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Die Sonnenwende bei Germanen und Wikingern – Jul, Mittsommer und das Feuer der langen Tage

Feste & Bräuche Die Sonnenwende bei Germanen und Wikingern – Jul, Mittsommer und das Feuer der langen Tage

Haben Germanen und Wikinger die Sonnenwende gefeiert? Ja – aber anders, als es viele heutige Ratgeber erzählen: Belegt ist ein großes Mittwinterfest namens Jól, ein Fest der Sonnenrückkehr im hohen Norden schon im 6. Jahrhundert und ein einziges „Mittsommeropfer“ in einer Saga des 13. Jahrhunderts. Johannisfeuer, Maibaum und „Litha“ dagegen sind christlich, frühneuzeitlich oder ganz modern. Wir sortieren für dich, was Steine, Chronisten und Sagas tatsächlich hergeben – und wo die Lücken beginnen.

Zweimal im Jahr bleibt die Sonne scheinbar stehen. Im Juni klettert sie mittags so hoch wie sonst nie, im Dezember kriecht sie flach über den Horizont und ist nach wenigen Stunden wieder weg. Wer in einem Langhaus ohne Glasfenster lebte, mit Tranlampe und Herdfeuer, für den war das keine Kalendernotiz, sondern Alltag: Licht entschied über Arbeit, Vorräte, Stimmung. Kein Wunder, dass um die Sonnenwenden herum gefeiert wurde. Die eigentliche Frage ist nur: was genau, wann genau – und woher wir das wissen.

Was bei der Sonnenwende eigentlich passiert

Die Erdachse ist um etwa 23,4 Grad gegen die Umlaufbahn geneigt. Deshalb wandert der mittägliche Sonnenstand übers Jahr auf und ab. Die Sommersonnenwende fällt auf den 20. oder 21. Juni: Dann steht die Sonne über dem nördlichen Wendekreis, auf der Nordhalbkugel ist der Tag am längsten. Die Wintersonnenwende folgt am 21. oder 22. Dezember mit der längsten Nacht. Warum das Datum schwankt? Weil das Kalenderjahr mit seinen 365 Tagen und dem Schalttag nie exakt zum Sonnenjahr passt; der genaue Moment wandert von Jahr zu Jahr um einige Stunden.

Der lateinische Fachbegriff solstitium heißt wörtlich „Stillstand der Sonne“. Gemeint ist: Rund um die Wende verändern sich Mittagshöhe und die Auf- und Untergangspunkte am Horizont tagelang kaum. Wer ohne Instrumente beobachtete, sah also keinen scharfen Stichtag, sondern eine Phase von mehreren Tagen, in der die Sonne „stand“ und dann umkehrte. Das Altnordische hatte dafür das Wort sólhvörf, „Sonnenwenden“ – ein nüchterner Begriff für eine Himmelsbewegung, kein Festname.

Hier bei uns in Alsdorf, gut 50 Grad nördlicher Breite, dauert der längste Tag gut 16 Stunden, der kürzeste rund 8. Nördlich des Polarkreises geht die Sonne im Winter wochenlang gar nicht auf; in Tromsø herrscht von Ende November bis Mitte Januar Polarnacht. Dort ist nicht der astronomische Wendepunkt das große Ereignis, sondern der Tag, an dem die Sonne zurückkehrt.

Und noch ein Stolperstein: Der julianische Kalender des Mittelalters verlor pro Jahrhundert knapp einen Tag gegenüber der Sonne. Im späten Mittelalter lag die Wintersonnenwende deshalb kalendarisch schon um den 12. oder 13. Dezember – daher die alte Redensart, die Luciennacht sei die längste des Jahres. Wie der Norden Zeit zählte, zeigen unser altnordischer Kalender und der Beitrag zur Zeitrechnung der Wikinger.

Steinzeit und Bronzezeit: Sonnenbauten lange vor den Wikingern

Artikel über „germanische Sonnwendfeiern“ werden gern mit Stonehenge oder Newgrange bebildert. Dabei sind diese Anlagen Jahrtausende älter als alles, was man „germanisch“ nennen kann. Sie zeigen, wie früh Menschen die Sonnenwenden in Architektur übersetzten – aber nicht, was Wikinger im 9. Jahrhundert glaubten.

