Zwischen den Jahren liegt eine Zeit, die anders tickt: die Rauhnächte, die Zwölf Nächte um die Wintersonnenwende. Die Welt hält den Atem an, die Grenzen zwischen Diesseits und Anderswelt gelten als durchlässig, und ein uralter Name taucht auf – die Mütternacht, Modranecht. Was steckt hinter den zwölf Nächten, was ist belegt, und was hat das Rheinland damit zu tun?
Die Rauhnächte sind die zwölf Nächte, die grob zwischen der Wintersonnenwende beziehungsweise dem Julfest und dem 6. Januar liegen. Eine verbreitete Deutung erklärt sie aus dem Kalender selbst: Das Mondjahr aus zwölf Monden ist rund elf Tage kürzer als das Sonnenjahr. Diese „überzähligen" Tage – die Differenz zwischen Mond- und Sonnenjahr – gelten als eine Zeit außerhalb der normalen Ordnung. Zeit, die nicht ganz dazugehört, wird leicht zur Zeit der Geister.
Entsprechend ranken sich Bräuche darum: räuchern, um Haus und Hof zu reinigen; nichts Wäsche aufhängen, damit sich niemand darin verfängt; in die Zukunft schauen. Und über dem Ganzen zieht in vielen Gegenden die Wilde Jagd durch den nächtlichen Himmel.
Der solideste alte Beleg für ein Fest in dieser dunklen Zeit steht bei Beda. Um 725 berichtet der angelsächsische Gelehrte, dass seine heidnischen Vorfahren die Nacht vor dem 25. Dezember modraniht nannten – „Nacht der Mütter". Sie war der Auftakt ihres Jahres. Wer diese „Mütter" waren, sagt Beda nicht; naheliegend ist eine Verbindung zu weiblichen Schutzmächten – den Dísir des Nordens und den Matronen des Kontinents.
„Die Nacht, die wir heilig halten, nannten sie mit dem Wort modranecht, das heißt Nacht der Mütter." nach Beda, De temporum ratione, Kap. 15 (gemeinfrei)
Hier schließt sich ein schöner Bogen in unsere Gegend: Im Rheinland – rund um Köln, Bonn und Aachen – sind aus römischer Zeit Hunderte von Weihesteinen für die „Matronae" erhalten, mütterliche Göttinnen, meist zu dritt dargestellt. Die Verehrung mütterlicher Schutzmächte war also gerade hier zuhause, direkt vor unserer Haustür.
So stimmungsvoll die Rauhnächte sind – man sollte sie nicht für ein unverändertes Wikinger-Ritual halten. Die feste Zwölfzahl, die Zuordnung „jede Nacht steht für einen kommenden Monat", das Räucher-Ritual in seiner heutigen Form: Vieles davon ist frühneuzeitliches und besonders alpenländisches Volksbrauchtum. Sicher alt ist der Kern – die Mütternacht bei Beda, die Dunkelzeit um die Sonnenwende, die Vorstellung durchlässiger Grenzen. Um die Sonnenwende selbst auf die Minute zu bestimmen, hilft dir übrigens unser germanischer Mondkalender.
Die Mütternacht (modraniht) ist durch Beda, De temporum ratione (Kap. 15), für die Nacht vor dem 25. Dezember belegt, als Auftakt des angelsächsischen Jahres. Der Matronenkult im Rheinland ist durch Hunderte römerzeitliche Weihesteine gesichert (regionaler Bezug Köln/Bonn/Aachen). Die Zwölf Nächte als Ausgleichszeit zwischen Mond- und Sonnenjahr sind eine verbreitete, plausible Deutung. Die Wilde Jagd ist ein weit verbreiteter, gut dokumentierter Volksglaube.
Das ausgefeilte Rauhnächte-System – zwölf Nächte, jede ein Orakel für einen Monat, feste Räucher- und Verhaltensregeln – ist überwiegend jüngeres, oft alpenländisches Volksbrauchtum und lässt sich nicht als geschlossenes wikingerzeitliches Ritual belegen. Auch das Wort „Rauhnächte" ist spät. Belegt und alt ist vor allem die Mütternacht bei Beda und die allgemeine Bedeutung der Dunkelzeit um die Sonnenwende. Wer die Rauhnächte feiert, pflegt echtes, gewachsenes Brauchtum – nur eben nicht in jeder Einzelheit ein Erbe der Wikinger.

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