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Odins Auge – das Pfand im Mimirbrunnen zwischen Edda, Deutung und Pressblech

Geschichte & Deutung Odins Auge – das Pfand im Mimirbrunnen zwischen Edda, Deutung und Pressblech

Odin ist einäugig, weil er nach der Überlieferung ein Auge als Pfand in den Brunnen des Mímir gab, um einen Trunk aus der Quelle der Weisheit zu bekommen. So sagt es die Völuspá in einer einzigen, rätselhaften Strophe, und so erzählt es Snorri Sturluson im 13. Jahrhundert in der Gylfaginning. Mehr steht in den Quellen nicht – kein Wort darüber, welches Auge, wann oder wie. Wir trennen hier Strophe, Prosa, Deutung und Fund: von Mímirs Met über Odins Beinamen bis zu den Pressblechen, auf denen ein Auge fehlt.

Ein Gott, der alles hat – Speer, Hochsitz, Raben, ein Heer gefallener Krieger –, und trotzdem fehlt ihm etwas. Nicht Macht. Wissen. Also geht er dorthin, wo das Wissen liegt, und zahlt mit dem einzigen Zahlungsmittel, das der Hüter annimmt: mit einem Stück von sich selbst. Seitdem sieht der Allvater die Welt mit einem Auge, und das andere liegt auf dem Grund eines Brunnens unter dem Weltenbaum.

So kennt man die Geschichte heute. Erstaunlich wenig davon ist überliefert. Die gesamte Erzählung beruht auf ein paar Zeilen eines Eddaliedes und einem halben Absatz Prosa. Alles andere – die dramatische Szene am Brunnenrand, das herausgerissene Auge, die Frage „Bist du bereit, den Preis zu zahlen?“ – ist Nacherzählung, meist aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Genau deshalb lohnt es sich, die Quellen einzeln in die Hand zu nehmen. Den Brunnen selbst und seinen Platz unter Yggdrasil stellen wir in unserem Beitrag über die drei Brunnen vor, die Gestalt des Hüters im Artikel über Mimir. Hier geht es um das Opfer selbst: um das Auge.

Was die Völuspá wirklich sagt

Die älteste Quelle ist die Völuspá, die „Weissagung der Seherin“, das berühmteste Gedicht der Lieder-Edda. Erhalten ist sie vor allem im Codex Regius (um 1270) und in der Hauksbók (frühes 14. Jahrhundert); entstanden ist sie nach verbreiteter Ansicht um das Jahr 1000, die Datierung bleibt aber umstritten. Eine Seherin, eine Völva, spricht zu Odin. Und mitten in ihrem Weltbericht wendet sie sich plötzlich an ihn persönlich.

Die Szene beginnt mit einem Bild von großer Kälte: Sie sitzt allein draußen, als „der Alte“ kommt, der Asen-Fürst, und ihr ins Auge blickt. „Was fragst du mich? Warum versuchst du mich?“, sagt sie – und dann trifft sie ihn an seiner empfindlichsten Stelle. Karl Simrock übersetzte 1851:

„Alles weiß ich, Odhin, wo du dein Auge bargst:
In der vielbekannten Quelle Mimirs.“Völuspá, Übersetzung Karl Simrock (1851, gemeinfrei; bei Simrock Str. 21/22)

Weiter heißt es sinngemäß: Met trinkt Mímir jeden Morgen aus Walvaters Pfand – „wisst ihr noch mehr, oder was?“ Mit diesem Kehrvers schließt die Seherin viele Strophen. Er klingt wie eine Drohung: Ich weiß mehr, als dir lieb ist.

Zur Strophenzählung: Die Nummern schwanken je nach Ausgabe. In der heute üblichen Edition nach dem Codex Regius (Neckel/Kuhn) stehen die Szene mit der Seherin und das Auge zusammen in Strophe 28. Henry Adams Bellows (1923) teilt sie in die Strophen 28 und 29 auf; die Eröffnungszeile seiner Strophe 29 („Ich weiß, wo Odins Auge verborgen ist“) steht so in keiner Handschrift, sie ist eine Ergänzung nach Snorris Zitat. Simrock zählt 21/22, die Hauksbók ordnet die Strophen anders. Wer „Völuspá 28/29“ liest, meint also dieselbe Stelle.

