Grýla ist eine kinderfressende Trollfrau der isländischen Volksüberlieferung, und die Jólasveinar sind ihre dreizehn Söhne, die vom 12. bis 24. Dezember Nacht für Nacht aus den Bergen kommen. Ihr Name steht schon in Texten des 13. Jahrhunderts, ihre Weihnachtsrolle bekam sie erst im 17. Jahrhundert, und die heutige Reihe der Burschen legte ein Kinderbuch von 1932 fest. Wir erzählen, was belegt ist: vom Spottvergleich in der Sturlunga saga über das königliche Verbot von 1746 bis zum Schuh im Fenster.
Stell dir einen isländischen Hof im 18. Jahrhundert vor. Torfwände, ein schwach glimmender Tranlampen-Docht, draußen Schnee, Sturm und vier, fünf Stunden mageres Tageslicht. In dieser Dunkelheit erzählten Erwachsene von Wesen, die aus den Bergen herabsteigen, durch Türspalten schnüffeln und nach Essen gieren. Nicht, um Kinder zu beschenken. Sondern um sie zu holen.
Heute klingt das deutlich freundlicher. Die Jólasveinar, wörtlich die „Weihnachtsburschen“ oder „Weihnachtskerle“, sind in Island so etwas wie eine Mischung aus Nikolaus, Kobold und Witzfigur. Sie stehen in Schaufenstern, singen in Kindergärten, tauchen im Fernsehen auf und füllen Schuhe auf Fensterbrettern. Ihre Mutter Grýla dagegen hat ihren Ruf als Kinderfresserin nie ganz abgelegt.
Wir haben uns angesehen, was davon wie alt ist. Das Ergebnis ist überraschend: Der Name Grýla ist mittelalterlich, ihre Rolle als Weihnachtsschreck gehört der frühen Neuzeit, und die berühmten dreizehn Burschen mit festen Namen und Ankunftstagen sind in ihrer heutigen Form ein Kind des 19. und 20. Jahrhunderts. Wer hier uralten Wikingerglauben sucht, sucht an der falschen Stelle. Wer dagegen sehen will, wie lebendige Volksüberlieferung arbeitet, findet kaum ein besseres Beispiel.
Die älteste Spur führt in die isländische Literatur des 13. Jahrhunderts. Am Ende von Snorri Sturlusons Skáldskaparmál, dem dichtungstheoretischen Teil der Prosa-Edda, stehen in mehreren Handschriften die sogenannten Þulur: gereimte Merklisten mit Namen für Götter, Riesen, Schwerter, Schiffe und eben auch für Trollweiber. Ob Snorri diese Listen selbst verfasst oder nur übernommen hat, ist in der Forschung offen. Unter den rund sechzig Namen für Trollfrauen taucht jedenfalls Grýla auf, nackt und ohne jede Geschichte. Kein Kessel, kein Sack, keine Kinder, kein Weihnachten. Mehr über Snorri und sein Werk und darüber, woher wir die Edda überhaupt kennen, findest du bei uns im Blog.
Der Literaturwissenschaftler William Sayers hat diese Trollweiber-Liste untersucht und festgestellt, dass Grýla von allen Namen darin am besten in anderen Texten bezeugt ist. Er verbindet den Namen mit einer Wortfamilie, die Schrecken und Grauen bezeichnet, verwandt etwa mit altenglisch gryre („Schrecken“). Grýla wäre demnach ganz wörtlich „die Schreckliche“ oder „die, die Angst macht“. Etymologien bleiben immer ein Stück Deutung, aber diese passt auffallend gut.
Ein zweiter Beleg steht in der Íslendinga saga des Sturla Þórðarson, dem großen Bericht über die Fehden des 13. Jahrhunderts, der in der Sammlung Sturlunga saga überliefert ist. Dort vergleicht sich ein Angreifer, der mit seinen Leuten auf einen Hof zurückt, sinngemäß mit Grýla, die mit fünfzehn Schwänzen hinten dran in den Hof herabkommt. Das ist Spott, kein Mythos, und gerade deshalb aufschlussreich: Die Zuhörer mussten die Figur kennen, sonst hätte der Vergleich nicht gezündet. Grýla war offenbar eine Schreckgestalt, die jeder einordnen konnte.
