Balder stirbt, weil sein blinder Bruder Höðr einen Mistelzweig auf ihn wirft – die einzige Pflanze, der Frigg keinen Eid abgenommen hatte; nach Snorri Sturluson führt Loki dabei die Hand. Danach scheitert jeder Versuch, den Gott zurückzuholen: Hermóðr reitet vergeblich zu Hel, weil eine Riesin namens Thökk nicht weinen will. Wir verfolgen das Ereignis Schritt für Schritt – von den bösen Träumen über das Schiffsbegräbnis bis zur Rache durch Váli –, vergleichen Edda und Saxo und zeigen, warum dieser Tod als erstes Vorzeichen von Ragnarök gilt.
In der nordischen Mythologie sterben viele. Riesen fallen unter Thors Hammer, Krieger gehen nach Walhall, Helden verbluten auf Schlachtfeldern. Aber nur ein Tod verändert den Lauf der ganzen Welt: der Tod Balders, des schönsten und mildesten der Asen. Snorri Sturluson nennt ihn in seiner Prosa-Edda trocken und endgültig das größte Unglück, das Götter und Menschen je traf. In Karl Simrocks gemeinfreier Übersetzung: „das war das gröste Unglück, das Menschen und Götter betraf.“
Wer Balder als Gott kennenlernen will – seine Halle Breiðablik, seinen Namen, seine Spuren in Ortsnamen –, findet das in unserem Porträt Balder, der helle Gott. Hier geht es um das Ereignis selbst – und um die Krimi-Frage: Wer erzählt eigentlich was, und wie verlässlich?
Die vollständige, zusammenhängende Geschichte steht nur an einer Stelle: in der Gylfaginning, dem ersten Teil von Snorris Prosa-Edda, geschrieben um 1220 auf Island. Snorri war Christ und schrieb rund zweihundert Jahre nach der Christianisierung Islands, stützte sich aber auf ältere Dichtung, die wir zum Teil noch besitzen.
Wichtig für alles Weitere: Die Lieder setzen voraus, dass ihr Publikum die Geschichte kennt; sie erzählen nicht, sie erinnern. Snorri füllt die Lücken. Friggs Eid, das Wurfspiel, Lokis Verkleidung und die Weltträne sind nur bei ihm überliefert. Das macht sie nicht falsch, aber wir hören sie mit der Stimme eines Autors des 13. Jahrhunderts.
Am Anfang stehen Träume. Snorri formuliert knapp: Balder träumte große und gefährliche Träume über sein Leben. Die Baldrs draumar beginnen mit einer Ratsversammlung der Asen, die wissen wollen, woher diese bösen Träume kommen. Dann handelt Odin allein. Er sattelt Sleipnir und reitet hinab nach Niflhel. Ein blutbespritzter Hund bellt ihn an. Östlich vor Hels Tor liegt das Grab einer Seherin, einer völva. Odin weckt die Tote mit Totenzauber, valgaldr, und zwingt sie zu reden.
Er nennt sich nicht Odin, sondern Vegtamr, „der Weggewohnte“, Sohn des Valtamr. Er fragt, für wen in Hel die Bänke mit Ringen geschmückt sind. Die Seherin antwortet: Für Balder ist der Met gebraut. Höðr wird den Bruder töten. Rindr wird in den Westsälen einen Sohn gebären, der als Einnächtiger den Mörder auf den Scheiterhaufen bringt. Bellows übersetzt 1923: „Here for Baldr the mead is brewed.“
Dann stellt Odin eine rätselhafte Frage nach Mädchen, die weinen werden – und verrät sich. „Du bist nicht Vegtamr“, sagt sie, „du bist Odin.“ Er kontert: Sie sei keine Seherin, sondern die Mutter dreier Riesen. Sie schickt ihn heim: Niemand werde sie mehr besuchen, bis Loki frei sei und die Götter vergehen. Schon hier ist Balders Tod mit dem Weltende verknüpft.
Zwei Details lohnen den zweiten Blick. Erstens: Die Baldrs draumar nennen keine Mistel. Höðr trägt dort einen „hohen Ruhmesbaum“ herbei, wie Bellows den Ausdruck wiedergibt: „the far-famed branch“. Zweitens: Loki kommt als Täter nicht vor. Er erscheint nur als Gefesselter.
