Bibliothek / Online lesen

Gróttasöngr – Das Mühlenlied

Altnordisch & Deutsch, Strophe für Strophe

Der dänische König Fróði, ein Enkel Odins, herrscht in einer sagenhaften Friedenszeit, dem berühmten Fróði-Frieden, in dem niemand den anderen schädigt und ein Goldring lange unberührt am Wege liegt. Bei einem Königsbesuch in Schweden kauft Fróði zwei riesenstarke Sklavinnen, Fenja und Menja, und setzt sie an die Wundermühle Grotti, die alles mahlt, was der Mahlende sich wünscht. Fróði lässt sie Gold, Frieden und Glück mahlen und gönnt ihnen keine Rast, die länger währt, als der Kuckuck schweigt oder ein Lied dauert. Da singen die beiden ihr eigenes Lied: Sie erinnern an ihre Riesenherkunft und ihre alten Kriegstaten und mahlen dem König aus Rache statt Gold ein feindliches Heer und den Untergang herbei. Noch in derselben Nacht kommt der Seekönig Mýsingr, erschlägt Fróði und beendet den Fróði-Frieden. Der altnordische Text folgt der Ausgabe Guðni Jónssons aus der Skáldskaparmál (Snorra-Edda), die deutsche Fassung der Übersetzung Karl Simrocks von 1851 – beide gemeinfrei.