Der dritte Fund ist der kurioseste. Die Sverris saga, die Lebensgeschichte des norwegischen Königs Sverrir, wurde ab den 1180er Jahren vom isländischen Abt Karl Jónsson verfasst, teils nach dem Diktat des Königs selbst. Laut Vorwort hieß ihr erster Teil „Grýla“. Der Name sollte ausdrücken, dass Sverrirs wachsende Macht Größeres ankündigte. Für seine Gegner war der aufsteigende König wohl tatsächlich ein Schreckgespenst. Mit Weihnachten hat auch das nichts zu tun, zeigt aber, wie verbreitet das Wort im Norden um 1200 war.
Interessant ist auch der Blick über Island hinaus. Der Volkskundler Terry Gunnell hat in seiner Studie zu den Anfängen des Theaters in Skandinavien gezeigt, dass verwandte Namen auf den Färöern, in Orkney und auf den Shetlandinseln für verkleidete Gruppen benutzt wurden, die zu bestimmten Festen von Haus zu Haus zogen, etwa die grøleks der Shetlands. Die Schreckgestalt hatte also auch eine Spielseite, mit Masken, Fellen und Lärm. Wie weit das in die Zeit vor der Christianisierung zurückreicht, lässt sich aus den Quellen nicht sagen.
Bis Grýla wirklich an Weihnachten gebunden wird, vergehen rund vierhundert Jahre. Erst im 17. Jahrhundert entstehen die ersten Grýlukvæði, Grýla-Gedichte, die sie mit dem Fest verknüpfen. Genannt werden dafür Dichter wie Guðmundur Erlendsson und Stefán Ólafsson von Vallanes. In einem dieser Gedichte, das Stefán Ólafsson zugeschrieben wird, taucht laut dem isländischen Volkskundler Árni Björnsson auch zum ersten Mal schriftlich das Wort jólasveinn auf.
Die frühe Grýla ist dabei eine merkwürdig ärmliche Gestalt. In den ältesten Gedichten erscheint sie als bettelnde Schmarotzerin, die von Hof zu Hof geht und von den Eltern deren unartige Kinder verlangt. Man konnte sie mit Essen abspeisen oder schlicht verjagen. Sie wohnte zunächst in einer kleinen Hütte, erst spätere Texte verlegen ihr Zuhause in eine abgelegene Höhle im Gebirge. Das Bild der riesigen, hornbewehrten Menschenfresserin mit Sack und Kessel wächst Strophe um Strophe.
Spätere Beschreibungen des 19. Jahrhunderts gehen dann richtig ins Detail: Hörner, Klauen, mehrere Augen, ein Bart, eine endlose Zunge. Je nach Erzähler variiert das stark. Gemeinsam ist allen Fassungen der Appetit: Grýla isst am liebsten Kinder, die nicht gehorchen. Damit gehört sie in die große europäische Familie der Kinderschreck-Figuren, vom Schwarzen Mann bis zum Butzemann, nur eben mit einem ausgeprägt isländischen Hang zum Groben.
Eine der schönsten Pointen der Geschichte liefert das Verwaltungsrecht. Im 18. Jahrhundert gehörte Island zum dänischen Reich, und der dänische Hof unter Christian VI. war stark vom Pietismus geprägt, einer Frömmigkeitsbewegung, die großen Wert auf religiöse Erziehung im Haus legte. Nach einer ausgedehnten Visitationsreise des Geistlichen Ludvig Harboe durch Island in den 1740er Jahren erließ die Krone mehrere Verordnungen über Schule, Kirche und Hauszucht.
Eine davon war 1746 die „Tilskipan um hús-agann á Íslandi“, die Verordnung über die Hauszucht in Island. Sie regelte, wie Eltern und Hausherren ihre Kinder und Gesinde zu erziehen hatten. Und sie enthielt, wie Árni Björnsson nachweist, ein ausdrückliches Verbot, Kinder mit Jólasveinar zu ängstigen. Im dänischen Original stand dort das Wort „julesvend“, die isländische Fassung übersetzte es mit dem Plural jólasveinum. Die Behörden in Kopenhagen hielten das Erschrecken von Kindern also für schädlich genug, um es in ein Gesetz zu schreiben.