Zwei Dinge fallen auf. Erstens: Die Seherin erzählt keine Geschichte. Sie setzt voraus, dass Odin – und die Zuhörer – den Vorgang kennen. Ein Mythos, auf den man nur anspielen muss, war offenbar bekannt. Zweitens: Das Wort für das Auge im Brunnen ist veð, „Pfand“. Kein Geschenk, kein Opfer im kultischen Sinn, sondern ein Unterpfand, wie man es beim Leihen hinterlegt. Odin hat sein Auge nicht weggeworfen; es liegt dort als Sicherheit.

Heimdalls Pfand: die Strophe davor

Unmittelbar vor der Augenstrophe (Neckel/Kuhn 27) spricht die Seherin von einem zweiten Gegenstand, der unter dem heiligen Baum verborgen liegt: dem hljóð Heimdalls. Darauf ergießt sich ein Strom „aus Walvaters Pfand“. Dieselbe Formel also, dasselbe veð Valfǫðrs.

Was hljóð hier bedeutet, ist eine der hübschesten Streitfragen der Eddaforschung. Snorri und viele Übersetzer verstehen es als Heimdalls Horn, das Gjallarhorn, mit dem er zu Ragnarök die Götter ruft. Das Wort heißt aber eigentlich „Gehör“ oder „Lauschen“. Dann läge unter dem Baum nicht ein Horn, sondern Heimdalls Gehör – ebenfalls als Pfand. Das ergäbe ein auffälliges Paar: Der Wächter der Götter, der nach Snorri das Gras wachsen hört, hätte sein Ohr hinterlegt, der Allvater sein Auge. Zwei Sinnesorgane gegen übernatürliche Wahrnehmung. Bewiesen ist diese Lesart nicht, aber sie wird ernsthaft diskutiert, und sie macht deutlich, wie dicht und unaufgelöst die Bilder der Völuspá sind.

Snorris Fassung: Gylfaginning 15

Ausführlicher – und doch knapp – wird erst Snorri Sturluson, der isländische Gelehrte und Politiker, der um 1220 seine Edda schrieb (mehr zu ihm im Beitrag über Snorri Sturluson). Im Lehrgespräch der Gylfaginning, Kapitel 15, beschreibt er die drei Wurzeln der Esche Yggdrasil. Eine reicht zu den Reifriesen, dorthin, wo einst Ginnungagap war, und unter ihr liegt der Brunnen des Mímir, „in dem Weisheit und Verstand verborgen sind“.

Dann folgen die entscheidenden Sätze, hier in eigener Übertragung: Mímir sei voller Wissen, weil er aus dem Brunnen mit dem Horn Gjallarhorn trinke. Dorthin kam der Allvater und bat um einen einzigen Trunk aus dem Brunnen, bekam ihn aber nicht eher, als bis er sein Auge zum Pfand gab. Anschließend zitiert Snorri die Völuspá-Strophe als Beleg.

Gesicherter Befund: Der Wortlaut lautet im Altnordischen: Þar kom Alföðr ok beiddist eins drykkjar af brunninum, en hann fekk eigi, fyrr en hann lagði auga sitt at veði. „Ein Trunk“, „Auge“, „Pfand“ – mehr Einzelheiten nennt auch Snorri nicht.

Snorris Version beantwortet einige Fragen und wirft neue auf. Er macht aus der Andeutung eine kleine Szene mit Bitte und Bedingung. Er verbindet den Brunnen fest mit dem Gjallarhorn – das Horn als Trinkgefäß Mímirs. Er erklärt aber nicht, was Odin mit dem Trunk anfing, ob er seitdem mehr wusste, und er sagt nicht, welches Auge. Wer im Netz liest, es sei „das linke“ gewesen, oder Odin habe es sich mit eigener Hand herausgerissen, liest moderne Ausschmückung.

Auch Schmerz, Prüfung oder Dialog fehlen. Der Handel wirkt fast geschäftsmäßig – passend zu dem kalkulierenden Odin der Hávamál.

Met aus dem Pfand: Was trinkt Mímir eigentlich?

Die Völuspá sagt, Mímir trinke jeden Morgen Met „aus“ oder „von“ Walvaters Pfand. Die Präposition af lässt beides zu. Man kann das wörtlich nehmen: Das Auge dient als Gefäß, aus dem Mímir trinkt – ein schauriges Bild, das manche Kommentatoren, darunter Bellows in seinen Anmerkungen, so verstanden haben. Man kann es auch übertragen lesen: Mímir „lebt“ von dem Pfand, er zieht seinen Gewinn daraus, so wie ein Gläubiger vom hinterlegten Gut.

