Blog / Feste & Bräuche

Þorri und Þorrablót: ein Winterfest, das älter aussieht, als es ist

Feste & Bräuche Þorri und Þorrablót: ein Winterfest, das älter aussieht, als es ist

Mitten im Januar, wenn der Wind über Island fegt und die Tage gerade erst wieder länger werden, decken die Isländer einen Tisch mit sauer eingelegtem Widderhoden, fermentiertem Hai und Blutwurst. Man nennt es Þorrablót, das Fest des Monats Þorri, und es klingt nach grauer Wikingervorzeit. Die Wahrheit ist schöner und ehrlicher zugleich: Der Monat ist uralt, das Fest jung, das Essen sogar Nachkriegsware. Setzen wir uns dazu und trennen wir sauber Beleg von Mythos.

Ein Monat aus dem Zwei-Jahreszeiten-Kalender

Þorri ist der vierte Wintermonat des altisländischen Misseri-Kalenders, jenes eigenwilligen Systems, das das Jahr nicht in vier, sondern in zwei große Jahreszeiten teilte: Sommer und Winter, jede zu sechs Monaten. Þorri fällt etwa auf die Zeit von Mitte Januar bis Mitte Februar, also auf den Hochwinter, wenn der Vorrat knapp wird und der Frühling noch weit ist. Er beginnt stets am Bóndadagur, dem „Bauerntag", der auf den Freitag zwischen dem 19. und 25. Januar fällt, und er endet am Tag vor dem Konudagur, dem „Frauentag", mit dem der Folgemonat Gói anhebt.

Das ist keine romantische Rückprojektion, sondern gut belegter Kalenderalltag. Der Monatsname taucht in mittelalterlichen isländischen Quellen auf, und die Beginn-Regel am Bóndadagur hält sich bis heute so zäh, dass sie in jedem isländischen Kalender steht. Wer also von einem „alten Þorri" spricht, hat recht. Nur muss man gleich hinterherschieben: Der Monat ist das Alte, das Fest ist etwas ganz anderes.

Der sagenhafte König Þorri und sein Schneezauber

Woher kommt der Name? Zwei eng verwandte Texte erzählen dieselbe Geschichte. Das eine ist Hversu Noregr byggðist, „Wie Norwegen besiedelt wurde", überliefert in der Flateyjarbók des 14. Jahrhunderts; das andere ist das Eröffnungskapitel der Orkneyinga saga aus dem 13. Jahrhundert. Beide führen den Monatsnamen auf einen König Þorri zurück, einen Nachfahren des Urriesen Fornjótr und Sohn des Snær, dessen Name schlicht „Schnee" bedeutet. Diesem König, so heißt es, brachten die Kvenen ein Mitwinter-Opfer dar, damit es schneie und die Skier gut liefen.

„Thorri was a noble king; he ruled over Gothland, Kvenland, and Finland. To him the Kvens sacrificed that it might be snowy, and that there might be good going on snow-shoon. That was their harvest."Hversu Noregr byggðist, Übers. George W. Dasent, 1894 (gemeinfrei)

Ein Opfer für guten Schnee, damit die Schneeschuhe tragen: Das war für ein Volk des hohen Nordens keine Spielerei, sondern Ernte im Wortsinn. „Þat er ár þeira", sagt der altisländische Text, „das ist ihr Erntesegen". Und weiter erzählt die Sage, dass Þorris Tochter Gói eines Winters verschwand; ihr Vater opferte einen Monat später als sonst, um sie wiederzufinden, und daher trage der nächste Monat ihren Namen. Eine hübsche, in sich schlüssige Namensgeschichte, die nur einen Haken hat, wenn man sie für bare Geschichtsschreibung nimmt.

Achtung, Namensfalle: Þorri ist nicht Þórr

Der häufigste Irrtum steckt schon im Klang. Þorri sieht aus wie eine Verwandtschaft von Þórr, dem Donnergott mit dem Hammer, und prompt wird das Þorrablót gern als „Thors-Fest" verkauft. Das ist Volksetymologie. Die beiden Namen sind schlicht nicht dasselbe Wort, und die Saga selbst leitet den Monat ausdrücklich vom König Þorri her, nicht vom Gott. Wer beim nächsten Winterfest also den Hammer schwingen will, tut das aus Freude an der Sache, nicht aus philologischer Notwendigkeit. Skål trotzdem.

Auch die Genealogie ist mit Vorsicht zu genießen. Þorri als „König von Finnland und Kvenland", Sohn des Schnees, Enkel des Urriesen: Das ist gelehrte mittelalterliche Konstruktion, kein Kultbericht aus heidnischer Zeit. Isländische Gelehrte bauten solche Ahnenreihen rückwärts zusammen, um Königshäusern eine ehrwürdige Herkunft zu verschaffen. Der Monatsname war da, und man erfand ihm einen Stammvater dazu, wie man einem alten Haus eine passende Geschichte andichtet.

