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Die Brüder Grimm – nur Märchen, oder steckt mehr dahinter?

Aufklärung Herbstlicher Birkenwald – Sinnbild für die Märchenwelt der Brüder Grimm

Die meisten kennen die Brüder Grimm als die zwei freundlichen Herren hinter Rotkäppchen und Aschenputtel. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Jacob und Wilhelm Grimm waren zwei der bedeutendsten Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts – und ihre Märchen sind ein Fenster in eine viel ältere Welt. Steckt in unseren Kindergeschichten heimlich das Erbe der alten Götter?

Nicht nur Märchen: zwei Gelehrte von Weltrang

Jacob (1785–1863) und Wilhelm (1786–1859) Grimm veröffentlichten 1812 die erste Auflage der Kinder- und Hausmärchen. Doch das war nur ein Teil ihres Werks. Jacob Grimm begründete mit seiner Deutschen Grammatik (ab 1819) die vergleichende Sprachwissenschaft – nach ihm ist die Erste Lautverschiebung benannt, das „Grimmsche Gesetz", das erklärt, warum aus lateinisch pater deutsch Vater und englisch father wurde. Gemeinsam begannen die Brüder das monumentale Deutsche Wörterbuch (ab 1838) – ein Werk, das erst 1961, mehr als hundert Jahre später, vollendet wurde.

Sie waren auch aufrechte Männer: Als Professoren in Göttingen gehörten sie 1837 zu den „Göttinger Sieben", die gegen den Verfassungsbruch des Königs von Hannover protestierten – und dafür ihre Ämter verloren. Wer die Grimms nur für Märchenonkel hält, unterschätzt sie gewaltig.

Doppelporträt von Wilhelm und Jacob Grimm, gemalt von Elisabeth Jerichau-Baumann 1855
Wilhelm (links) und Jacob Grimm, gemalt von Elisabeth Jerichau-Baumann (1855). Nicht nur Märchensammler, sondern Sprachforscher von Weltrang. Gemeinfrei, Alte Nationalgalerie / Wikimedia Commons.

Die Jagd nach der verlorenen Mythologie

Jacob Grimms größtes Forschungsprojekt war die Suche nach dem verschütteten Glauben der heidnischen Germanen. In seiner Deutschen Mythologie (1835) trug er alles zusammen, was er greifen konnte: Märchen, Bräuche, Ortsnamen, Rechtsformeln, „Aberglauben". Seine Leitidee: Die alten Götter sind nach der Christianisierung nicht spurlos verschwunden – sie sanken hinab ins Volksmärchen, in den ländlichen Brauch, in die Redensart. Was einst ein Gott war, lebt als Fee, als Hexe, als „weise Frau" weiter. Diese „Mythenschule" prägte die Volkskunde für Generationen.

Alte Götter im Kinderzimmer

Und tatsächlich lassen sich in den Märchen erstaunliche Spuren finden:

Frau Holle ist der klarste Fall: Hinter der Märchen-Oma, die durch Bettenschütteln Schnee macht, steht die Göttin Holda/Holle, deren Verehrung schon um das Jahr 1000 von der Kirche als Aberglaube gebrandmarkt wurde. Mehr dazu in unserem Artikel Frau Holle, der Holunder und die alte Göttin.

Dornröschen, die hinter einer Dornenhecke schlafende Prinzessin, ist die zahme Schwester der Walküre Brynhild, die – von Odins Schlafdorn gebannt – hinter einem Wall aus Feuer schläft, bis ein furchtloser Held sie weckt. Die Grimms kannten diese Parallele und nutzten sie sogar als Argument, um Dornröschen als „echt deutsches" Märchen aufzunehmen. Die ganze Sage erzählen wir unter Sigurd, Brynhild & die Nibelungen.

Dazu kommen die spinnenden Frauen (Frau Holle, Rumpelstilzchen, die Nornen am Schicksalsfaden), die geheimnisvollen Wanderer und Alten, in denen mancher einen verblassten Wodan sieht, und die Wilde Jagd, die durch Sagen und Bräuche geistert.

