesellschaft, die weibliche Stärke anerkannte, ohne die Geschlechterrollen aufzuheben. Der Traum vom germanischen „Matriarchat" ist ein Mythos des 19. Jahrhunderts.
Frauen der Wikingerzeit · Die Kriegerin von Birka · Walküren · Germanen & Stämme.
Tacitus, Germania & Historien. Judith Jesch, Women in the Viking Age (1991); Jenny Jochens, Women in Old Norse Society (1995); Rudolf Much, Die Germania des Tacitus; Uwe Wesel, Der Mythos vom Matriarchat. Zu Bj 581: Hedenstierna-Jonson/Price (2017/2019).