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Der Draugr – Bedeutung, Sagen und Abwehr des Wiedergängers der Wikingerzeit

Folklore & Glaube Der Draugr – Bedeutung, Sagen und Abwehr des Wiedergängers der Wikingerzeit

Ein Draugr ist in der altnordischen Überlieferung ein Toter, der leibhaftig aus dem Grab zurückkehrt: kein durchscheinender Geist, sondern ein schwerer, dunkel angelaufener Leichnam mit übermenschlicher Kraft, der Vieh tötet, Menschen das Genick bricht und nachts auf den Dächern reitet. Die Isländersagas des 13. und 14. Jahrhunderts erzählen von solchen Wiedergängern erstaunlich genau. Wir gehen den Begriffen nach, steigen mit Grettir in Kárrs Grabhügel, ringen mit Glámr im Mondlicht, sitzen beim Totengericht von Fróðá mit an der Tür und fragen, was Gräber und Knochen dazu sagen.

Eine Wolke zieht vom Mond. Im Schnee liegt ein Toter auf dem Rücken, über ihm ein junger Mann, der eben noch mit ihm gerungen hat. Dann starrt der Tote hinauf ins fahle Licht, und der Lebende, der vor nichts zurückweicht, verliert fast die Kraft, sein Schwert zu ziehen. Der Tote heißt Glámr, der Lebende Grettir, und was der Tote jetzt sagt, wird Grettirs restliches Leben bestimmen.

Die Szene aus der Grettis saga ist die bekannteste Begegnung mit einem Draugr, aber nicht die einzige. Die Isländersagas sind voll von Toten, die nicht ruhen wollen, und oft sind sie Wendepunkte der Handlung. Wer verstehen will, wie man im mittelalterlichen Island über den Tod dachte, kommt an ihnen nicht vorbei.

Was bedeutet Draugr? Wort und Herkunft

Das altnordische draugr (Plural draugar) bezeichnet einen Wiedergänger, einen Toten, der in seinem eigenen Körper unter den Lebenden umgeht. Sprachwissenschaftler führen das Wort auf ein germanisches *draugaz zurück, das mit Täuschung und Trugbild zu tun hat. Verwandt sind unser Trug und trügen, im Althochdeutschen gab es gitrog für Trugbild oder Gespenst. Wie die Grundbedeutung genau zu fassen ist, bleibt offen, sicher ist die Verwandtschaft mit der Wortfamilie des Trügens.

Bemerkenswert: In den Sagas ist draugr gar nicht das häufigste Wort. Öfter heißt es, ein Toter „gehe wieder“, und der Begriff dafür lautet aptrganga, wörtlich „Wiedergang“. Glámr wird in der Grettis saga eher als troll und Unhold bezeichnet als ausdrücklich als Draugr. Dass wir all diese Toten heute unter „Draugr“ zusammenfassen, ist zum guten Teil eine Gewohnheit der Forschung und der Popkultur. Das Wort lebt trotzdem weiter: Im Norwegischen meint draug in der Volksüberlieferung vor allem den Geist eines Ertrunkenen, der in einem halben Boot fährt und den Tod ankündigt. Wie fließend die Grenze zwischen Totem, Riesen und Unhold im Altnordischen ist, zeigt unser Artikel über die Trolle.

Entscheidend ist der Körper. Der Draugr ist kein Schatten, der durch Wände schwebt. Er hat Gewicht, übermäßig viel sogar. Man kann ihn packen und zu Fall bringen, und er kann einen Menschen zerdrücken. Deshalb begegnen ihm die Sagahelden mit den Fäusten, nicht mit Gebeten allein.

Haugbúi und aptrganga: Hügelbewohner und Wiedergänger

Seit Nora K. Chadwicks Aufsatz von 1946 unterscheidet die Forschung gern zwei Grundformen. Der haugbúi, der „Hügelbewohner“ (von haugr, Grabhügel, und búi, Bewohner), bleibt in seinem Grab, sitzt auf seinen Schätzen und wird erst gefährlich, wenn jemand bei ihm einbricht. Die aptrganga verlässt das Grab und sucht die Lebenden auf: Sie reitet auf Dächern, tötet Vieh, bringt Krankheit und leert ganze Höfe.

