Die Wikinger hatten keine Hauptstädte, aber sie hatten Orte der Macht: Plätze, an denen man Recht sprach, opferte und der Ahnen gedachte. Zwei schwedische Stätten zeigen das eindrucksvoll.
Die Wikinger kannten keine Hauptstädte in unserem Sinn, keine Regierungspaläste, keine Behörden. Und doch war ihre Gesellschaft keineswegs regellos. Sie hatte Orte der Macht: Versammlungsplätze, an denen man Recht sprach, Streit schlichtete, Bündnisse schloss, opferte und der Ahnen gedachte. Diese Thing-Plätze waren das Herz des öffentlichen Lebens – hier, unter freiem Himmel, entstand Ordnung nicht durch einen Herrscher, sondern durch die versammelten freien Männer selbst.
„Mit Gesetz soll man Land bauen." — altnordisches Rechtssprichwort (Njáls saga: „með lögum skal land byggja")
Dieser berühmte Satz, der in mehreren nordischen Rechtstexten und in der Njáls saga auftaucht, bringt das Selbstverständnis dieser Kultur auf den Punkt: Nicht Willkür, sondern lög, das Gesetz, hielt das Gemeinwesen zusammen. Zwei schwedische Stätten zeigen bis heute eindrucksvoll, wie solche Orte aussahen.
In Uppland liegt Arkils tingstad, der „Thingplatz des Arkil". Aufgerichtete Steine und eine steinerne Bank markieren den Versammlungsort, an dem eine mächtige Sippe, der Skålhamra-Klan, ihr Thing abhielt. Es ist einer der wenigen Plätze, an denen ein solcher Versammlungsort noch als bauliche Anlage im Gelände erkennbar ist – nicht bloß erschlossen, sondern sichtbar.
Das Besondere: Zwei zugehörige Runensteine tragen ein seltenes, kunstvolles Trauergedicht von rund 200 Runen – eine der längeren poetischen Inschriften Schwedens. So verband dieser Ort dreierlei in einem: die Rechtsprechung des Things, den Ruhm und die Trauer um einen Toten und die Selbstdarstellung einer mächtigen Familie. Ein Thingplatz war eben nie nur Verwaltung, sondern immer auch Bühne für Ehre und Andenken.
Anundshög in Västmanland ist noch großartiger: ein ganzer ritueller Landschaftsraum. Hier erhebt sich der größte Grabhügel Schwedens, umgeben von mehreren Steinschiffen – schiffsförmigen Steinsetzungen, die Gräber markieren –, einer langen Reihe aufrechter Steine und einem Runenstein. Über viele Jahrhunderte kamen an diesem Ort Bestattung, Fest, Opfer und Rechtsprechung zusammen; hier lag der Thingplatz von Badelunda.
Wer einen solchen Platz betrat, tat das nicht in einem neutralen Raum. Die riesigen Hügel und Steinschiffe machten die Gegenwart der Vorfahren körperlich spürbar. Recht wurde gesprochen im Angesicht der Toten, deren Land man bebaute und deren Ordnung man fortführte. Das gab den Beschlüssen des Things ein Gewicht, das keine Behörde je hätte verleihen können.
Natürlich bleibt manches offen. Dass Anundshög ein Thing- und Kultplatz war, ist durch die Anlage, die Steinreihe und die Lage gut gestützt; wer aber wirklich im großen Hügel bestattet liegt – der sagenhafte König Anund? – bleibt unbekannt. Auch die Zuordnung einzelner Steine zu bestimmten Personen ist teils Rekonstruktion. Solche ehrlichen Fragezeichen gehören dazu.
Für uns sind diese Versammlungsorte eine der schönsten Seiten der nordischen Welt. Sie zeigen eine Gesellschaft, die ihre Ordnung selbst in die Hand nahm, die Recht und Erinnerung, Ahnen und Alltag untrennbar verband – und die all das in dauerhafte Zeichen aus Stein goss. Runensteine, Steinschiffe, Gedenkgedichte: Das ist derselbe Wunsch, der auch in einer Gravur steckt – etwas Wichtiges festzuhalten, damit es bleibt.

Das Thing · Runen · Bestattung · Bildsteine.
Arkils tingstad (U 225–226), Anundshög (Vs 13), Rundata. Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie. Bildnachweis Titelbild: Anundshög (Schiffssetzung), Foto Achird, CC BY-SA 3.0 (Wikimedia Commons).