Mímir ist in der nordischen Mythologie der Inbegriff der Weisheit: der Hüter jener Quelle unter dem Weltenbaum, für die Odin ein Auge hergab, und zugleich der Kopf, den Odin nach seiner Enthauptung mit Kräutern haltbar machte und durch Zauberlieder wieder zum Sprechen brachte. Beide Bilder stammen aus Texten des 13. Jahrhunderts, die ältere Überlieferung bewahren – und sie passen nicht ganz zusammen. Hier liest du Strophe für Strophe nach, was über Mímir dasteht, woher sein Name kommt und wo Deutung beginnt.
Stell dir die Szene vor: Der Himmel brennt, der Weltenbaum zittert, irgendwo bläst Heimdall in sein Horn. Und der mächtigste der Götter, der Herr der Gefallenen, der Mann mit dem Speer, beugt sich in diesem Moment über einen abgeschlagenen Kopf und fragt ihn um Rat. Nicht seine Raben, nicht seine Seherinnen, nicht seine Söhne. Einen toten Kopf.
Diese Szene steht nicht in einem Fantasyroman, sondern in der Völuspá, dem berühmtesten Lied der Lieder-Edda. Sie zeigt, wie der Norden Wissen sah: kostbar, gefährlich und stärker als der Tod. Wer sich mit Odin beschäftigt, kommt an ihm nicht vorbei, denn ein guter Teil von Odins Weisheit stammt, glaubt man den Quellen, aus Mímirs Mund oder Mímirs Wasser.
Wir trennen hier sauber zwischen Edda, Snorri, Forschung und Spekulation. Den Brunnen selbst und sein Verhältnis zu Urds Brunnen und Hvergelmir behandeln wir im Beitrag über die drei Brunnen unter Yggdrasil behandelt. Hier geht es um Mímir selbst.
Mímir begegnet uns in erstaunlich wenigen Texten. In der Lieder-Edda, deren Haupthandschrift, der Codex Regius, um 1270 in Island geschrieben wurde, taucht er in der Völuspá, im Sigrdrífumál und indirekt im Vafþrúðnismál auf. Dazu kommen ein spätes Lied, das Fjölsvinnsmál, und eine Handvoll Dichterumschreibungen. Den größten Teil der Geschichte aber liefert ein einziger Mann: Snorri Sturluson, isländischer Politiker und Gelehrter, der um 1220 die Prosa-Edda schrieb und um 1230 die Königsgeschichte Heimskringla, an deren Anfang die Ynglinga saga steht.
Snorri schrieb als Christ, mehr als zwei Jahrhunderte nach der Bekehrung Islands, und er konnte aus Splittern runde Erzählungen machen. Wenn wir also eine klare Abfolge „Geiseltausch – Enthauptung – Einbalsamierung – Orakelkopf“ lesen, ist das zuerst einmal Snorris Fassung. Die Lieder selbst setzen diese Geschichte voraus oder spielen auf sie an, erzählen sie aber nicht.
Die Ynglinga saga erzählt die Götter auf eine besondere Weise: euhemeristisch. Das heißt, Snorri behandelt sie als Menschen der Vorzeit, als Häuptlinge aus Asien, die erst später als Götter verehrt wurden. Odin ist hier ein mächtiger Herrscher, Asgard eine Burg im Osten.
Im vierten Kapitel zieht Odin gegen das Volk von Vanaland, also gegen die Wanen, das zweite Göttergeschlecht neben den Asen. Der Krieg bleibt unentschieden, beide Seiten verwüsten das Land der anderen, schließlich schließen sie Frieden und tauschen Geiseln. Die Wanen schicken ihre Besten: Njörd den Reichen und seinen Sohn Freyr. Die Asen schicken Hœnir, groß und schön und, wie Snorri sagt, nach allgemeiner Meinung wie geschaffen zum Häuptling. Und mit ihm schicken sie Mímir, „den weisesten Mann“. Als Gegenleistung für Mímir geben die Wanen den klügsten aus ihren Reihen: Kvasir.
