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Die Nornen – Weberinnen des Schicksals

Mythologie Die Nornen – Weberinnen des Schicksals

Über den Göttern steht etwas, dem sich selbst Odin beugt: das Schicksal. Und das Schicksal hat drei Gestalten – die Nornen, die am Fuß des Weltenbaums sitzen und in stummer Arbeit das Leben jedes Wesens weben, festlegen und beenden.

Die Nornen sind die Schicksalsfrauen der nordischen Mythologie. Drei von ihnen ragen heraus: Urd (das Gewordene), Werdandi (das Werdende) und Skuld (das Sein-Sollende). Sie wohnen am Urdbrunnen unter der Weltesche Yggdrasil und bestimmen die Geschicke von Menschen und Göttern gleichermaßen.

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Urd, Werdandi, Skuld

Die Völuspá beschreibt, wie die drei aus dem See unter dem Baum treten und das Schicksal in Holz ritzen. Sie „legen Lose" und bestimmen das Leben – nicht als bloße Wahrsagerinnen, sondern als Macht, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft überhaupt erst festschreibt.

„Von dort kommen Frauen, / vielwissende, / drei aus dem See / dort unterm Wipfel. / Urd heißt die eine, / die andre Werdandi: / sie schnitten ins Scheit; / Skuld hieß die dritte. / Sie legten Lose, / das Leben bestimmten sie / den Menschenkindern, / der Männer Schicksal.“— Völuspá 20, Übersetzung Karl Simrock (1851, gemeinfrei)

Am Urdbrunnen

Die Nornen sind zugleich Gärtnerinnen des Kosmos: Täglich schöpfen sie Wasser aus dem Urdbrunnen und begießen damit Yggdrasil, dazu weißen Lehm, der die Wurzeln vor Fäulnis schützt. Ohne ihre Pflege würde der Weltenbaum – und mit ihm die Welt – verdorren. Schicksal ist hier kein kaltes Urteil, sondern Fürsorge und Ordnung.

Schicksal über den Göttern

Das Erschütternde am nordischen Denken: Selbst die Götter sind dem Schicksal unterworfen. Odin kennt sein Ende, kann es aber nicht abwenden – das ist der Kern von Ragnarök. Die Nornen verkörpern diese unentrinnbare Ordnung; keine Macht, kein Opfer, keine List hebt sie auf.

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Nicht nur drei

Neben den drei großen gibt es viele kleinere Nornen, die bei jeder Geburt erscheinen und das Los des Neugeborenen bestimmen. Manche stammen von Göttern, manche von Elben, manche von Zwergen – und darum, so sagt es die Edda, fällt das Schicksal der Menschen so verschieden aus: dem einen gut, dem anderen hart.

Beleg & Quellen. Urd/Werdandi/Skuld & das Ritzen: Völuspá 20. Pflege Yggdrasils: Gylfaginning 15–16. Gute & böse Nornen bei der Geburt: Fáfnismál 12–13. Standardwerk: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie.

Mythos-Check. Die glatte Gleichung „Urd = Vergangenheit, Werdandi = Gegenwart, Skuld = Zukunft" ist eine moderne Vereinfachung. Die Namen bedeuten eher „das Gewordene", „das Werdende" und „Schuld/das Sein-Sollende" – näher an Werden und Verpflichtung als an einer Uhr. Verwandte Vorstellungen gibt es weit über den Norden hinaus (römische Parzen, griechische Moiren), doch die nordischen Nornen sind eigenständig – und mächtiger als ihre Götter.

Weiterlesen bei uns

Die drei Brunnen · Yggdrasil · Ragnarök · Das Götter-Pantheon.

Quellen & Literatur

Völuspá, Fáfnismál, Grímnismál (Lieder-Edda), deutsch gemeinfrei: Karl Simrock (1851). Snorri Sturluson, Gylfaginning. Forschung: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; Karen Bek-Pedersen, The Norns in Old Norse Mythology (2011).

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