Jetzt übernimmt Snorri. Frigg, Balders Mutter, nimmt Sicherheiten von der ganzen Welt. Sie lässt schwören: Feuer und Wasser, Eisen und alle Metalle, Steine, die Erde, Bäume, Krankheiten, Tiere, Vögel, Gift und Schlangen. Alles verspricht, Balder nicht zu schaden. Als das bekannt ist, wird daraus ein Zeitvertreib. Balder stellt sich beim Thing in die Mitte, und die Götter werfen, hauen und schießen auf ihn. Nichts verletzt ihn. Ein unheimliches Bild: Die Götter feiern ihre Sicherheit, indem sie auf den Liebsten unter ihnen zielen.
Loki gefällt das Spiel nicht. Er nimmt die Gestalt einer Frau an und besucht Frigg in ihrer Halle Fensalir. Die Fremde erzählt von dem Spiel, und Frigg sagt stolz, weder Waffen noch Holz würden Balder verletzen, sie habe von allem Eide genommen. Ob wirklich von allem? Nein, antwortet Frigg: Westlich von Walhall wachse ein Schössling, mistilteinn genannt, der sei ihr zu jung erschienen, um ihn schwören zu lassen. (Simrock schreibt an dieser Stelle „östlich“ – der altnordische Text hat fyrir vestan Valhöll, „westlich von Walhall“.) Mehr über die Mutter steht unter Frigg.
Loki geht los, reißt die Mistel aus und bringt sie zum Thing. Am Rand steht Höðr, Balders Bruder. Er ist blind und wirft nicht mit; er sehe nicht, wo Balder stehe, und habe keine Waffe, sagt er. Loki gibt ihm den Zweig und lenkt seinen Arm. Höðr wirft, der Zweig durchbohrt Balder, und er fällt tot zu Boden.
Die Götter verstummen, keiner kann die Hände heben. Rächen darf sich niemand, denn der Ort ist ein heiliger Friedensbezirk. Als sie reden können, kommt zuerst nur Weinen. Und Odin, schreibt Snorri, trug den Verlust am schwersten, weil er am besten verstand, welcher Schaden den Asen damit entstanden war.
Die Völuspá fasst den Moment in wenigen Zeilen. Simrock übersetzt: „Ich sah dem Baldur, dem blühenden Opfer“ – Odins Sohn sei Unheil bestimmt; über die Felder ragte „der zarte, zierliche Zweig der Mistel.“ Daraus wurde ein Harmgeschoss, „da Hödur schoß“. Bellows schreibt „the bleeding god“; die Stelle wird unterschiedlich gelesen. Zu Lokis Doppelrolle siehe Loki – Helfer und Verderber.
Die Götter tragen den Toten ans Meer. Balders Schiff heißt Hringhorni, nach Snorri „das größte aller Schiffe“. Dort soll der Scheiterhaufen brennen. Doch das Schiff rührt sich nicht. Also schicken die Götter nach Jötunheim, zu einer Riesin namens Hyrrokkin. Ihr Name wird meist als „die vom Feuer Verrauchte“ gedeutet.
Sie kommt auf einem Wolf geritten, eine Schlange dient ihr als Zügel. Odin ruft vier Berserker, die das Reittier halten sollen. Sie schaffen es nur, indem sie es zu Boden werfen. Hyrrokkin tritt an den Bug und stößt das Schiff mit dem ersten Griff vom Stapel, dass Feuer aus den Rollen sprüht und das Land bebt. Thor wird wütend und greift zum Hammer, um ihr den Schädel zu zertrümmern, bis die Götter für sie um Frieden bitten. Eine Strophe des Skalden Þorbjörn dísarskáld, die Snorri an anderer Stelle zitiert, zählt Hyrrokkin dagegen zu den Riesen, die Thor getötet hat. Die Überlieferung ist nicht einheitlich.
Dann wird Balder aufs Schiff getragen. Seine Frau Nanna bricht beim Anblick zusammen und stirbt vor Kummer; sie wird mit ihm auf den Scheiterhaufen gelegt. Thor weiht das Feuer mit Mjöllnir. Ein Zwerg namens Litr läuft ihm vor die Füße, Thor tritt ihn ins Feuer, und er verbrennt mit. Odin legt den Ring Draupnir auf den Scheiterhaufen, auch Balders Pferd wird mit allem Zaumzeug verbrannt.
Zur Trauer kommen Odin mit Frigg, Walküren und Raben, Freyr im Wagen mit dem Eber Gullinbursti, Heimdall auf Gulltoppr, Freyja mit ihren Katzen, dazu Reif- und Bergriesen. Freyr auf dem Eber, Heimdall zu Pferd, Odin mit Walküren und Raben, die Riesin am Schiff, die Kämpfer, die ihr Reittier fällen – genau diese Szenen stehen schon in der Húsdrápa. Snorri hatte also eine Vorlage aus dem 10. Jahrhundert. Das Schiff und seine archäologischen Parallelen behandeln wir unter Hringhorni – Balders Totenschiff.
