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Der Draugr – der wandelnde Tote

Folklore & Glaube Der Draugr – der wandelnde Tote

Vergiss den durchscheinenden Schleiergeist. Der Draugr der altnordischen Sagas kommt leibhaftig zurück – schwer wie ein Ochse, dunkel angelaufen, unheimlich stark, und mit einem sehr schlechten Charakter. Er hütet seinen Grabschatz, tötet Vieh und Menschen und reitet nachts auf den Dächern. Ein Blick auf die echten Wiedergänger der Isländersagas, jenseits von Spiel und Kino.

Kein Gespenst, sondern ein Leichnam

Wenn wir „Untoter" hören, denken wir an durchscheinende Schemen oder klappernde Skelette. Der Draugr der altnordischen Überlieferung ist etwas ganz anderes und in gewisser Weise viel unangenehmer: Er ist der eigene Leichnam, der aus dem Grabhügel zurückkommt. Man nennt ihn auch aptrganga, „Wiedergänger", also wörtlich einen, der noch einmal geht. Er ist massiv, körperlich anwesend, oft riesenhaft schwer und von dunkler, blau-schwarz angelaufener Haut. Man kann ihn anfassen, mit ihm ringen, und er kann einen zu Tode drücken.

Diese Vorstellung wurzelt in einer sehr konkreten Angst: dass der Tote nicht wirklich fort ist, dass etwas in ihm bleibt und Unheil stiftet. Nicht jeder wird zum Draugr. Besonders gefährdet sind die Habgierigen, die Bösartigen, die Unzufriedenen – Menschen, die schon zu Lebzeiten mit der Welt haderten. Der Tod bessert ihren Charakter nicht, im Gegenteil.

Glámr, der finsterste von allen

Die berühmteste Wiedergänger-Geschichte steht in der Grettis saga. Ein mürrischer, gottloser Knecht namens Glámr stirbt in der Weihnachtsnacht auf unheimliche Weise und wird auf dem Hof nicht ordentlich beerdigt. Bald darauf beginnt er umzugehen: Er reitet auf dem Dach, dass die Balken krachen, erschlägt Vieh, bricht Menschen das Genick. Der Hof verödet, niemand hält es dort aus.

Erst der Held Grettir stellt sich ihm. Es kommt zu einem ungeheuren Ringkampf im Dunkeln, Mann gegen Leichnam, bei dem das ganze Haus zu bersten droht. Grettir bezwingt Glámr schließlich – doch bevor der Wiedergänger endgültig fällt, spricht er einen Fluch über ihn. Von da an ist Grettir von einer lähmenden Furcht vor der Dunkelheit befallen, die ihn bis in den Tod verfolgt. Der Draugr ist besiegt, aber er nimmt Rache noch aus dem Grab. Es ist eine der eindrücklichsten Szenen der ganzen Sagaliteratur.

Der Schatzhüter im Grabhügel

Nicht jeder Draugr terrorisiert einen Hof. Eine zweite, alte Form ist der haugbúi, der „Hügelbewohner" – ein Toter, der in seinem Grabhügel bleibt und dort seinen mitbestatteten Schatz bewacht. Auch davon erzählt die Grettis saga: Grettir bricht den Hügel des alten Kárr auf, um an das Gold und die Waffen zu kommen, und muss sich dafür mit dem Toten im Dunkel der Kammer schlagen.

Da stand der Hügelbewohner auf und griff nach ihm, und sie rangen lange in der Finsternis, bis Grettir ihm das Haupt abschlug und es an die Lenden legte.nach der Grettis saga, gemeinfreie Übersetzungstradition

Diese Grabkämpfe folgen einem festen Muster: hineinsteigen, ringen, den Toten enthaupten und den Kopf so legen, dass er nicht wieder zusammenwächst. Der Schatz ist der Lohn, aber der Mut, den es kostet, ist der eigentliche Prüfstein des Helden.

Der Spuk von Fróðá

Die Eyrbyggja saga liefert das vielleicht dichteste Bild eines Toten-Spuks. Der bösartige Þórólfr Bægifótr, „Krummfuß", geht nach seinem Tod so schlimm um, dass man ihn ausgräbt und andernorts wieder bestattet – doch die Ruhe hält nicht lange. In derselben Saga schildern die berühmten „Wunder von Fróðá", wie eine ganze Schar Verstorbener auf einen Hof zurückkehrt und sich Abend für Abend am Feuer niederlässt, während die Lebenden entsetzt daneben sitzen.

Das Bemerkenswerte: Die Isländer bekämpfen diese Toten nicht mit Weihwasser oder Beschwörung allein, sondern mit einem regelrechten Gerichtsverfahren, dem „Türgericht". Man lädt die Wiedergänger förmlich vor, verkündet ein Urteil, und einer nach dem anderen erhebt sich und verlässt den Hof. Recht und Ordnung gegen das Unheimliche – das ist sehr isländisch und sagt viel über das Weltbild dieser Gesellschaft.

Wie man einen Draugr besiegt

Aus den Sagas lässt sich ein ziemlich klarer Werkzeugkasten gegen Wiedergänger ablesen. Rohe Kraft hilft: Man muss den Toten im Ringkampf niederzwingen. Dann folgt das Entscheidende – Enthauptung, oft verbunden damit, dass man den Kopf an das Gesäß oder die Schenkel des Leichnams legt, damit er nicht wieder heil wird. Häufig wird der Körper anschließend verbrannt und die Asche fortgeschafft, ins Meer geworfen oder weit weg vergraben, damit nichts mehr zurückkehren kann.

Auch Vorbeugung kannte man: bestimmte Tote wurden nicht durch die Tür, sondern durch ein eigens gebrochenes Loch in der Wand hinausgetragen, damit sie den Weg zurück nicht fänden. Man ahnt, wie ernst diese Gefahr genommen wurde. Der Draugr war für die Menschen der Sagazeit keine Gruselgeschichte am Feuer, sondern eine reale Sorge um die Toten, die nicht Ruhe geben wollten. Wie man ihnen mit Bestattung, Erinnerung und Ehrung begegnete, zeigt unser Beitrag zur germanischen Totenehrung.

Was gesichert ist

Die Isländersagas – vor allem Grettis saga (Glámr, Kárr der Alte), Eyrbyggja saga (Þórólfr Bægifótr, die Erscheinungen von Fróðá) und Laxdæla – schildern übereinstimmend den Draugr als leibhaftig zurückkehrenden Toten: körperlich, stark, dunkel, gefährlich. Bezwungen wird er durch Ringen, Enthaupten und Verbrennen bzw. Fortschaffen des Leichnams. Das Motiv ist in der aufgeschriebenen Sagaliteratur des 13. Jahrhunderts breit belegt.

Mythos-Check

Der Draugr ist isländische Sagazeit-Folklore, kein Gott und keine Edda-Gestalt. Er ist streng vom Totenreich Hel zu unterscheiden: Hel ist der Ort, an den die Toten gehen; der Draugr ist gerade der Tote, der eben nicht dort bleibt. Die aufgeblähten, horde-weisen Draugr heutiger Spiele und Filme übertreiben das Bild stark – in den Quellen sind es einzelne, benannte Wiedergänger in klar erzählten Fällen.

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