Goseck in Sachsen-Anhalt wurde 1991 auf einem Luftbild entdeckt, ab 2002 ausgegraben und 2005 mit rund 1.675 Eichenpfählen rekonstruiert. Die Kreisgrabenanlage entstand um 4900 v. Chr., in der Jungsteinzeit; ihre beiden südlichen Tore weisen ungefähr auf Sonnenauf- und -untergang zur Wintersonnenwende. Ob „Sonnenobservatorium“ der richtige Begriff ist, ist umstritten – manche halten ihn für zugespitzt.

In Newgrange im irischen Boyne-Tal, einem Ganggrab von etwa 3100 v. Chr., fällt an den Morgen um die Wintersonnenwende das erste Licht durch eine Öffnung über dem Eingang tief in den Gang bis in die Kammer, für rund 17 Minuten. Moderne Augen sahen das erstmals am 21. Dezember 1967: der Ausgräber Michael J. O’Kelly.

Die Himmelsscheibe von Nebra schließlich, 1999 von Raubgräbern auf dem Mittelberg gefunden, datiert die Mehrheit der Forschung in die frühe Bronzezeit, etwa 1800–1600 v. Chr. (ein Vorstoß von 2020 zugunsten der Eisenzeit wurde umgehend zurückgewiesen). Ihre goldenen Randbögen umfassen rund 82 Grad – genau den Horizontbereich, den die Sonnenuntergänge zwischen Sommer- und Wintersonnenwende auf dieser Breite überstreichen. Mehr dazu in unserem Beitrag über die Aunjetitzer Kultur und die Himmelsscheibe; ein weiteres bronzezeitliches Sonnenbild ist der Sonnenwagen von Trundholm.

Gesicherter Befund: Goseck (um 4900 v. Chr.), Newgrange (um 3100 v. Chr.) und Nebra (um 1800–1600 v. Chr.) belegen gezielte Beobachtung der Sonnenwenden in Jungsteinzeit und Bronzezeit. Zwischen Nebra und den ersten Wikingern liegen rund 2.400 Jahre – mehr als zwischen Cäsar und uns.
Mythos-Check: „Die Germanen feierten in Goseck die Sonnenwende.“ Falsch. Goseck war längst verfallen, als es irgendwo Germanen gab. Eine ungebrochene Linie von diesen Anlagen zu Jul oder Mittsommer lässt sich nicht nachweisen. Es ist eine Gemeinsamkeit des Himmels, keine Erbfolge der Kulte.

Prokop und Thule: das älteste Sonnenrückkehrfest des Nordens

Die erste Schriftquelle, die wirklich ein Sonnenfest im Norden beschreibt, stammt aus Konstantinopel. Der byzantinische Geschichtsschreiber Prokop von Caesarea berichtet um 550 in seinen Gotenkriegen (II,15; Gesamtzählung Kriege VI,15) von einer riesigen Insel „Thule“ im Norden – nach allgemeiner Ansicht Skandinavien. Seine Informanten waren Heruler; als zahlreichstes Volk der Insel nennt er die Gauten.

Zur Sommersonnenwende, so Prokop, gehe dort die Sonne vierzig Tage lang nicht unter, im Winter sei sie vierzig Tage lang unsichtbar. Nach fünfunddreißig Tagen dieser langen Nacht schicke man Männer auf die Berggipfel. Sobald sie die Sonne erspähen, melden sie, dass in fünf Tagen das Licht zurückkehrt – und die ganze Bevölkerung feiert, noch in der Dunkelheit, ihr größtes Fest (eigene Übertragung nach der Übersetzung von H. B. Dewing, 1919).

