Wir stellen uns Walküren gern als edle Reiterinnen vor, die Gefallene nach Walhall geleiten. Das Darraðarljóð zeigt sie ganz anders: als grausame Weberinnen des Todes.
Die Rahmenerzählung der Njáls saga ist knapp und unheimlich. Am Karfreitag des Jahres 1014, dem Morgen der Schlacht von Clontarf, sieht ein Mann namens Dörruðr auf den Orkney-Inseln zwölf Gestalten zu einem steinernen Häuschen reiten. Er tritt heran, späht durch einen Fensterschlitz – und erblickt drinnen zwölf Walküren an einem Webstuhl. Was er sieht und hört, gibt das Gedicht als ihr Weblied wieder: elf Strophen, in denen die Schicksalsfrauen singend das Ergebnis der fernen Schlacht in ihr Gewebe hineinweben.
Diese Bild-im-Bild-Konstruktion ist raffiniert: Während in Irland Männer sterben, entsteht auf einer Insel weit im Norden zeitgleich das Muster ihres Todes auf einem Rahmen. Der Text lässt offen, ob die Walküren das Geschehen vorhersehen oder es selbst bestimmen – und gerade diese Unschärfe macht ihn so beklemmend.
Das Herzstück ist der grauenhafte Webstuhl selbst, Zeile für Zeile aus Kriegsgerät und Menschenteilen gefügt. Die Kettfäden sind Menschendärme, gespannt und beschwert mit Menschenköpfen. Die Webgewichte sind Schädel, die Litzenstäbe Speere, die Weberschwerter, mit denen der Schuss festgeschlagen wird, echte Schwerter, und als Spule fliegt ein Pfeil. Rotes Gewebe entsteht, ein Tuch aus Gedärmen und Blut, das die Frauen mit blutigen Händen straffziehen.
Singend nennen sie ihre Namen – Hildr, Hjörþrimul, Sanngríðr, Svipul und weitere, sprechende Namen wie „Kampf" und „Speerschwingerin". Sie erklären, dass sie bestimmen, wer fällt und wer siegt, und dass die Macht der Walküren über das Schicksal der Könige entscheidet. Kaum ein anderer Text des Nordens zeigt die Weberinnen-Metapher, das Weben als Bild des Schicksals, so drastisch: Hier ist das Tuch buchstäblich aus den Gefallenen gemacht.
Der historische Bezug ist die Schlacht von Clontarf bei Dublin, in der am Karfreitag 1014 der irische Hochkönig Brian Boru und ein großes Aufgebot nordischer und irischer Krieger aufeinandertrafen. Brian siegte, fiel aber selbst – ein Ereignis, das schnell sagenumwoben wurde und in norwegisch-isländischer wie in irischer Überlieferung nachhallt. Das Darraðarljóð deutet dieses Blutbad nicht als Zufall menschlicher Politik, sondern als das Werk höherer, unerbittlicher Mächte.
Am Ende zerreißen die Walküren ihr Gewebe, jede behält ein Stück in der Hand, springen auf ihre Pferde und reiten davon – sechs nach Süden, sechs nach Norden. Zurück bleibt ein Mensch, der Zeuge wurde, wie über einer fernen Schlacht das Schicksal gewoben und wieder zerrissen wurde.
Wir stellen uns Walküren gern als edle Reiterinnen vor, die Gefallene ehrenvoll nach Walhall geleiten. Das Darraðarljóð zeigt die andere, ältere Seite: Sie sind zugleich Schlachtenwählerinnen – das bedeutet ihr Name –, die aktiv bestimmen, wer stirbt. Diese doppelte Natur, halb fürsorglich, halb furchterregend, gehört zum Kern des nordischen Schicksalsglaubens: Das Geschick ist gewebt, es ist unausweichlich, und die Hände, die es weben, sind nicht immer gütig.
Für uns ist das ein Grund, Walküren nicht zu verkitschen. Wenn wir eine Schlachtenlenkerin in Schiefer bannen, tragen wir beide Seiten mit: die Würde der Geleiterin und den harten Ernst der Schicksalsmacht. Genau diese Tiefe macht die alten Gestalten bis heute so eindrucksvoll.
Dass ausgerechnet ein Webstuhl im Zentrum steht, ist kein Zufall. In der nordischen wie in der weiteren germanischen Vorstellungswelt ist das Schicksal etwas Gewebtes oder Gesponnenes. Die Nornen spinnen und flechten die Lebensfäden der Menschen an den Wurzeln des Weltenbaums; das altenglische wyrd und das altnordische urðr gehören sprachlich zu einem Wort für „werden, sich wenden". Das Weben war zudem Frauenarbeit – und so verbindet sich im Bild der webenden Schicksalsfrau eine alltägliche Tätigkeit mit der höchsten, unheimlichsten Macht über Leben und Tod.
Das Darraðarljóð treibt diese Metapher auf die Spitze, indem es sie wörtlich nimmt: Nicht ein feiner Faden, sondern Gedärm; nicht Tonwirtel als Gewichte, sondern Schädel. Wo die Nornen still an unsichtbaren Fäden arbeiten, weben die Walküren sichtbar aus den Leibern der Krieger. Beide Bilder meinen dasselbe – das Geschick ist ein Gewebe, dessen Muster feststeht, ehe der Kämpfer überhaupt das Schwert zieht.
Ein sprachliches Rätsel hängt dem Gedicht an. Der Name des Zeugen, Dörruðr, ist wahrscheinlich aus einer Kenning entstanden: „vefr darraðar" bedeutet „Gewebe des Speers", also Schlacht. Aus dem Wort darraðr („Speer") wurde in der Prosa der Njáls saga offenbar ein Eigenname geformt – der Späher heißt so, weil man die alte Kenning nicht mehr verstand. Solche Missverständnisse sind für Forscher Gold wert: Sie zeigen, dass das Gedicht schon alt war, als der Saga-Schreiber es um 1280 in seinen Text einbettete.
Ursprünglich stand das Darraðarljóð wohl für sich, gedichtet nicht lange nach 1014. Erst später wurde es in die große Njáls saga aufgenommen, die es als Vision auf den Orkneys erzählt. Dass ein so düsteres, heidnisch geprägtes Lied ausgerechnet im Rahmen einer christlich durchtränkten Saga überlebte, verdanken wir dem isländischen Sinn für Bewahrung – ohne die Handschriften wüssten wir von diesem Text gar nichts.
„Winden wir, winden wir das Gewebe des Speers." – Darraðarljóð, nach Dasent 1861

Walküren · Helgi & Sigrún · Die Nornen · Ragnarök.
Njáls saga, Kap. 157; George Webbe Dasent, The Story of Burnt Njal (1861). Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie.