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Baldrs draumar – Baldrs Träume

Altnordisch & Deutsch, Strophe für Strophe

Baldr, der lichteste der Asen, wird von schweren, unheilvollen Träumen geplagt, die seinen nahen Tod ahnen lassen. Die Götter treten zur Beratung zusammen, doch niemand kann das Dunkel deuten. Da sattelt Odin sein achtbeiniges Ross Sleipnir und reitet hinab nach Niflhel, ins Reich der Toten. Am Tor begegnet ihm der blutbefleckte Höllenhund; unbeirrt reitet der Allvater weiter bis zum hohen Haus der Hel. Vor dem östlichen Grabhügel einer längst gestorbenen Seherin singt er den Totenzauber und zwingt die Völva, aus dem Schlaf des Todes zu sprechen. Widerwillig offenbart sie, dass die Bänke der Halle schon mit Met für Baldr bereitet sind, dass der blinde Höðr ihn erschlagen und dass Váli — in einer einzigen Nacht herangewachsen — ihn rächen wird. Als Odin nach den klagenden Frauen fragt, durchschaut die Seherin die Verkleidung: Sie erkennt in dem Wanderer Odin selbst und verstummt bis zum Untergang der Welt. Der altnordische Text folgt der Ausgabe von Guðni Jónsson, die deutsche Übertragung stammt von Karl Simrock (1851) — beide gemeinfrei.