Bemerkenswert: Das Fest hängt nicht am astronomischen Wendepunkt, sondern an der beobachteten Rückkehr der Sonne – logisch nördlich des Polarkreises. Dass Prokop im selben Kapitel Menschenopfer für einen „Ares“ erwähnt, zeigt, dass er Hörensagen in griechischen Begriffen wiedergibt. Trotzdem ist das der älteste konkrete Hinweis auf ein Licht-Fest im Winter des Nordens, rund 250 Jahre vor Lindisfarne.

Jól: Mittwinter – aber nicht unbedingt am 21. Dezember

Das große Winterfest des Nordens hieß Jól, Jul. Das Wort ist alt: Der gotische Kalender des 6. Jahrhunderts nennt einen Monat fruma jiuleis, „der erste Jul“, wohl den November. Das Fest selbst behandeln wir ausführlich in Jul – das Fest der langen Nächte; hier geht es nur um die Frage: War Jul ein Sonnenwendfest?

Die wichtigste nordische Stelle steht in der Hákonar saga góða, einem Teil von Snorri Sturlusons Heimskringla (um 1230). König Hákon der Gute, im christlichen England erzogen, regierte Norwegen um die Mitte des 10. Jahrhunderts. Über ihn heißt es (Kap. 13, in älteren Ausgaben Kap. 15), er habe gesetzlich festgelegt, dass das Julfest zur selben Zeit beginnen solle, zu der die Christen es halten; jeder Mann solle bei Strafe ein bestimmtes Maß Malz zu Bier brauen und damit Jul halten, solange es dauerte. Vorher aber habe das Julfest in der Hökunótt begonnen – „das war die Mittwinternacht“ – und sei drei Nächte lang gehalten worden.

„Before him, the beginning of Yule, or the slaughter night, was the night of mid-winter, and Yule was kept for three days thereafter.“Snorri Sturluson, Heimskringla, Saga Hákons des Guten, übers. Samuel Laing (1844)

Laing übersetzt hökunótt als „Schlachtnacht“ – das ist eine Deutung, keine Gewissheit. Das Wort kommt nur an dieser einen Stelle vor, seine Herkunft ist ungeklärt. Laing setzte in seiner Ausgabe außerdem „14. Dezember“ in Klammern hinzu; auch das ist seine Erklärung, nicht der Sagatext.

Was hieß „Mittwinter“? Der altnordische Winter begann mit den Winternächten Mitte Oktober, der Sommer Mitte April. „Mittwinter“ lag in der Mitte dieses Halbjahres, also eher um Mitte Januar – in Island später mit dem Beginn des Monats Þorri verknüpft. Wenn Hákon das Fest auf Weihnachten vorziehen musste, lag das alte Jul offenbar nach dem 25. Dezember. Es war ein Mittwinterfest im Rhythmus eines eigenen Kalenders, nicht zwingend eines des astronomischen Wendetags. Wie dieses Halbjahressystem funktionierte, erklären wir in Germanische Feste und heidnische Feiertage.

Dazu passt die Ynglinga saga (Kap. 8): Snorri lässt den vermenschlichten Odin drei Opfer einsetzen – zu Winterbeginn für ein gutes Jahr, zur Mitte des Winters für Wachstum, zum Sommer für den Sieg. Dieselbe Dreiteilung beschreibt er in der Saga Olafs des Heiligen für die Bauern im Trøndelag. Ein Junitermin fehlt; das Sommeropfer gehört an den Beginn des Sommers. Mehr zum Opferwesen unter Wikinger Bräuche und Rituale.

Snorri schrieb freilich gut 200 Jahre nach der Christianisierung Norwegens. Dass Jul mit Gelagen, Opfern und Schwüren verbunden war, stützen mehrere Quellen. Dass es exakt an der Sonnenwende begann, stützt keine.

Beda und die Modranecht: eine Nacht der Mütter

Eine der wertvollsten Quellen stammt aus Nordengland. Der Mönch Beda Venerabilis erklärt 725 in De temporum ratione („Über die Zeitrechnung“, Kap. 15) die alten Monatsnamen der Angelsachsen, eines germanischsprachigen Volkes, das erst rund hundert Jahre vor seiner Geburt christianisiert worden war.