Frigg fragt, wer sich ihre Gunst verdienen und Hel ein Lösegeld für Balder anbieten wolle. Hermóðr, „der Kühne“, Odins Sohn, meldet sich. Er bekommt Sleipnir und reitet los. Sein Porträt: Hermod.
Neun Nächte reitet Hermóðr durch dunkle, tiefe Täler, in denen er nichts sieht, bis er an den Fluss Gjöll kommt und über die Brücke Gjallarbrú reitet, die mit glänzendem Gold gedeckt ist. Die Wächterin Móðguðr sagt, gestern seien fünf Scharen toter Männer über die Brücke geritten, aber die Brücke dröhne unter ihm allein nicht weniger – und er habe nicht die Farbe eines Toten. Der Weg führe abwärts und nach Norden (mehr unter Der Weg nach Hel).
Am Gitter zieht Hermóðr den Sattelgurt fest, und Sleipnir springt über das Tor, ohne es zu berühren. In der Halle sitzt Balder auf dem Ehrenplatz. Am Morgen bittet Hermóðr Hel, Balder mit ihm heimreiten zu lassen.
Hel will prüfen, ob Balder wirklich so geliebt wird, wie man sagt. Wenn alle Dinge in der Welt um ihn weinen, die lebendigen wie die toten, darf er zu den Asen zurück. Wenn einer widerspricht und nicht weinen will, bleibt er bei ihr. Bevor Hermóðr aufbricht, gibt Balder ihm Draupnir zurück, als Andenken für Odin. Nanna schickt Frigg ein Leinengewand und weitere Gaben, und für Friggs Dienerin Fulla einen goldenen Fingerring.
Nun schicken die Asen Boten in die ganze Welt mit der Bitte, Balder aus Hel herauszuweinen. Und alles weint: Menschen und Tiere, die Erde, die Steine, die Bäume und alle Metalle. Snorri fügt eine Beobachtung an, die fast naturkundlich klingt: So, wie du es selbst gesehen haben wirst, dass diese Dinge weinen, wenn sie aus dem Frost in die Wärme kommen. Wer je eine kalte Schieferplatte in die warme Werkstatt getragen hat, kennt diese Tränen.
Die Boten sind schon auf dem Heimweg, da finden sie in einer Höhle eine Riesin. Sie heißt Thökk (altnordisch Þökk, was ausgerechnet „Dank“ bedeutet). Ihre Antwort, bei Simrock:
„Thöck muß weinen mit trocknen Augen / Ueber Baldurs Ende. / Nicht im Leben noch im Tod hatt ich Nutzen von ihm: / Behalte Hel was sie hat.“Gylfaginning, übers. Karl Simrock, Die Edda (gemeinfrei)
Dann ein oft überlesener Satz. Snorri schreibt nicht, Thökk war Loki, sondern: „Man meint, daß dieß Loki, Laufeyjas Sohn, gewesen sei.“ Im Original þess geta menn – „das vermuten die Leute“. Die Gleichsetzung passt erzählerisch bestens, ist aber schon in der Quelle eine Vermutung.
Die Rückkehr aus dem Tod hängt an der Zustimmung der ganzen Schöpfung – ein einziges Nein genügt. Mehr über die Herrin dieses Reiches steht in unserem Artikel über Hel.
Ein Totschlag verlangt Vergeltung. Doch der Täter Höðr ist selbst Odins Sohn – wer soll ihn töten, ohne Verwandtenmord zu begehen? Odin zeugt einen neuen Sohn, eigens für die Rache.
Die Völuspá und die Baldrs draumar erzählen es übereinstimmend: Rindr gebiert Váli, und schon eine Nacht alt zieht er in den Kampf. Er wäscht sich nicht die Hände und kämmt sich nicht das Haar, bevor er Balders Feind auf den Scheiterhaufen gebracht hat. Bellows übersetzt: „His hands he washed not, | his hair he combed not, / Till he bore to the bale-blaze | Baldr’s foe.“
Nach einer Strophe des Skalden Kormákr, die Snorri zitiert, gewann Odin Rindr sinngemäß durch Zauber. Zu Váli und seinem schweigsamen Halbbruder Víðarr, der später Fenrir tötet, gibt es den Beitrag Widar und Vali – die stillen Rächer.
