Wenn dicke Flocken fallen, sagt man in vielen Gegenden bis heute: „Frau Holle schüttelt die Betten." Ein harmloser Kinderspruch – und zugleich der letzte, leise Nachhall einer uralten Göttin. Hinter dem Grimm-Märchen steckt mehr als eine fleißige und eine faule Magd.
Frau Holle ist eine der spannendsten Gestalten des deutschen Volksglaubens: halb Märchenfigur, halb vergessene Herrin über Winter, Spinnrad und Totenreich – und untrennbar verbunden mit einem Baum am Gartenzaun und mit zwei Brüdern, die das alte Wissen vor dem Vergessen retteten.
In den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (Nr. 24, ab 1812) fällt ein fleißiges Mädchen in einen Brunnen und gelangt in die Anderswelt der Frau Holle. Dort schüttelt es ihre Federbetten, „dass die Federn fliegen" – und auf der Erde schneit es. Fleiß wird mit Gold belohnt, Faulheit mit Pech bestraft. Schon Jacob Grimm notierte den Kern: Wenn Frau Holle ihr Bett aufschüttelt, schneit es in der Welt. Der Winter selbst gehorcht ihr.
In seiner Deutschen Mythologie (1835) deutete Jacob Grimm Frau Holle als Überbleibsel einer vorchristlichen Göttin: Holda, „die Gnädige, Holde" (zu althochdeutsch huld – gütig, zugewandt). Sie ist Herrin des Hauses und der Frauenarbeit, vor allem des Spinnens und des Flachses; sie wacht über die Kinder – die geborenen wie die ungeborenen – und über die Toten; und sie zieht in den Winternächten an der Spitze der Wilden Jagd durch die Lüfte. In dieser Doppelnatur – mütterlich gütig zum Fleißigen, streng zum Faulen – ähnelt sie stark der spinnenden Frigg und der Liebes- und Totengöttin Freyja.
Und jetzt kommt das Überraschende: Der älteste schriftliche Beleg für Holda stammt nicht von ihren Verehrern, sondern von ihren Gegnern. Um 906 verurteilte der Canon Episcopi (Regino von Prüm) Frauen, die glaubten, nachts mit der Göttin Diana durch die Lüfte zu reiten. Rund hundert Jahre später ergänzte Burchard von Worms in seinem Decretum (um 1010) genau an dieser Stelle den Namen Holda. Der Glaube an eine übernatürliche Frau, die mit einem Gefolge durch die Nacht zieht, war also im Rheinland und Hessen um das Jahr 1000 lebendig – und wurde von der Kirche als heidnischer Aberglaube gebrandmarkt. Damit ist Holda Jahrhunderte vor den Grimms bezeugt.
Regional trägt dieselbe Gestalt verschiedene Namen. In Mitteldeutschland ist es Frau Holle, im süddeutsch-alpinen Raum Perchta (Berchta), im Norden Frau Gode oder Wode – ein Name, der direkt auf Wodan verweist. Alle sind mit den zwölf Rauhnächten zwischen den Jahren verbunden: In dieser Zeit ruht die Spindel, das Haus wird geräuchert, und man tut gut daran, Ordnung zu halten – denn Holle und Perchta prüfen, wer fleißig war. Bis heute laufen in den Alpen zu Dreikönig die furchterregenden Perchten um.
Kaum ein Baum ist so eng mit ihr verwoben wie der Holunder. Der Volksglaube verband den „Holler" oder „Hollerbusch" direkt mit Frau Holle: In ihm wohne eine schützende Frau, in Dänemark und England die Hyldemoer, die „Holundermutter". Wer einen Holunder fällen wollte, musste ihn erst um Erlaubnis bitten und den Hut ziehen – sonst drohte Unglück. Ein Holunder neben der Haustür galt als Schutz für Hof und Familie. Ob der Baumname sprachlich wirklich auf Holda zurückgeht, ist umstritten; der Volksglaube aber machte den Holunder zweifelsfrei zu ihrem heiligen Strauch. Wer heute Holunderblütensirup ansetzt, pflückt an einem alten Götterbaum.
Dass wir all das noch wissen, verdanken wir vor allem Jacob und Wilhelm Grimm. Die beiden sammelten nicht nur Märchen – Jacob Grimm versuchte in seiner Deutschen Mythologie, aus Märchen, Bräuchen, Ortsnamen und „Aberglauben" die verschüttete Götterwelt der heidnischen Germanen zu rekonstruieren. Seine Grundidee: Im Volksmärchen und im ländlichen Brauch haben Bruchstücke des alten Glaubens die christlichen Jahrhunderte überdauert – getarnt, verkleinert, aber lebendig. Frau Holle war für ihn das Paradebeispiel einer Göttin, die als Kinderfrau überlebte.
Ehrlich bleibt anzumerken: Grimm war ein Kind der Romantik und hat manche Verbindung kühner gezogen, als die Quellen hergeben – nicht jede Märchenfigur ist eine verkappte Gottheit. Die heutige Forschung ist vorsichtiger. Doch als Sammler und Deuter haben die Grimms unzählige Motive gerettet, die sonst spurlos verschwunden wären. Ohne sie wüssten wir von Holda kaum mehr als eine Zeile bei Burchard von Worms.
Die alte Göttin lebt weiter, wo man sie am wenigsten vermutet: im Schnee-Spruch der Großeltern, im Holunder am Zaun, im Holundersaft, in den wieder populären Rauhnächten und in den alpinen Perchtenläufen. Aus der Herrin über Leben, Winter und Tod wurde eine freundliche Märchen-Oma – aber ihr Kern blieb erhalten. Genau das ist das Faszinierende am germanischen Erbe: Es ist nie ganz verschwunden. Es hat sich nur gut versteckt.

Frigg & der Freitag · Freya · Die Wilde Jagd · Odin / Wodan · Altgermanische Feste · Nerthus.
Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen (Nr. 24, gemeinfrei); Jacob Grimm, Deutsche Mythologie (1835, gemeinfrei); Canon Episcopi (Regino von Prüm); Burchard von Worms, Decretum (Buch der „Corrector"); Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; Volkskunde zum Holunder (Hyldemoer). Bild: Otto Ubbelohde, gemeinfrei (Wikimedia Commons).