Snorri löst den Widerspruch auf seine Weise: Bei ihm trinkt Mímir mit dem Gjallarhorn. Ob er damit eine ältere Überlieferung bewahrt oder zwei Strophen (Heimdalls hljóð und Odins Auge) zu einem stimmigen Bild verschmolzen hat, lässt sich nicht entscheiden. Snorri war ein ordnender Kopf, und er hat nachweislich an anderen Stellen Widersprüche geglättet.

Warum ausgerechnet Met? Met ist im Norden das Getränk der Halle, der Feier, des Eides – und der Dichtkunst. Der Dichtermet aus Kvasirs Blut, den Odin bei Gunnlöd erschleicht, ist das berühmteste Beispiel: Wer davon trinkt, wird Dichter oder Gelehrter. Weisheit wird in diesen Mythen nicht gelernt, sondern getrunken. Wissen ist eine Flüssigkeit, die man sich einverleibt. In dieses Bild fügt sich Mímirs Morgentrunk nahtlos.

Welcher Mímir? Brunnenhüter und sprechender Kopf

Der Mímir am Brunnen ist nicht die einzige Mímir-Gestalt der Quellen. In der Ynglinga saga (Kap. 4) erzählt Snorri, die Asen hätten Mímir nach dem Krieg mit den Vanen als Geisel geschickt; die Vanen hätten ihm den Kopf abgeschlagen, und Odin habe das Haupt mit Kräutern gegen Fäulnis behandelt und Zaubersprüche darüber gesungen, sodass es mit ihm sprach (siehe Asen und Vanen). Auch die Völuspá kennt „Mímis Haupt“, mit dem Odin vor dem Weltende spricht, und die Sigrdrífumál lassen es die ersten wahren Worte sprechen.

Wie Brunnenhüter und Kopf zusammenhängen, ist offen. Ein lebender Mímir, der morgens trinkt, und ein abgeschlagener Kopf, den Odin befragt, passen erzählerisch schlecht zusammen. Vielleicht sind es zwei Überlieferungsstränge, vielleicht hat man sich den Kopf im Brunnen vorgestellt. Ausführlich behandeln wir das im Artikel über Mimir. Für das Augenopfer reicht festzuhalten: Odin geht beide Male zu Mímir, wenn er Wissen braucht. Einmal zahlt er mit dem Auge, einmal erhält er sich die Quelle durch Zauber.

Das Auge und der Baum: Hávamál 138

Wer über Odins Auge spricht, landet zwangsläufig beim zweiten großen Selbstopfer des Gottes. Im Runatal, dem Runen-Abschnitt der Hávamál, sagt Odin (Str. 138 nach Neckel/Kuhn, bei Bellows 139), sinngemäß in eigener Übertragung:

Ich weiß, dass ich hing am windigen Baum, neun Nächte lang, vom Speer verwundet und Odin gegeben, selbst mir selbst, an jenem Baum, von dem niemand weiß, aus welchen Wurzeln er wächst.Hávamál 138, eigene Übertragung

Danach greift er die Runen auf, schreiend, und fällt herab. Die Parallelen zum Brunnen liegen auf der Hand: Beide Male geht es um Wissen aus dem Bereich unter oder an dem Weltenbaum. Beide Male gibt Odin etwas von seinem eigenen Leib – das Auge, das Leben auf Zeit. Und beide Male ist er Geber und Empfänger zugleich: „selbst mir selbst“.

Ob die beiden Episoden ursprünglich zusammengehörten, wissen wir nicht. Kein Text verbindet sie ausdrücklich. Dass der Baum in Hávamál 138 Yggdrasil ist, ist zwar naheliegend, wird dort aber nicht gesagt. Die Forschung behandelt beide gern als Ausdruck desselben Grundgedankens: Odins Wissen ist kein Geburtsrecht, sondern erkauft. Das unterscheidet ihn von Göttern anderer Kulturen, die allwissend sind. Odin wird wissend, und er zahlt dafür. Mehr zum Gott selbst findest du im Porträt Odin – Weisheit um jeden Preis.

Deutungen: Sonne, Mond, Schamane, Herrscher

Die wichtigsten Deutungen, ehrlich eingeordnet:

Sonne und Mond. Die Naturmythologie des 19. Jahrhunderts las Götter gern als Himmelserscheinungen. Odin wurde zum Himmelsgott, sein sichtbares Auge zur Sonne, das Auge im Brunnen zu ihrem Spiegelbild im Wasser oder zur Sonne, die abends im Meer versinkt; andere sahen darin den Mond. Poetisch ist das, in den Quellen aber ohne Anhalt. Die Edda kennt eigene Gestalten für Sonne und Mond (Sól und Máni), und nirgends wird Odins Auge mit ihnen gleichgesetzt. Heute gilt diese Deutung als Kind ihrer Zeit.

Opfer für Weisheit. Die naheliegendste Deutung ist die, die der Text selbst anbietet: Wissen hat einen Preis. Viele lesen das Bild zusätzlich als Tausch von äußerem gegen inneres Sehen – wer ein Auge nach innen oder in die andere Welt richtet, sieht dort mehr. Das ist eine moderne, aber gut nachvollziehbare Lesart. Belegen lässt sie sich nicht; die Quellen deuten nichts.

Initiation und Ekstase. Andere Forscher stellen Augenopfer und Hängen am Baum in die Nähe von Einweihungsritualen, wie man sie aus dem nördlichen Eurasien kennt: Leiden, Verstümmelung, symbolischer Tod, Rückkehr mit Wissen. Odins Nähe zu Ekstase und Seiðr stützt diese Sicht. Der Vergleich ist anregend, aber umstritten, weil der Begriff „Schamanismus“ leicht zu weit gedehnt wird.

Der einäugige Herrscher. Der französische Religionswissenschaftler Georges Dumézil stellte in „Mitra-Varuna“ (1940) den einäugigen Odin neben den einhändigen Tyr, der seine Hand dem Fenriswolf als Pfand in den Rachen legt (siehe Gleipnir). Für Dumézil waren das zwei Seiten indogermanischer Herrschaft – magisch-wissend und rechtlich-bindend –, und er fand ein ähnliches Paar in Rom: den einäugigen Horatius Cocles und den einhändigen Mucius Scaevola. Auffällig ist, dass in beiden nordischen Fällen das Wort Pfand fällt. Dumézils Gesamtsystem wird heute kritisch gesehen; die Beobachtung der beiden verstümmelten Götter bleibt bemerkenswert.

Mythos-Check: „Odin opferte sein Auge, um die Zukunft und Ragnarök zu sehen.“ Das steht so in keiner Quelle. Weder Völuspá noch Snorri sagen, was Odin durch den Trunk erfuhr. Die Verknüpfung mit dem Wissen um den Weltuntergang ist eine moderne Zuspitzung – plausibel, weil die Seherin ihm genau dieses Wissen vorhält, aber nicht überliefert.

Der Einäugige in Namen und Sagas

Odin hat in der altnordischen Dichtung weit über hundert Namen; einige spielen auf seine Augen an. Die wichtigsten stehen in den Grímnismál, dem Lied, in dem Odin sich selbst vorstellt. In Strophe 47 nennt er sich unter anderem Bileygr und Báleygr. Bileygr wird meist als „der mit schwachem (oder unstetem) Blick“ gedeutet, Báleygr als „der mit flammendem Auge“, von bál, „Feuer, Scheiterhaufen“. Báleygr begegnet auch in Skaldenversen, etwa in der Hákonardrápa des Hallfreðr vandræðaskáld (10. Jahrhundert) – ein Hinweis, dass der Name nicht erst im 13. Jahrhundert erfunden wurde.

Weitere Namen in den Namenslisten (den sogenannten þulur) und bei Snorri sind Blindi („der Blinde“) und Tvíblindi („der Zweifach-Blinde“). Ob sie auf Einäugigkeit zielen oder auf Verkleidung und Täuschung, ist offen. Helblindi ist ebenfalls ein Odinsname, zugleich aber der Name eines Bruders Lokis; was er bedeutet, ist unklar.

Und Hár, „der Hohe“? Der Name ist Odins bekanntester – Snorris Lehrgespräch in der Gylfaginning führt ein „Hoher“. Gelegentlich wird erwogen, Hár(r) mit dem gotischen haihs „einäugig“ zu verbinden. Das ist eine Außenseiterdeutung und sprachlich nicht gesichert; die übliche Erklärung bleibt „der Hohe“. Für Einäugigkeit taugt der Name als Beleg nicht.