Str.AltnordischDeutsch (Simrock)
1
Nú eru komnar
til konungs húsa
framvísar tvær,
Fenja ok Menja;
þær ro at Fróða
Friðleifssonar
máttkar meyjar
at mani hafðar.
Nun kamen wir her zu des Königs Haus
Vorwißende Frauen, Fenja und Menja.
Bei Frodi werden, Fridleifs Sohne,
Die mächtigen Maide als Mägde gehalten.
2
Þær at lúðri
leiddar váru
ok grjóts gréa
gangs of beiddu;
hét hann hvárigri
hvíld né ynði,
áðr hann heyrði
hljóm ambátta.
Man führte zur Mühle die Frauen alsbald,
Die Schrotsteine sollten sie rühren.
Er ließ ihnen länger nicht Ruhe laßen
Als solang er hörte die Mägde singen.
3
Þær þyt þulu
þögnhorfinnar:
„Leggjum lúðra,
léttum steinum.“
Bað hann enn meyjar,
at þær mala skyldu.
Da ließen sie knattern die knarrende Mühle:
»Umschwingen wir Starken den leichten Stein.«
Nur mehr zu malen bat er die Mägde.
4
Sungu ok slungu
snúðga-steini,
svá at Fróða man
flest sofnaði;
þá kvað þat Menja,
var til meldrs komin:
Sie sangen und schwangen den schnaubenden Stein
Bis Frodis Volk in Schlaf verfiel.
Da sang Menja, die malen sollte:
5
„Auð mölum Fróða,
mölum alsælan,
mölum fjölð féar
á feginslúðri;
siti hann á auði,
sofi hann á dúni,
vaki hann at vilja,
þá er vel malit.
»Wir malen dem Frodi Macht und Reichtum
Und goldenes Gut auf des Glückes Mühle.
Er sitz ihm im Schooß und schlaf’ auf Daunen
Nach Wunsch erwachend: das ist wohl gemalen.
6
Hér skyli engi
öðrum granda,
til böls búa
né til bana orka,
né höggva því
hvössu sverði,
þó at bana bróður
bundinn finni.“
»Nie soll hier Einer dem Andern schaden,
Hinterhalt legen, Unheil ersinnen,
Mit scharfem Schwerte nicht Wunden schlagen,
Und fänd er gebunden des Bruders Mörder.«
7
En hann kvað ekki
orð it fyrra:
„Sofið eigi meir
en of sal gaukar
eða lengr en svá
ljóð eitt kveðak.“
Da war es das erste Wort, das er sprach:
»Haltet nicht länger ein als der Hauskuckuck schläft
Oder nur während eine Weis ich singe.«
8
„Var-at-tu, Fróði,
fullspakr of þik,
málvinr manna,
er þú man keyptir;
kaustu at afli
ok at álitum,
en at ætterni
ekki spurðir.
»Nicht warst du, Frodi, vorsichtig genug,
Den Mannen holdselig, als du Mägde kauftest:
Auf Stärke sahst du und schönes Antlitz;
Achtetest ihrer Abkunft nicht.
9
Harðr var Hrungnir
ok hans faðir,
þó var Þjazi
þeim öflgari;
Iði ok Aurnir,
okkrir niðjar,
bræðr bergrisa,
þeim erum bornar.
»Hart war Hrungnir und hart sein Vater,
Doch stärker als sie scheint mir Thiassi.
Idi und Oernir sind unsere Väter,
Der Bergriesen Brüder, die uns beide zeugten.
10
Kæmi-a Grótti
ór gréa fjalli
né sá inn harði
hallr ór jörðu,
né mæli svá
mær bergrisa,
ef vissi vit
vætr til hennar.
»Nicht wär Grotti gekommen aus grauem Felsen,
Nicht der schwere Schrotstein aus dem Schooß der Erde,
Nicht rührte den Mandel des Bergriesen Tochter,
Wäre das Wem der Menschen bewust.
11
Vér vetr níu
várum leikur
öflgar alnar
fyr jörð neðan;
stóðu meyjar
at meginverkum,
færðum sjalfar
setberg ór stað.
»Wir waren Gespielen neun Winter lang,
Da unter der Erde man uns erzog:
Da übten wir Mägde schon manche Großthat,
Faßten Felsen sie fort zu rücken.
12
Veltum grjóti
of garð risa,
svá at fold fyrir
fór skjalfandi;
svá slöngðum vit
snúðga-steini,
höfga-halli,
at halir tóku.
»Wir wälzten die Steine zu den Riesenwohnungen:
Die Erd im Grunde begann zu zittern.
Wir stießen und stürzten den Stein, daß er ächzte,
Die ragende Felswand ward Menschen erreichbar.
13
En vit síðan
á Svíþjóðu
framvísar tvær
í folk stigum,
beiddum björnu,
en brutum skjöldu,
gengum í gögnum
gráserkjat lið.
»Seitdem geschahs, daß in Schweden wir
Vorwißende Frauen die Heerschar führten,
Bären birschten, Schilde brachen,
Entgegen gingen grau geschientem Heer.
Hinweis: Simrock fasst altnord. Str. 13 und 14 in einer Strophe zusammen.
14
Steypðum stilli,
studdum annan,
veittum góðum
Gothormi lið;
var-a kyrrseta,
áðr Knúi felli.
Wir stürzten Stammfürsten, stützten Andre:
Gutthorm dem guten gaben wir Beistand,
Feierten nicht früher bis Knui fiel.
15
Fram heldum því
þau misseri,
at vit at köppum
kenndar várum;
þar sorðu vit
skörpum geirum
blóð ór benjum
ok brand ruðum.
»Solcherlei schufen wir Sommer und Winter
Bis wir als Kämpen wurden bekannt.
Mit scharfen Speren schlugen wir Wunden
In Fleisch und Gebein und färbten die Klingen.
16
Nú erum komnar
til konungs húsa
miskunnlausar
ok at mani hafðar;
aurr etr iljar,
en ofan kulði,
drögum dolgs sjötul,
daprt er at Fróða.
»Nun sind wir gekommen zu des Königs Haus
Und werden unmenschlich als Mägde behandelt:
Grus (Sand) frißt die Sohlen und Kälte die Glieder;
Wir malen dem Feinde: schlimm ists bei Frodi.
17
Hendr skulu hvílask,
hallr standa mun,
malit hefi ek fyr mik
mitt of leiti;
nú mun-a höndum
hvíld vel gefa,
áðr fullmalit
Fróða þykki.
»Ruhet nun, Hände, raste nun, Stein,
Genug von Mir gemalen ist nun.
Doch haben die Hände hier nicht Ruhe
Bis Frodi meint genug sei gemalen.
18
Hendr skulu höndla
harðar trjónur,
vápn valdreyrug,
vaki þú, Fróði,
vaki þú, Fróði,
ef þú hlýða vill
söngum okkrum
ok sögnum fornum.
»So greifet nun, Helden, zu harten Geeren,
Zu triefenden Waffen. Erwache, Frodi!
Erwache, Frodi! willst du lauschen
Unserm Singen und alten Sagen.
19
Eld sé ek brenna
fyr austan borg,
vígspjöll vaka,
þat mun viti kallaðr,
mun herr koma
hinig af bragði
ok brenna bæ
fyr buðlungi.
»Feuer seh ich brennen östlich der Burg,
Kriegsbotschaft kommt, das verkündet die Glut.
Ein Heer ist im Anzug, eindringt es hier,
Und verbrennt alsbald die Burg dem Fürsten.
20
Mun-at þú halda
Hleiðrar stóli,
rauðum hringum
né regingrjóti;
tökum á möndli,
mær, skarpara,
erum-a varmar
í valdreyra.
»Nicht magst du mehr halten den Stuhl in Hledra
Mit rothen Spangen und spähem Gestein.
Mächtiger malen wir Mägde noch.
Noch weilst du, Walmaid, dem Walfeld fern.
21
Mól míns föður
mær rammliga,
því at hon feigð fira
fjölmargra sá;
stukku stórar
steðr frá lúðri
járni varðar,
mölum enn framar!
»Tapfer malt meines Vaters Tochter,
Denn vieler Fürsten Fall sieht sie nahn.
Schwere Stücke springen von der Mühle,
Eisen beschlagene: doch immer gemalen!
22
Mölum enn framar!
Mun Yrsu sonr,
niðr Halfdanar,
hefna Fróða;
sá mun hennar
heitinn verða
burr ok bróðir,
vitum báðar þat.
»Nur immer gemalen! Yrsas Sohn,
Halfdans Enkel wird Frodi rächen.
Er wird von ihr geheißen werden
Sohn und Bruder; wir beide wißens!«
23
Mólu meyjar,
megins kostuðu,
váru ungar
í jötunmóði;
skulfu skaptré,
skauzk lúðr ofan,
hraut inn höfgi
hallr sundr í tvau.
Die Mägde malten aus aller Macht:
Die Jungen waren im Jotenzorn.
Die Malstange brach, die Mühle riß,
Der mächtige Mühlstein fuhr mitten entzwei.
24
En bergrisa
brúðr orð of kvað:
„Malit höfum, Fróði,
sem munum hætta,
hafa fullstaðit
fljóð at meldri.“
Die Bergriesenbräute sprachen:
»Nun finden wir, Frodi, wohl Feierabend:
Genug gemalen haben wir Mägde.«

Quelle & Gemeinfreiheit

Altnordisch nach der Skáldskaparmál der Snorra-Edda (Ausgabe Guðni Jónsson); deutsch nach Karl Simrock (1851). Simrock fasst die altnordischen Strophen 13 und 14 in einer Strophe zusammen; die Zählung folgt hier dem altnordischen Text. Beides gemeinfrei. Zusammenstellung von Glanz & Gravur.

Als PDF herunterladen Zurück zur Bibliothek