Der Unterschied ist auch einer der Moral. Der Hügelbewohner verteidigt, was ihm gehört, wer zu ihm hinabsteigt, ist der Eindringling. Der Wiedergänger greift an, ohne gestört worden zu sein. Und nicht jeder Tote im Hügel ist böse: In der Edda kehrt der tote Helgi zu seinem Grabhügel zurück, und Sigrún verbringt eine Nacht mit ihm (Helgi und Sigrún). Hervör weckt ihren toten Vater Angantýr im Hügel, um ihm das Schwert Tyrfingr abzuringen (Hervör weckt den Toten). Der Hügel ist im Norden eine Art Wohnung, in der der Tote weiter anwesend ist. Wie man die Toten mit Schiff, Pferd und Beigaben hineinlegte, erklären wir unter Tod und Jenseits im Norden.

Kárr der Alte: Grettirs Hügelraub

Den klassischen Hügelbewohner liefert die Grettis saga in Kapitel 18, und zwar in Norwegen. Grettir ist auf der Insel Haramsey zu Gast beim Bauern Þorfinnr und sieht nachts auf einer Landzunge ein Feuer aufflackern. Dort, erfährt er, liegt Þorfinns Vater Kárr der Alte im Hügel, und das Feuer zeigt den Schatz an.

Grettir gräbt sich bis zum Gebälk der Grabkammer durch und lässt sich am Seil hinab. In der Finsternis findet er Pferdeknochen, dann einen Hochsitz, darauf einen Toten, umgeben von Gold und Silber. Als er den Schatz zum Seil trägt, packt ihn der Tote. Sie ringen, bis alles in der Kammer zu Bruch geht und der Hügelbewohner rücklings über die Pferdeknochen stürzt. Grettir schlägt ihm mit dem Kurzschwert den Kopf ab und legt ihn ihm an den Hintern. Das altnordische Wort ist þjó, Gesäß oder hintere Oberschenkelpartie; Magnússon und Morris übersetzten es 1869 dezent mit „thigh“.

Den Schatz legt Grettir dem Sohn des Toten auf den Tisch. Þorfinnr bleibt gelassen: Geld, das in Erde oder Hügel verborgen liege, sei schlecht verwahrt. Das Kurzschwert aus dem Grab behält er aber, bis Grettir es sich durch eine Heldentat verdient. Der Schatz gehört den Lebenden, und wer den Toten bezwingt, beweist vor allem seinen Mut.

Glámr: der Schafhirte, der nicht im Grab blieb

Die große Wiedergänger-Erzählung beginnt in Kapitel 32. Auf dem Hof Þórhallsstaðir im Forsæludalr, einem Seitental des Vatnsdalr in Nordisland, spukt es, kein Schafhirte hält es dort aus. Der Bauer Þórhallr fragt auf dem Allthing den Gesetzessprecher Skapti Þóroddsson um Rat, und der empfiehlt ihm Glámr, einen Schweden aus Sylgsdalir: riesig, mit grauen, aufgerissenen Augen und wolfsgrauem Haar, furchtlos, aber mürrisch und ein Feind des Kirchengesangs.

Am Weihnachtsabend verlangt Glámr Essen, obwohl gefastet wird, und spottet, die Sitten seien besser gewesen, als die Leute noch Heiden hießen. Dann zieht er mit den Schafen in einen Schneesturm und kommt nicht zurück. Man findet ihn tot, und die Saga beschreibt ihn mit einer Formel, die in der Sagaliteratur wiederkehrt: blár sem hel en digr sem naut, „blau wie Hel und dick wie ein Ochse“. Hel ist hier zugleich Totenwelt und Farbe des Todes, mehr dazu im Artikel über Hel.

Man will Glámr zur Kirche bringen, doch der Leichnam wird so schwer, dass die Träger nur bis zu einer Schluchtkante kommen. Auch Zugpferde bewegen ihn nicht, sobald es nicht mehr bergab geht. Also begräbt man ihn an Ort und Stelle. Kurz nach Weihnachten reitet er nachts auf den Dächern, dass die Balken fast brechen.

