Es ist der Moment, in dem das Lachen aus Asgard verschwindet. Der Tod des lichten Balder ist die ergreifendste Sage des Nordens – und der Wendepunkt, ab dem der Untergang der Götter unaufhaltsam wird. Hier erzählen wir sie als zusammenhängende Geschichte.
Balder, Sohn Odins und Friggs, wird von finsteren Träumen über den eigenen Tod gequält. Die Götter beraten besorgt. Frigg zieht aus und nimmt allen Dingen der Welt einen Eid ab, Balder nicht zu schaden – Feuer und Wasser, Eisen und Erz, Steinen, Krankheiten, Tieren und Schlangen. Nur die junge Mistel übergeht sie: zu jung, zu unbedeutend, um einen Eid zu leisten.
Nun ist Balder scheinbar unverwundbar, und die Götter machen ein heiteres Spiel daraus: Sie werfen mit allem nach ihm, und alles prallt ab. Ein Bild strahlender Sicherheit – bis Loki die eine Lücke entdeckt.
Loki fertigt aus der Mistel ein Geschoss und führt die Hand des blinden Gottes Höðr, Balders Bruder. Arglos wirft Höðr – und die Mistel durchbohrt Balder. Der lichte Gott fällt tot zu Boden. Es ist, sagt Snorri, das größte Unglück, das je über Götter und Menschen kam. Nanna, Balders Frau, bricht vor Kummer zusammen und stirbt.
„Da fiel Balder, der blutende Gott –
und Stille legte sich über die Welt.“
— nach der Lieder-Edda / Gylfaginning (Sinn nach Karl Simrock, 1851, gemeinfrei)
Die Götter betten Balder und Nanna auf sein Schiff Hringhorni, das größte aller Schiffe. Doch niemand kann es ins Wasser schieben – erst die Riesin Hyrrokkin, auf einem Wolf reitend, stößt es mit einem einzigen Griff an, dass Funken stieben. Odin legt dem toten Sohn den Ring Draupnir auf den Scheiterhaufen; Thor weiht die Flammen mit Mjöllnir. Die ganze Götterwelt trauert am Ufer.
Frigg gibt nicht auf. Der Bote Hermod reitet auf Odins Ross Sleipnir neun Nächte hinab zu Hel. Die Totengöttin stellt eine Bedingung: Weint alles in der Welt um Balder, darf er zurück. Und fast alles weint – Menschen, Tiere, Steine, selbst die Bäume tropfen. Nur eine Riesin namens Thökk (Loki in Verkleidung) bleibt hart: „Thökk weint mit trockenen Tränen – mag Hel behalten, was sie hat.“ So bleibt Balder im Totenreich.

Balder – der lichte Gott · Lokis Bestrafung · Hel · Frigg · Was kommt nach Ragnarök?.
Lieder-Edda: Völuspá, Baldrs draumar. Snorri Sturluson, Prosa-Edda (Gylfaginning: Balders Tod, Bestattung, Hermods Ritt), um 1220. Saxo Grammaticus, Gesta Danorum (heroische Version). Deutsche gemeinfreie Übersetzung: Karl Simrock, Die Edda (1851). Forschung: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; John Lindow, Murder and Vengeance among the Gods (1997).