Sie kommt in Odins Halle, wird mit Speeren durchbohrt und dreimal ins Feuer geworfen – und steht dreimal wieder auf. Gullveig ist eine der dunkelsten und umstrittensten Gestalten der ganzen nordischen Überlieferung. Was steckt hinter der Frau mit dem Namen aus Gold, und warum bringen manche Forscher sie mit dem allerersten Krieg der Welt in Verbindung?
Der Name Gullveig enthält das altnordische Wort für Gold, gull. Was der zweite Teil genau bedeutet, ist umstritten – man liest ihn als „Kraft", „Macht", „Rausch" oder „Trank". Übersetzungen schwanken deshalb zwischen „Goldmacht" und „Goldrausch". Beides passt: In der Figur klingt das Gold als etwas Verführerisches und Gefährliches zugleich mit, als Gier, die in die Welt tritt.
Gullveig erscheint nur in einem einzigen Text, in der Völuspá, dem großen Seherinnenlied der Lieder-Edda. Dort wird in wenigen, dichten Strophen eine Szene geschildert, die bis heute die Gelehrten beschäftigt. Kein zweiter Text nennt Gullveig; wir haben nichts als diese Handvoll Zeilen. Alles, was darüber hinausgeht, ist Auslegung.
Die Völuspá schildert, wie Gullveig in Odins Halle kommt. Die Götter durchbohren sie mit Speeren und werfen sie ins Feuer der Halle. Sie verbrennen sie – und sie ersteht wieder. Sie tun es ein zweites Mal, ein drittes Mal; dreimal wird sie getötet und dreimal lebt sie erneut. Sie ist nicht zu vernichten. Was auch immer sie ist, sie gehört zu jenen Wesen, über die der Tod keine dauerhafte Macht hat.
Sie durchbohrten Gullveig mit Speeren und verbrannten sie in Odins Halle; dreimal verbrannt, dreimal geboren, lebt sie doch immer noch.Simrock 1851 (Völuspá, gemeinfrei)
Diese Unzerstörbarkeit ist der Kern der Szene. In einer Mythologie, in der selbst Götter sterblich sind und dem Untergang entgegengehen, steht hier eine Gestalt, die man dreimal ins Feuer wirft und die dreimal aus der Asche steigt. Das ist kein Randmotiv, das ist ein Signal: Hier betritt etwas die Bühne, das die alte Ordnung nicht bewältigen kann.
Unmittelbar nach der Verbrennungsszene spricht die Völuspá von einer Frau namens Heiðr, einer weisen Seherin. Sie zieht durch die Lande, ist kundig im seiðr, jener geheimnisvollen Zauberkunst der Wahrsagerei und Beeinflussung, und ist überall willkommen, wo man solches Können schätzt – bei „schlechten Frauen", wie der Text sagt, also bei jenen, die sich mit Magie einlassen. Heiðr bedeutet so viel wie „die Glänzende" oder „die Helle".
Weil diese Strophen direkt aufeinanderfolgen, liegt es nahe, Gullveig und Heiðr als dieselbe Gestalt zu lesen: die Verbrannte, die als Zaubergestalt weiterlebt und ihre Kunst unter die Menschen bringt. Zwingend ist das nicht – der Text sagt es nicht ausdrücklich –, aber es ist die verbreitetste Deutung. Wer sich für diese Zauberkunst selbst interessiert, findet mehr im Beitrag über Seiðr.
Kurz nach der Gullveig-Szene berichtet die Völuspá vom ersten Krieg der Welt: Asen gegen Wanen, jene beiden Göttergeschlechter, die sich am Anfang der Zeit bekriegen, bevor sie Frieden schließen und sich vermischen. Viele Leser haben die Misshandlung Gullveigs als Auslöser dieses Krieges verstanden – als Frevel, der die Wanen so erzürnt, dass es zum Kampf kommt. Wenn Gullveig eine Wanin ist, dann hätten die Asen mit ihrer Folterung eine Grenze überschritten, die nicht ungesühnt bleiben konnte.
Diese Lesart ist elegant, denn sie verknüpft zwei nebeneinanderstehende Ereignisse zu einer Ursache-Wirkung-Kette. Sicher ist sie nicht. Die Völuspá stellt die Szenen nebeneinander, ohne ausdrücklich zu sagen, dass die eine die andere auslöst. Wer den Krieg selbst genauer verstehen will, findet die Zusammenhänge im Beitrag über den Wanenkrieg.
Gullveig gehört zu den umstrittensten Figuren der nordischen Mythologie. Manche sehen in ihr eine Verkörperung der Goldgier, die Zwietracht in die Götterwelt trägt. Andere deuten die dreifache Verbrennung als Bild für die Läuterung von Gold im Feuer. Wieder andere setzen sie mit bekannten Göttinnen gleich. Für all das gibt es Argumente – und für all das fehlt der endgültige Beweis, weil die Quelle so knapp ist.
Vielleicht ist das gerade das Reizvolle an ihr. Gullveig ist ein Rätsel, das die Edda uns aufgibt und nicht auflöst: eine Frau aus Gold, dreimal getötet und dreimal auferstanden, deren Erscheinen die Welt in ihren ersten großen Krieg stürzt. Ehrlich gesagt wissen wir nicht, wer sie war. Aber wir wissen, dass die Dichter ihr eine Macht zuschrieben, die kein Speer und kein Feuer bezwingen konnte.
Die Völuspá schildert in wenigen Strophen, dass eine Gestalt namens Gullveig in Odins Halle mit Speeren durchbohrt und dreimal verbrannt wird und dreimal wieder aufersteht. Unmittelbar darauf ist von der Seherin Heiðr die Rede, die den seiðr beherrscht, sowie vom ersten Krieg zwischen Asen und Wanen. Gullveig erscheint ausschließlich in diesem einen Text.
Die Gleichsetzung Gullveig = Heiðr = Freyja ist eine verbreitete Deutung, steht aber so nicht im Text. Auch dass die Misshandlung Gullveigs den Wanenkrieg auslöst, ist Auslegung der Reihenfolge, keine ausdrückliche Aussage. Gullveig ist eine der offensten und meistdiskutierten Figuren der Eddaforschung – jede eindeutige Erklärung ist mit Vorsicht zu genießen.

Der Krieg der Asen und Wanen · Die Wanen · Seiðr – die Zauberkunst · Freyja · Das nordische Pantheon.