Kapitel 33 erzählt die Eskalation. Ein neuer Hirte, Þorgautr, verspottet den Spuk und liegt am nächsten Weihnachtstag tot bei Glámrs Grab, mit gebrochenem Genick und zerschlagenen Knochen. Der alte Rinderhirt wird mit gebrochenem Rückgrat im Stall gefunden, das Vieh getötet, Höfe veröden, die Tochter des Bauern stirbt. Dass der Spuk sich zu Weihnachten verdichtet, passt zu einer Zeit, in der die Toten nahe schienen, wie wir auch bei der Ahnenverehrung zu Jul zeigen.

Der Ringkampf im Mondlicht

In Kapitel 34 hört Grettir davon und reitet nach Þórhallsstaðir. In der ersten Nacht bricht Glámr seinem Pferd das Rückgrat. In der dritten Nacht, Kapitel 35, liegt Grettir in einen Fellmantel gewickelt auf einer Bank. Glámr kommt herein, so groß, dass er sich unter dem Dach strecken muss, und zerrt am Mantel. Sie ringen durch die ganze Halle, alles zerbricht, Glámr will hinaus, Grettir stemmt sich dagegen, bis beide durch die Tür ins Freie stürzen, Glámr rücklings, Grettir auf ihm.

Dann reißen die Wolken auf, Glámr starrt zum Mond, und dieser Blick lähmt Grettir. Glámr spricht seinen Fluch, hier in eigener Übertragung nach der gemeinfreien englischen Übersetzung von Magnússon und Morris (1869):

Die Kraft, die du bis heute hast, kann ich dir nicht mehr nehmen. Aber stärker als jetzt wirst du nie. Bisher hast du Ruhm erworben, von nun an werden Unrecht und Totschlag dich treffen. Geächtet wirst du sein und allein draußen leben. Und meine Augen sollst du immer vor dir sehen, das wird dir das Alleinsein schwer machen und dich in den Tod ziehen.Grettis saga, Kap. 35, eigene Übertragung nach Magnússon/Morris 1869

Danach haut Grettir Glámr den Kopf ab und legt ihn ihm an den Hintern. Mit Þórhallr verbrennt er den Leichnam zu kalter Asche, die sie in einer Tierhaut weit draußen vergraben, wo am wenigsten Menschen und Vieh vorbeikommen.

Der Fluch erfüllt sich. Grettir wird so dunkelheitsscheu, dass er nachts nicht mehr allein hinausgeht. Die Saga leitet daraus eine Redensart ab: Wer Dinge anders sieht, als sie sind, dem „leiht Glámr die Augen“. Grettir wird geächtet, lebt fast zwanzig Jahre als Ausgestoßener und stirbt auf der Insel Drangey. Der Held gewinnt den Kampf und verliert sein Leben trotzdem an den Toten. Einen Überblick über diese und andere Sagas findest du bei den Isländersagas im Überblick.

Þórólfr Krummfuß: der Leichnam, der nicht gehen will

Die Eyrbyggja saga, entstanden um die Mitte des 13. Jahrhunderts, erzählt gleich mehrere Wiedergänger-Geschichten. Þórólfr bægifótr, „Krummfuß“, ist ein streitsüchtiger alter Mann, der sich mit allen anlegt, auch mit seinem Sohn Arnkell. Nach einem verlorenen Streit setzt er sich auf seinen Hochsitz, spricht kein Wort, isst nichts und ist am Morgen tot, aufrecht sitzend (Kap. 33).

Arnkell nähert sich ihm von hinten, um ihm nicht ins Gesicht zu sehen, und erweist ihm die nábjargir, den Totendienst: Augen, Nase und Mund werden geschlossen. Dann lässt er die Wand hinter dem Toten aufbrechen und trägt ihn durch dieses Loch hinaus, nicht durch die Tür. Bestattet wird Þórólfr unter einem Steinhügel im Þórsárdalr.