Bei den Wanen wird Hœnir tatsächlich Anführer. Mímir bringt ihm bei, was er wissen muss. Doch die Wanen merken etwas: Wann immer Hœnir bei Versammlungen oder Rechtsstreitigkeiten ohne Mímir neben sich eine Entscheidung treffen soll, antwortet er immer dasselbe – sinngemäß: „Mögen andere raten.“ Im Altnordischen sind das nur zwei Wörter, ráði aðrir. Die Wanen kommen zu dem Schluss, dass die Asen sie beim Geiseltausch übervorteilt haben. Ihre Antwort ist kalt und logisch: Sie greifen sich Mímir, schlagen ihm den Kopf ab und schicken den Kopf zurück zu den Asen.
Odin took the head, smeared it with herbs so that it should not rot, and sang incantations over it.Ynglinga saga, Kap. 4, in der gemeinfreien Übersetzung von Samuel Laing (1844)
Auf Deutsch: Odin nahm den Kopf, bestrich ihn mit Kräutern, damit er nicht verfaule, und sprach Zauberlieder darüber. Im Original steht galdrar, das Wort für gesungene, beschwörende Zauberformeln. Damit gab er dem Kopf, so Snorri weiter, die Kraft, mit ihm zu sprechen und ihm viele verborgene Dinge zu sagen. Drei Kapitel später kommt Snorri noch einmal darauf zurück: Odin hatte den Kopf Mímirs bei sich, und der sagte ihm Neuigkeiten aus anderen Welten.
Bemerkenswert: Getrickst haben die Asen, bezahlt hat Mímir. Den größeren Zusammenhang dieses Konflikts erzählen wir im Beitrag über den Wanenkrieg.
Die Völuspá, das „Lied der Seherin“, ist vermutlich um das Jahr 1000 entstanden, wobei die Datierung umstritten bleibt. In ihr erzählt eine Völva, eine Seherin, Odin vom Anfang und vom Ende der Welt. In der heute meist verwendeten Zählung (nach der Ausgabe von Neckel) steht in Strophe 28 – bei Bellows und anderen Übersetzern Strophe 29 – eine der dichtesten Stellen über Mímir. Die Seherin sitzt allein draußen, als der alte Ase kommt und ihr in die Augen schaut. Und dann sagt sie ihm etwas, das er für ein Geheimnis gehalten hat:
Alles weiß ich, Odin, wo du dein Auge verbargst: in dem vielberühmten Brunnen Mímirs. Met trinkt Mímir an jedem Morgen aus dem Pfand des Walvaters. Wisst ihr noch mehr – oder was?Völuspá 28, eigene Übertragung
Der Witz dieser Strophe liegt im Ton. Die Seherin trumpft auf: Sie weiß sogar, wo Odins Auge liegt. Der „Walvater“, also der Vater der Gefallenen, ist Odin selbst, und sein „Pfand“ (veð) ist das Auge, das er hinterlegt hat. Mímir trinkt seinen Morgenmet aus diesem Pfand – ein Bild, das bis heute niemand ganz aufgelöst hat. Trinkt er aus dem Auge wie aus einem Gefäß? Oder trinkt er aus dem Brunnen, in dem das Auge liegt? Beide Lesarten werden vertreten. Dieselbe Formel vom Pfand des Walvaters steht übrigens schon eine Strophe vorher, wo es um das „Gehör“ oder das Horn Heimdalls geht, das unter dem heiligen Baum verborgen ist. Was es damit auf sich hat, erklären wir im Beitrag über Heimdall.
Wichtig für die Gestalt Mímirs: Die Völuspá sagt nicht, warum Odin sein Auge gab. Dass er es für einen Trunk aus der Quelle der Weisheit hergab, erzählt erst Snorri in der Gylfaginning. Die Völuspá setzt die Geschichte voraus und verrät uns nur, dass Mímir am Brunnen trinkt und das Auge dort liegt. Mehr dazu im Beitrag über Odins Auge am Mimirbrunnen.