Wie fest Grýla und ihre Söhne damals schon als Schreckbild verankert waren, zeigt ein Detail von 1800. Als ein pädagogisches Buch des deutschen Aufklärers Joachim Heinrich Campe ins Isländische übersetzt wurde, machte der Übersetzer aus dem deutschen „Schwarzen Mann“ kurzerhand „Grýlu og jólasveinana“, Grýla und die Weihnachtsburschen. Die beiden waren schlicht der isländische Name für den Kinderschreck.
Grýla lebt nicht allein. Ihr bekanntester Ehemann ist Leppalúði, ein Name, den man frei mit „Lumpentrottel“ wiedergeben könnte. In den Gedichten ist er träge, alt und meist zu Hause, während Grýla auf Beutezug geht. Die Überlieferung kennt allerdings weitere Gatten: In verschiedenen Quellen werden Namen wie Boli und Gustur genannt, und häufig gilt Leppalúði als ihr dritter Mann. Wie diese Ehen zeitlich aufeinander folgen, schwankt je nach Erzähler.
Noch üppiger ist der Nachwuchs. Volkstümliche Verse zählen Dutzende Kinder auf, Árni Björnsson spricht von fast achtzig namentlich bekannten. Die meisten davon sind heute vergessen. Übrig geblieben ist die Gruppe, die zur Weihnachtszeit loszieht: die Jólasveinar. In manchen älteren Fassungen sind sie übrigens gar nicht Grýlas Söhne, sondern ihre Brüder, und Giljagaur, heute der zweite Bursche, ist im Gedicht des 18. Jahrhunderts noch Grýlas Bruder.
Wer heute Island besucht, wird die Familie meist in Dimmuborgir verortet finden, einem bizarren Lavafeld am Mývatn im Norden. Dass gerade dort ihre Höhle liegen soll, ist eine moderne, sehr erfolgreiche Zuschreibung des Fremdenverkehrs. Die alten Gedichte nennen ganz andere, oft unbestimmte Berghöhlen.
Verwandte Gestalten findest du übrigens auch in unserem Artikel über Trolle von den Riesen der Edda zu den Berggeistern und über die Riesen (Jötnar). Grýla steht genau in dieser Linie: aus der namenlosen Masse der Trollfrauen der Edda wird eine Hauptfigur des Volksglaubens.
Zum Haushalt gehört schließlich ein Tier, das es so nur in Island gibt: Jólakötturinn, die Weihnachtskatze. Sie ist riesig, schwarz und hungrig und frisst alle, die zum Fest kein neues Kleidungsstück bekommen haben. In einer anderen Fassung frisst sie ihnen „nur“ den Weihnachtsanteil an Essen weg.
Die erste sichere schriftliche Erwähnung steht in Jón Árnasons Volkssagensammlung von 1862. Árni Björnsson vermutet, dass die Katze aus einer alten Redewendung hervorgegangen ist: „den Kater kleiden“ hieß, ohne neue Kleidung zum Fest dazustehen. Der Archäologe Guðmundur Ólafsson hat dagegen auf Begleitfiguren des heiligen Nikolaus in anderen Ländern verwiesen. Beides ist Deutung, kein Beweis.
Sicher ist der wirtschaftliche Hintergrund. Auf isländischen Höfen musste die Wolle aus der Herbstschur bis Weihnachten gesponnen, gestrickt und gewebt sein. Wer fleißig war, bekam als Lohn ein neues Kleidungsstück, und sei es nur ein Paar Socken. Die Katze war also eine Drohung mit Arbeitsmoral im Fell. Die ganze Geschichte haben wir in unserem eigenen Beitrag über Jólakötturinn, die isländische Weihnachtskatze erzählt.
Die Zahl Dreizehn wirkt heute wie in Stein gemeißelt. Historisch ist sie das nicht. Zwar nennt schon ein Grýla-Gedicht aus dem späten 18. Jahrhundert dreizehn Weihnachtsburschen. Aber andere Gegenden zählten neun, und ein Gewährsmann des 19. Jahrhunderts sprach von neun, nannte aber nur acht Namen. Im Osten Islands hieß es sogar, die Kerle kämen aus dem Meer statt aus den Bergen.