Es hilft nichts. Die Zugochsen werden wie von Trollen geritten, Vieh nahe dem Grab wird toll und stirbt. In Kapitel 34 liegt ein Hirte tot am Hügel, kohlschwarz, mit gebrochenen Knochen, und Vögel, die sich aufs Grab setzen, fallen tot herab. Arnkell bettet den Vater schließlich auf eine Landzunge um, die seither Bægifótshöfði heißt, und lässt eine Mauer um das Grab ziehen. Solange Arnkell lebt, ist Ruhe.

Nach Arnkells Tod beginnt der Spuk erneut. In Kapitel 63 öffnet Þóroddr Þorbrandsson das Grab und findet den Leichnam unverwest, wieder „blau wie Hel und dick wie ein Ochse“. Man wälzt ihn zum Strand und verbrennt ihn, doch die Asche verweht. Eine Kuh leckt an den Steinen, auf die sie gefallen ist, und bringt ein Stierkalb zur Welt, Glæsir, das am Ende Þóroddr tötet. Das Böse findet immer noch einen Weg.

Die Wunder von Fróðá und das Gericht an der Tür

Noch dichter sind die Fróðá-Wunder (Kap. 50–55). Auf den Hof Fróðá kommt Þórgunna, eine reiche, rätselhafte Frau von den Hebriden. Ein Blutregen fällt aufs Heu, Þórgunna stirbt und verfügt, ihr prächtiges Bettzeug zu verbrennen. Die Hausherrin Þuríðr will es behalten, ihr Mann Þóroddr gibt nach. Auf dem Weg zur Bestattung in Skálholt erscheint die Tote nackt und bereitet ihren Trägern ein Mahl. Sie schadet niemandem, aber ihr Wille ist missachtet.

Dann beginnt das Sterben. An der Wand erscheint ein unheimlicher Mond, der urðarmáni, ein Todesvorzeichen. Ein Hirte stirbt und kehrt wieder, nach ihm Þórir mit dem Holzbein und weitere Hausleute. Þóroddr ertrinkt mit seinen Männern auf See. Beim Totenmahl kommen die Ertrunkenen tropfnass herein und setzen sich ans Feuer, von der anderen Seite die erdverkrusteten Toten vom Friedhof. Abend für Abend wiederholt sich das, bis Kjartan, der Sohn des Hauses, zu seinem Onkel Snorri goði auf Helgafell reitet.

Snorris Rat ist zutiefst isländisch: Das Bettzeug soll verbrannt werden, ein Priester soll kommen, und man soll gegen die Toten einen duradómr halten, ein Türgericht. Die Toten werden einzeln vorgeladen und angeklagt, unbefugt im Haus umzugehen und den Lebenden Leben und Gesundheit zu rauben. Zeugen werden benannt, Urteile gesprochen.

Und die Toten fügen sich. Einer nach dem anderen steht auf und geht, jeder mit einem knappen Satz. Þórir mit dem Holzbein sagt sinngemäß: „Ich saß hier, solange man sitzen konnte.“ Þóroddr meint, hier gebe es wohl wenig Frieden, also gingen sie alle anderswohin. Dann trägt der Priester Weihwasser durch das Haus, und der Spuk endet. John D. Martin hat 2005 gezeigt, wie eng diese Szene mit Rechtsvorstellungen verknüpft ist: Der Spuk wird nicht nur ausgetrieben, er wird verhandelt. Wie sehr das Recht diese Gesellschaft prägte, zeigt auch die Njáls saga.

Hrappr und Gunnarr: böse und fröhliche Tote

In der Laxdæla saga verlangt der gewalttätige Víga-Hrappr, aufrecht stehend in der Tür seiner Feuerhalle begraben zu werden, um sein Haus besser zu überwachen (Kap. 17). Danach geht er so schlimm um, dass er die meisten seiner Leute tötet und der Hof verödet. Höskuldr lässt ihn umbetten, was nur mildert. Erst Óláfr pái stellt ihn in Kapitel 24 am Viehstall. Hrappr packt den Speer und bricht den Schaft. Óláfr lässt das Grab öffnen, findet den Leichnam unverwest, lässt ihn verbrennen und die Asche ins Meer streuen.