In der Gylfaginning, dem ersten erzählenden Teil seiner Prosa-Edda, beschreibt Snorri den Weltenbaum. Yggdrasil hat drei Wurzeln. Eine davon reicht zu den Reifriesen, dorthin, wo einst das Ginnungagap war, die gähnende Leere vor der Schöpfung. Unter dieser Wurzel liegt der Brunnen Mímirs, in dem Weisheit und Verstand verborgen sind. Mímir, so Snorri, ist der Besitzer des Brunnens, und er ist voller Weisheit, weil er aus dem Brunnen trinkt – und zwar aus dem Gjallarhorn.
Dieses Detail ist mehr als eine Fußnote. Das Gjallarhorn kennen wir sonst als das Horn, in das Heimdall zu Beginn von Ragnarök bläst, um die Götter zu warnen. Ist es dasselbe Horn? Snorri gibt keine Erklärung. Manche sehen darin eine alte Verbindung zwischen Heimdall und Mímirs Brunnen, andere eine Ausschmückung Snorris. Sicher ist nur: Bei Snorri trinkt Mímir aus einem Horn, in der Völuspá aus Odins Pfand.
Snorri erzählt dann knapp: Allvater kam dorthin und erbat einen einzigen Trunk aus dem Brunnen, bekam ihn aber erst, als er sein Auge zum Pfand gab. Hier zeigt sich ein Widerspruch, den schon Henry Adams Bellows 1923 in seinen Anmerkungen zur Edda notierte: In der Gylfaginning lebt Mímir als Hüter am Brunnen. In der Ynglinga saga ist er ein Geisel, der enthauptet wird. Snorri gleicht das nicht aus: Er erzählt beide Fassungen in zwei Büchern mit verschiedenen Zwecken – Dichterhandbuch hier, Königsvorgeschichte dort.
Und bei Ragnarök greift Snorri die Völuspá-Strophe wieder auf. In Kapitel 51 der Gylfaginning bläst Heimdall das Gjallarhorn, und Odin reitet zum Brunnen Mímirs und holt sich Rat von Mímir für sich und sein Gefolge. Snorri lässt also nicht den Kopf sprechen, sondern Mímir an seinem Brunnen. Der Kopf aus der Ynglinga saga und der Brunnenhüter aus der Gylfaginning bleiben zwei Bilder, die nebeneinanderstehen.
Zurück zur Szene vom Anfang. Wenn die Völuspá das Ende der Welt ausmalt, kommt der Moment, in dem alles in Bewegung gerät. In Strophe 46 (Bellows: 46/47) heißt es, frei übertragen:
Es spielen Míms Söhne, das Schicksal entbrennt beim alten Gjallarhorn. Laut bläst Heimdall, das Horn ist erhoben; Odin spricht mit Míms Haupt.Völuspá 46, eigene Übertragung
Jede Zeile ist ein kleines Rätsel. Wer sind „Míms Söhne“? Bellows hielt sie für Wassergeister, andere für Riesen oder einfach für Mímirs Gefolge; eine Antwort, die alle überzeugt, gibt es nicht. Das Wort, das hier mit „Schicksal“ wiedergegeben ist, mjötuðr, heißt eigentlich so etwas wie „Zumesser“ und ist ebenfalls umstritten. Klar ist aber der letzte Halbvers: mælir Óðinn við Míms höfuð – Odin spricht mit dem Haupt Míms.
Das ist der älteste klare Beleg für einen sprechenden Mímir-Kopf, älter als Snorri. Die Völuspá kennt also beide Bilder: Mímir trinkt am Brunnen, und Odin befragt sein Haupt. Ob der Dichter darin einen Widerspruch sah, wissen wir nicht. Was nach dieser letzten Beratung kommt, erzählt die Völuspá in düsteren Farben – mehr dazu im Beitrag über Yggdrasil, dessen Esche in der Strophe darauf erzittert.
