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Wie die Germanen ihre Toten ehrten

Folklore & Glaube Wie die Germanen ihre Toten ehrten

Der Tod war für unsere Vorfahren kein Tabu, sondern ein Übergang, den man mit Sorgfalt begleitete. Man schloss dem Toten die Augen, richtete ihn für die letzte Reise, trank ihm zu Ehren und setzte ihm ein Zeichen in Stein, das die Lebenden noch Generationen später an ihn erinnerte. Ein Blick auf die alten Bräuche rund um den Abschied – und darauf, was davon belegt und was Volksglaube ist.

Der letzte Dienst

Wenn ein Mensch starb, schloss man ihm Augen und Mund – der Überlieferung nach von hinten, damit die ausgehauchte Seele nicht zurückkehrte. Türen und Fenster wurden geöffnet, damit der „Seelenvogel" hinwegfliegen konnte. Fingernägel und Zehennägel wurden sorgfältig geschnitten; im Volksglauben, weil aus den Nägeln der Toten einst das Schiff Naglfar entstehen soll, das am Ragnarök die Riesen trägt – ganz praktisch aber auch, um den Körper ehrfürchtig für den Weg zu rüsten.

Dann bekam der Tote die helskor, die Totenschuhe, für den steinigen, dornigen Weg zur Hel. Und man sagte den Tod dem Sippen- oder Ahnenbaum an, um Unheil zu vermeiden. Es sind kleine, sorgsame Gesten – jede ein Zeichen, dass der Abschied ernst genommen wurde.

Aufbahrung, Erbbier und Gedenken

Der Verstorbene wurde mehrere Tage aufgebahrt und mehrfach umschritten – so wie man auch Heiligtümer bei Hochzeit und Weihe dreimal umschritt. Erst nach Tagen, bei Bedeutenden nach dem siebten oder dreißigsten, folgte die eigentliche Totenfeier: das Leichen- oder Erbmahl mit dem erfiöl, dem Erbbier. Man trank zum minni, zum Andenken des Toten. Der Erbe legte dabei Gelübde für sein eigenes Leben ab – und durfte sich erst dann auf den Hochsitz des Verstorbenen setzen. Man dachte sich den Toten beim Erbbier anwesend, als nähme er selbst an der Übergabe teil.

Denksteine am Weg

Um das Gedenken sichtbar zu machen, setzte man Bautasteine – Denksteine – auf die Grabhügel, oft entlang der Straßen. So begegneten die Lebenden im Vorübergehen den Ahnen und der eigenen Sterblichkeit zugleich.

„Selten stehen Bautasteine am Weg, wenn sie nicht ein Verwandter dem Verwandten setzt." Hávamál 72 (nach Simrock, gemeinfrei)

Dieser Gedanke – ein dauerhaftes Zeichen, gesetzt aus Verbundenheit – ist bis heute lebendig. Wenn du einem Menschen oder einem Tier ein solches Zeichen setzen möchtest, findest du bei uns schlichte, wetterfeste Gedenktafeln aus Naturschiefer oder Holz: der alte Gedanke des Denksteins, in ruhiger Form.

Die Wege der Bestattung

Wie man bestattete, wechselte über die Jahrtausende und von Landschaft zu Landschaft. In der Megalithzeit dominierten mächtige Ganggräber – das irische Newgrange ist so gebaut, dass nur zur Mittwinter-Sonne ein Lichtstrahl in die Kammer fällt. In der Bronzezeit herrschten Hügelgräber, ab etwa 1300 v. Chr. setzte sich die Brandbestattung durch, in der Eisenzeit später wieder die Körperbestattung – oft alles nebeneinander.

Am eindrucksvollsten ist die Bootsbestattung. Sie kam in drei Formen vor: das brennende Schiff, das mit dem Toten aufs Meer hinaustreibt (so wird Baldr bestattet, und schon der Byzantiner Prokop kennt Ähnliches); das an Land verbrannte Schiff, dessen Asche man in einem Hügel beisetzte; und der im Schiff bestattete Körper, über dem ein Grabhügel aufgeworfen wurde. Dazu kamen Steinsetzungen in Schiffsform. Das Schiff sollte die Fahrt ins Jenseits tragen – ein Bild, das bis heute nachhallt.

Was gesichert ist

Die enorme Vielfalt der Grabformen (Brand- und Körpergräber, Hügel, Bootsgräber, Steinschiffe) ist archäologisch gesichert; berühmte Schiffsgräber sind Sutton Hoo und Oseberg, das Schiffsbegräbnis der Rus beschreibt Ibn Fadlan. Bautasteine als Gedenksteine und die Formel der Hávamál (Str. 72) über die Denksteine am Weg sind belegt, ebenso das Erbmahl mit Erbbier (erfiöl) und Minni-Trunk. Newgranges Mittwinter-Ausrichtung ist astronomisch bestätigt (wenngleich weit vorgermanisch/megalithisch).

Mythos-Check

Vorsicht bei der Frage nach „dem" germanischen Begräbnis: Es gab es nicht. Die Bräuche variierten stark nach Zeit und Region. Viele feine Details – das Nägelschneiden gegen Naglfar, die Totenschuhe – stammen aus überwiegend späten Quellen und aus dem Volksglauben, teils erst von Snorri systematisiert. Belegt ist der Kern (Gedenkstein, Erbbier, Bootsbestattung, Ahnengedenken); das genaue Ritual eines einzelnen Begräbnisses im 9. Jahrhundert kennen wir nicht.

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Quellen & Literatur

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