Deutlicher sind die Sagas. In der Völsunga saga (Kap. 3) betritt ein unbekannter alter Mann die Halle, groß, mit tief gezogenem Hut, einäugig, und stößt ein Schwert in den Stamm Barnstokkr, das nur Sigmund herausziehen kann. Der Name fällt nicht – jeder Zuhörer wusste, wer gemeint war. In Snorris Óláfs saga Tryggvasonar besucht ein einäugiger, redegewandter Alter mit breitem Hut König Olaf und erzählt bis tief in die Nacht; der christliche König ahnt später, dass es Odin war. Auch der dänische Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus (um 1200) lässt Odin als einäugigen Greis auftreten. Der Beiname Síðhöttr, „Tiefhut“ (Grímnismál 48), passt ins Bild: Der Hut verdeckt die leere Augenhöhle.

Für die Wikingerzeit selbst – also vor der Niederschrift – ist die Einäugigkeit in Texten nur indirekt greifbar: über Beinamen wie Báleygr und über die Anspielung der Völuspá. Ein Skaldenvers, der ausdrücklich vom verpfändeten Auge erzählt, ist nicht erhalten.

Das fehlende Auge im Bild: Was die Funde zeigen

Lässt sich der einäugige Gott archäologisch fassen? Einige Funde werden immer wieder genannt. Wir gehen sie einzeln durch.

Die Torslunda-Bleche (Öland). 1870 wurden im Kirchspiel Torslunda vier bronzene Model gefunden, mit denen man dünne Pressbleche für Helme herstellte; sie stammen aus der Vendelzeit (6./7. Jahrhundert) und liegen heute im Historischen Museum Stockholm. Eines zeigt einen tanzenden Mann mit Hörnerhelm und Speeren neben einem Wolfskrieger. Bei einer Untersuchung mit Laserscanning, publiziert von Birgit Arrhenius und Henry Freij (1992), zeigte sich: Dem Tänzer fehlt das rechte Auge, es wurde offenbar schon am Vorbild ausgeschlagen. Seitdem gilt die Figur vielen als Odin – und der Wolfsmann als Úlfheðinn. Mehr dazu in unserem Beitrag über die Torslunda-Bleche.

Sutton Hoo und Valsgärde. Neil Price und Paul Mortimer haben 2014 eine Beobachtung am Helm aus dem Schiffsgrab von Sutton Hoo (England, frühes 7. Jahrhundert) publiziert: Die Granate in einer der beiden Augenbrauen sind mit Goldfolie hinterlegt und funkeln, die der anderen nicht. Nach ihren Angaben betrifft das die linke Braue. Im Feuerschein der Halle hätte der Träger einäugig gewirkt – ein Herrscher, der sich als Odin inszeniert. Ähnliches beschreiben sie für einen Helm aus Valsgärde Grab 7 in Schweden. Die These ist elegant und viel zitiert. Sie ist aber eine Deutung, kein Nachweis einer Absicht.

Uppåkra und Lindby. Aus dem großen Zentralplatz Uppåkra in Schonen stammen kleine Figuren „gehörnter Männer“, bei denen nach Mortimer ein Auge ausgeschlagen oder beschädigt ist. Die kleine Bronzefigur aus Lindby (Schonen, Historisches Museum Stockholm) wird oft als Odin bezeichnet, weil ein Auge nur als Schlitz, das andere als Wulst ausgeführt ist. Die Figur ist stark verwittert, und ob der Unterschied gewollt ist, lässt sich nicht beweisen.

Lejre und Ledberg – zwei Gegenproben. Die Silberfigur von Lejre (gefunden 2009, um 900) wird als Odin auf seinem Hochsitz mit zwei Vögeln gedeutet. Die Deutung stützt sich auf Thron und Vögel, nicht auf ein fehlendes Auge. Der Runenstein von Ledberg (Östergötland, Ög 181, 11. Jahrhundert) zeigt eine Figur, deren Fuß im Maul eines Tieres steckt; das wird oft als Odin, den der Fenriswolf verschlingt, gelesen. Ein einzelnes Auge ist dort nicht dargestellt. Beide Stücke tauchen gelegentlich in Listen „einäugiger Odinsbilder“ auf – zu Unrecht.

Auch die Goldbrakteaten der Völkerwanderungszeit, auf denen viele Forscher Odin vermuten, helfen nicht weiter: Die Köpfe sind fast immer im Profil dargestellt, ein zweites Auge ist ohnehin nicht zu sehen. Auch der älteste sichere Odinsname im Vindelev-Hort schweigt dazu.

Kritik: Wie belastbar sind die einäugigen Figuren?