Eine dritte Edda-Stelle bringt Mímirs Haupt mit den Runen zusammen. Im Sigrdrífumál, dem Lied, in dem die Walküre Sigrdrífa den Helden Sigurd in Weisheit und Zauberrunen unterweist, geht es in einer Strophengruppe um die „Geistesrunen“ (hugrúnar). Odin, hier Hroptr genannt, habe sie erdacht und geritzt. Dann folgt Strophe 14:
Auf dem Felsen stand er mit Brimirs Schneide, trug auf dem Haupte den Helm. Da sprach Míms Haupt weise das erste Wort und sagte wahre Zeichen.Sigrdrífumál 14, eigene Übertragung
„Brimirs Schneide“ ist ein Schwert; wer Brimir ist, bleibt unklar. Die „wahren Zeichen“ (sanna stafi) können Runen sein, aber auch einfach wahre Worte – stafr bedeutet Stab, Buchstabe und Spruch zugleich. Das Bild ist trotzdem stark: Mímirs Kopf als Quelle des ersten weisen Wortes, als Ursprung von Runenwissen. Es passt zu einem anderen Lied, dem Hávamál, in dem Odin die Runen am Baum hängend gewinnt.
Eine zusätzliche Spur: In der Skaldendichtung heißt Odin gelegentlich Míms vinr, „Mímirs Freund“. Snorri führt diese Umschreibung in den Skáldskaparmál, seinem Lehrbuch der Dichtersprache, als Odinsbezeichnung. Die Freundschaft zwischen dem Gott und seinem Ratgeber war also Teil des dichterischen Allgemeinwissens.
Zwei Namen erweitern das Bild in Richtung Weltenbaum, und hier wird es richtig spekulativ. Der erste steht im Fjölsvinnsmál, einem Lied, das nur in Papierhandschriften des 17. Jahrhunderts überliefert ist und meist für jung gehalten wird. Dort fragt ein Besucher den Wächter Fjölsviðr nach einem Baum, dessen Zweige sich über alle Länder breiten. Die Antwort (Strophe 20 in den üblichen Zählungen): Er heißt Mímameiðr, „Mímis Baum“, und niemand weiß, aus welchen Wurzeln er wächst. In Strophe 24 taucht der Name erneut auf.
Der zweite Name steht im Vafþrúðnismál, dem Wissenswettstreit zwischen Odin und dem Riesen Vafþrúðnir. In Strophe 45 fragt Odin, welche Menschen den großen Winter überleben werden. Die Antwort: Líf und Lífþrasir, die sich im Hoddmímis holt verbergen, im „Gehölz des Hort-Mímir“. Morgentau wird ihre Nahrung sein, und von ihnen stammen die künftigen Menschen ab. Die ganze Geschichte des überlebenden Paares erzählen wir im Beitrag über Líf und Lífþrasir.
Ist Mímameiðr dasselbe wie Yggdrasil? Ist Hoddmímis holt ein Wald, ein einzelner Baum oder wiederum Yggdrasil? Viele Forscher, darunter Rudolf Simek, halten Mímameiðr für einen anderen Namen des Weltenbaums. Für Hoddmímis holt wird ebenfalls oft eine Gleichsetzung mit Yggdrasil vertreten, weil die Esche Ragnarök in der Völuspá zwar erzittert, aber nicht ausdrücklich stürzt – ein sicherer Ort für die Menschen von morgen. Dagegen steht, dass holt „Gehölz, Wald“ heißt und „Hoddmímir“ (hodd = Hort) nicht zwingend unser Mímir ist.
Der Name Mímir hat eine hübsche Pointe, falls die gängige Herleitung stimmt. Die meisten Sprachwissenschaftler stellen ihn zur indogermanischen Wurzel *(s)mer-, „gedenken, sich erinnern, bedenken, sich sorgen“. Der Religionshistoriker Bruce Lincoln hat Mímir als verdoppelte Bildung aus dieser Wurzel erklärt. Verwandt wären dann Sanskrit smárati („er erinnert sich“), griechisch mermaírō („ich sinne, sorge mich“) und gotisch maúrnan („sich sorgen“), das mit englisch to mourn zusammenhängt. Auch das lateinische memor, „eingedenk“, ist eine verdoppelte Form derselben Wurzel – daher unser Wort „Memoiren“ und das englische memory.