Beda berichtet, die Angeln hätten ihr Jahr am 25. Dezember begonnen, dort, wo man jetzt die Geburt des Herrn feiere. Und genau diese Nacht, die den Christen nun heilig sei, hätten sie mit einem heidnischen Wort Modranecht genannt, „Nacht der Mütter“ – wohl, so vermutet er selbst, wegen der Zeremonien, die sie in dieser Nacht durchwachend begingen. Mehr sagt er nicht. Wer diese „Mütter“ waren, bleibt offen; viele Forschende denken an Muttergottheiten wie die Matronen des Rheinlands, beweisen lässt sich das nicht.

Noch wichtiger für unser Thema: Die Monate Giuli (Dezember und Januar) hätten ihren Namen von der Wende der Sonne zur Zunahme des Tages, denn einer gehe ihr voraus, der andere folge. Das ist eine echte frühe Verbindung von Jul und Wintersonnenwende – allerdings als Monatsname, nicht als beschriebenes Fest. Juni und Juli heißen bei Beda Litha, „der Sanfte“ oder „der Schiffbare“, weil dann die Lüfte mild seien und man aufs Meer fahre. Ein Fest dieses Namens nennt er nicht. Merk dir das Wort. Wie kritisch man Beda lesen muss, zeigt sein Satz über Eostre, den wir im Beitrag über Ostara zerlegen.

Gesicherter Befund: Beda, De temporum ratione, Kap. 15 (725): Jahresbeginn am 25. Dezember, Nacht „Modranecht“, Monate „Giuli“ benannt nach der Sonnenwende, Monate „Litha“ für Juni/Juli. Es ist die einzige Quelle aus erster Generation nach der Bekehrung, die einen germanischen Wintersonnenwende-Bezug ausdrücklich nennt.

Mittsommer im Norden: ein einziges Opferfest

Und der Sommer? Hier wird es noch karger. In der altnordischen Literatur gibt es nach heutigem Stand genau eine Stelle mit einem Mittsommeropfer: In Snorris Saga über Olaf Tryggvason verlangen die Bauern des Trøndelag, der christliche König solle opfern wie seine Vorgänger. Vereinbart wird ein miðsumarsblót auf Mære am Trondheimfjord. Olaf erscheint – und zwingt die Bauern mit der Drohung, statt Sklaven die vornehmsten Männer zu opfern, zur Taufe. Die Szene spielt 998, aufgeschrieben wurde sie um 1230.

Snorri hielt also ein großes Sommeropfer im Trøndelag für glaubhaft. Unter der späteren Kirche von Mære fand man 1969 tatsächlich Spuren einer vorchristlichen Kultstätte, nach neueren Auswertungen wohl eines Kultpfahls. Wann genau das Opfer lag, welchen Göttern es galt, ob die Sonne eine Rolle spielte – darüber schweigt der Text. Altnordisch „Mittsommer“ war wie „Mittwinter“ eine Kalendermarke; in Norwegen galt lange Mitte Juli als Mittsommer.

Indirekt hilft das Geschichtswerk Ágrip (um 1190): Olaf Tryggvason habe Opfer und Opfergelage abgeschafft und dafür christliche Bierfeste gesetzt – Jul, Ostern und das Johannisbier am 24. Juni. Das passt zur Kirchentaktik, alte Termine zu besetzen, beweist aber kein heidnisches Fest genau an diesem Tag.

Und die Götter? Ältere Ratgeber, auch die erste Fassung dieses Artikels, ordneten Mittsommer gern Sunna/Sól, Balder oder Freyr zu. Eine Quelle dafür gibt es nicht. Die Deutung von Balders Tod als sinkende Sommersonne stammt aus dem 19. Jahrhundert, etwa von James Frazer – Theorie, keine Überlieferung.

Johannisfeuer: Kirche, Flammen und das rollende Rad

Die meisten Sommerbräuche hängen am Johannistag, dem Geburtsfest Johannes des Täufers am 24. Juni, sechs Monate vor Weihnachten. Sein Wort „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen“ (Joh 3,30) deuteten Kirchenväter wie Augustinus ausdrücklich auf die Sonne: Nach Johanni werden die Tage kürzer, nach Weihnachten länger. Sonnwendsymbolik ist also auch christliche Symbolik.

