Die Sommersonnenwende ist der längste Tag des Jahres – und war eines der großen Feste des heidnischen Europa. Germanen, Kelten und Slawen feierten sie mit Feuer, Wasser und Kräutern. Wir schauen ehrlich hin: Was ist belegt, und was ist moderne Rekonstruktion?
Vorweg: Gerade zur Sonnenwende ist die Quellenlage dünn. Ein früher Hinweis findet sich beim heiligen Eligius (Belgien, 7. Jh.), der Christen verbietet, zum Johannistag (24. Juni) heidnischen „solstitialen" Riten, Tänzen oder Gesängen zu frönen – das setzt solche Bräuche voraus. Die enge Nähe von Johanni und Sonnenwende ist kein Zufall.
Im Norden ist ein Midsumarsblót überliefert (Olaf-Saga, Ágrip). Gehuldigt wird vor allem der Sonne Sunna/Sól und dem Lichtgott Baldr, dazu den Göttern der Fruchtbarkeit – Freyr, Freyja, Nerthus, Idun, Sif. Bis heute leben Bräuche fort: die geschmückte Maistange, das Mittsommerfeuer, die den Hang hinabrollenden Sonnenräder, das Sammeln heilkräftiger Kräuter (allen voran das Johanniskraut, das jetzt in voller Blüte steht).

Bei den Kelten sind die Quellen noch dünner. Aus dem gälischen Raum ist die Mittsommernacht Oíche Fhéile Eoin bekannt; auf dem Knockainey-Hügel wurden Feuer zu Ehren der Göttin Áine entzündet. Römische Quellen berichten von einem Fest der Ostkelten, bei dem die Himmelsmittlerin Rigani mit dem Stammes- und Kriegsgott Teutates vermählt wurde. Auch hier gilt: In dieser Nacht stehen die Türen zur Anderswelt offen.
Bei den Slawen ist Kupala der wichtigste Feiertag überhaupt: die Vereinigung von Feuer und Wasser, Mann und Frau, Himmel und Erde. Geehrt werden der Sonnengott Dažbog, der Donnergott Perun und die Erdmutter Mokosch. Junge Frauen lassen kerzenbestückte Blumenkränze auf Flüssen treiben und lesen daraus die Zukunft; man springt über das Feuer und sammelt Zauberkräuter. Christianisiert wurde daraus der Iwan-Kupala-Tag.
Über alle drei Kulturen hinweg wiederholen sich dieselben Motive: Feuer (Sonnenkraft), Wasser (Reinigung, Orakel), Kräuter (Heilkraft in der Zauberzeit) und Fruchtbarkeit. Es ist der Wendepunkt der Sonne – ab jetzt werden die Tage wieder kürzer, und die Grenze zur Anderswelt scheint durchlässig.
Sunna / Sól · Ostara, Varblot & Sigrblot · Blót-Kalender · Nerthus.
Hl. Eligius (Vita); Snorri, Heimskringla (Olaf-Saga), Ágrip. A. E. Zautner, Der gebundene Mondkalender der Germanen. Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; Bernhard Maier, Lexikon der keltischen Religion und Kultur; Aleksander Gieysztor, Mitologia Słowian; Zdeněk Váňa, Mythologie der slawischen Völker.