Simek übersetzt den Namen entsprechend mit „der Erinnernde, der Weise“. Gelegentlich wird eine germanische Vorform wie *mimiz angesetzt; die genaue Lautgestalt und Bildung sind aber nicht sicher geklärt, und einzelne Forscher haben andere Anknüpfungen vorgeschlagen. Das Bild passt trotzdem: ein „Erinnernder“ an der Quelle der Weisheit – ganz wie Odins Rabe Muninn, dessen Name ebenfalls mit Gedächtnis zu tun hat.
Interessant ist auch, dass das Element „-mímir“ in weiteren Namen auftaucht. In der Dichtersprache gibt es Riesenbezeichnungen, die mit „-mímir“ gebildet sind, und Odin rühmt sich im Grímnismál, einen Sökkmímir erschlagen zu haben. Manche sehen darin einen Hinweis, dass Mímir selbst ursprünglich ein Riese war. Hinzu kommt eine Deutung von Hávamál 140: Dort lernt Odin neun mächtige Lieder vom „berühmten Sohn Bölþorns“, des Vaters der Bestla, also von Odins Onkel mütterlicherseits. Ob dieser namenlose Onkel Mímir ist, wie seit dem 19. Jahrhundert immer wieder vorgeschlagen, steht nirgends. Es ist eine Vermutung, keine Überlieferung.
Ase, Riese, Wassergeist, Ahnengestalt, Personifikation des Gedächtnisses – die Forschung hat Mímir schon in viele Schubladen gesteckt. Die Ynglinga saga zählt ihn zu den Asen, denn er wird von ihrer Seite als Geisel gestellt. Die Lage seines Brunnens bei den Reifriesen und die „Míms Söhne“ der Völuspá lassen manche an ein Wesen außerhalb der Götterfamilie denken. Bellows nannte ihn in seinen Anmerkungen einen Wassergeist, was an verbreitete Vorstellungen von weissagenden Quellwesen anknüpft.
Eine andere Spur führt in die Heldensage. In der altnorwegischen Þiðreks saga aus dem 13. Jahrhundert gibt es einen Schmied namens Mímir, bei dem der junge Sigurd aufwächst. Aus dieser Tradition stammt über Umwege der Zwerg Mime in Richard Wagners „Ring des Nibelungen“. Ob dieser Schmied mit dem mythischen Ratgeber mehr als den Namen teilt, ist offen. Die Namensgleichheit zeigt aber, dass „Mímir“ für Klugheit und Kunstfertigkeit stand.
Am ehrlichsten ist dieser Befund: Mímir lebte schon zur Zeit der Völuspá in mehreren Bildern – Wissender am Wasser, sprechender Kopf, „Erinnernder“. Snorri hat sie nicht erfunden, aber zu zwei sauberen Geschichten geformt.
Ein sprechender, bewahrter Kopf ist ein Motiv, das Forscher schon lange mit keltischen Traditionen vergleichen. Der griechische Geschichtsschreiber Diodor (1. Jahrhundert v. Chr.), der dabei auf den älteren Poseidonios zurückgreift, berichtet über die Gallier: Sie schnitten gefallenen Feinden die Köpfe ab, und die Häupter der vornehmsten Gegner balsamierten sie in Zedernöl ein und bewahrten sie sorgfältig in Truhen auf, um sie Gästen zu zeigen. Die Parallele zu Odin, der Mímirs Kopf mit Kräutern haltbar macht, springt ins Auge.
Archäologisch passen dazu südfranzösische Heiligtümer wie Roquepertuse und Entremont, wo Pfeiler mit Nischen für menschliche Schädel und steinerne Kopfdarstellungen gefunden wurden. Und in der walisischen Erzählung Branwen, dem zweiten Zweig des Mabinogi, befiehlt der tödlich verwundete König Bendigeidfran (Bran) seinen Gefährten, ihm den Kopf abzuschlagen. Der Kopf begleitet sie jahrelang als Tischgenosse und wird schließlich in London beigesetzt, um die Insel zu schützen.