Die entscheidende Sammlung legte Jón Árnason vor, der nach dem Vorbild der Brüder Grimm isländische Volkssagen zusammentrug. Sein erster Band erschien 1862 in Leipzig. Um 1860 hatte er drei Namenslisten erhalten. Die erste, vom Pfarrer Páll Jónsson, enthält dreizehn Namen und kommt der heutigen Reihe schon sehr nahe: Stekkjarstaur, Giljagaur, Stúfur, Þvörusleikir, Pottasleikir, Askasleikir, Faldafeykir, Skyrgámur, Bjúgnakrækir, Gluggagægir, Gáttaþefur, Ketkrókur und Kertasníkir. Die anderen beiden Listen klingen völlig anders, mit Namen wie Pönnuskuggi („Pfannenschatten“), Bandaleysir („Bänderlöser“) oder Lampaskuggi („Lampenschatten“).
Árni Björnsson hat für seine Untersuchung der Jólasveinar-Namen aus ganz Island Dutzende weitere Varianten zusammengetragen: Smjörhákur, der Butterschlinger, auf Snæfellsnes, Kleinusníkir, der Krapfenbettler, in den Dalir, Reykjasvelgur, der den Rauch vom Räucherfleisch schluckt, an der Barðaströnd. Auffällig ist, dass fast alle Namen aus dem Hofalltag stammen: aus Speisekammer, Küche, Stall und Räucherboden. Die Burschen sind keine Götter, sondern Diebe von genau den Dingen, die im Winter knapp und kostbar waren.
Dass heute in ganz Island dieselben dreizehn Burschen in derselben Reihenfolge kommen, verdanken wir vor allem einem Buch. 1932 veröffentlichte der Dichter Jóhannes úr Kötlum (1899–1972) das Kinderbuch „Jólin koma“ („Weihnachten kommt“), illustriert von Tryggvi Magnússon. Darin steht das Gedicht „Jólasveinarnir“, das jedem Burschen eine Strophe widmet, ihn charakterisiert und seinen Tag festlegt. Das Gedicht ist bis heute urheberrechtlich geschützt, deshalb zitieren wir es hier nicht.
Jóhannes stützte sich auf Páll Jónssons Liste bei Jón Árnason, veränderte aber einiges. Aus Faldafeykir, dem „Saumaufweher“, machte er Hurðaskellir, den Türenknaller, der sich durchsetzte. Pottasleikir wurde zu Pottaskefill, und für Skyrgámur schrieb er Skyrjarmur. Diese letzte Änderung hat sich nicht gehalten, heute heißt der Skyr-Liebhaber wieder Skyrgámur. Im selben Buch steht auch das Gedicht über die Weihnachtskatze, das ihr erst die landesweite Bekanntheit verschaffte.
Man kann den Einfluss dieses einen Buches kaum überschätzen. Es kam in einer Zeit, in der Island sich als moderne Nation neu erfand und Schulen, Radio und später das Fernsehen gemeinsame Bilder schufen. Aus vielen lokalen Varianten wurde ein nationaler Kanon. Folklore ist eben nicht nur das, was „das Volk“ seit Urzeiten erzählt. Oft ist sie das, was ein guter Dichter zur richtigen Zeit aufschreibt.
Hier die heute gültige Reihe mit der Bedeutung der Namen und dem Ankunftstag. Jeder Bursche bleibt dreizehn Tage. Ab dem 25. Dezember ziehen sie in derselben Reihenfolge wieder ab, der letzte, Kertasníkir, am 6. Januar, dem Þrettándinn, dem dreizehnten Weihnachtstag.
| Name | Bedeutung | Ankunft |
|---|---|---|
| Stekkjarstaur | Pferchpfosten; plagt die Schafe, hat steife Beine | 12. Dezember |
| Giljagaur | Schluchtenlümmel; schleicht in den Kuhstall und stiehlt Milchschaum | 13. Dezember |
| Stúfur | Stummel, der Kleinste; kratzt Angebranntes aus Pfannen | 14. Dezember |
| Þvörusleikir | Rührlöffellecker; die þvara ist ein langer Holzlöffel | 15. Dezember |
| Pottaskefill | Topfschaber; kratzt Reste aus den Töpfen | 16. Dezember |
| Askasleikir | Napflecker; der askur ist ein Holznapf mit Deckel | 17. Dezember |
| Hurðaskellir | Türenknaller; schlägt nachts die Türen | 18. Dezember |
| Skyrgámur | Skyrschlinger; liebt den isländischen Frischkäse Skyr | 19. Dezember |
| Bjúgnakrækir | Wursthaker; stiehlt Räucherwürste aus dem Gebälk | 20. Dezember |
| Gluggagægir | Fenstergucker; späht durch die Fenster | 21. Dezember |
| Gáttaþefur | Türspaltschnüffler; riecht das Laufabrauð | 22. Dezember |
| Ketkrókur | Fleischhaken; angelt nach dem Räucherfleisch | 23. Dezember |
| Kertasníkir | Kerzenschnorrer; giert nach Talgkerzen | 24. Dezember |
Ein paar Wörter brauchen Erklärung. Ein stekkur ist ein kleiner Pferch, in dem man im Frühjahr Lämmer von den Mutterschafen trennte. Laufabrauð, „Blätterbrot“, ist ein hauchdünnes, mit Mustern ausgeschnittenes und in Fett ausgebackenes Fladenbrot, das in Nordisland bis heute zu Weihnachten gehört. Und Talgkerzen waren nicht nur Licht, sondern zur Not auch Nahrung. Dass ausgerechnet der Kerzenschnorrer am Heiligabend kommt, hat einen schönen Sinn: Kerzen waren das kostbarste Geschenk der dunklen Jahreszeit.