Ein früher Hinweis auf Volksbräuche steht in der Predigt, die die Lebensbeschreibung des heiligen Eligius (Bischof von Noyon, 7. Jh.) überliefert: Am Johannisfest solle niemand solestitia, Tänze, Reigen oder „teuflische Gesänge“ treiben. Was genau gemeint war, sagt der Text nicht – und wir sind im Frankenreich, nicht in Skandinavien.

Das Johannisfeuer wird im 12. Jahrhundert greifbar: Der Pariser Theologe Johannes Beleth beschreibt um 1162 Feuer und Fackeln am Vorabend des Johannistags. Englische Predigten des 13. Jahrhunderts nennen Knochenfeuer und ein gerolltes Rad, das zeigen soll, dass die Sonne den höchsten Punkt ihres Kreises erreicht hat und wieder sinkt. 1333 sah Petrarca in Köln Frauen, die sich am Johannisabend im Rhein wuschen. Ab dem 14. Jahrhundert häufen sich die Belege im deutschen Raum, später die Verbote: 1653 untersagte der Nürnberger Rat das „sonnenwendt- oder zimmetfeuer“.

Heidnisch? Vielleicht. Viele Volkskundler nehmen vorchristliche Wurzeln an. Aber die Belege beginnen in christlichem Gewand, in Frankreich und England, und das Sonnenrad wird von Geistlichen christlich erklärt. Eine direkte Linie zu einem germanischen Sonnenkult lässt sich nicht ziehen. Wie die Kirche alte Termine übernahm, zeigt der Beitrag über die Christianisierung der Germanen.

Mythos-Check: „Feuerräder, die den Berg hinunterrollen, sind uralter germanischer Sonnenkult.“ Das rollende Rad ist seit dem 13. Jahrhundert belegt und wird schon damals als Sinnbild der sinkenden Sonne erklärt – von Mönchen. Ob dahinter ein vorchristlicher Brauch steckt, ist offen. Sonnenräder als Bildmotiv gibt es zwar seit der Bronzezeit, aber Bild und Brauch sind zwei verschiedene Dinge.

Midsommar, Sankthans, Juhannus: der Norden heute

In Schweden steht im Juni überall die Midsommarstång, für viele das Bild schlechthin für „heidnisches Mittsommer“. Das Nordiska museet ist nüchtern: Die Stange kam wahrscheinlich im Mittelalter aus Deutschland; die ältesten Abbildungen stammen aus Erik Dahlbergs Suecia antiqua et hodierna (spätes 17. Jahrhundert). Der Name majstång kommt nicht vom Mai, sondern von maja, „mit Laub schmücken“, und für die Deutung als Phallussymbol gibt es keinen Beleg.

Die älteste ausführliche Beschreibung liefert Olaus Magnus 1555: Tanz an Feuern am Vorabend des Johannistags. Ob vor der Christianisierung Mittsommer gefeiert wurde, wisse man nicht, schreibt das Museum. Seit 1953 liegt der schwedische Mittsommertag auf dem Samstag zwischen 20. und 26. Juni; in Finnland heißt das Fest Juhannus – wieder Johannes.

In Norwegen und Dänemark heißt der Abend des 23. Juni Sankthans, in Norwegen auch Jonsok. Die Feuer galten als Schutz in einer Nacht, in der Hexen zum Blocksberg flögen. In Dänemark landet deshalb, nach gängiger Darstellung seit dem frühen 20. Jahrhundert, eine Strohhexe auf dem Feuer, und man singt Holger Drachmanns Midsommervise von 1885. Protestantischer Hexenglaube, ein Harzgipfel, dänische Romantik: nordisch, ja. Wikingisch, nein. Auch Kräuterbräuche wie das Johanniskraut sind gut belegt – für das 18. bis 20. Jahrhundert.