Was folgt daraus? Drei Möglichkeiten werden diskutiert: keltischer Einfluss auf den Norden, etwa über die britischen Inseln, wo Nordleute und Iren jahrhundertelang zusammenlebten; ein gemeinsames, sehr altes Erbe; oder schlicht eine naheliegende Idee, die mehrere Kulturen unabhängig hatten. Einen Beweis für eine direkte Abhängigkeit gibt es nicht. Mehr zu den keltischen Heiligtümern steht in unserem Beitrag über die keltische Religion.
Für viele junge Leute ist Mímir heute vor allem eine Figur aus den Videospielen God of War (2018) und God of War Ragnarök (2022). Dort ist er ein redseliger, augenzwinkernder Ratgeber, der als Kopf am Gürtel des Helden Kratos baumelt und dabei die nordische Mythologie kommentiert. Gesprochen wird er im Original von Alastair Duncan. Die Vorgeschichte – Gefangenschaft in einem Baum, Wiederbelebung durch Freya – ist frei erfunden.
Mit den Quellen hat das wenig zu tun, trifft aber deren Kern. Welche Elemente des Spiels sich an der Edda orientieren und welche nicht, haben wir in unserem God-of-War-Faktencheck auseinandergenommen.
In unserer Werkstatt in Alsdorf ist Mímir ein Motiv, das uns immer wieder reizt, gerade weil es so viele Ebenen hat. Für eine Schiefergravur eignet sich die Völuspá-Szene besonders: Odin, der sich über das Wasser beugt, darunter die Wurzeln des Baumes, im Rand der Halbvers mælir Óðinn við Míms höfuð in jüngeren Runen.
Wer es lichter mag, für den passt Glas. Auf einem Windlicht wirkt der Brunnen besonders, wenn das Kerzenlicht durch die gravierte Wasseroberfläche fällt. Und für alle, die ein Geschenk für Lehrerinnen, Mentoren oder die klügste Person der Familie suchen: Ein schlichtes „Míms vinr“ – Mímirs Freund – mit dem Namen der beschenkten Person sagt mehr als jede Urkunde.

Wer ist Mimir in der nordischen Mythologie? Mímir ist eine Gestalt der Weisheit: Er hütet nach Völuspá und Snorri einen Brunnen unter Yggdrasil, aus dem er Weisheit trinkt. Nach der Ynglinga saga wurde er als Geisel zu den Wanen geschickt, enthauptet, und Odin bewahrte seinen Kopf als Ratgeber.
Warum hat Odin Mimirs Kopf? Die Wanen fühlten sich beim Geiseltausch betrogen, weil Hœnir ohne Mímir keine Entscheidungen treffen konnte, und schickten Mímirs Kopf zurück. Odin bestrich ihn mit Kräutern gegen Fäulnis und sang Zauberlieder, sodass der Kopf sprechen und ihm Geheimnisse verraten konnte.
Was bedeutet der Name Mimir? Die meisten Forscher verbinden ihn mit der indogermanischen Wurzel *(s)mer- „gedenken, sich erinnern“, verwandt mit lateinisch memor. Rudolf Simek übersetzt „der Erinnernde, der Weise“. Ganz sicher ist die Herleitung nicht.
Ist Mimir ein Gott oder ein Riese? Die Quellen sind nicht eindeutig. In der Ynglinga saga gehört er zu den Asen, sein Brunnen liegt bei Snorri aber unter der Wurzel bei den Reifriesen. Viele Forscher halten eine ursprüngliche Zugehörigkeit zu den Riesen oder Wassergeistern für möglich.
Was hat Mimir mit Odins Auge zu tun? Odin gab sein Auge als Pfand, um aus Mímirs Brunnen trinken zu dürfen. Die Völuspá sagt, das Auge liege im Brunnen und Mímir trinke jeden Morgen Met aus diesem Pfand; die Erklärung als Preis für Weisheit liefert Snorri.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
Odin · Die drei Brunnen · Odins Auge am Mimirbrunnen · Der Krieg der Asen und Wanen · Yggdrasil – der Weltenbaum.
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