Ganz anders der tote Gunnarr von Hlíðarendi in der Njáls saga (Kap. 78, in Dasents englischer Zählung 77). Er wurde sitzend im Hügel bestattet. Eines Abends sehen Skarpheðinn und Gunnars Sohn Högni den Hügel offen, vier Lichter brennen, Gunnarr hat sich dem Mond zugewandt, sein Gesicht ist fröhlich, und er spricht eine Strophe: lieber sterben als weichen. Gunnarr bedroht niemanden, er mahnt zur Rache. Der Tote im Hügel war nicht automatisch ein Monster. Gefährlich machte ihn sein Charakter.

Wer wird zum Draugr?

Nebeneinander gelesen zeigen die Sagas ein Muster, auch wenn es nirgends als Regel formuliert ist. Wiedergänger werden vor allem Menschen, die schon im Leben unverträglich, habgierig oder gewalttätig waren: Þórólfr der Zänker, Hrappr der Totschläger, Glámr der heidnisch spottende Außenseiter. Dazu kommen unruhige Tode und fehlende Ordnung: Glámr kann nicht in geweihter Erde liegen, Þórgunnas Wille wird missachtet, die Ertrunkenen von Fróðá haben kein Grab.

Ármann Jakobsson hat darauf hingewiesen, dass die mittelalterlichen Isländer ihre Toten nicht sauber sortierten: Ein Wiedergänger ist mal Monster, mal Wächter, mal trauriger Rest einer Person. Gemeinsam ist ihnen etwas Unerledigtes, ein Besitz, ein Groll, ein Anspruch. Wohin die Toten eigentlich gehen sollten, beleuchten wir in Walhall, Hel, Folkvangr: Wohin kamen die Toten?

Wie man einen Draugr loswird: Abwehr in den Sagas

Die Logik ist konkret. Das Wandloch soll dem Toten den Rückweg verbergen, der verlegte Kopf den Körper unbrauchbar machen, das Feuer ihn auslöschen. Der Draugr ist ein Problem des Körpers, also wird der Körper behandelt.

Was die Archäologie sagt und was nicht

Die Sagas wurden rund dreihundert Jahre nach den geschilderten Ereignissen aufgeschrieben. Gab es die Angst vor Wiedergängern schon in der Wikingerzeit? Hier bleiben wir vorsichtig.

Archäologen sprechen von deviant burials, abweichenden Bestattungen: Tote in Bauchlage, mit Steinen beschwert oder mit abgetrenntem Kopf. Leszek Gardeła hat 2009 eine Reihe skandinavischer Gräber der späten Eisen- und Wikingerzeit zusammengestellt, vor allem aus Dänemark, einige aus Schweden und Island, in denen Tote mit Steinen niedergehalten wurden, etwa ein Mann in Bauchlage mit zwei Steinen auf dem Körper aus Bogøvej auf Langeland.

Gesicherter Befund: das Grab von Gerdrup. Bei Gerdrup nördlich von Roskilde wurde 1981 ein Doppelgrab des 9. Jahrhunderts ausgegraben. Eine Frau lag mit einem Speer im Grab, auf ihr zwei große Steine, einer auf der Brust, einer auf dem Bein. Neben ihr lag ein Mann, der offenbar vor der Bestattung getötet worden war. Lange galt das Grab als „Herr und Sklave“ an einem abgelegenen Ort. Neue DNA-Analysen (Kastholm und Margaryan 2021) zeigen jedoch Mutter und Sohn, und das Grab gehörte zu einem kleinen Friedhof an einer Furt.

Die Steine auf der Frau sind real. Ob sie ihre Wiederkehr verhindern sollten oder etwas anderes bedeuteten, lässt sich aus dem Befund allein nicht ablesen. Gardeła fragt selbst, ob solche Tote Verbrecher, Zauberkundige oder ganz gewöhnliche Menschen waren. Die Sagas liefern ein Deutungsangebot, keine Grabungsanleitung.

Mythos-Check: „Die Wikinger köpften ihre Toten, damit sie nicht zurückkommen.“ So pauschal ist das nicht belegt. Die allermeisten Gräber zeigen eine normale, oft sehr sorgfältige Bestattung. Abweichende Gräber sind selten, ihre Deutung als Draugr-Abwehr ist eine Möglichkeit unter mehreren. Der Kopf am Gesäß ist ein Motiv der Sagas, kein durch Funde bestätigter Brauch.