Der heute wichtigste Brauch rund um die Jólasveinar ist zugleich einer der jüngsten. Vom 11. Dezember an stellen isländische Kinder jeden Abend einen Schuh ins Fenster. In der Nacht kommt der jeweilige Bursche vorbei und hinterlässt eine Kleinigkeit: Süßigkeiten, ein kleines Spielzeug, Mandarinen. Wer unartig war, findet eine Kartoffel im Schuh.
Wann genau dieser Brauch entstand, ist nicht sicher datiert. In den älteren Quellen spielt er keine Rolle, und er verbreitete sich offenbar im Lauf des 20. Jahrhunderts. Die Ähnlichkeit zum mitteleuropäischen Nikolausstiefel ist so augenfällig, dass ein Einfluss von außen naheliegt. Belegt ist das aber nicht, und wir lassen es deshalb bei einer Vermutung.
Mit dem Schuh kam auch der Imagewandel. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts tragen die Burschen auf Bildern immer häufiger rote Mützen, manchmal sogar Rauschebärte, und gleichen dem internationalen Weihnachtsmann. Viele Isländer pflegen dagegen ganz bewusst die „echte“ Variante in Wollkleidung und Bauerntracht, wie sie Tryggvi Magnússon 1932 gezeichnet hat. Beides existiert nebeneinander, mit einem gewissen Augenzwinkern.
Wer im Dezember nach Reykjavík reist, begegnet der Familie überall. Seit 2018 steht in der Innenstadt eine mehrere Meter hohe, leuchtende Weihnachtskatze. Grýla selbst ist in den Liedern und Theaterstücken für Kinder inzwischen oft eher eine schrullige Alte als ein Monster. Ganz verschwunden ist ihr Biss aber nicht: Ein bisschen Gruseln gehört in Island zum Fest wie das Räucherlamm.
Auch die Zahl Dreizehn ist kein heidnisches Erbe. Sie folgt sehr wahrscheinlich dem christlichen Festkalender, der die Zeit von Weihnachten bis zum Dreikönigstag als dreizehn Tage zählt. Die Burschen „verteilen“ sich einfach auf diese Zeit davor und danach. Dass die Zahl auch an das Mondjahr oder alte Zauberzahlen erinnert, ist eine moderne Assoziation ohne Quellengrundlage.
Trotzdem ist die Verbindung zum alten Jól nicht völlig aus der Luft gegriffen, sie liegt nur woanders, als die Werbeprospekte sagen. Das altnordische Jól war ein Mittwinterfest, über das die Quellen leider wenig Genaues verraten. Snorri berichtet in der Hákonar saga góða, König Hákon habe das Jólfest auf den christlichen Weihnachtstermin verlegt. In Island blieb das Wort Jól einfach der Name für Weihnachten. Wie viel über dieses Fest wirklich bekannt ist, erklären wir ausführlich in Jul – das Fest der langen Nächte und in unserem Überblick über germanische Feste und heidnische Feiertage.
