Es ist der vielleicht berühmteste Handel der ganzen Mythologie: Der höchste der Götter gibt ein Auge her – freiwillig – für einen einzigen Schluck aus einem Brunnen. Odins Auge am Mimirbrunnen ist die Geschichte davon, was Weisheit wirklich kostet.
Unter einer der drei Wurzeln des Weltenbaums Yggdrasil liegt der Mimirbrunnen. In ihm sind Weisheit und Verstand verborgen, und sein Hüter ist Mimir – das weiseste aller Wesen, der jeden Morgen aus dem Brunnen trinkt und darum mehr weiß als jeder andere.
Odin, schon Herr über vieles, will noch eines: wissen. Er kommt zum Brunnen und bittet um einen Trunk. Doch Mimir verlangt ein Pfand, und kein geringes. Odin legt sein Auge in den Brunnen – und trinkt. Seither ist der Allvater einäugig, und sein Auge ruht für immer im Wasser der Weisheit. Es ist derselbe Odin, der sich später neun Nächte selbst am Weltenbaum opfert, um die Runen zu gewinnen: Der Gott des Wissens zahlt für jede Erkenntnis mit Schmerz.
„Ich weiß, wo Odins Auge verborgen ist,
tief im weitberühmten Born Mimirs.
Met trinkt Mimir allmorgendlich
aus Walvaters Pfand – wißt ihr noch mehr?"
— Völuspá 28–29, Übersetzung Karl Simrock (1851, gemeinfrei)

Odin (Wotan) · Yggdrasil · Odin & die Runen · Die Nornen am Urdbrunnen · Das Götter-Pantheon.
Völuspá, Sigrdrífumál (Lieder-Edda), deutsch gemeinfrei: Karl Simrock (1851). Snorri Sturluson, Gylfaginning, Ynglinga saga. Forschung: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; John Lindow, Norse Mythology.