Die Funde sind faszinierend, aber methodisch heikel. Erstens droht ein Zirkelschluss: Man erklärt eine Figur zum Odin, weil ein Auge fehlt, und nimmt sie dann als Beleg dafür, dass man sich Odin schon früh einäugig vorstellte. Zweitens beschädigen Korrosion, Abnutzung und Gussfehler gerade die feinsten Details – Augen sind bei kleinen Metallarbeiten oft das Erste, was verschwindet. Drittens kennen wir aus der Vendel- und Wikingerzeit keine Beischrift, die eine einäugige Figur ausdrücklich als Odin benennt.

Dem steht entgegen, dass manche Befunde sich schwer als Zufall erklären lassen: Das gezielt ausgeschlagene Auge am Torslunda-Model und die ungleich hinterlegten Granate von Sutton Hoo sind handwerkliche Entscheidungen. Eine faire Zusammenfassung lautet: Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass die Einäugigkeit eines Gottes schon im 6. und 7. Jahrhundert bildlich gemeint sein konnte. Dass dieser Gott Odin hieß und dass die Brunnengeschichte damals schon so erzählt wurde, ist wahrscheinlich, aber nicht bewiesen.

Mythos-Check: „Odin hat sein linkes Auge geopfert.“ Keine Schriftquelle nennt die Seite. Die Funde widersprechen sich sogar: Am Torslunda-Tänzer fehlt das rechte Auge, am Sutton-Hoo-Helm ist nach Price und Mortimer die linke Braue matt. Wer ein Odin-Motiv gestaltet, hat also freie Wahl.

Wagner, Marvel und die Augenklappe

Die moderne Rezeption hat das Motiv kräftig weitergedreht. Richard Wagner gab seinem Wotan im „Ring des Nibelungen“ eine eigene Begründung: Im „Rheingold“ erinnert Wotan Fricka daran, er habe ein Auge eingesetzt, um sie zur Frau zu gewinnen. Mit der Edda hat das nichts zu tun. Im 20. und 21. Jahrhundert wurde die Augenklappe zum Erkennungszeichen schlechthin – in Comics und Filmen bis zu Marvels Odin (siehe unseren Marvel-Faktencheck) und Neil Gaimans „American Gods“. Augenklappen kennen die Quellen übrigens nicht; dort verdeckt allenfalls der tief gezogene Hut die Augenhöhle.

Warum uns das Bild nicht loslässt

Vielleicht macht gerade die Kargheit der Quellen das Motiv so stark. Eine Strophe, ein Satz Prosa, ein paar ausgeschlagene Augen auf Bronze – und jeder versteht sofort: etwas Wertvolles hergeben, um etwas Unsichtbares zu bekommen. Wenn wir Odin-Motive in Schiefer oder Glas gravieren, bleiben wir bei diesem schlichten Bild: der Alte mit dem Hut, das eine Auge, der Brunnen unter dem Baum. Wer die Strophen selbst lesen möchte, findet die Völuspá und die Hávamál zweisprachig in unserer Bibliothek.

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Häufige Fragen

Warum hat Odin nur ein Auge? Nach Völuspá und Snorris Gylfaginning gab Odin ein Auge als Pfand an Mímir, um einen Trunk aus dessen Brunnen der Weisheit zu bekommen. Weitere Einzelheiten nennen die Quellen nicht.

Welches Auge hat Odin geopfert, das linke oder das rechte? Das sagt keine Quelle. Auf dem Torslunda-Model fehlt der Tanzfigur das rechte Auge, am Sutton-Hoo-Helm wirkt nach Price und Mortimer die linke Seite „blind“.

Wo steht die Geschichte von Odins Auge? In der Völuspá (je nach Ausgabe Strophe 28 oder 28/29) und bei Snorri Sturluson in der Gylfaginning, Kapitel 15. Beide Texte wurden im 13. Jahrhundert aufgeschrieben.

Was ist der Mimirbrunnen? Ein Brunnen unter der Wurzel Yggdrasils, die zu den Reifriesen reicht. Nach Snorri sind darin Weisheit und Verstand verborgen; Mímir trinkt daraus mit dem Gjallarhorn.

Hängt Odins Auge mit dem Hängen am Weltenbaum zusammen? Kein Text verbindet beide ausdrücklich. Beide zeigen aber denselben Gedanken: Odin erwirbt Wissen durch ein Opfer am eigenen Leib, beim Baum „selbst mir selbst“ (Hávamál 138).

Was bedeutet Báleygr? „Der mit dem flammenden Auge“, einer von Odins Namen in den Grímnismál (Str. 47) und in Skaldenversen. Daneben steht Bileygr, „der mit schwachem Blick“.

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