Litha und Yule: das moderne Jahresrad

Wer „Litha“ googelt, findet unzählige Seiten über das „altgermanische Sommersonnwendfest“. Das Jahresrad (Wheel of the Year) mit acht Festen – vier an Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen, vier keltisch inspirierte dazwischen – ist jedoch eine Schöpfung des britischen Neuheidentums im 20. Jahrhundert, verbunden mit Gerald Gardner und Ross Nichols; der Begriff war Mitte der 1960er-Jahre gebräuchlich.

Die Namen Litha, Ostara und Mabon vergab der Amerikaner Aidan Kelly Anfang der 1970er-Jahre. „Litha“ nahm er aus Beda, wo es ein Monatspaar ist, kein Fest. „Yule“ legt das historische Jul auf den 21. Dezember fest, was die Quellen so nicht hergeben.

Falsch macht das moderne Feiern nicht. Es ist nur keine Rekonstruktion, sondern eine Neuschöpfung aus alten Bausteinen. Wie heutige Heiden feiern, beschreiben wir in Wie feiern Heiden heute?.

Mythos-Check: „Litha ist der altgermanische Name des Sonnwendfests.“ Nein. Litha ist bei Beda (725) ein angelsächsischer Monatsname für Juni/Juli. Als Festname existiert es erst seit den 1970er-Jahren.

Was offen bleibt

Am Ende eine Liste ehrlicher Lücken:

Was die Menschen in den Langhäusern empfanden, als die Tage wieder länger wurden, sagt keine Quelle. Prokops Thuliten auf den Berggipfeln kommen dem am nächsten – einer der ältesten Augenblicke nordischer Festkultur, den wir greifen können.

Warum uns das Thema in der Werkstatt beschäftigt

Wir gravieren in Alsdorf um die Wendezeiten herum viele Windlichter, Schieferplatten und Holzscheiben mit Sonnenmotiven. Gerade deshalb steht bei uns ein Sonnenrad nach bronzezeitlichem Vorbild als „bronzezeitlich“ auf dem Stück, nicht als „Wikingerkult“. Echtes Wissen macht ein Geschenk nicht kleiner, sondern glaubwürdiger. Mehr zum Winter findest du in Ahnenverehrung zu Jul.

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Häufige Fragen

Wann ist die Sonnenwende? Die Sommersonnenwende fällt auf den 20. oder 21. Juni, die Wintersonnenwende auf den 21. oder 22. Dezember. Das genaue Datum schwankt wegen des Schaltjahrrhythmus von Jahr zu Jahr.

Haben die Wikinger die Wintersonnenwende gefeiert? Sie feierten Jól, ein großes Mittwinterfest mit Gelagen und Opfern. Nach der Saga Hákons des Guten begann es ursprünglich in der „Hökunótt“ und wurde erst im 10. Jahrhundert auf Weihnachten verlegt; ob es genau an der Sonnenwende lag, ist unsicher.

Ist das Julfest dasselbe wie die Wintersonnenwende? Nicht zwingend. Beda verbindet den Monatsnamen Giuli mit der Sonnenwende, Snorri spricht von „Mittwinter“, was im altnordischen Halbjahreskalender eher Mitte Januar meint.

Ist Mittsommer ein heidnisches Fest? Die heutigen Midsommar- und Johannisbräuche sind christlich und frühneuzeitlich geprägt; der Maibaum kam wohl im Mittelalter aus Deutschland nach Schweden. Ein vorchristliches Mittsommeropfer ist nur einmal, in einer Saga des 13. Jahrhunderts, erwähnt.

Woher kommt der Name Litha? Litha ist bei Beda (725) ein angelsächsischer Monatsname für Juni und Juli. Als Name für das Sommersonnwendfest wurde er erst in den 1970er-Jahren im modernen Neuheidentum eingeführt.

Was hat die Himmelsscheibe von Nebra mit der Sonnenwende zu tun? Ihre goldenen Randbögen umfassen rund 82 Grad – den Bereich zwischen den Sonnenuntergangspunkten zur Sommer- und Wintersonnenwende am Fundort. Sie ist bronzezeitlich und rund 2.400 Jahre älter als die Wikingerzeit.

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