Der Folklorist John Lindow hat in seiner Studie Murder and Vengeance among the Gods (1997) diesen Rachestrang in den Mittelpunkt gestellt. Seine These: Die Balder-Geschichte ist wesentlich eine Erzählung über Fehde – über einen Totschlag innerhalb der Sippe, für den es keinen „sauberen“ Rächer gibt. Eine Deutung, kein Quellenbefund – aber sie erklärt, warum Váli existieren muss.
Im dritten Buch der Gesta Danorum erzählt Saxo Grammaticus um 1200 dieselben Figuren in einer völlig anderen Geschichte. Bei ihm ist Hotherus kein blinder Gott, sondern ein junger, begabter Königssohn, Sohn des Hothbrodd, aufgezogen beim König Gevarus. Er liebt Gevarus’ Tochter Nanna. Balderus, ein Sohn Othins, sieht Nanna beim Baden und begehrt sie ebenfalls. Aus Liebesrivalität wird Krieg.
Balderus ist hier ein Halbgott, den gewöhnliches Eisen nicht verletzt. Nur ein Schwert des Waldsatyrs Mimingus kann ihn töten; Hotherus fängt den Satyr und erpresst Schwert und einen Reichtum mehrenden Armring.
In den Schlachten kämpfen die Götter auf Balderus’ Seite, doch Hotherus gewinnt Nanna. Balderus wird von drei Jungfrauen mit einer Speise gestärkt, der Schlangengift beigemischt ist; Hotherus schleicht sich als Lautenspieler ein und erhält von Waldmädchen einen Siegesgürtel. Schließlich trifft er Balderus mit dem Schwert in die Seite. Nachdem ihm Proserpina – Saxos lateinischer Name für die Totengöttin – im Traum erschienen ist und ihm ihre Umarmung versprochen hat, stirbt Balderus am dritten Tag an der Wunde.
Auch die Rache läuft anders. Ein finnischer Seher namens Rostiophus prophezeit Othin, er werde mit Rinda, der Tochter des Königs der Ruthenen, einen Rächer zeugen. Othin wirbt verkleidet, zuletzt als heilkundige Frau „Wecha“, und erzwingt das Kind mit Betrug und Gewalt – Taten, für die ihn die Götter bei Saxo zeitweise aus ihrer Gemeinschaft verstoßen. Der Sohn heißt bei ihm Bous. Bous tötet Hotherus in der Schlacht und stirbt am nächsten Tag an seinen eigenen Wunden.
Bei Saxo hat Balderus sogar einen Grabhügel: Als ein gewisser Harald ihn nachts nach Schätzen aufgraben ließ, brach eine Zauberflut heraus und die Räuber flohen. Welcher reale Hügel gemeint war, verrät Saxo nicht.
Bei Snorri ist Balders Tod der erste Dominostein. Loki flieht, verwandelt sich in einen Lachs und wird gefangen. Die Götter binden ihn mit den Gedärmen seines Sohnes an drei Felsen, die Riesin Skaði hängt eine Giftschlange über sein Gesicht, und seine Frau Sigyn fängt das Gift in einer Schale auf. Mehr unter Lokis Bestrafung.
So liegt er bis Ragnarök. Und mit diesen beiden Ereignissen – Balders Tod und Lokis Fesselung – ist der Weg zum Weltende vorgezeichnet. Die Baldrs draumar deuten es an, die Völuspá setzt es in eine Reihenfolge: zuerst Balder, dann der gefesselte Loki, später Brüder, die einander erschlagen, und der losgerissene Fenrir. Wenn Loki freikommt, steuert er nach der Völuspá ein Schiff mit den Scharen Muspells gegen die Götter; Snorri ergänzt den Fimbulwinter als Vorspiel. Der Tod des Unverwundbaren beweist, dass auch Götter sterben können. Zum Weltende selbst: Ragnarök – der Untergang der Götter.
Doch die Geschichte endet nicht im Feuer. Nach dem Untergang steigt nach der Völuspá eine neue, grüne Erde aus dem Meer. Ungesät tragen die Äcker Frucht, und dann kehrt Balder zurück. Simrock: „Alles Böse beßert sich, Baldur kehrt wieder.“ Höðr kommt mit ihm, und beide wohnen versöhnt in Odins Siegeshallen. Täter und Opfer gemeinsam in einer neuen Welt – siehe Was kommt nach Ragnarök?.