Gemeinsam ist dem alten Jól und der Welt der Jólasveinar vor allem eine Grundstimmung: die Mittwinterzeit als gefährliche, offene Zeit, in der die Grenzen zwischen Hof und Wildnis, zwischen Menschen und Unheimlichem durchlässig werden. In Skandinavien und Mitteleuropa kennt man ähnliche Vorstellungen, etwa die Wilde Jagd der Rauhnächte oder die Hausgeister wie Nisse und Tomte, die zu Weihnachten ihren Brei verlangen. Auch die Vorstellung, dass zu Jól die Toten nahe sind, gehört in diese Familie, mehr dazu in Ahnenverehrung zu Jul.
Die Wintersonnenwende selbst, also der tiefste Punkt des Lichtjahres, liegt mitten in der Zeit der Burschen, um den 21. Dezember. Wie die Menschen im Norden diesen Wendepunkt wahrnahmen und welche Bräuche wirklich alt sind, liest du in Die Sonnenwendfeiern. Und wenn du wissen willst, wie die Isländer und Skandinavier das Jahr einteilten, mit Wintermonaten wie Þorri, schau in unseren altnordischen Kalender. Ganz am Ende des Winters wartet dann übrigens noch ein weiteres isländisches Fest, das älter aussieht, als es ist: das Þorrablót.
Was macht diese Gestalten so zäh? Vielleicht genau ihre Erdung. Die Jólasveinar stehlen keine Seelen und keine Goldschätze. Sie stehlen Würste, Milchschaum, Kerzen und Topfreste. Ihre Namen sind ein Inventar des alten isländischen Hofes, und wer sie heute aufsagt, ruft unbewusst eine verschwundene Welt aus Torfhäusern, Räucherboden und Holznäpfen herbei. Die Trolle bewahren die Dinge, die die Menschen verloren haben.
Und Grýla? Sie zeigt, wie aus einem einzigen Namen in einer mittelalterlichen Liste über Jahrhunderte eine ganze Familie wird, mit Mann, Katze, Dutzenden Kindern, Gesetzen gegen sie und Gedichten über sie. Das ist kein Abklatsch der Wikingerzeit, sondern isländische Kulturgeschichte in Reinform. Für uns in der Werkstatt ist genau das der Reiz an solchen Figuren: Man muss ihnen keine falsche Uralt-Herkunft andichten, damit sie Gewicht haben. Ihre wahre Geschichte ist gut genug.
Wenn du also in diesem Dezember einem isländischen Kind begegnest, das morgens aufgeregt zum Fensterbrett rennt, weißt du jetzt, was dahintersteckt: acht Jahrhunderte Sprache, vierhundert Jahre Weihnachtsschreck und ein Dichter, der 1932 Ordnung in die Trollfamilie brachte.

Wer ist Grýla? Grýla ist eine Trollfrau aus der isländischen Volksüberlieferung, die unartige Kinder holt und in ihrem Kessel kocht. Ihr Name ist seit dem 13. Jahrhundert belegt, als Weihnachtsfigur erscheint sie erst im 17. Jahrhundert.
Wie viele isländische Weihnachtsmänner gibt es? Heute sind es dreizehn Jólasveinar, die vom 12. bis 24. Dezember nacheinander ankommen. Historisch schwankte die Zahl je nach Region, manche Gegenden kannten nur neun.
Wann kommt der erste Jólasveinn? Stekkjarstaur kommt in der Nacht auf den 12. Dezember, Kinder stellen dafür am Abend des 11. Dezember ihren Schuh ins Fenster. Der letzte, Kertasníkir, kommt an Heiligabend.
Sind die Jólasveinar eine Wikinger-Tradition? Nein. Es gibt keinen Beleg aus der Wikingerzeit. Die Figuren entstanden in der isländischen Volksüberlieferung der frühen Neuzeit, die heutige Reihe stammt aus dem 19. und 20. Jahrhundert.
Was frisst die isländische Weihnachtskatze? Jólakötturinn frisst der Sage nach alle, die zu Weihnachten kein neues Kleidungsstück bekommen haben. Dahinter steht der Ansporn, die Wollarbeit bis zum Fest fertigzustellen.
Wer hat die 13 Jólasveinar festgelegt? Die Namen gehen auf Listen zurück, die Jón Árnason 1862 veröffentlichte. Endgültig festgelegt wurden Reihenfolge und Charakter durch das Gedicht „Jólasveinarnir“ von Jóhannes úr Kötlum im Buch „Jólin koma“ von 1932.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
Jul – das Julfest · Die Weihnachtskatze · Þorrablót – das Winterfest · Die germanischen Feste · Die Sonnenwendfeiern.
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