Glanz & Gravur
Aus unserer Manufaktur: die Schieferplatte „Die drei Nornen" – die spinnenden Schicksalsfrauen, deren Faden noch in Frau Holle und im Spinnrad-Märchen nachklingt. Im Shop →

Sind wir mit Göttergeschichten aufgewachsen?

Die ehrliche Antwort lautet: teilweise ja. Wer als Kind Frau Holle, Dornröschen oder die spinnende Königstochter hörte, hat unwissentlich uralte Motive aufgesogen, deren Wurzeln bis in die vorchristliche Zeit reichen. Der germanische Glaube wurde nie einfach „gelöscht" – er hat sich in Bilder und Figuren verkleidet, die bis in unsere Kinderzimmer überdauert haben. Genau das macht die Märchen so tief: Unter der harmlosen Oberfläche schimmert eine viel ältere Schicht.

Was die Grimms wirklich taten – und was nicht

Trotzdem darf man es nicht übertreiben, und die heutige Forschung ist deutlich vorsichtiger als Jacob Grimm. Zwei Dinge sind wichtig:

Erstens war Grimms These, alle Märchen seien „verblasste germanische Mythen", zu weit gegriffen. Viele Märchen sind international: Dieselben Erzähltypen finden sich von Indien bis Irland, sie wanderten über Sprachgrenzen, und einige Stoffe kamen erst spät oder aus literarischen Vorlagen (etwa dem Franzosen Perrault) dazu. Nicht jede Fee ist eine gestürzte Göttin.

Zweitens waren die Grimms keine reinen Aufzeichner. Vor allem Wilhelm überarbeitete die Texte über sieben Auflagen hinweg stark: Er glättete den Stil, entfernte Derbes und Sexuelles, fügte christlich-moralische Töne hinzu und formte die Sammlung zu einem bewusst „deutschen" Nationalwerk der Romantik. Die Kinder- und Hausmärchen sind also kein unberührtes Volksdokument, sondern auch ein gestaltetes Kunstwerk mit einer politischen Botschaft.

Beleg & Quellen. Jacob Grimm, Deutsche Grammatik (1819 ff., „Grimmsches Gesetz" 1822), Deutsche Mythologie (1835), Deutsches Wörterbuch (ab 1838); Kinder- und Hausmärchen (ab 1812, 7 Auflagen bis 1857). Göttinger Sieben (1837). Frau Holle als Holda: mittelalterliche Belege (Burchard von Worms, um 1010). Dornröschen–Brynhild-Parallele: Völsunga saga / Sigrdrífumál. Forschung: internationale Erzähltypen (Aarne-Thompson-Uther), Kritik an der „Mythenschule".
Mythos-Check. Gesichert: Die Grimms waren große Sprachforscher, und einzelne Märchenfiguren tragen nachweisbar vorchristliches Erbe (Frau Holle/Holda, die schlafende Brynhild hinter Dornröschen, die Wilde Jagd). Rekonstruktion und Übertreibung: Jacob Grimms Idee, Märchen seien durchweg heidnische Mythen, gilt heute als überzogen – viele Motive sind international und teils jung. Und: Die Kinder- und Hausmärchen wurden von Wilhelm stark redigiert und romantisch-national aufgeladen. Faszinierend echt im Kern – aber kein direktes Fenster in ein „reines" Germanentum.

Weiterlesen bei uns

Frau Holle & die Göttin Holda · Der Schlafdorn · Sigurd, Brynhild & die Nibelungen · Die Merseburger Zaubersprüche · Nerthus.

Quellen & Literatur

Jacob Grimm, Deutsche Mythologie (1835, gemeinfrei) & Deutsche Grammatik; Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen (gemeinfrei); Forschung zu Erzähltypen (Aarne-Thompson-Uther) und zur Editionsgeschichte der KHM; Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie. Bild: Elisabeth Jerichau-Baumann (1855), gemeinfrei (Wikimedia Commons).

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