Die folgenden Erklärungen sind Forschungsthesen – keine ist bewiesen, manche sind weitgehend aufgegeben.
These 1: der sterbende Gott. Der schottische Ethnologe James George Frazer stellte Balder in den Mittelpunkt des letzten Teils seines Werks The Golden Bough („Balder the Beautiful“, 1913). Er sah in ihm eine Verkörperung der Vegetation, die stirbt und wiederkehrt, verband die Mistel mit dem Eichenkult und Balders Feuer mit den Sonnwendfeuern. Heute gilt Frazers Modell als überholt: Die nordischen Quellen kennen keinen jährlichen Kreislauf. Balder stirbt einmal und kehrt erst nach dem Weltende zurück.
These 2: christlicher Einfluss. Der norwegische Philologe Sophus Bugge vertrat ab 1881 in seinen Studier over de nordiske Gude- og Heltesagns Oprindelse, dass große Teile der Balder-Geschichte unter dem Eindruck christlicher und antiker Erzählungen entstanden seien. Die Parallelen sind auffällig: ein unschuldiger Gottessohn, getötet durch ein scheinbar harmloses Holz; ein blinder Täter – die mittelalterliche Legende kennt den Soldaten Longinus, der Christus die Seite durchbohrt, als blind; eine Höllenfahrt; die Wiederkehr in einer erneuerten Welt. Dagegen spricht: Die Húsdrápa zeigt die Bestattung schon im 10. Jahrhundert, und Balder erlöst niemanden. Viele rechnen heute mit einem heidnischen Kern, den christliche Erzähler wie Snorri umgefärbt haben könnten – wie stark, ist umstritten.
These 3: das Mistel-Rätsel. Die Mistel ist ein Halbschmarotzer, der auf Bäumen wächst, kein eigenständiger Baum. Die Völuspá sagt aber, sie stand „über die Felder ragend“, fast wie ein Baum. Dazu kommt: Auf Island wuchs keine Mistel; in Skandinavien kommt sie nur im Süden vor. Vielleicht kannte der Dichter die Pflanze nicht. Vielleicht ist mistilteinn ursprünglich ein Waffenname – in der Hrómundar saga Gripssonar heißt so ein Schwert, und bei Saxo ist es ja ebenfalls ein Schwert, das Balder tötet. Oder das Unscheinbare ist gerade der Kern: Die Schwachstelle liegt, wo niemand hinschaut. Gesichert ist nichts davon.
Ohne Theorien bleibt eine erstaunlich moderne Erzählung: eine Mutter, die das Kleinste übersieht; ein Unschuldiger als Werkzeug; eine Rettung, die an einem einzigen Nein scheitert; eine Rache, die nichts heilt. Abschied und Erinnerung sind auch bei uns in der Werkstatt die Themen, die am meisten Sorgfalt verlangen. Dass Balder am Ende wiederkommt, ist in der Edda kein billiger Trost. Es ist ein Versprechen, das erst nach dem Untergang eingelöst wird.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

Wie ist Balder gestorben? Nach Snorris Prosa-Edda traf ihn ein Mistelzweig, den sein blinder Bruder Höðr warf; Loki hatte ihm den Zweig gegeben und den Arm gelenkt. Die Mistel war die einzige Pflanze, der Frigg keinen Eid abgenommen hatte.
Hat Loki Balder getötet? Den Wurf führte Höðr aus. Lokis Anstiftung erzählt ausführlich nur Snorri; in der Lokasenna rühmt sich Loki der Schuld, die Völuspá nennt nur Höðr.
Warum konnte Balder nicht aus Hel zurückkehren? Hel verlangte, dass alle Dinge der Welt um ihn weinen. Nur die Riesin Thökk weigerte sich – Snorri schreibt, man vermute, sie sei Loki gewesen.
Wer hat Balders Tod gerächt? Váli, ein Sohn Odins und der Rindr. Schon eine Nacht alt tötete er Höðr, ohne sich vorher Hände zu waschen oder Haare zu kämmen.
Was ist bei Saxo Grammaticus anders? Bei Saxo sind Balderus und Hotherus Rivalen um Nanna; Hotherus tötet Balderus mit einem besonderen Schwert, und der Rächer heißt Bous.
Kehrt Balder nach Ragnarök zurück? Ja, laut Völuspá kehrt Balder in die erneuerte Welt zurück und wohnt dort gemeinsam mit Höðr in Odins alten Hallen.
Balder – der lichte Gott · Lokis Bestrafung · Hel · Frigg · Was kommt nach Ragnarök?.
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