Kaum eine Gestalt der nordischen Mythologie ist so rätselhaft und zugleich so wichtig wie Mimir. Mal ist er ein Wesen am Brunnen der Weisheit, mal ein einbalsamierter Kopf, den Odin um Rat fragt. Die Quellen widersprechen sich - und genau das macht ihn spannend.
Unter einer der drei Wurzeln des Weltenbaums Yggdrasil liegt ein Brunnen, in dem Weisheit und Verstand verborgen sind. Wer ihn hütet, heisst Mimir. Er selbst ist der Weiseste, denn er trinkt jeden Morgen aus der Quelle. So schildert es Snorri Sturluson in der Prosa-Edda, und die Völuspá deutet dasselbe an, wenn sie vom Brunnen unter dem Baum und von Mimirs Trunk spricht.
Wasser ist in diesem Bild kein gewöhnliches Nass. Es ist eingesickerte Erfahrung, gespeicherte Zeit, das Gedächtnis der Welt. Der Name Mimir selbst wird oft mit einer Wortwurzel für Gedächtnis und Erinnern verbunden - passend für einen, der weiss, was war, und ahnt, was kommt. Der Brunnen und sein Wächter gehören zusammen wie Frage und Antwort.
Die berühmteste Szene ist ein Handel. Odin will aus dem Brunnen trinken, doch Mimir verlangt einen Preis, und der ist hoch: ein Auge. Der Gott legt es in die Quelle und darf trinken. Von da an sieht er mit einem Auge weniger und weiss dafür mehr. Es ist der klassische nordische Tausch - Weisheit gibt es nie umsonst, sie kostet immer etwas Kostbares.
Wer diese Szene genauer nachlesen möchte, findet sie in unserem Beitrag über Odins Auge am Brunnen. Wichtig ist der Ton: Odin bettelt nicht, er zahlt. Und er zahlt mit einem Teil seines Körpers, nicht mit Gold. Das unterscheidet ihn von einem gewöhnlichen Suchenden - er ist bereit, sich selbst zu versehren, um zu verstehen.
Mimirs zweite grosse Geschichte spielt nach dem Krieg zwischen Asen und Wanen. Zum Friedensschluss tauschen die beiden Göttergeschlechter Geiseln aus. Die Asen schicken den stattlichen Hönir und dazu den klugen Mimir. Hönir wird bei den Wanen sogar zum Anführer gemacht - solange Mimir an seiner Seite steht und ihm die Antworten zuflüstert.
Doch sobald Mimir fehlt, fällt Hönir auf. Muss er allein entscheiden, sagt er nur: Mögen andere raten. Die Wanen merken, dass sie betrogen wurden, packen den schweigsamen Mimir und schlagen ihm den Kopf ab. Den senden sie zurück nach Asgard. So erzählt es Snorri in der Ynglinga saga. Die Geschichte des Wanenkriegs zeigt, wie brutal Diplomatie unter Göttern enden kann.
Odin gibt den Kopf nicht auf. Er balsamiert ihn mit Kräutern, damit er nicht verfault, und singt Zauberlieder darüber, sodass Mimir wieder reden kann. Fortan trägt der Allvater den Kopf mit sich und befragt ihn, wenn er heimlichen Rat braucht. Der abgeschlagene Kopf wird so zu einem der wichtigsten Ratgeber Odins.
Odin ging zum Haupte Mimirs und begehrte von ihm Kunde aus anderen Welten.nach Snorri, Prosa-Edda, gemeinfreie Übersetzungstradition
Besonders in der Not sucht Odin diesen Rat. In der Völuspá flüstert er kurz vor Ragnarök dem Haupt Mimirs zu, als die Bedrohung ihren Höhepunkt erreicht. Das Bild ist unheimlich und berührend zugleich: Der mächtigste Gott beugt sich über einen toten Kopf und hofft auf ein letztes Wort. Wissen bleibt bei den Nordmännern nie neutral - es ist immer mit Verlust und Vergänglichkeit verbunden.
Mimir ist kein einheitliches Bild, sondern ein Bündel aus Bruchstücken. Mal ist er Wächter des Brunnens, mal ein enthaupteter Ratgeber. Daneben stehen ähnliche Namen wie Mim und Hoddmimir, dessen Baum oder Hain in einer Strophe genannt wird, in dem zwei Menschen Ragnarök überleben. Ob das dieselbe Figur ist oder verwandte Gestalten, bleibt offen.
Snorri hat diese Splitter zu einer geordneten Erzählung verbunden. Er ist der Einzige, der Brunnen, Geiseltausch und sprechenden Kopf in eine klare Kette bringt. Die älteren Lieder wie Völuspá und Sigrdrifumal deuten vieles nur an. Man sollte Snorris saubere Version also geniessen, aber im Kopf behalten, dass die ursprünglichen Quellen roher und widersprüchlicher sind.
Was bleibt, ist ein starkes Bild. Weisheit sitzt im Wasser unter dem Baum, sie muss teuer bezahlt werden, und selbst der Tod löscht sie nicht ganz aus. Ein Kopf, dem man alles genommen hat, rät trotzdem weiter. Für eine Kultur, die Erinnerung und Nachruhm über fast alles stellte, ist das eine passende, fast tröstliche Vorstellung.
Mimir ist mit dem Brunnen der Weisheit unter Yggdrasil verbunden (Völuspá, Snorri Gylfaginning). Der Geiseltausch nach dem Wanenkrieg, die Enthauptung und der einbalsamierte, sprechende Kopf stehen bei Snorri in der Ynglinga saga; die Völuspá nennt Odin, der Mimirs Haupt kurz vor Ragnarök befragt. Das sind gemeinfreie Überlieferungen des 13. Jahrhunderts.
Ob Mimir am Brunnen und der abgeschlagene Kopf ursprünglich dieselbe Gestalt waren, ist unsicher. Ähnliche Namen wie Mim und Hoddmimir schillern in den Quellen. Snorri systematisiert die Bruchstücke zu einer glatten Geschichte - die älteren Lieder sind lücken- und andeutungsreich. Man liest hier Deutung, nicht Protokoll.

Odin · Die drei Brunnen · Odins Auge am Mimirbrunnen · Der Krieg der Asen und Wanen · Yggdrasil – der Weltenbaum.