Str.AltnordischDeutsch (Simrock)
1
Senn váru æsir
allir á þingi
ok ásynjur
allar á máli,
ok um þat réðu
ríkir tívar,
hví væri Baldri
ballir draumar.
Die Asen eilten all zur Versammlung
Und die Asinnen all zum Gespräch:
Darüber beriethen die himmlischen Richter,
Warum den Baldur böse Träume schreckten?
Hinweis: Simrock fügt nach Str. 1 vier Strophen aus jüngeren Papierhandschriften ein (seine Nr. 2–5), die im Codex Regius und bei Bellows fehlen; ab dort läuft Simrocks Zählung um fünf höher (altnord. 2 = Simrock 6).
2
Upp reis Óðinn,
alda gautr,
ok hann á Sleipni
söðul of lagði;
reið hann niðr þaðan
niflheljar til;
mætti hann hvelpi,
þeim er ór helju kom.
Auf stand Odhin, der Allerschaffer,
Und schwang den Sattel auf Sleipnirs Rücken.
Nach Nifelheim hernieder ritt er;
Da kam aus Hels Haus ein Hund ihm entgegen,
3
Sá var blóðugr
um brjóst framan
ok galdrs föður
gól of lengi;
fram reið Óðinn,
foldvegr dunði;
hann kom at hávu
Heljar ranni.
Blutbefleckt vorn an der Brust,
Kiefer und Rachen klaffend zum Biß,
So ging er entgegen mit gähnendem Schlund
Dem Vater der Lieder und bellte laut.
Fort ritt Odhin, die Erde dröhnte,
Zu dem hohen Hause kam er der Hel.
4
Þá reið Óðinn
fyrir austan dyrr,
þar er hann vissi
völu leiði;
nam hann vittugri
valgaldr kveða,
unz nauðig reis,
nás orð of kvað:
Da ritt Odhin ans östliche Thor,
Wo er der Wala wuste den Hügel.
Das Wecklied begann er der Weisen zu singen,
Nach Norden schauend schlug er mit dem Stabe,
Sprach die Beschwörung Bescheid erheischend,
Bis gezwungen sie aufstand Unheil verkündend.
5
“Hvat er manna þat
mér ókunnra,
er mér hefir aukit
erfitt sinni?
Var ek snivin snævi
ok slegin regni
ok drifin döggu,
dauð var ek lengi.”
Welcher der Männer, mir unbewuster,
Schafft die Beschwerde mir solchen Gangs?
Schnee beschneite mich, Regen beschlug mich,
Thau beträufte mich, todt war ich lange.
Hinweis: Rede der Völva.
6
“Vegtamr ek heiti,
sonr em ek Valtams;
segðu mér ór helju,
ek mun ór heimi:
Hveim eru bekkir
baugum sánir,
flet fagrlig
flóuð gulli?”
Ich heiße Wegtam, bin Waltams Sohn,
Wie ich von der Oberwelt sprich von der Unterwelt.
Wem sind die Bänke mit Baugen (Ringen) bestreut,
Die glänzenden Betten mit Gold bedeckt?
Hinweis: Rede Odins.
7
“Hér stendr Baldri
of brugginn mjöðr,
skírar veigar,
liggr skjöldr yfir,
en ásmegir
í ofvæni;
nauðug sagðak,
nú mun ek þegja.”
Hier steht dem Baldur der Becher eingeschenkt,
Der schimmernde Trank, vom Schild bedeckt.
Die Asen alle sind ohne Hoffnung.
Genöthigt sprach ich, nun will ich schweigen.
Hinweis: Rede der Völva.
8
“Þegj-at-tu, völva,
þik vil ek fregna,
unz alkunna,
vil ek enn vita:
Hverr mun Baldri
at bana verða
ok Óðins son
aldri ræna?”
Schweig nicht, Wala, ich will dich fragen
Bis Alles ich weiß. Noch wüst ich gerne:
Welcher der Männer ermordet Baldurn,
Wird Odhins Erben das Ende fügen?
Hinweis: Rede Odins.
9
“Höðr berr hávan
hróðrbaðm þinig,
hann mun Baldri
at bana verða
ok Óðins son
aldri ræna;
nauðug sagðak,
nú mun ek þegja.”
Hieher bringt Hödr den hochberühmten,
Er wird der Mörder werden Baldurs,
Wird Odhins Erben das Ende fügen.
Genöthigt sprach ich, nun will ich schweigen.
Hinweis: Rede der Völva.
10
“Þegj-at-tu, völva,
þik vil ek fregna,
unz alkunna,
vil ek enn vita:
Hverr mun heift Heði
hefnt of vinna
eða Baldrs bana
á bál vega?”
Schweig nicht, Wala, ich will dich fragen
Bis Alles ich weiß. Noch wüst ich gerne:
Wer wird uns Rache gewinnen an Hödur,
Und zum Bühle bringen Baldurs Mörder?
Hinweis: Rede Odins.
11
“Rindr berr Vála
í vestrsölum,
sá mun Óðins sonr
einnættr vega:
hönd of þvær
né höfuð kembir,
áðr á bál of berr
Baldrs andskota;
nauðug sagðak,
nú mun ek þegja.”
Rindur im Westen gewinnt den Sohn,
Der einnächtig, Odhins Erbe, zum Kampf geht.
Er wäscht die Hand nicht, das Haar nicht kämmt er
Bis er zum Bühle brachte Baldurs Mörder.
Genöthigt sprach ich, nun will ich schweigen.
Hinweis: Rede der Völva.
12
“Þegj-at-tu, völva,
þik vil ek fregna,
unz alkunna,
vil ek enn vita:
Hverjar ro þær meyjar,
er at muni gráta
ok á himin verpa
halsa skautum?”
Schweig nicht, Wala, ich will dich fragen
Bis Alles ich weiß. Noch wüst ich gerne:
Wie heißt das Weib, die nicht weinen will
Und himmelan werfen des Hauptes Schleier?
Sage das Eine noch, nicht eher schläfst du.
Hinweis: Rede Odins.
13
“Ert-at-tu Vegtamr,
sem ek hugða,
heldr ertu Óðinn,
aldinn gautr.”
“Ert-at-tu völva
né vís kona,
heldr ertu þriggja
þursa móðir.”
Du bist nicht Wegtam, wie erst ich wähnte,
Odhin bist du der Allerschaffer.
Du bist keine Wala, kein wißendes Weib,
Vielmehr bist du dreier Thursen Mutter.
Hinweis: Wechselrede: die Völva und Odin; Simrock teilt in zwei Strophen (Wala 17, Odhin 18).
14
“Heim ríð þú, Óðinn,
ok ver hróðigr,
svá komir manna
meir aftr á vit,
er lauss Loki
líðr ór böndum
ok ragna rök
rjúfendr koma.”
Heim reit nun, Odhin, und rühme dich:
Kein Mann kommt mehr mich zu besuchen
Bis los und ledig Loki der Bande wird
Und der Götter Dämmerung verderbend einbricht.
Hinweis: Rede der Völva.

Quelle & Gemeinfreiheit

Altnordisch nach dem Codex Regius (Ausgabe Guðni Jónsson); deutsch nach Karl Simrock (1851). Beides gemeinfrei. Zusammenstellung von Glanz & Gravur.

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