Kaiser Barbarossa sitzt im Kyffhäuser, das Haupt auf den Tisch gestützt, der Bart durch die Steinplatte gewachsen, und wartet, bis er einst wiederkehrt. Die Sage kennt jeder – aber woher kommt sie? Ihre Wurzel reicht in einen sehr alten Glauben der Germanen: Die Toten sterben nicht ins Nichts, sondern gehen in die Berge ein. Ein Streifzug von den Isländersagas bis in deutsche Sagenlandschaften.
In den altnordischen Quellen ist es eine vertraute Vorstellung: Nach dem Tod zieht die Seele nicht in die Ferne, sondern in den heiligen Berg der Sippe. Die Eyrbyggja saga erzählt von Thorstein, der beim Fischen ertrinkt. Am selben Abend sieht ein Schafhirte, wie sich der Berg Helgafell öffnet: Drinnen brennen Feuer, es klingen Hörner, und man hört, wie Thorstein begrüßt wird und sich seinem Vater gegenüber auf den Hochsitz setzen soll.
„Er sah, wie sich der Berg öffnete; drinnen brannten große Feuer, und er hörte, dass Thorstein begrüßt wurde und ihm der Sitz gegenüber dem Vater bestimmt sei." nach der Eyrbyggja saga, Kap. 11 (gemeinfreie Übersetzungstradition)
Ähnlich die Njáls saga: In einem Traum sieht Flosi, wie sich ein Berg auftut und ein Mann heraustritt, der seine Leute beim Namen ruft – wer gerufen wird, ist dem Tod verfallen. Und das Landnámabók berichtet, dass ganze Geschlechter glaubten, nach dem Tod in bestimmte Berge entrückt zu werden. Der Berg ist hier kein Grab, sondern eine Halle: der Ort, an dem die Ahnen weiterleben.
Genau dieses Bild – der Mächtige, der im Berg weiterlebt und wartet – kehrt in den deutschen Sagen wieder, nur ins Heroische gewendet. Am berühmtesten ist Friedrich Barbarossa (ursprünglich sogar Friedrich II.) im Kyffhäuser, umflattert von Raben, der dereinst wiederkehren soll, wenn das Reich ihn braucht. Widukind, der Sachsenführer, soll in einem Hügel bei einem westfälischen Dorf ruhen. In Britannien wartet König Artus im Cadbury Hill.
Und der Westgotenkönig Alarich hat die ungewöhnlichste Ruhestätte von allen: Er wurde der Sage nach mit reichen Schätzen in einer Gruft im Flussbett des Busento bestattet – man leitete den Fluss kurz um und ließ ihn dann wieder darüberströmen. Der genaue Ort ist bis heute unbekannt.
Manchmal bleibt es nicht bei einem einzelnen Schläfer. Die Chronik von Ursberg berichtet, man habe 1223 bei Worms eine Schar bewaffneter Krieger aus einem Berg treten und nach Stunden wieder darin verschwinden sehen. Ein Mann fasste sich ein Herz und sprach einen an – zur Antwort erhielt er, sie alle seien Geister gefallener Ritter. Hier berührt sich der Berg-Glaube mit der Wilden Jagd, dem Heer der Toten, das gerade in den Rauhnächten durch das Land zieht.
Der schlafende König ist am Ende ein tröstliches Bild. Er ist nicht ausgelöscht, sondern nur verborgen – abwesend und doch anwesend, bereit, wiederzukehren. Darin steckt dieselbe Grundüberzeugung wie im alten Totenglauben: dass der Tod eine Schwelle ist, kein Abgrund, und dass die Großen der Vergangenheit mit uns verbunden bleiben. Kein Wunder, dass diese Sage in fast jeder deutschen Landschaft ihren eigenen Berg gefunden hat.
Die Berg-Episoden stehen so in den Texten: Thorsteins Einzug in den Helgafell (Eyrbyggja saga, Kap. 11), Flosis Traum (Njáls saga) und die Berg-Entrückung ganzer Sippen (Landnámabók). Die Kyffhäuser-Sage um Barbarossa ist als deutsche Sage (u. a. bei den Brüdern Grimm) breit überliefert; Alarichs Busento-Grab berichtet schon der Gotenhistoriker Jordanes; die Kriegergeister bei Worms 1223 stehen in der Chronik von Ursberg.
Der „schlafende König" ist überwiegend mittelalterliche und jüngere Sagenbildung, nicht wikingerzeitliche Religion. Die Kyffhäuser-Erwartung heftete sich erst spät an Barbarossa (zunächst galt sie Friedrich II.); Widukind im Hügel ist Legende, keine Geschichte. Auch der altnordische „Seelen gehen in den Berg"-Glaube ist aus isländischen Quellen rekonstruiert und war wohl regional. Sicher ist: Das Motiv ist alt, weit verbreitet – und erzählt mehr über die Hoffnung der Lebenden als über nachprüfbare Fakten.

Die Wilde Jagd · Rauhnächte & Mütternacht · Hel – Göttin und Totenreich · Wie die Germanen ihre Toten ehrten · Das Opfermoor von Oberdorla.