Auch beim Aussehen hilft ein nüchterner Blick. Paul Barber hat 1988 gezeigt, dass viele Merkmale europäischer Wiedergänger-Berichte dem natürlichen Zerfall einer Leiche entsprechen: Aufblähen durch Fäulnisgase, dunkle Verfärbung, scheinbar frisches Aussehen bei Kälte. „Blau wie Hel und dick wie ein Ochse“ beschreibt nüchtern gelesen einen aufgedunsenen, verfärbten Toten. Das ist moderne Deutung, aber eine, die gut zu den Texten passt.

Draugr und Vampir: Verwandte, keine Zwillinge

Oft heißt der Draugr „nordischer Vampir“. Die Ähnlichkeiten sind echt: ein körperlicher Toter, der Lebende schädigt, unverwest gefunden und schließlich verbrannt wird. Der Vampir im engeren Sinn stammt aber aus der Volksüberlieferung Südost- und Osteuropas, das Wort gelangte erst im frühen 18. Jahrhundert über Berichte aus Serbien ins Deutsche. Sein Markenzeichen ist das Blut. Davon ist in den isländischen Sagas nicht die Rede. Der Draugr erwürgt, zerdrückt, bricht Knochen und verwüstet Höfe. Knoblauch und Pfahl spielen keine Rolle, eher Fäuste, Schwert, Feuer und ein ordentliches Gericht.

Vom Sagahof nach Skyrim

Berühmt wurde der Draugr in unserer Zeit vor allem durch das Spiel The Elder Scrolls V: Skyrim (2011), in dem mumifizierte Krieger in Grabanlagen lauern und in Gruppen über Abenteurer herfallen. Grabhügel, Schätze und Kampf in der Finsternis stammen aus den Sagas, die Horden nicht: In den Quellen ist ein Draugr fast immer ein Einzelner mit Namen, Lebensgeschichte und Motiv. Schon Tolkiens Grabunholde sind von Hügelbewohnern wie Kárr angeregt, wie die Forschung vermutet, mehr dazu bei Tolkien und die Edda.

Wer an den Draugr denkt, sollte sich Glámr vor Augen halten: einen Menschen, der einsam starb, nicht in geweihter Erde liegen durfte und seinen Bezwinger mit der Angst vor der Dunkelheit verfluchte. Für die Zuhörer im isländischen Winter war das ein Nachdenken darüber, was ein Toter den Lebenden schuldig bleibt und was die Lebenden ihm.

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Häufige Fragen

Was ist ein Draugr? Ein Toter der altnordischen Überlieferung, der in seinem eigenen Körper aus dem Grab zurückkehrt. Er ist schwer, stark und dunkel verfärbt und schadet Menschen und Vieh.

Was ist der Unterschied zwischen Draugr und Haugbúi? Der Haugbúi bleibt in seinem Grabhügel und verteidigt seinen Schatz gegen Eindringlinge. Der Wiedergänger (aptrganga) verlässt das Grab und sucht die Lebenden auf.

Wie besiegt man einen Draugr? In den Sagas wird er im Ringkampf bezwungen, enthauptet, der Kopf ans Gesäß gelegt und der Körper verbrannt. Vorbeugend trug man gefährliche Tote durch ein Wandloch hinaus.

Ist ein Draugr ein Vampir? Nein. Beide sind körperliche Wiedergänger, aber der Draugr trinkt in den Sagas kein Blut. Der Vampir stammt aus Südosteuropa und wurde im Westen erst im 18. Jahrhundert bekannt.

Welcher ist der berühmteste Draugr? Glámr aus der Grettis saga, Kapitel 32 bis 35, den Grettir im Mondlicht besiegt und der ihn mit Furcht vor der Dunkelheit verflucht.

Gab es den Draugr-Glauben schon in der Wikingerzeit? Die Sagas stammen aus dem 13. und 14. Jahrhundert. Gräber mit Steinbeschwerung wie in Gerdrup zeigen eine besondere Behandlung mancher Toter, ob aus Angst vor Wiederkehr, ist nicht sicher.

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