1873: Studenten in Kopenhagen erfinden das Fest

Und hier klafft die eigentliche Lücke. Zwischen der Sagen-Notiz aus dem 12. bis 14. Jahrhundert und der Gegenwart gibt es keine durchgehende Kette gefeierter Þorrablóts. Die literarische Behauptung eines Mitwinter-Opfers steht in der Handschrift, aber ein tatsächlich begangenes Fest lässt sich für die dazwischenliegenden Jahrhunderte nicht nachweisen.

Das Þorrablót, wie Island es heute kennt, ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Die erste bekannte Feier organisierte 1873 der Verein isländischer Studenten in Kopenhagen, getragen von der Welle nationaler Begeisterung, die ein Jahr später in die erste eigene Verfassung Islands mündete. Es war ein bewusst inszenierter Rückgriff auf die vermeintliche Vorzeit, eine romantisch-nationale Selbstvergewisserung. Man kann das mit der schottischen Burns Night vergleichen oder mit vielen anderen „uralten" Bräuchen Europas, die sich bei näherem Hinsehen als Kinder der Romantik entpuppen. Ein Volk, das um seine Eigenständigkeit rang, gab sich ein Fest, das nach Wurzeln schmeckte.

1958: Ein Restaurant erfindet das Trog-Essen

Noch jünger als das Fest ist sein berühmtestes Kennzeichen, der þorramatur. Wer heute an Þorrablót denkt, sieht den Holztrog vor sich, gefüllt mit gepökeltem und fermentiertem Landfutter: Hákarl, der monatelang vergrabene Grönlandhai, gekochter und gepresster Schafskopf, Blutwurst und Leberwurst in Sauermolke, saure Widderhoden. Speisen, die aus einer Zeit stammen, als Konservierung über Leben und Tod entschied und nichts weggeworfen wurde.

Diese Speisen sind alt, ihre Inszenierung als Festplatte ist es nicht. 1958 stellte das Reykjavíker Restaurant Naustið eine Auswahl fast vergessener Landspeisen zusammen, richtete sie in einem Holztrog nach Vorbildern aus dem Þjóðminjasafn, dem isländischen Nationalmuseum, an und vermarktete das Ganze als „þorramatur". Ein Marketing-Einfall, der zündete. Aus einer Restaurant-Idee der Nachkriegszeit wurde binnen weniger Jahre das nationale Winteressen, das man heute für urwikingisch hält. Der Hai ist echt alt, der Trog auf dem Tisch ist jünger als der Rock and Roll.

Was gesichert ist

Der Monatsname Þorri ist mittelalterlich belegt, ebenso der Misseri-Kalender und der Beginn am Bóndadagur zwischen dem 19. und 25. Januar. Die Sagen Hversu Noregr byggðist und Orkneyinga saga erzählen von König Þorri und einem Mitwinter-Blót für guten Schnee. Sicher datiert ist auch das Moderne: das erste gefeierte Þorrablót 1873 durch isländische Studenten in Kopenhagen und der þorramatur-Trog 1958 aus dem Restaurant Naustið.

Mythos-Check

Þorri hat trotz des Anklangs nichts mit dem Gott Þórr zu tun; die Herleitung „Thors-Fest" ist volksetymologisch. Die Saga-Genealogie ist gelehrte mittelalterliche Konstruktion, kein heidnischer Kultbericht. Vor allem: Zwischen der Sagen-Notiz und 1873 liegt eine Überlieferungslücke ohne belegtes Fest. Die Vorstellung einer „ununterbrochenen Tradition seit den Wikingern" ist also falsch. Das mindert den Reiz nicht.

Warum das kein Grund zum Naserümpfen ist

Man könnte nun enttäuscht sein und das Þorrablót als Kostümfest abtun. Das wäre kleinlich. Erfundene Traditionen sind nicht weniger echt, nur weil man ihr Geburtsdatum kennt. Ein Fest, das seit über hundertfünfzig Jahren jeden Januar gefeiert wird, Familien versammelt und ein ganzes Volk durch den dunkelsten Teil des Jahres trägt, ist eine lebendige Tradition, ganz gleich, ob sein Ursprung im 9. oder im 19. Jahrhundert liegt. Die Isländer wissen das selbst am besten und feiern trotzdem, oder gerade deshalb.

Uns gefällt an dieser Geschichte, dass sie beides zulässt: die ehrliche Prüfung und die Freude am Brauch. Der Hochwinter war für die Menschen des Nordens immer die Zeit, in der man zusammenrückte, den Vorrat teilte und dem Frühling entgegentrank. Ob man dazu einen sagenhaften König anruft oder einfach den Becher hebt, das Fest bleibt dasselbe: ein Licht gegen die Dunkelheit. In diesem Sinne, wenn der Bóndadagur kommt und der Trog auf dem Tisch steht: Skål.

Nordisches Kristallglas-Windlicht, lasergraviert | Glanz & Gravur
Aus unserer Manufaktur: Kristallglas-Windlichter für lange Winterabende, lasergraviert. Im Shop →

Weiterlesen bei uns

Jul – das Julfest · Die germanischen Feste · Met – der Göttertrank · Die Sonnenwendfeiern · Runen & ihre Bedeutung.

Quellen & Literatur

Zum Shop Mehr Beiträge