Der alte Glaube unserer Vorfahren ist nicht ausgestorben – er wird wieder gelebt. „Asatru", wörtlich „Asentreu", ist heute die gebräuchliche Bezeichnung für das moderne germanische Heidentum. Es ist keine verstaubte Nische, sondern gut organisiert: mit eingetragenen Vereinen, Zeitschriften, Ritualbüchern, Stammtischen und Festen quer durch den deutschsprachigen Raum. Ein Blick darauf, wie das heute aussieht.
Asatru ist die moderne Wiederbelebung der vorchristlichen germanischen Religion. Der Name kommt aus dem Nordischen, weil das Heidentum dort am längsten überlebte und deshalb am besten überliefert ist – gebräuchlich ist er inzwischen für das germanische Heidentum in ganz Europa. Im Kern steht ein Polytheismus ohne feste Rangordnung: viele Götter und Göttinnen, dazu die Verehrung der Ahnen und ein Bewusstsein für die Naturmächte.
Wichtig ist die Selbsteinordnung dieser Gemeinschaften: Sie behaupten nicht, eine ungebrochene, uralte Religion fortzuführen. Sie verstehen sich als Rekonstruktion – als ernsthaften, quellengestützten Versuch, aus dem, was überliefert ist, wieder etwas Lebbares zu machen.
Zwei Beispiele zeigen die Bandbreite. Die Heidnische Gemeinschaft e.V. in Berlin besteht schon seit 1985; sie feiert die Jahreskreisfeste in freier Natur, gibt seit Jahrzehnten die Zeitschrift „Der Runenstein" heraus und pflegt handfestes Brauchtum. Der Eldaring e.V., gegründet 2000 nach dem Vorbild des amerikanischen „The Troth", zählt heute rund 600 Mitglieder und ist damit einer der größten deutschsprachigen Vereine.
Die Struktur ist bewusst schlank und dezentral. Örtliche Gruppen – oft „Herde" oder Stammtische genannt – organisieren Treffen und Feste in eigener Verantwortung. Rituale gestalten die Gruppen selbst; feste Priesterämter gibt es meist nicht. Wer feiern will, findet Anschluss über regionale Gruppen, Vereinstreffen und heute auch über Discord-Server und Online-Feiern.
Das vielleicht wichtigste Merkmal des seriösen modernen Heidentums ist seine Haltung zu den Quellen. Man liest Edda, Sagas und archäologische Befunde nicht als heiliges, unfehlbares Buch, sondern kritisch – im Licht der Wissenschaft. Die großen Gemeinschaften betonen ausdrücklich, dass die Überlieferung lückenhaft, spät und regional geprägt ist.
„Opfer an die Götter sind kein Akt des Verzichts, den wir leiden, sondern ein Akt des Teilens und der Dankbarkeit für unser Wohlergehen." Eldaring e.V., Selbstverständnis (Stand 2024)
Genau diese Haltung teilen wir bei Glanz & Gravur: Wir trennen sauber, was historisch belegt ist, von dem, was spätere Romantik oder moderne Erfindung ist. Ein Motiv ist für uns dann stark, wenn seine Geschichte stimmt.
Asatru heute ist vor allem Praxis. Man feiert die Feste des Jahres, trinkt beim Blót auf Götter und Ahnen, singt alte und neue Lieder, sammelt Kräuter, besucht Kultstätten, näht Gewandung, gibt Zeitschriften und Ritualbücher heraus. Vieles davon findet draußen statt, im Kreis von Freunden. Es ist ein Glaube, der das ganze Leben umfasst – und der sich, anders als das Klischee, oft sehr bodenständig und lebensfroh anfühlt.
Wer tiefer einsteigen will, findet in der Berechnung der alten Feste nach dem Mond oder in unserem Blót-Kalender einen guten Anfang – und in den Vereinen selbst Menschen, die ihr Wissen gern teilen.
Die genannten Vereine und ihre Eckdaten sind öffentlich dokumentiert: die Heidnische Gemeinschaft e.V. (Berlin, gegründet 1985, Zeitschrift „Der Runenstein" in rund 100 Ausgaben) und der Eldaring e.V. (gegründet 2000 nach The Troth, rund 600 Mitglieder 2024, Zeitschrift „Herdfeuer", Ritualbuch „Eldariten" 2022). Die dezentrale Struktur aus lokalen Gruppen ohne feste Priesterämter sowie die betont quellenkritische Haltung gehen aus den Selbstdarstellungen dieser Gemeinschaften hervor. Die Bezeichnung „Asatru" (Asentreu) als moderner Sammelbegriff ist etabliert.
Asatru ist keine ununterbrochene Religion, die heimlich das ganze Mittelalter überdauert hätte. Das germanische Heidentum wurde im Zuge der Christianisierung verdrängt; was wir heute sehen, ist eine bewusste Wiederbelebung des 20. und 21. Jahrhunderts, gestützt auf Quellen und Forschung. Auch die oft genannten „acht Jahreskreisfeste" sind ein modernes Schema und nicht deckungsgleich mit dem historisch belegten germanischen Festkalender. Das schmälert das Gelebte nicht – es macht es nur ehrlich.

Wie feiern Heiden heute? Blót & Sumbel · Die germanischen Feste · Seiðr – die Zauberkunst · Die Merseburger Zaubersprüche · Das nordische Pantheon.